mini|Robert-Mayer-Volks- und Schulsternwarte Heilbronn Die Robert-Mayer-Volks- und Schulsternwarte Heilbronn (RMS) ist eine Volkssternwarte und Schulsternwarte in Heilbronn, die sich auf dem Dach eines der Flügel des Robert-Mayer-Gymnasiums befindet. Sie ist instrumentell sehr gut ausgestattet und weist als Besonderheit einen historischen Hohlglobus auf.

Rundgang Sechsundneunzig Stufen müssen erklommen werden, um die Schulsternwarte zu erreichen. Hier nutzt sie einige Räume im Mönchseeflügel des Heilbronner Gymnasiums. Der Vortragsraum ist mit allen wichtigen Medien ausgestattet: Von der Tafel über den Überblenddiaprojektor, Overheadprojektoren bis hin zu Videobeamer und zahlreichen Modellen über Astronomie und Raumfahrt ist alles vorhanden, um didaktisch sinnvoll arbeiten zu können. Durch das Turmzimmer gelangt man über weitere 25 Stufen zur eigentlichen Sternwarte, der Dachplattform.

mini|600px|Gesamtansicht der Robert-Mayer-Sternwarte Heilbronn Hier finden sich mehrere Gebäude. Auffälligstes davon ist der Kuppelraum. Sein drehbares Kuppeldach ist schon aus weiter Ferne zu erkennen. Ein nachträglicher Anbau wird als Gerätehaus genutzt. Das ehemalige Meridiankreishaus beherbergt seit seinem Umbau in eine Klappdachhütte das neue, leistungsfähige Spiegelteleskop der Sternwarte. Zuletzt ist auf der Plattform noch der drehbare Hohlglobus zu finden, ein Relikt aus der Gründungszeit der Sternwarte. Dieses seltene Gerät, eine Art „mechanisches Planetarium“, hat vermutlich weltweit nur noch drei Geschwister.

mini|links|300px|Coudé-Refraktor Das Wichtigste auf der Sternwarte sind natürlich die Teleskope. Im Kuppelraum befindet sich das Hauptgerät für Führungen: Ein Coudé-Refraktor. Mit seinen 2250 mm Brennweite und einem Linsendurchmesser von 150 mm ermöglicht er eine besonders gute Beobachtung von Sonne, Mond und Planeten. Das damals 75.000 DM teure Linsenteleskop wurde ausschließlich mit Hilfe von Spenden bei Carl Zeiss in Jena gekauft und am 6. September 1983 feierlich eingeweiht.

mini|300px|C14 Seit April 1995 ist im ehemaligen Meridiankreishaus ein C14-Spiegelteleskop aufgebaut. Auch dieses Gerät im Wert von 38.000 DM wurde vollständig aus Spenden finanziert. Im Rahmen von Führungen wird es für die Beobachtung von lichtschwachen Objekten wie Galaxien, Kugelsternhaufen, Emissions- und Planetarischen Nebeln eingesetzt. Es besitzt eine Öffnung von 356 mm und ist wegen seiner kompakten Bauweise dennoch bei einer Brennweite von 4000 mm nur 76 cm lang.

Natürlich kann eine Sternwarte nicht nur mit fest montierten Geräten leben. Mobilität ist in Anbetracht der enormen Licht- und Luftverschmutzung im Stadtgebiet sehr wichtig. Da sich durch die Heilbronner Kessellage eine ständige Dunstglocke über die Stadt stülpt, suchen die Hobbyastronomen oft Zuflucht in der näheren und weiteren Umgebung. Dazu werden jedoch mobile Geräte benötigt, welche auch reichlich zur Verfügung stehen.

mini|links|300px|C8 Hervorzuheben sind die beiden C8-Spiegelteleskope. Diese Schmidt-Cassegrain-Teleskope mit einem Spiegeldurchmesser von 20 cm erbringen trotz ihrer kompakten Bauweise ähnliche optische Leistungen wie der Coudé-Refraktor. In erster Linie im Führungsbetrieb als Ergänzung zum Kuppelteleskop eingesetzt, werden sie aber auch gerne von unseren Mitgliedern ausgeliehen.

An dieser Stelle kann natürlich nicht auf das gesamte Inventar der Sternwarte eingegangen werden. Einige wichtige und sehenswerte Geräte sollen dennoch erwähnt werden: Neben einer Sammlung historischer Fernrohre und Feldvermessungsgeräte (Theodolite) aus dem vergangenen Jahrhundert verfügt die Robert-Mayer-Sternwarte auch über einen speziellen Refraktor (90/900 mm) zur Beobachtung der Sonnenprotuberanzen, eine rechnergesteuerte CCD-Astrokamera, eine Empfangsanlage für Meteosatbilder und vieles mehr.

Geschichte Vor 1914 Von dem Heilbronner Gymnasium hatte sich seit 1826 nach und nach eine königliche Realanstalt abgelöst, bei der auch eine Oberstufe, die Oberrealschule, entstand. Diese Schule erhielt 1889 zusammen mit der Gewerbe- und Fortbildungsschule ein eigenes Schulgebäude an der heutigen Bismarckstraße 10. Das wohl ab 1886 errichtete Gebäude wurde 1901 und 1914/15 wesentlich erweitert. Auf dem Haupttreppenhaus des 1889 übergebenen und ursprünglich zweigeschossigen Hauptflügels dieses Schulkomplexes wurde eine Dachplattform nachweislich für astronomische Beobachtungen eingerichtet. Zu diesem „Schulpanorama“ sollten alle Schulen Zugang haben. Die Gymnasiumschronik von 1912 berichtet, dass Herr Professor Klein aus dem Ertrag astronomischer Vorträge 95 Mark zur Anschaffung astronomischer Lichtbilder und 142 Mark zur Anschaffung eines photographischen Apparates spendete. Am 19. März 1914 wurden 284 Mark zur Tilgung der Anschaffung eines Fernrohrs bereitgestellt.

Zwischen 1914 und 1944 Im Herbst 1908 kam Karl Wildermuth als Physik- und Mathematiklehrer an die Oberrealschule und das Realgymnasium (OR & RG). Diese Doppelanstalt war aus der bereits erwähnten königlichen Realanstalt und aus einer nochmaligen Abspaltung vom Gymnasium hervorgegangen. Um 1938 wurde die an OR & RG eingeführte Koedukation wieder aufgehoben und die Schule zur Robert-Mayer-Oberschule für Jungen, ab 1953 dann zum heute noch bestehenden Robert-Mayer-Gymnasium.

Am 23. April 1914 wird im Gemeinderat der Stadt Heilbronn angedeutet und am 25. Juni 1914 kundgetan, dass für die Einrichtung einer Sternwarte Stiftungen in Aussicht seien und die Stadt Heilbronn daher bei dem gerade im Bau befindlichen Flügel des OR & RG an der Mönchseestraße entsprechende Vorkehrungen, wie verstärkte Mauern, vorsehen möge.

Wildermuth hatte mit der Robert-Mayer-Sternwarte eine kombinierte Volks- und Schulsternwarte im Auge, wie auch aus Passagen des Protokolls der Gemeinderatssitzung vom 8. Juni 1917 hervorgeht, in denen es um die Leitung von Führungen und die Verwaltung der Einrichtung geht. Allerdings hat der Gemeinderat die Stiftungen und Bemühungen Wildermuths nur „hocherfreut“ zur Kenntnis genommen und die weiteren Beratungen seinem Verwaltungsausschuss sowie dem damaligen Oberbürgermeister Paul Göbel anheimgestellt. Die Akten über diese Vorgänge sind am 4. Dezember 1944 während des Bombenangriffs auf Heilbronn verbrannt. Der ursprüngliche Vorschlag von Wildermuth und dem seinerzeitigen Rektor von OR & RG Rudolf Diez, einen fünfköpfigen Verwaltungsrat für die Robert-Mayer-Sternwarte einzusetzen, wurde vermutlich nicht realisiert. Die Robert-Mayer-Sternwarte wurde faktisch von der Schule, auf der sie sich befindet, übernommen. Ein Betrieb als Volkssternwarte war so jedoch nicht möglich. So war durch eine falsche Organisationsform das Schicksal des großen Wurfs einer kombinierten Volks- und Schulsternwarte in Heilbronn bis zum Verlust der wertvollen Gerätschaften in den Wirren des Zweiten Weltkrieges nahezu vorherbestimmt.

Nachdem Wildermuth Heilbronn 1920 verlassen hatte, wurde die Sternwarte meist nur als Schulsternwarte genutzt. Lediglich der Lehrer Hans Seitz bot zwischen 1929 und 1933 Vorträge und Führungen an. Er veröffentlichte auch astronomische Monatsberichte, gemeinsam mit Kuno Fladt ein in zwei Auflagen erschienenes Lehrbuch der Astronomie sowie die Methode und Praxis des Unterrichts in der Himmelskunde. Seitz erfand und initiierte außerdem verschiedene astronomische Lehrmittel und Lehrfilme.

Die „Ahnenreihe“ der RMS 1914–1919: Karl Wildermuth 1919–1927: unbekannt, aus dieser Zeit existiert jedoch ein Astronomisches Jahrbuch, so dass die Sternwarte wohl genutzt wurde 1927–1928: Deker 1928: Greiner 1929–1939: Hans Seitz 1940: Dussler

Die Sternwarte wurde bis in den Zweiten Weltkrieg hinein als Schulsternwarte genutzt, in den Nachkriegswirren wurden die Geräte jedoch zerschlagen und die Bibliothek auf Befehl des amerikanischen Militärverwalters vernichtet. Der Mönchseeflügel mit der Sternwarte gehört zu den wenigen Gebäuden in Heilbronn, die den Luftangriff vom Dezember 1944 und den Wiederaufbau überlebt haben.

Ehemaliges Instrumentarium Baulich bestand seit dem Winter 1914/15 alles außer dem Geräteraum, der vor 1928 errichtet wurde. Wohl 1919 waren alle Geräte auf der Sternwarte eingerichtet, mit Ausnahme einer zweiten Astrokamera, die wohl 1928 installiert wurde. Damit stand in Heilbronn die Schulsternwarte mit der besten Ausstattung ihrer Zeit. Der seltene drehbare Sternenhohlglobus und ein älteres Teleskop wurden aus dem alten Bestand in die Sternwarte übernommen. Ein größerer Raum im dritten Stockwerk des Schulgebäudes war für die Astronomie vorgesehen und separat beheizbar. Im Aufgangsraum zur Plattform, dem Turmzimmer, befanden sich eine Rieffler-Pendeluhr mit Zeitschreiber und wahrscheinlich eine weitere Uhr. Die derzeitige, gebrauchte Uhr wurde um 1979 installiert. Da heute Funkuhren genauere Zeitangaben liefern, ist sie mittlerweile nicht mehr in Betrieb. Im Kuppelraum waren ein Zeiss-Refraktor von etwa 10 cm Öffnung und parallel dazu zwei Astrokameras gleicher Öffnung mit einem Meter Brennweite und Plattenformaten von 9 cm × 12 sowie 13 cm × 18 cm installiert. Der Refraktor könnte ein Fernrohr mit 13 cm Objektivöffnung und 2,30 m Brennweite gewesen sein. Die zweite Kamera wurde wahrscheinlich 1928 angebracht und belastete die Montierung zu stark, so dass Fotografie kaum noch möglich war. In dem Meridiankreishaus befand sich ein Meridiankreis mit vier Zentimeter Öffnung und geknicktem Strahlengang zur Vermessung von Sternpositionen. Das Instrumentarium wurde durch eine Kamera für Sonnenaufnahmen von rund 12 cm Durchmesser und einen Spektrograf zum Hauptfernrohr ergänzt. Welche Geräte für die fünf Steinsockel für Schülerpraktika auf der Plattform vorhanden waren, ist unbekannt. Die Geräte der Sternwarte sollten um 1941 auf Empfehlung von Hans Seitz auf die Privatsternwarte von Ernst Wecker nach Mainhardt ausgelagert werden. Sie wurden jedoch nur in den Keller des Schulhauses gebracht. Nach Kriegsende wurden sie von ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern zerstört, um das Metall zu plündern. Auf Befehl des US-amerikanischen Militärverwalters wurde die Bücherei ebenfalls vernichtet, da die Bücher Hakenkreuz-Stempel trugen. Der Flügel der Robert-Mayer-Sternwarte hat inmitten einer Trümmerwüste die Zerstörung Heilbronns überstanden.

1945 bis 1979 mini|Die Sternwarte befindet sich auf dem Robert-Mayer-Gymnasium in Heilbronn Nach dem Wiederaufbau des heutigen Robert-Mayer-Gymnasiums nach dem Krieg stand die Sternwarte zuerst leer. In den Jahren zwischen 1945 und 1979 wurde sie daher nur sporadisch genutzt. Wohl mit dem Wiederaufbau wurde auch der Anbau errichtet, der heute die Toilettenanlagen beherbergt.

1952 schenkte Ernst Wecker rechtlich dem THG, das damals im Mönchseeflügel des Gebäudes untergebracht war, zur Aufstellung in der leeren Kuppel der Robert-Mayer-Sternwarte und „für alle Heilbronner Schüler“ einen Refraktor (60/680 mm) mit Uhrwerknachführung. Der Wecker-Refraktor befand sich lange Zeit im Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) und kam 2010 wieder auf die Sternwarte.