mini|Farbenkreis, aquarellierte Federzeichnung von Goethe, 1809, Original: Freies Deutsches Hochstift – Frankfurter Goethe-Museum
Die auf Johann Wolfgang von Goethe zurückgehende Farbenlehre ist in seinem Werk Zur Farbenlehre enthalten. Er stellte darin seine während vieler Jahre gemachten Überlegungen, Literaturstudien und Versuche über das Wesen der Farbe dar. Goethe wollte das Phänomen Farbe nicht einseitig physikalisch oder lediglich von einem ästhetischen oder praxisbezogenen Standpunkt aus erklären und beurteilen, sondern in seiner Gesamtheit erfassen und beschreiben. Anerkennung erreichte er jedoch nur mit dem Abschnitt „Physiologische Farben“, der die Erkenntnisse zur Farbwahrnehmung enthält. Er irrte speziell im Abschnitt „Physische Farben“, der von ihm als Widerlegung der vorwiegend von Isaac Newton stammenden naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gedacht war. Goethe selbst schätzte die Ergebnisse seiner Forschungen zur Farbe höher ein als die seines gesamten literarischen Schaffens. Noch im hohen Alter sagte er zu Johann Peter Eckermann: Zitiert nach Hans Wohlbold (Hrsg.): Goethes Farbenlehre. Eugen Diederichs, Jena 1928.
Das Werk mini|Kantenspektrenlinks: dunkler Streifen auf hellem Hintergrundrechts: heller Streifen auf dunklem Hintergrund mini|Light and Colour, 1843. Ölgemälde von William Turner
Im engeren Sinne versteht man unter Goethes Farbenlehre die dreiteilige Schrift, die Goethe im Jahre 1810 unter der Überschrift Zur Farbenlehre veröffentlicht hat. Sie besteht aus einem Didaktischen Teil,Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Didaktischer Teil (= Entwurf einer Farbenlehre), in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Vierter Band (LA I.4) einem Polemischen Teil Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Polemischer Teil (= Enthüllung der Theorie Newtons), in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Fünfter Band (LA I.5) und einem Historischen Teil.Johann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Historischer Teil (= Materialien zur Geschichte der Farbenlehre), in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Sechster Band (LA I.6) Ferner wurde 1810 noch ein Band mit TafelnJohann Wolfgang von Goethe: Zur Farbenlehre, Tafeln, in Goethe – Die Schriften zur Naturwissenschaft (Leopoldina-Ausgabe), Erste Abteilung, Siebter Band (LA I.7) veröffentlicht. Im weiten Sinne versteht man unter Goethes Farbenlehre sämtliche Schriften Goethes zu seiner Farbforschung. So verstanden besteht das Werk zusätzlich unter anderem aus diesen Einzelarbeiten: Beiträge zur Chromatik Versuch, die Elemente der Farbenlehre zu entdecken Von den farbigen Schatten Versuch als Vermittler von Objekt und Subjekt Erfahrung und Wissenschaft Ergänzungen zur Farbenlehre. Entoptische Farben.
Goethe bemühte sich zeitlebens intensiv um die Verbreitung und wissenschaftliche Anerkennung dieses umfangreichsten seiner Werke, so durch Georg Christoph Lichtenberg, der seinen Thesen freilich nicht beipflichtete. Doch während die Farbenlehre Goethes bei Künstlern wie Philipp Otto Runge und William Turner Anklang fand, konnten sich seine Ansichten gegen Isaac Newtons hundert Jahre ältere Theorie des Lichtes in der Naturwissenschaft nicht durchsetzen. Newton hatte experimentell nachgewiesen, dass sich das weiße Licht aus farbigen Lichtern zusammensetzt, dagegen versuchte Goethe zu zeigen, dass das weiße Licht nicht zusammengesetzt ist und sich Farben aus einer Wechselwirkung von Licht und Finsternis ergeben. Goethes chromatische Physik bettet sich in einem weiteren Paradigma der Polarität ein, das ursprünglich aus dem Magnetismus kommt, und das in anderen Forschungsbereichen Goethes wiederzufinden ist. So würden Licht und Finsternis die zwei Pole einer Polarität bilden und die Farben würden aus der Wechselwirkung beider Pole entstehen. In diesem Sinne deutete er die Kantenspektren, die er beim Betrachten dunkler Streifen auf hellem Hintergrund und heller Streifen auf dunklem Hintergrund durch ein Prisma sah. Diese Erfahrung gab ihm den entscheidenden Anstoß zur Entwicklung seiner eigenen Farbenlehre.
Geistesgeschichtlich und wissenschaftshistorisch bedeutsam ist die Farbenlehre bis heute deshalb, weil sie Goethes ganzheitlichen Ansatz der Naturbetrachtung und seine Beobachtungsgabe dokumentiert. Sie belegt seine Bevorzugung der Anschauung gegenüber der Abstraktion. Aus dieser Anschauung und dem subjektiven Empfinden leitete er auch die psychologischen Wirkungen der Farben auf den Menschen ab und entwickelte damit eine Art Farbpsychologie.
Goethe nahm an vielen naturwissenschaftlichen Entdeckungen seiner Zeit regen Anteil und befand sich mit vielen Forschern seiner Zeit in brieflichem oder persönlichem Kontakt. Für das naturwissenschaftliche Interesse Goethes ist der Einfluss von Johann Gottfried Herder bedeutend.
Die Erstausgabe des Werks Zur Farbenlehre erschien am 16. Mai 1810 in einer Auflage von 500 Stück auf weißem und 250 Stück auf grauem Papier in der Cotta’schen Verlagsbuchhandlung.Goethe-Gesellschaft (Weimar): Goethe-Jahrbuch, Band 123, Seite 120 Noch im selben Jahr widerlegte der Mathematiker, Physiker und Astronom Carl Brandan Mollweide in der Schrift Prüfung der Farbenlehre des Herrn v. Goethe und Vertheidigung des Newton’schen Systems wider dieselbe, die in Halle erschien, Goethes Ansicht zur Entstehung der Farben.
Zum wissenschaftshistorischen Hintergrund Bereits in der Antike war die Lichtbrechung ein Thema, da deren Verständnis für die richtige Positionsbestimmung von Gestirnen in der Astronomie wichtig war. Als Begründer der modernen Optik kann Johannes Kepler mit seiner Schrift Paralipomena ad Vitellionem von 1604 gelten. Schon vor 1600 kam es zu verschiedenen Versuchen, die Entstehung der Farben des Regenbogens durch Brechung zu erklären – etwa bei Roger Bacon und Dietrich von Freiberg. Allerdings war eine exakte Formulierung erst mit dem Brechungsgesetz möglich, das durch Willebrord van Roijen Snell und René Descartes richtig formuliert wurde.
Zur Erklärung des Sehens und des Lichtes existierten bis in das 17. Jahrhundert im Wesentlichen drei verschiedene, einander widersprechende Modelle. Sie wurden je nach dem Phänomen, das es zu erklären galt, wechselweise herangezogen: Sehstrahlen, die das Auge aussendet, tasten die Objekte in der Umgebung ab, ähnlich einem Blindenstock oder einem modernen Radar. Diese Auffassung war in der Antike verbreitet. Sie wurde um 1000 n. Chr. durch den arabischen Gelehrten Alhazen widerlegt. Allerdings fanden dessen Erkenntnisse im Abendland erst später durch die Vermittlung Keplers und Witelos Verbreitung. Die Herleitung der Prinzipien der Perspektive in der Renaissance erfolgte teilweise am Modell der Sehstrahlen. Lichtäther als unendliches und fluides Medium zur Erklärung der Welleneigenschaften des Lichtes, die sich bei Beugungsphänomenen zeigen, wie beim Prinzip nach Huygens. Die Vorstellung, dass sich von den Dingen beständig Abbilder lösen und im Auge die Dinge wiedergeben, war bereits in der Antike vorhanden. Die Korpuskeltheorie des Lichtes unterstellt, dass eine Menge sehr schneller Teilchen von einer Lichtquelle emittiert wird, vergleichbar mit Kanonenkugeln. Newton lieferte mit diesem Modell eine Erklärung der Aufspaltung des Lichtes im Prisma, so wie im Regenbogen, mittels Dispersion.
Zu Newtons Zeiten im 17. und 18. Jahrhundert gab es kontroverse Diskussionen, ob Licht korpuskularen oder wellenartigen Charakter besitzt. Das Rätsel der überzähligen Bögen beim Regenbogen veranlasste 1801 Thomas Young zur Durchführung seines berühmten Doppelspaltexperimentes. Er wies damit die Wellennatur des Lichtes nach und konnte im Gegenzug 1804 das Geheimnis durch die Betrachtung von Interferenzerscheinungen lüften.
1800 datiert als das Jahr der Entdeckung des Infrarots durch William Herschel, was nachweislich auch von Goethe beachtet wurde. 1801 folgte die Entdeckung der Ultraviolettstrahlung durch Johann Wilhelm Ritter, mit dem Goethe im Herbst 1800 wissenschaftlich zu kooperieren begonnen hatte. Weil Ritter einen Tag nach seiner Entdeckung bei Goethe vorsprach und zwei Tage danach mit ihm experimentierte, spricht alles dafür, dass Goethe einer der ersten war, die von Ritters Entdeckung erfuhren.Vgl. auch Olaf L. Müller: Goethes Pech mit Schelling (PDF; 827 kB), Abschnitt 3.2
Gemäß seinem Verständnis von der „Einheit der Natur“ stellte Goethe nicht nur physikalische Fragen, etwa nach der Natur des Lichtes, sondern fragte auch danach, wie es, insbesondere in der Form der Farbe, wahrgenommen wird. Letzteres ist keine rein physikalische Fragestellung. Goethe kam nicht in Widerspruch zur physikalischen Wissenschaft, weil er über deren Fragestellung hinausging, sondern weil er deren Antworten für falsch hielt und durch eigene falsche physikalische Schlüsse ersetzte. Anlass war sein Blick durch ein Prisma, von dem er irrtümlich die gleichen Ergebnisse erwartete wie Newton aus seinem Prismenexperiment. Weil das nicht der Fall war, schloss Goethe anscheinend fahrlässig, „dass die Newtonische Lehre falsch sei.“
Das Prismenexperiment Newton hatte einen durch ein Loch fallenden engen Lichtstrahl durch ein Prisma geleitet und dabei die im weißen Licht enthaltenen farbigen Lichter – die Spektralfarben – getrennt sichtbar gemacht. In diesem berühmten Experiment zeigen sich die Farben Blau, Türkis, Grün, Gelb, Rot (mit vielen feinen Zwischenstufen).
Goethe gab selbst eine Beschreibung, wie er sein allererstes Experiment zur Zerlegung des Lichts durch ein Prisma durchführte:
Seine weiße Wand war eine ausgedehnte Lichtquelle. Jeder einzelne Lichtstrahl wird beim Prismendurchgang in ein Büschel farbiger Strahlen zerlegt. Aber jeder dieser farbigen Einzelstrahlen wird von Einzelstrahlen aller anderen Farben, die von den benachbarten eintretenden Strahlen stammen, überlagert. In der Summe verlassen wieder weiße Strahlen das Prisma, außer wenn keine benachbarten weißen Strahlen eintreten. Dann fehlen mehr oder weniger der anderen Teilstrahlen in der Überlagerung, und ein farbiger Eindruck entsteht. Goethes Spektren entstanden dort, wo die eintretenden Nachbarstrahlen fehlten oder sehr lichtschwach waren, nämlich zum Beispiel an den Kanten der Fensterstäbe. Sie bildeten einen Halbspalt und erzeugten ein Kantenspektrum. Newton machte sein Experiment konsequenter, indem er nicht nur einen ganzen Spalt, sondern sogar ein Loch verwendete und so die störenden Nachbarstrahlen rundum zurückhielt. Dass es in seinem Labor rund um den Versuchsaufbau dunkel sein musste, verspottete Goethe zum Beispiel mit den Zeilen:Vgl. auch Lutz Wenke u. a.: (PDF; 305 kB)