mini|Trauerbeflaggung mit Trauerflor am Marburger Rathaus (2017) Der Volkstrauertag ist in Deutschland ein staatlicher Gedenktag und gehört zu den sogenannten stillen Tagen. Der Gedenktag wird seit 1952 zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag begangen. Eine Zeremonie im Deutschen Bundestag erinnert an die Opfer von Gewalt und Krieg aller Nationen.Zeitalter der Weltkriege. Erinnerung Bundeszentrale für politische Bildung, aufgerufen am 14. November 2021.
Geschichte Einführung in der Weimarer Republik Diskussion um einen Termin Der Volkstrauertag wurde 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs vorgeschlagen. Am 5. März 1922 fand die erste Gedenkstunde im Reichstag statt. Der Volkstrauertag wurde erstmals am 1. März 1925 begangen.Thomas Peter Petersen: (PDF) Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, 1998. Am Vortag war der erste Reichspräsident Friedrich Ebert verstorben. Am 10. Juni 1925 nahm der Reichstag formal den Antrag auf gesetzliche Erklärung des Sonntags Invocavit zum „Volkstrauertag für die im Weltkriege Gefallenen“ an. 1926 wurde dann entschieden, den Volkstrauertag regelmäßig am Sonntag Reminiscere (fünfter Sonntag vor Ostern) zu begehen. Überall fanden Gedenkfeiern für die deutschen Gefallenen des Ersten Weltkriegs statt. Die Cellesche Zeitung berichtete in ihrer Ausgabe vom 27. Februar 1926:
Am 5. Juli 1927 stellte die Deutsche Volkspartei den Antrag, den 28. Juni als Tag der Unterzeichnung des Versailler Vertrages als Volkstrauertag zu begehen, so lange dieser Vertrag in Kraft sei.
In der Weimarer Republik wurde der Volkstrauertag nicht zum gesetzlichen Feiertag erklärt. Dies hatte mehrere Ursachen: In der Weimarer Verfassung war nicht klar definiert, ob die Zuständigkeit für die Einführung gesetzlicher Feiertage beim Reich oder bei den Ländern lag. Dies führte im Laufe der Jahre zu unterschiedlichen Regelungen, Terminen und Durchführungen je nach Land. Hinsichtlich des Termins gab es lange Zeit Konflikte mit den beiden großen Kirchen. Beide haben im November Gedenktage für die Verstorbenen (Allerseelen und Totensonntag). Die von staatlicher Seite vorgeschlagenen Termine im Frühjahr am Sonntag Invocavit (sechs Wochen vor Ostern) oder am Sonntag Reminiscere (fünf Wochen vor Ostern) lagen dagegen in der Fastenzeit/Passionszeit. Die politische Instabilität der Weimarer Republik sorgte dafür, dass einige Versuche, den Volkstrauertag gesetzlich zu regeln, im Gesetzgebungsprozess stecken blieben, da der Reichstag mehrmals vorzeitig aufgelöst wurde.
mini|hochkant=1.2|„Der große Volkstrauertag am 13. März 1927 vor dem Reichstag fand unter reger Anteilnahme der Bevölkerung statt. Reichspräsident von Hindenburg schreitet die Front der Ehrenkompanie ab.“
Die Sonntage mit reichsweiter Staatstrauer bis zur Umbenennung in Heldengedenktag waren:
Am 9. November 1930 rief die NSDAP im Volksstaat Hessen zum „Trauertag für unsere Gefallenen“ auf., an die „Gefallenen der Bewegung“ des Hitlerputschs in München. Gemeint waren freilich vornehmlich die Opfer des niedergeschlagenen Hitlerputsches vom 9. November 1923.
Diskussion über den Sinn Der Volksbund verband mit dem Volkstrauertag die Zielvorstellung, eine bei allen Deutschen einheitliche Erinnerung an das Leid des Krieges zu bewirken und so die Deutschen Viele Redner und Kommentatoren knüpften anlässlich des Volkstrauertages an die „Burgfriedenspolitik“ und das euphorische „Augusterlebnis“ zu Beginn des Ersten Weltkrieges an: In Erinnerung an den Krieg sollte neben dem Appell an die Einigkeit des Volkes auch die Botschaft vermittelt werden, dass es nun gelte, alles für das Wohl Deutschlands zu opfern und seine eigenen Ansprüche zurückzustellen. So sprach der Hamburger Pastor Jähnisch auf der zentralen Gedenkfeier auf dem Ohlsdorfer Friedhof 1926:
Diese Zielsetzung und die zum Teil offen republikfeindlichen Reden auf den Kundgebungen schwächten die Identifizierung großer Teile der Bevölkerung, insbesondere der Anhänger der Republik sowie der Kommunisten, mit dem Volkstrauertag. So betitelte die kommunistische Zeitung Der Abend aus Hamburg einen Kommentar mit der Überschrift Doch auch diese Gruppen versuchten wie der Volksbund, über ihre Äußerungen das kollektive Gedächtnis und die Identität der Deutschen zu beeinflussen. Sie nutzten den Volkstrauertag für wiederholte Appelle zur Friedensbereitschaft: , sprach bei der Hamburger Trauerfeier 1928 ein Vertreter der Jungdemokraten.Hamburger Anzeiger, 5. März 1928. Und die Vereinigung ehemaliger Kriegsgefangener erklärte 1927:
Wie unterschiedlich auch die Zielvorstellungen der einzelnen Gruppierungen waren, alle nahmen für sich in Anspruch, den „Geist“ bzw. die „Botschaft“ aller Gefallenen zu kennen und für die Gegenwart interpretieren zu können. Auf diese Weise wurde das Ziel, an diesem Tag alle Deutschen in der Trauer zu einigen, jedoch verfehlt. Deshalb blieb auch die aktive Beteiligung an den Feierlichkeiten zu den Volkstrauertagen weitgehend auf Mitglieder des konservativen und nationalliberalen Milieus beschränkt. Das linke Milieu zeigte sich zunehmend distanziert bis ablehnend und auch das linksliberale Milieu äußerte sich kritisch über die republikfeindlichen Töne und das Hochhalten der Kriegsbegeisterung vom August 1914. Indessen bestritt keine Gruppierung die generelle Notwendigkeit, an die Gefallenen und die Opfer des Ersten Weltkriegs zu erinnern. Der Erste Weltkrieg galt allgemein als einschneidendes Ereignis in der Geschichte Deutschlands. Heldengedenktag in der Zeit des Nationalsozialismus mini|hochkant|Heldengedenktag 1935 in Berlin
Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 2. August 1934 übernahmen die Nationalsozialisten den Volkstrauertag und legten ihn als staatlichen Feiertag am zweiten Fastensonntag fest. Durch direkte Intervention des Präsidenten des Volksbundes, Siegfried Emmo Eulen, bei Propagandaminister Joseph Goebbels wurde der Volkstrauertag 1934 in Heldengedenktag umbenanntRGBl. 1934 I, S. 129 vom 27. Februar 1934 (Gesetz über die Feiertage).Sabine Stamer: Vergessen über den Gräbern. In: Die Zeit vom 13. November 1987. (abgerufen am 31. Dezember 2019) und sein Charakter vollständig geändert: Nicht mehr Totengedenken sollte im Mittelpunkt stehen, sondern Heldenverehrung. Träger waren die Wehrmacht und die NSDAP. Die Flaggen wurden nicht mehr wie bislang auf halbmast gehisst, sondern vollstock gesetzt. Goebbels erließ die Richtlinien über Inhalt und Durchführung. Die Propagandawirkung des Tages wurde so hoch eingeschätzt, dass alle entscheidenden Schritte der Kriegsvorbereitung bis einschließlich 1939 auf ein Datum in unmittelbarer Nähe zum Heldengedenktag gelegt wurden:Alexandra Kaiser: Von Helden und Opfern – Eine Geschichte des Volkstrauertags. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2010 (Campus Historische Studien, Bd. 56), 461 S., ISBN 978-3-593-39288-2, S. 184.
7. März 1936: Remilitarisierung des Rheinlands einen Tag vorher 12. März 1938: Einmarsch deutscher Truppen nach Österreich einen Tag vorher 15. März 1939: Zerschlagung der Tschechoslowakei drei Tage nachher
DDR – Internationaler Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors mini|Erich Honecker beim Gedenktag 1988 Der Internationale Gedenktag für die Opfer des faschistischen Terrors und Kampftag gegen Faschismus und imperialistischen Krieg war ein von 1952 bis 1990 in der DDR stattfindender Gedenk- und Mahntag. Er fand jährlich am zweiten Sonntag im September statt und sollte den Volkstrauertag ersetzen. Die Veranstaltung bestand aus einer Kranzniederlegung an der Neuen Wache und meist einer Rede auf dem Bebelplatz.
Im Zentrum stand die Erinnerung an die Opfer des Faschismus, wobei jedoch antifaschistischer Widerstand zunehmend mehr Raum erhielt. Gleichzeitig hatte der Tag die Funktion der Kritik des Westens, durch die Bezeichnung imperialistisch für Kriege mit NATO-Beteiligung. Anders als für Erinnerungskultur üblich, nahmen die politischen Akteure der SED eine zentrale Rolle ein. Dies führte zu Zeiten der Veranstaltung zunehmend zu Kritik und wurde als instrumentalisierend wahrgenommen.
Bundesrepublik mini|Kriegerdenkmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege mini|Gedenkstunde zum Volkstrauertag am 15. November 2015 in der Kirchenruine Alt St. Alban, Köln Nach Ende des Zweiten Weltkrieges entstand 1946 in den drei westlichen Besatzungszonen eine Diskussion zur Durchführung und zum Datum eines Volkstrauertages.Volkstrauertag in den Nachkriegsjahren In einzelnen Gegenden wurde er an diesen Tagen begangen:
1950 fand die erste zentrale Veranstaltung des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge im Bundestag in Bonn statt. Die zentrale Kranzniederlegung zum Volkstrauertag fand von 1951 bis 1963 auf dem Bonner Nordfriedhof, von 1964 bis 1968 mit Ehrenformationen der Bundeswehr am damaligen Ehrenmal der Bundesrepublik Deutschland am Hofgarten und anschließend erneut auf dem Nordfriedhof statt.Alexandra Kaiser: Von Helden und Opfern: eine Geschichte des Volkstrauertags (=Campus historische Studien, Band 56). Campus Verlag, Frankfurt / New York 2010, ISBN 978-3-593-39288-2, S. 299–307, 378 (zugleich Dissertation Universität Tübingen, 2009).
Anfang der 1950er-Jahre schien es eine Einigung zu geben, den Volkstrauertag an das Ende des Kirchenjahres auf den vorletzten Sonntag vor dem ersten Advent zu verlegen; diese Zeit wird theologisch durch die Themen Tod, Zeit und Ewigkeit dominiert. Dazu wurden ab 1952 in den Bundesländern der Bundesrepublik Deutschland Gesetze über die Feiertage erlassen. Da der Volkstrauertag immer auf einen Sonntag fällt, ist er jedoch in keinem Bundesland ein gesetzlicher Feiertag. In einigen Ländern heißt er Gedenk- und Trauertag. In den meisten Bundesländern wird der Volkstrauertag lediglich als zu schützender Tag erwähnt, ohne auf seine Inhalte einzugehen. Eine Ausnahme bilden Hessen, das den Volkstrauertag als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten beider Weltkriege benennt,Hessisches Feiertagsgesetz, § 1 sowie Hamburg, das den Senat ermächtigte, „einen Tag des Jahres zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und die Gefallenen beider Weltkriege zu bestimmen“.Feiertagsgesetz Hamburg, § 2 Die neuen Bundesländer schützen den Volkstrauertag seit Anfang der 1990er-Jahre in ihren Feiertagsgesetzen, ohne seinen Inhalt weiter anzugeben.
Der fehlenden ausdrücklichen Regelung entsprechend vage und veränderlich blieben die Inhalte des Volkstrauertags im Laufe der Zeit. Neben den gefallenen Soldaten rückten immer mehr die Opfer des Nationalsozialismus in den Mittelpunkt des Gedenkens.Ries Marinus Roowaan: Herdenken in Duitsland. De centrale monumenten van de Bondsrepubliek 1949–1993. Dissertation, Universität Amsterdam, 1999, S. 105 ff. Schließlich spielten aktuelle Bezüge vermehrt eine Rolle. Der offizielle Festakt der Bundesregierung im Jahre 1987 gedachte ganz allgemein der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus.Bulletin der Bundesregierung zum Volkstrauertag 1987 Inzwischen wird am Volkstrauertag ebenfalls der bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen deutschen Soldaten gedacht.Bulletin 146-2 der Bundesregierung: Ansprache von Bundespräsident Dr. h.c. Joachim Gauck bei der zentralen Gedenkstunde zum Volkstrauertag am 15. November 2015 in Berlin