mini|Verschiedene Wegmarkierungen auf der Via Francigena Als Via Francigena, auch Frankenstraße oder Frankenweg, werden im weiteren Sinne die alten Fernstraßen bezeichnet, die Pilger auf ihrem Weg vom Frankenreich oder von England aus über das Gebiet des Frankenreichs nach Rom zur Grabstätte der Apostel Petrus und Paulus nutzten. Oft findet sich dafür auch – auf das Ziel bezogen – die Bezeichnung Via Romea. Die heutige Rekonstruktion der Via Francigena stützt sich im Wesentlichen auf Angaben des Erzbischofs Sigerich von Canterbury, der im Jahre 990 nach Rom pilgerte.

Geschichte der Pilgerwege nach Rom mini|Römische Straßen in Italien

Vergleicht man die Quellen und die vielen Wegbeschreibungen, stellt man fest, dass eine einzig richtige „Via Francigena“ nicht existiert, so wenig wie es nur einen Jakobsweg gibt. Als „Via Francigena“ wird ein Wegesystem bezeichnet, das nach Rom führt. Bestehende Handels- und Heerstraßen (zum Beispiel Via Aurelia, Via Aemilia, Via Cassia) wurden von großen Strömen von Kaufleuten, Pilgern und auch Kreuzzüglern aus Nord- und Mitteleuropa genutzt. Sie gaben diesen Reiserouten die Bezeichnung „Via Francigena“ oder der „Frankenweg“. Nachweisbar taucht die Bezeichnung „Via Francigena“ zum ersten Mal im Jahr 876 in dem Actum Clusio der Abtei San Salvatore al Monte Amiata (Toskana) auf.

Hinweise auf Pilgerreisen nach Rom in der Zeit der Antike Als mit der Mailänder Vereinbarung im Jahre 313 das Christentum im Römischen Reich als Religion zugelassen wird, ist zu vermuten, dass erste Pilgerfahrten an die Gräber der Apostel Petrus und Paulus stattgefunden haben. Diese ersten Pilger konnten die gute Infrastruktur des römischen Straßennetzes mit seinen Xenodochien, den antiken Krankenhäusern, oder seinen Mansiones, den antiken Herbergen, nutzen. Im Itinerarium Burdigalense (334) nennt ein unbekannter christlicher Pilger aus dem heutigen Bordeaux, unterwegs auf dem Landweg nach Jerusalem, eine große Zahl entsprechender Unterkünfte. Auf dem Rückweg aus dem Heiligen Land ist auch die Stadt Rom eine seiner Reisestationen. Ein Beleg für diese frühen Pilgerreisen könnte ein im antiken Ostia entdecktes Gebäude sein. Unter der Bezeichnung „Basilica Cristiana“ wird dort eine Pilgerherberge aus dem frühen 5. Jahrhundert vermutet, die von Pilgern, die über das Meer nach Rom reisten, genutzt werden konnte.ostia-antica.org

Nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches wird das Reisen der Pilger komplizierter. Nicht nur, dass Straßen und Brücken zerfallen, dass manche Herbergen nicht mehr betrieben werden, auch die fehlende Sicherheit auf den Straßen lässt die Zahl der Pilger stark zurückgehen.

Reiseberichte aus der Zeit des frühen Mittelalter bis zu Sigerich Einer der ältesten Reiseberichte, vermutlich aus dem 9. Jahrhundert, handelt von dem englischen Mönch Gildas dem Weisen (ca. 500–570), der um das Jahr 530 eine Pilgerreise nach Rom unternimmt. Unter dem Titel „Pro Itineris et navigii prosperitate – Für Sicherheit zu Lande und auf dem Meer“ ist von ihm ein Pilgergebet überliefert, das anschaulich die Gefahren und Sorgen des Pilgeralltags beschreibt.

In der „Vita Sancti Wilfrithi“, entstanden im frühen 8. Jahrhundert, wird das wechselvolle Leben des englischen Bischofs und Heiligen Wilfrid von York erzählt. Es werden auch seine drei Reisen nach Rom geschildert. Die erste Reise unternahm er als Pilger in der Zeit von 653 bis 658. Seine zweite Romreise von 678 bis 680 hatte das Ziel, beim Papst Unterstützung gegen seine Absetzung als Bischof zu erreichen. 704 war er erneut in Rom, um beim Papst die Zurücknahme seiner Exkommunikation durch eine englische Synode zu erwirken. Neben einer Schilderung der Reisegefahren wird auch erzählt, dass Wilfrid die Gräber der Apostel besuchte und Reliquien mit nach England brachte.

Einer der großen Romreisenden im 8. Jahrhundert ist der Heilige Bonifatius (Wynfreth). Insgesamt dreimal reist er nach Rom um sich immer wieder von den Päpsten Auftrag und Bestätigung für seine Missionstätigkeit in Friesland, Hessen, Thüringen und Bayern zu holen. So ist er 719 in Rom und erhält von Papst Gregor II. den Auftrag zur Mission in Germanien. Er wird ab diesem Zeitpunkt mit dem Namen Bonifatius bezeichnet. 722 weiht Papst Gregor II. Bonifatius in Rom zum Missionsbischof ohne festen Bischofssitz. 737/38 wird Bonifatius bei einem erneuten Rombesuch zum päpstlichen Legaten für das gesamte Frankenreich ernannt.

Im 8. Jh. schreibt eine namentlich als Hugeburc bekannte Nonne aus dem Kloster Heidenheim eine „Vita Sancti Willibaldi“, in der sie eine Lebensbeschreibung des ersten Eichstätter Bischofs Willibald (ca. 700–787) wiedergibt. Die Vita Willibaldi ist im Kernstück das Itinerar des Heiligen. Mit seinem Vater und seinem Bruder Wunibald bricht Willibald wahrscheinlich im Frühsommer 720Andreas Bauch: Quellen zur Geschichte der Diözese Eichstätt. Band 1: Biographien der Gründerzeit. Johann Michael Sailer Verlag, Eichstätt 1962, Anm. 29, 90. zu einer Pilgerfahrt nach Rom auf, die Willibald anschließend weiter ins Heilige Land und nach Kleinasien führt. Mit insgesamt 77 Ortsnamen (und 13 Personen) beschreibt die Nonne Hugeburc den Weg Willibalds recht detailliert, wenn ihr auch verschiedene Fehler unterlaufen sind. Die Reise startet im heutigen Hamblehaven und setzt sich nach der Überquerung des Ärmelkanals entlang der Seine in Rouen fort. Ohne genauere Beschreibung verläuft der Weg durch Frankreich. Nun lässt Hugeburc die Pilger irrtümlich zunächst nach Italien „hinübergelangen“ und dann erst die „Burgen der Alpen“ erreichen. Konkret genannt wird Lucca, wo Willibalds Vater verstirbt und in der Kirche des Hl. Frigdianus bestattet wird. Um 1150 fand unter dem Namen Richard eine Erhebung seiner Gebeine statt, die wahrscheinlich dadurch veranlasst wurde, dass Reliquien für Eichstätt und Heidenheim erbeten wurden. Am 11. November 720, dem Martinstag, kommen die Brüder in Rom an und besuchen wahrscheinlich zuerst den Lateran und anschließend den St. Peter. Dem Rom-Aufenthalt der Brüder schloss sich für Willibald und weitere Gefährten eine Pilgerreise über Sizilien nach Jerusalem und in das Heilige Land an (723–727). Es folgt die Rückreise nach Süditalien, wo er auf dem Monte Cassino ein Jahrzehnt verbringt, um wieder nach Rom und schließlich nach Eichstätt zu gelangen.

Reisebeschreibung des Sigerich Unter den vielen Verbindungen zwischen Mittel- und Nordeuropa und Rom hat sich insbesondere für eine Strecke die Bezeichnung „Via Francigena“ eingebürgert. Es handelt sich dabei um den Weg von Canterbury nach Rom, der in den Aufzeichnungen des Erzbischofs Sigerich der Ernste von Canterbury (994) beschrieben wurde. Er reiste im Jahr 990 von Canterbury nach Rom, um vom Papst das Pallium zu erhalten, einen Wollschal als Zeichen seiner Ernennung zum Erzbischof. Die 80 Stationen seiner Reise hielt Sigerich schriftlich fest. Das Dokument wird heute in der British Library in Londonmanuscript (IV) British museum library W. Stubbs: Rerum Britannicarum Medii Aevii Scriptores. vol. 63. cap. VII, S. 391–399. aufbewahrt. Setzt man eine durchschnittliche Reisegeschwindigkeit von 20 Kilometern pro Tag an, sind für die insgesamt etwa 1.600 Kilometer lange Distanz zu Fuß 80 Tage durchaus realistisch.

Straßenverlauf nördlich der Alpen nach der Beschreibung des Sigerich Von Canterbury über Calais verlief die Straße über Arras, Licques, Wisques, Camblain l’Abbey, Arras, Laon, Reims, Châlons-en-Champagne, Bar-sur-Aube, Besançon und Pontarlier nach Lausanne und Saint-Maurice in der Schweiz, um am Grossen St. Bernhard die Alpen zu überqueren.

Straßenverlauf südlich der Alpen nach der Beschreibung des Sigerich In Italien verlief die Via Francigena durch das Aostatal, Ivrea, Vercelli, über Pavia, Piacenza, Fiorenzuola d’Arda, Fidenza bis nach Parma, um von dort über Fornovo di Taro, Cassio, Berceto den Apennin am Passo della Cisa zu überqueren.

Hinter Pontremoli teilte sich der Weg in zwei Routen, um die Apuanischen Alpen zu umgehen, eine westliche, die über Luni/Sarzana, Carrara und Massa verlief und dabei teilweise die alte Via Aurelia nutzte, und eine, die entlang der Ostseite der Berge führte. Beide Strecken trafen in Lucca wieder zusammen.

Von Lucca aus ging es dann südöstlich auf die Via Pisana (die Römerstraße von Florenz nach Pisa) und den Arno zu, der bei San Genesio (das 1248 zerstört wurde) und San Miniato gekreuzt beziehungsweise überquert wurden; von hier aus folgte die Via Francigena dem Tal der Elsa (Valdelsa) auf mehreren Routen, die in Poggibonsi wieder aufeinandertrafen, um sich kurz oberhalb wieder zu trennen. Zwei Routen führten entlang der beiden Ufer der Elsa, am rechten Ufer über Castelfiorentino und Certaldo, am linken Ufer direkt und ohne größere Orte zu berühren; eine dritte Route zweigte von der letzteren ab und ging durch die Hügellandschaft der Toskana, wobei die Orte Gambassi Terme und San Gimignano berührt wurden.

Auf dieser Strecke kreuzte die Via Francigena mehrfach die aus etruskischer Zeit stammende Via Volterrana, die von Nordosten (Fiesole) kommend auf zwei Routen auf Volterra zustrebte: Die nördliche Volterrana kreuzte in Castelfiorentino und Gambassi Terme (vor Gambassi Terme waren Francigena und Volterrana einige Kilometer identisch), die südliche Volterrana nördlich von Certaldo und südlich von San Gimignano.

In Poggibonsi wiederum kamen nicht nur die drei Streckenführungen der Francigena zusammen, hier stieß auch noch die Via Regia Romana dazu, die zuvor weitgehend mit der südlichen Volterrana identisch war, von dieser dann aber in Barberino Val d’Elsa abzweigte, um direkt auf Poggibonsi zuzulaufen.

Hinter Poggibonsi teilte sich die Francigena erneut in zwei Strecken: die östliche lief an der Burg Staggia Senese vorbei, die westliche über Monteriggioni; nach dem erneuten Zusammenlaufen der beiden Routen ging es dann auf Siena zu.

Die letzten Stationen der Via Francigena waren dann Abbadia San Salvatore, Acquapendente, Bolsena, Montefiascone, Viterbo, Vetralla, Capranica, Ronciglione, Sutri, Nepi und schließlich der Petersplatz in Rom.

Entwicklung der Pilgerschaft nach Rom in der Zeit nach Sigerich Um 1155 verfasst der isländische Abt Nikulás Bergsson, auch Nikulás von Munkathvera (isländisch Munkaþverá) eine Reisebeschreibung mit dem Titel „Wegweiser“ (isländisch Leiðarvísir), ausdrücklich mit dem Ziel eine Art Pilgerhandbuch für andere isländische Pilger zu schreiben. Er schildert darin seine Reise nach Rom und Jerusalem, die er zwischen 1149 und 1154 unternahm, und führt die wichtigsten Orte auf seinem Weg meist mit den Entfernungen zwischen den Etappen an. Nach einer Schiffsreise von Island über Norwegen und Dänemark verläuft seine Route durch Dänemark und das deutsche Reich. Einige Stationen sind Schleswig, Stade, Paderborn, Mainz, Speyer, Straßburg, Basel und Vevey. Von dort berichtet er, dass hier die Straßen der Südfranken, der Engländer, der Deutschen und der Skandinavier zusammenkommen und sich zum gemeinsamen Weg nach Rom vereinen. Auch er reist dann auf der Route des Sigerich bis nach Rom und über Bari weiter nach Jerusalem. Die alternativen Wege und Abstecher zu anderen Zielen, die Nikulás mehrfach nennt, könnten darauf hindeuten, dass er Kontakt zu anderen Pilgern hatte, von denen er sich über die verschiedenen Wege unterrichten lässt. Über die reine Wegbeschreibung hinaus bietet er auch „touristische“ Informationen. So nennt er wichtige Heiligtümer und Bischofssitze am Weg und bietet ausführliche Informationen über die Sehenswürdigkeiten der Stadt Rom.Dominik Waßenhoven: „Dort ist die Mitte der Welt“. Ein isländischer Pilgerführer des 12. Jahrhunderts. In: Wolfgang Huschner, Frank Rexroth (Hrsg.): Gestiftete Zukunft im mittelalterlichen Europa. Festschrift für Michael Borgolte zum 60. Geburtstag. Akademie Verlag, 2008, ISBN 978-3-05-004475-0, S. 29–62.