Das Staatsratsgebäude am Schloßplatz 1 im Berliner Ortsteil Mitte ist der ehemalige Amtssitz des Staatsrats der DDR. Errichtet in den Jahren 1962–1964 von Roland Korn und Hans Erich Bogatzky im Stil der Moderne, war es der erste Regierungsneubau im Stadtzentrum nach dem Zweiten Weltkrieg. In die mit grauem Sandstein und rotem Rhyolith (Löbejüner Porphyr) verkleidete Fassade des dreigeschossigen Stahlskelettbaus ist das historische Portal IV des 1950 gesprengten Berliner Schlosses eingebaut. Seit 2006 beheimatet das Baudenkmal die European School of Management and Technology.
Lage Das Staatsratsgebäude wird nördlich vom Schloßplatz und der einstigen Straße An der Stechbahn, östlich von der Breiten Straße, südlich von einer Grünfläche an der Sperlingsgasse/Neumannsgasse und westlich vom Spreekanal begrenzt.
Das Staatsratsgebäude wurde hinter dem Bauplatz der im Volksmund auch „Rotes Schloss“ genannten „Hirsch’schen Schneider-Akademie Berlin“ errichtet, die im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstört worden war. Nach der politischen Wende bekam ThyssenKrupp auf diesem Grundstück zu einem günstigen Preis den Zuschlag und wollte dort das ThyssenKrupp Haus als Hauptstadtrepräsentanz errichten, was 2012 nach großem öffentlichen Druck verworfen wurde.
Vorgeschichte Nach dem Tod des ersten und einzigen Präsidenten der DDR, Wilhelm Pieck, wurde im Jahr 1960 als Nachfolgeorgan des Präsidentenamtes der Staatsrat der DDR als offiziell höchstes Staatsorgan der Republik geschaffen. Damit wurde der Staatsaufbau der DDR dem sowjetischen Vorbild weiter angeglichen. Grundlage war das „Gesetz über die Bildung des Staatsrates“ vom 12. September 1960, das die Verfassung der DDR von 1949 entsprechend änderte.
Der Staatsrat bestand aus dem Vorsitzenden, seinen Stellvertretern, 16 weiteren Mitgliedern und einem Sekretär. Insgesamt gehörten dem Staatsrat 23 Mitglieder an. Der Staatsrat hatte nach seiner Gründung seinen Sitz zunächst im Schloss Schönhausen, wo zuvor schon Wilhelm Pieck als Präsident der DDR residiert hatte. Erst im Jahr 1964 zog der Staatsrat ins eigens hierfür erbaute Staatsratsgebäude am Marx-Engels-Platz 1 (seit 1994 wieder ‚Schloßplatz‘) im Stadtzentrum von Berlin, wo er bis zu seiner Auflösung verblieb. Erster Staatsratsvorsitzender war der Erste Sekretär des Zentralkomitees (ZK) der SED und Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates (NVR) der DDR, Walter Ulbricht. Die Machtkonzentration in den Händen Ulbrichts sollte nun auch sichtbar von den Außenbezirken der Stadt in deren Zentrum gerückt werden, sodass mit dem Neubau des geplanten Staatsratsgebäudes der erste repräsentative Regierungsbau der DDR errichtet wurde. Nachdem man das Gelände im Jahr 1961 planiert hatte, wurde im Folgejahr mit dem Bau begonnen. Dafür wurden 800 Betonbohrpfähle in den morastigen Untergrund gerammt, um ein ausreichendes Fundament für den Stahlskelettbau mit Natursteinverkleidung zu erstellen.Berlin-Archiv. Das geteilte Berlin. Braunschweig (o. J.), S. B 05300.
Architektur
Außengestaltung mini|hochkant|Eingebautes Portal IV des Berliner Schlosses
Die Architektur des Gebäudes kann als erster Ausdruck der stilistischen Sachlichkeit in der DDR-Baukunst der 1960er Jahre gelten. Nach Vorplanungen durch Heinz Mehlan und Harry Reichert legte das Architektenkollektiv um Roland Korn und Hans Erich Bogatzky mit dem Staatsratsgebäude als Prototyp den Grundstein für die neue sogenannte „DDR- beziehungsweise Ost-Moderne“.Bernd Stöver: Der Umbau der Stadt. In: Geschichte Berlins. C. H. Beck Verlag, München 2010, ISBN 978-3-406-60067-8, S. 89 f. Die Architekten Korn und Bogatzky entwickelten die Planung unter Beibehaltung eines Vorentwurfes für die Fassade von Josef Kaiser.Landesdenkmalamt Berlin: Staatsratsgebäude. (berlin.de, abgerufen am 25. September 2020). Die Verkleidung der Fassade mit hohen rechteckigen bannerähnlichen Feldern aus rotem Rhyolith sollte beim Betrachter Assoziationen an die Rote Fahne, das politische Identifikationssymbol der sozialistischen bzw. kommunistischen Bewegung, hervorrufen.
In die Fassade ist das ehemalige Portal IV des Berliner Schlosses asymmetrisch integriert: Östlich liegen sieben, westlich drei Fensterachsen. Im SED-Parteitagsbeschluss zur Beseitigung des Schlosses war bestimmt worden, die Mittelachsen der Portale IV und V als „kunsthistorisch wertvoll“ zu bergen und auszulagern. Erst im September 1950 erinnerte das Marx-Engels-Lenin-Institut (später: IML) der SED die Parteiführung daran, dass Karl Liebknecht während der Novemberrevolution „vom Balkon“ des Portals IV die „sozialistische Republik“ ausgerufen habe. In Wahrheit hatte sich Liebknecht am 9. November nach einer ersten Proklamation vor dem Schloss in dessen Inneres zum bodentiefen Mittelfenster des Säulensaals über dem Portal IV führen lassen. Von dort hatte Kaiser Wilhelm II. in seiner zweiten Balkonrede am 1. August 1914 Deutschlands Eintritt in den Ersten Weltkrieg verkündet und die Burgfriedenspolitik eingeleitet. Obwohl Liebknecht diesen symbolischen Ort zur Ankündigung einer neuen Epoche gewählt hatte, blieb die Propaganda der SED bei der Behauptung, er habe vom Balkon der Gobelingalerie im zweiten Stock aus gesprochen. Die Folge war die Rettung charakteristischer Fragmente des Portals IV vor der Sprengung im Februar 1951, um sie in einem später zu errichtenden repräsentativen Gebäude als „Liebknechtportal“ wiederzuverwenden. Im Jahr 1961 war dafür der Neubau des IML am Marx-Engels-Platz geplant. Angesichts der Verfassungsänderung von 1960 musste das IML auf sein Projekt zugunsten des Staatsrats verzichten, der es für seinen Amtssitz in Anspruch nahm.Zum Liebknechtportal siehe: Martin Sabrow: Volkstribun und Hassfigur. Karl Liebknecht im deutschen Gedächtnis In: Dominik Juhnke, Judith Prokasky, Martin Sabrow: Mythos der Revolution. Karl Liebknecht, das Berliner Schloss und der 9. November 1918. Hanser, München 2018, ISBN 978-3-446-26089-4, S. 121–125. Der Bau begann 1962 nach entsprechender Modifizierung der Pläne.
Die asymmetrische Ausrichtung des Portals innerhalb des Staatsratsgebäudes orientiert sich am ehemaligen Verlauf der Achse Petrikirche-Brüderstraße-Schlossplatz-Schlossfreiheit. Der Bau des Staatsratsgebäudes unterbrach diese Straßenachse. Der noch vorhandene Teil der Brüderstraße läuft als Sichtachse annähernd auf die gläserne Rückfront des Risalits des Staatsratsgebäudes zu. Die Vorderfront des Risalits wäre Endpunkt der Schlossfreiheit gewesen, die am Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal entlangführte.
Die mittelalterliche Klosterkirche der Dominikaner bzw. der spätere Berliner Dom befand sich unmittelbar vor dem links des Portalrisalits gelegenen Teil des Staatsratsgebäudes.Dietmar und Ingmar Arnold: Schlossfreiheit. Vor den Toren des Stadtschlosses. Berlin 1998, ISBN 3-930863-33-2.
Sowohl im Inneren, der Höhe der Geschosse, als auch in der Außenerscheinung entspricht das Staatsratsgebäude den Maßen der Barockfassaden des ehemaligen Schlosses, in die das Portal IV zum Lustgarten hin ursprünglich eingefügt war. Das Portal, das mehr als zehn Jahre nach der finalen Sprengung des Schlosses 1950 als prägendes Element der Frontfassade des Staatsratsgebäudes wiedererstand, besteht jedoch nur noch zu einem Fünftel aus Originalteilen.
Das Portal IV war eine zwischen den Jahren 1706 und 1713 von Johann Friedrich Eosander von Göthe als Wiederholung des in den Jahren 1698 bis 1706 entstandenen Portals V von Andreas Schlüter geschaffen worden. Der Portalrisalit ist dreiachsig gegliedert und weist drei Geschosse sowie ein Mezzaningeschoss auf. Jedes Geschoss ist von Pilastergliederungen gerahmt. Der große Balkon der Hauptetage im zweiten Stock ist von Atlashermen getragen, die Balthasar Permoser aus Dresden zwischen 1706 und 1708 schuf. Die Atlashermen sind männliche Allegorien des Herbstes mit Weinranken und Jagdbeute (links) sowie des Winters mit Pelzen und Karnevalsmasken mit Musikinstrumenten (rechts). Das rundbogige, rosettengeschmückte Balkonfenster in der Art eines venezianischen Fensters wird von einer Wappenkartusche bekrönt, die heute die Jahreszahlen ‚1713‘ und ‚1963‘ beinhaltet. Ursprünglich befand sich hier das preußische Adlerwappen und darüber eine Königskrone. Flankiert wird die Kartusche von zwei geflügelten und posaunenblasenden weiblichen Fama-Gottheiten. Nach oben abgeschlossen wird der Portalrisalit durch eine Attika. Die vier ursprünglichen Statuen (außen zwei männliche, innen zwei weibliche antike Gottheiten) auf den Postamenten der Attika wurden beim Neubau der 1960er Jahre nicht rekonstruiert. Ebenso fehlen die Gitter der beiden Erdgeschossfenster sowie das prachtvolle Barockgitter des Eingangs. Letzteres wurde durch ein Rastergitter mit diagonalen Kreuzen ersetzt. Nicht rekonstruiert wurde ebenso eine Kartusche unter dem Balkon. Sämtliche Plattenverkleidungen entstammen der Bauzeit des Staatsratsgebäudes, da die ursprünglichen Teile durch Artilleriebeschuss in der Schlacht um Berlin gelitten hatten. Die plastischen Teile sind Originale der Barockzeit; allerdings wurden sie ergänzend restauriert. Die Arbeiten fertigte der VEB Stuck und Naturstein Berlin. Die fehlenden Teile wurden aus Elbsandstein ergänzt.Richard Schneider: Das Berliner Schloss in historischen Photographien. Berlin 2013, ISBN 978-3-86732-164-8, S. 108.Die Bau- und Kunstdenkmale in der DDR : Hauptstadt Berlin. 2. Auflage. Band I, Institut für Denkmalpflege, Berlin 1984, S. 88–90. (Bearbeitet von einem Kollektiv der Abteilung Forschung [Ingrid Bartmann-Kompa, Horst Büttner, Horst Drescher, Joachim Fait, Marina Flügge, Gerda Herrmann, Ilse Schröder, Helmut Spielmann, Christa Stepansky, Heinrich Trost], Gesamtredaktion Heinrich Trost)
Die Integration des Portals in das Staatsratsgebäude geschah als quasi reliquienhaftes Symbol für die Verwirklichung der Ziele Liebknechts und der Novemberrevolution in Gestalt der sozialistischen DDR. Unterstrichen wird dieser Anspruch durch ein gebäudehohes Glasbild des Künstlers Walter Womacka in Foyer und Treppenhalle, das die Geschichte der Arbeiterbewegung in Deutschland aus Sicht der SED darstellt. Darin wird der sozialistische Spartakusbund Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts mit der traditionellen Arbeiterbewegung verknüpft, deren höchste Entwicklungsstufe man in der DDR sehen wollte.
Im Rahmen der Vorplanungen für den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses wurden Teile des Liebknechtportals dreidimensional gescannt, ein hochaufgelöstes Gesamtmodell des Portals erstellt sowie physische Prototypen gefertigt, da das Portal als Kopie Bestandteil des neu aufzubauenden Stadtschlosses werden sollte. Weiterhin wurden bestimmte Bereiche wie die Rosetten, die Hermen und Genien als einzelne 3D-Modelle freigestellt und für eine physische Fertigung aufbereitet.Liebknechtportal, abgerufen am 24. Februar 2018.
Innengestaltung mini|hochkant|Wandelhalle im Staatsratsgebäude, 1964 mini|Die charakteristischen Furnierwände des Staatsratsgebäudes (Empfang der US-Botschafterin Ridgway durch Honecker, 1983)
Durch das Portal gelangte man in die der Staatsrepräsentation zugedachte Eingangshalle. Ein großdimensioniertes Treppenhaus mit Farbverglasung, weitläufige Foyers, große Säle und saalartige Funktionsräume bestimmen den Raumeindruck des Gebäudes.
Die Büros der sechs Stellvertreter des Staatsratsvorsitzenden lagen im Erdgeschoss. Das Amtszimmer des Staatsratsvorsitzenden befand sich im ersten Stock, wo auch der Sitzungssaal des Staatsrates und der Empfangssaal für die ausländischen Diplomaten lag. Das zweite Obergeschoss beherbergte den Festsaal mit seinem aus einer Million Mosaiksteinen gefertigten Staatsemblem der DDR und den daran anschließenden Saal für Staatsbankette sowie den Klubsaal. Der Bankettsaal war mit einem von Günther Brendel entworfenen, 35 Meter langen Bildfries aus Meißner Porzellan geschmückt. Verantwortlich für die Innengestaltung waren Hans Erich Bogatzky und Bruno Hess.