Der schwebende Schritt des Storches (auch Der zögernde Schritt des Storches) ist ein Film des griechischen Filmemachers Theo Angelopoulos aus dem Jahre 1991 mit Marcello Mastroianni und mit Jeanne Moreau in einer Nebenrolle.
Der Film ist der erste der sogenannten Border-Trilogie des Regisseurs, gefolgt von Der Blick des Odysseus (1995) und Die Ewigkeit und ein Tag (1998).A Moving Image of Eternity: The Cinema of Theo Angelopoulos, ICA, Institute of Contemporary Art, London, abgerufen am 5. September 2026
Handlung Schauplatz des Films ist ein Grenzort an einer scharf bewachten Grenze entlang eines Flusses und ein Flüchtlingslager aus ausrangierten Eisenbahnwaggons, in denen Flüchtlinge unterschiedlicher Nationalität seit Jahren feststecken und unter primitivsten Verhältnissen hausen.
Bei der Arbeit an einem Dokumentarfilm über die Situation des Lagers glaubt ein Fernsehjournalist, in einem alten Mann (Mastroianni) einen Politiker zu erkennen, der vor Jahren eine mit Spannung erwartete Parlamentsrede mit dem Satz – „Manchmal muss man schweigen, um die Musik zu verstehen.“ – abbrach, verschwand, ohne jemals wieder aufzutauchen. Schließlich wurde er für tot erklärt.
Zurück in Athen, sucht er die Frau des verschollenen Politikers (Moreau) auf, die sich nach erstem Zögern auf ein Gespräch mit ihm einlässt, ihn zunächst abweist und ihm aber dann eine Videokassette gibt, in der sich ihr Ehemann von ihr verabschiedet. Es gelingt ihm, mit einem kleinen Team an die Grenze zurückzukehren, um nach dem Politiker zu suchen. Unschwer findet er den Mann wieder, der leugnet, der Gesuchte zu sein, obschon die Ähnlichkeiten offenkundig sind. Der Mann, der mit seiner Familie ein ärmliches Leben als Fernmeldetechniker führt, weist den Journalisten nicht ab, lädt ihn zum Essen ein, bleibt aber wortkarg und wenig gesprächig. Die Abende verbringt das Team in einer Kneipe, die sowohl von Einheimischen als auch von Flüchtlingen besucht wird. Dort sitzt alleine an einem Tisch eine junge Frau, die ihn den ganzen Abend lang unverwandt anstarrt, er nimmt sie mit auf sein Zimmer.
Dramatischer Höhepunkt des Filmes ist eine von einem griechisch-orthodoxen Priester vollzogene Trauung über den Grenzfluss hinweg, wobei die Braut im weißen Brautkleid – die Frau aus der Kneipe und Tochter des alten Mannes – auf der einen, der Bräutigam im Hochzeitsanzug auf der anderen Seite des Flusses steht. Die Zeremonie, begleitet auf beiden Seiten von den Dorfbewohnern des durch die Grenze geteilten Ortes, wird von Warnschüssen der Grenzpatrouillen beendet. Der Journalist überredet die Frau des Politikers am Telefon, zu ihm in die Grenzstadt zu kommen, wo er eine Begegnung mit dem alten Mann arrangiert. Die Begegnung findet auf einer Hafenbrücke statt und wird von dem Fernsehteam heimlich gefilmt. Der Mann und die Frau stehen einander lange wortlos gegenüber, und jeder geht wieder seiner Wege. Die Frau leugnet, dass sie den Mann kennt, der Journalist jedoch glaubt beiden nicht.
In der vorletzten Sequenz steht der Journalist an der Grenze, hebt den Fuß zum symbolisch angedeuteten Schritt über die verbotene Linie, worauf die Grenzsoldaten auf beiden Seiten in den Anschlag gehen, wie in der Eingangsszene des Filmes, als der Kommandant der Grenzwache so die Gefährlichkeit der Grenze demonstriert. Nunmehr jedoch steigen ballettartig inszeniert Techniker – darunter auch der alte Mann – in gelbem Ölzeug vor grauem Himmel eine Reihe von Telegrafenmasten hinauf, um eine vom Sturm zerstörte Telefonleitung wieder anzubringen. mini|Jeanne Moreau und Marcello Mastroianni in Cannes, 1991
Produktionsnotizen Die Sprachen im Film sind Englisch, Französisch, Griechisch, Kurdisch, Persisch und Türkisch. Ein Drehort war die Stadt Florina an der bulgarisch-makedonischen Grenze. Für Marcello Mastroianni war es nach Der Bienenzüchter (1986) der zweite Film mit dem griechischen Regisseur. Die Filmmusik komponierte Eleni Karaindrou, seit ihrem Film Die Reise nach Kythera (1984) Angelopoulos’ bevorzugte Filmkomponistin. Die Filmmusik wurde eingespielt von einem durch Bläser ergänzten Streicherensemble unter der Leitung von Lefteris Chalkiadakis (* 1929). Das Akkordeon spielt Andreas Tsekouras.Tyran Grillo: Eleni Karaindrou: The Suspended Step Of The Stork (ECM 1456) ECM. Between Sound and Space: ECM Records an Beyond, abgerufen am 6. September 2026.
Veröffentlichung Premiere des Films war am 17. Mai 1991 in Cannes. Noch im selben Jahr wurde er auf den Filmfestivals in Thessaloniki, Toronto, New York und Stockholm gezeigt. 2006 veröffentlichte New Star eine digital überarbeitete DVD der Originalfassung mit englischen und französischen Untertiteln.
Interpretation
Der Politiker, der kurz vor dem Höhepunkt seiner Karriere urplötzlich verschwindet, um in einer kargen, feindseligen Grenzlandschaft als „Adoptivvater“ einer Flüchtlingsfamilie ein Leben als „underdog“ zu führen, setzt das Philosophenwort drastisch in die Tat um, dass es kein richtiges Leben im Falschen geben könne. Radikal wendet er sich von der ebenso glamourösen wie unwirklichen Scheinwelt der kapitalen Urbanität ab und begibt sich in die härteste und unwirklichste Gegend des Landes – an eine Grenze, die ein eiserner Vorhang ist, an der ständig Menschen sterben, ums tägliche Überleben kämpfen müssen, wie auch um ihre Würde und Identität. Die Grenze, der Grenzfluss und die karge, kalte und abweisende Landschaft, sind gleichrangige Hauptdarsteller des Films neben den Schauspielern. Sie sind konkret wie metaphorisch die Grenzen zwischen Menschen, in den Herzen und in den Köpfen der Menschen, um deren Beherrschung wie Überwindung ein meist stiller, zäher und unerbittlicher Kampf gekämpft wird, in dem sich die Menschen verlieren und – manchmal – auch wieder zu sich finden.
Mehr im impressiven Schweigen, als in ihren Dialogen brillieren die beiden Altstars des europäischen Films in der Verkörperung von Menschen in existenzieller Situation, die darin gipfelt, einander nach Jahren wieder zu begegnen, und einander dennoch nur die einzige Liebestat erweisen zu können, sich wiederum zu verleugnen. Die Unterscheidung zwischen Wahrem und Falschem erweist sich als weitaus schwieriger, wie es oberflächliche Alltagswertungen vorspiegeln. Trotz seiner tief melancholischen Stimmung endet der Film mit dem optimistischen Symbol des Journalisten, der die Bedeutung der ‚Grenze‘ nunmehr verstanden zu haben scheint, und den Arbeitern, die in aufopferungsvoller Mühe immer wieder die dünnen, verletzlichen Drähte instand halten und erneuern, die die Menschen miteinander auch über ihre Grenzen hinweg verbinden können.
Die Thematik des Trennenden wird durch das Beispiel des Grenzflusses mehrfach angesprochen. Ebenso wie die Sprachlosigkeit in der eigenen Sprache, obwohl sie die Muttersprache ist. Des Weiteren erscheint die Reflexion von Wasser, Luft und Erde als Elemente der medientheoretische Dimension: „Eine Verschränkung von einem Zustand im Element der Luft – das Schweben - (wie auch der flugfähige Storch auf die Luft verweist) mit dem Element der Erde, auf die ein Schritt gesetzt wird, ein Element, in dem der Storch ebenfalls zu Hause ist.“ bei bekay.de, abgerufen am 16. November 2014. So scheint in diesem Film der Fluss, das Element des Wassers, dem Flussufer, dem Element der Erde, entgegengesetzt.Der Grenzfluss in der imaginären Topographie Angelopoulos’ (Wiederabdruck). In: Beiträge zur Tagung ‚Entgrenzte Räume ? Konstruktion und Relevanz von Grenzen im Wandel’ an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg am 14.–15. Januar 2011. Hrsg. von Andreas Christ u. a. Universität Bamberg 2012, S. 97–129, Online-Publikation.
Rezeption Auszeichnungen Der Film nahm am Wettbewerb der Filmfestspiele von Cannes 1991 teil, wo er für die Goldene Palme nominiert war, ging bei der Preisvergabe jedoch leer aus.
Kritik
Literatur W. Everett: Between here and there, between then and now: The theme of border crossings in the films of Theo Angelopoulos, in: Peter Wagstaf (Hrsg.): Border crossings: Mapping identities in modern Europe. Lang. 2004. ISBN 978-3-03910279-2 Vangelis Makriyannakis: The poetics of the ‘not yet’ in The Suspended Step of the Stork. Studies in European Cinema, 2014, Vol. 11. Issue 2. S. 126–138. Konstantinos Retsikas: Balkan Transits: Becoming-Other in Theo Angelopoulos’s The Suspended Step of the Stork., in: The Edingburgh Press Journals. Vol. 29, Issue 15. Oktober 2025. Patrick Werly: Le cinéma d’Angelopoulos et la question des réfugiés dans les Balkans: Le pas suspendu de la cigogne (1991), in: Agnieszka Jakuboszczak und Audrey Kichelewski. Les Migrations économiques et les déplacements contraints du Moyen Âge à nos jours in: Sensus Historiae, Bd. 58, Nr. l. Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu, S. 95–104. Weblinks
Donato Totaro: The Suspended Step of the Stork: Theo Angelopoulos among the Greats Off Screen, Vol. 20, Issue 2. Februar 2016 Tyran Grillo: Eleni Karaindrou: The Suspended Step Of The Stork (ECM 1456) ECM. Between Sound and Space: ECM Records an Beyond. 16. August 2012
Einzelnachweise
Kategorie:Filmtitel 1991 Kategorie:Französischer Film Kategorie:Griechischer Film Kategorie:Schweizer Film Kategorie:Italienischer Film Kategorie:Flüchtlingsthematik im Film Kategorie:Theo Angelopoulos