Die OPEC-Geiselnahme begann am 21. Dezember 1975 in Wien während einer Ministerkonferenz der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) in Wien. Ein sechsköpfiges internationales Terrorkommando nahm 62 Geiseln, darunter 11 Erdölminister. Am Folgetag wurden die Minister und 22 weitere Geiseln nach Nordafrika entführt. Nie zuvor befanden sich so viele hochrangige Politiker in den Händen von Terroristen. Die Geiselnehmer, angeführt vom Venezolaner Ilich Ramírez Sánchez – genannt Carlos, der Schakal. – erschossen drei Menschen. Bis heute sind die genauen Tatabläufe und manche Hintergründe der Terroraktion ungeklärt.
Täter Verantwortlich für die Ausführung des Überfalls auf die OPEC-Konferenz war die palästinensische Terrorgruppe PFLP-SC unter Führung von Wadi Haddad. Haddad wollte mit der Aktion mediale Aufmerksamkeit auf die Lage des palästinensischen Volkes lenken und Lösegeld für die Finanzierung der Gruppierung erpressen.
Als eigentlicher Auftraggeber und Initiator wird der damalige libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi vermutet. Dieser wollte sich angeblich an jenen Staaten innerhalb der OPEC rächen, die sich für eine Stabilisierung oder gar Senkung des Erdölpreises eingesetzt hatten, nämlich Saudi-Arabien und Iran. Im Rahmen des Überfalls sollten angeblich auf seine Weisung hin der iranische Ölminister Dschamschid Amusegar und sein saudi-arabischer Amtskollege Ahmed Zaki Yamani liquidiert werden. Vermutlich unterstützte Libyen die Terroristen mit Geld, Waffen und logistischer Hilfe.
Zu dem in Wien von Carlos angeführten Terrorkommando gehörten der Libanese Anis Naccache, genannt Khaled, zwei bis heute namentlich nicht bekannte Palästinenser, die der PFLP-SC angehörten und die Kampfnamen Jussuf und Joseph führten, sowie die beiden deutschen Linksextremisten Hans-Joachim Klein und Gabriele Kröcher-Tiedemann. Kröcher-Tiedemann, genannt Nada, gehörte der Terrorgruppe Bewegung 2. Juni an und war im Zuge der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz aus dem Gefängnis freigepresst worden; sie lebte seit März 1975 im Nahen Osten im Untergrund. Klein, genannt Angie, war Mitglied der terroristischen Revolutionären Zellen (RZ); er war Carlos im Frühjahr 1975 in London begegnet, als Teil eines Kommandos, das den Botschafter der Vereinigten Arabischen Emirate, Mohammed Mahdi el-Tadschir, entführen wollte, der damals als einer der reichsten Menschen der Welt galt.
Chronologie
Vorgeschichte Am 6. Oktober 1973 begannen Ägypten und Syrien gemeinsam mit einem Überraschungsangriff den Jom-Kippur-Krieg gegen Israel. Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag.
Die Organisation der Erdöl exportierenden Länder (OPEC) drosselte bewusst die Fördermengen um etwa fünf Prozent, um die westlichen Länder bezüglich ihrer Unterstützung Israels unter Druck zu setzen. Am 17. Oktober 1973 stieg der Ölpreis von rund drei US-Dollar pro Barrel (159 Liter) auf über fünf Dollar, also um etwa 70 Prozent. Im Verlauf des Jahres 1974 stieg der Ölpreis auf über zwölf US-Dollar. Am Ölembargo nahmen Iran, Algerien, Irak, Katar, Kuwait, Libyen, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate teil.
Geiselnahme Das OPEC-Generalsekretariat hatte zum damaligen Zeitpunkt seinen Sitz in den ersten beiden Stockwerken eines Hochhauses am Dr.-Karl-Lueger-Ring 10 (heute Universitätsring); in der ersten Etage befanden sich der Empfangsbereich der OPEC, der Konferenzraum, die Telefonzentrale und einige Büros.
Am späten Sonntagvormittag des 21. Dezember 1975 fuhr das Terrorkommando mit der Straßenbahn bis zur Haltestelle Schottentor, wenige Meter von der OPEC-Zentrale entfernt. Unter ihren Jacken und in Sporttaschen versteckten sie Waffen, Handgranaten und Sprengstoff.
Da vor dem Gebäude der OPEC nur ein Polizeibeamter stationiert war, der nicht den Auftrag hatte, Einlasskontrollen durchzuführen, konnten die Terroristen ungehindert gegen 11:45 Uhr eintreten und zu den Räumlichkeiten der OPEC im ersten Stockwerk gelangen.
Entsprechend einem zwischen der österreichischen Regierung und der OPEC verabredeten Sicherheitskonzept hielten sich dort nur zwei Kriminalbeamte der Staatspolizei auf. Anton Tichler, der kurz vor seiner Pensionierung stand, und Josef Janda hatten die Anweisung, im Gefahrenfall möglichst nicht von der Schusswaffe Gebrauch zu machen, sondern Meldung zu erstatten; mit Funkgeräten waren sie allerdings nicht ausgestattet worden. Tichler wurde von einem Terroristen durch einen aus drei Metern abgegebenen Schuss in den Nacken getötet. Er war, um Verstärkung zu holen, zu den Aufzügen gegangen, und hatte auf die in Englisch gestellte Frage, ob er Polizist sei, ohne sich umzudrehen, genickt.
Der Leibwächter des irakischen Erdölministers, Ala Saces al Khafazi, wurde durch einen aus nächster Nähe abgegebenen Schuss, der Gesicht und Hals zerfetzte, von einem der Terroristen im Empfangsbereich der OPEC getötet.
Kröcher-Tiedemann soll sowohl Tichler als auch al Khafazi erschossen haben; sie wurde allerdings in einem strafgerichtlichen Verfahren trotz erheblichen Tatverdachts von dem Vorwurf des zweifachen Mordes freigesprochen.Tage des Terrors. TV-Dokumentation für den ORF von Christoph Feurstein; Österreich, 2005.
Carlos tötete das libysche Delegationsmitglied Jussuf Izmirli mit Schüssen in den Kopf und in den Rücken. Die beiden waren zufällig aufeinander getroffen, als Carlos die Büroräume in der ersten Etage kontrollierte. Als der Libyer nach dem über Carlos Schulter hängenden Maschinengewehr griff, feuerte Carlos mit einer Pistole auf Izmirli. Die Leiche des Libyers wurde erst nach dem Abzug der Terroristen am 22. Dezember 1975 bei der Tatortbegehung entdeckt.
Gegen 11:50 Uhr traf ein siebenköpfiges Einsatzkommando der Polizei vor der OPEC-Zentrale ein, drei Beamte versuchten zunächst, sich einen Überblick über die Lage in dem Gebäude zu verschaffen. Als der Polizist Kurt Leopolder über die Treppe in den ersten Stock gelangte, kam es zu einem kurzen Feuergefecht; durch Querschläger wurden der Terrorist Klein im Bauchraum und Leopolder am Gesäß verletzt. Leopolder blieb im weiteren Verlauf teilweise gelähmt und verstarb 1984 an den Spätfolgen der Verletzung. Nach diesem Schusswechsel unterblieben weitere Vorstöße der Polizei, sie beschränkte sich darauf, die Straße vor dem Gebäude hermetisch abzuriegeln. Die Terroristen schossen aus den straßenseitigen Fenstern.
Die Terroristen ließen eine OPEC-Mitarbeiterin eine Nachricht überbringen; sie boten eine „Feuerpause“ an, um die beiden Schwerverletzten, den Polizeibeamten Leopolder sowie den Terroristen Klein, medizinisch versorgen zu lassen. Klein wurde gegen 13.25 Uhr ins Wiener Allgemeine Krankenhaus (AKH) transportiert. Dort wurde festgestellt, dass die Kugel oberhalb des Bauchnabels eingedrungen war und den Darm und die Bauchspeicheldrüse verletzt hatte, das Projektil steckte in der Wirbelsäule.
Die Terroristen konnten 62 Personen in ihre Gewalt bringen: elf Minister der OPEC-Staaten sowie weitere Delegationsmitglieder und OPEC-Mitarbeiter. Die Terroristen versammelten die Geiseln im Konferenzraum und teilten sie in vier Gruppen, die an den verschiedenen Seiten des Raumes platziert wurden. Die Delegierten aus Saudi-Arabien, Iran, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar mussten sich als Gruppe der „feindlichen Staaten“ zusammenfinden.
Der OPEC-Anschlag war der erste dieser Art in Österreich, zudem kam er völlig überraschend, denn eine Attacke auf ein Ziel mit arabischem Hintergrund hatte niemand erwartet. Es gab keine Einsatz- oder Krisenpläne und nur wenige schusssichere Westen. Man improvisierte: Während der TV-Übertragung einer Sportveranstaltung im österreichischen Fernsehen wurde ein Insert eingeblendet, wonach sich in der Freizeit befindliche Polizisten bei der Bundespolizeidirektion Wien melden sollten.
Forderungen und Verhandlungen Zunächst verlangten die Terroristen als Vermittler für die Verhandlungen mit der österreichischen Regierung den libyschen Botschafter Al Ghadamsi, der sich aber zu dieser Zeit in Prag aufhielt. Der irakische Geschäftsträger der irakischen Botschaft, Riyadh al-Azzawi, bot sich daraufhin selbst den Sicherheitsbehörden als Vermittler an.
Eine Forderung der Terroristen bestand darin, dass ein in französischer Sprache abgefasstes Kommuniqué im Zweistundentakt im Rundfunk verlesen werden müsse; sie drohten bei Nichtbefolgung damit, jede Viertelstunde eine Geisel zu erschießen.
Die Terroristen verlangten darüber hinaus, dass am Folgetag um 7:00 Uhr ein Omnibus mit verhangenen Fenstern bereitstehen müsse, um sie und die Geiseln zum Flughafen Wien-Schwechat zu bringen. Dort müsse ein aufgetanktes Flugzeug des Typs DC-9 mit Besatzung zum Ausfliegen an ein Ziel ihrer Wahl warten. Der schwerverletzte Klein müsse zusammen mit den anderen ausgeflogen werden.
Im Bundeskanzleramt versammelten sich am späten Nachmittag die Regierungsmitglieder zu einem außerordentlichen Ministerrat. Bundeskanzler Bruno Kreisky traf dort erst gegen 18 Uhr ein, da er erst von seinem Urlaubsort Lech am Arlberg zurückreisen musste. Kreisky erklärte sich mit der Verlesung des Kommuniqués im Radio einverstanden.
Um 18:22 Uhr wurden die laufenden Sendungen in den österreichischen Radiosendern Ö1 und Ö3 unterbrochen und Friedrich Gehart, damals Legationsrat im Bundeskanzleramt, verlas die Erklärung der Terroristen; dies dauerte fast 20 Minuten. Von 20 Uhr bis 4 Uhr am nächsten Tag wurden alle zwei Stunden Wiederholungen gesendet. Die vom Arm der arabischen Revolution – so die Selbstbezeichnung des Terrorkommandos – in dem Kommuniqué genannten Forderungen waren: Israel dürfe von keinem muslimischen Staat anerkannt werden, die Erdölquellen im arabischen Raum sollten verstaatlicht werden und die Ölstaaten sollten den palästinensischen Widerstand finanzieren. Ferner hieß es in der Erklärung der Terroristen, das arabische Volk sei von einem „gewaltigen Komplott“ bedroht, an dem der „amerikanische Imperialismus“, „zionistische Aggressoren“ sowie „kapitulationsbereite“ arabische Regierungen beteiligt seien. Am Ende des Kommuniqués gab es eine Entschuldigung der Terroristen „für die Schwierigkeiten, die unsere Aktion dem friedliebenden österreichischen Volk gebracht hat“.
Der von Kreisky geleitete Krisenstab stellte Bedingungen für den freien Abzug der Terroristen: Alle Geiseln müssten sich damit einverstanden erklären, ausgeflogen zu werden, und alle Österreicher sowie die in Österreich lebenden OPEC-Mitarbeiter müssten vor dem Abflug freigelassen werden. Die Terroristen nahmen die Bedingungen an.
Im Zuge der Verhandlungen teilte die österreichische Regierung den Terroristen mit, dass sich Algerien bereit erklärt habe, die Terroristen aufzunehmen.
In einer Presseerklärung ließ Bundeskanzler Kreisky verlautbaren: „Das oberste Gebot ist, Menschenleben zu retten. Es ist schon genug Unglück geschehen, und da wir wissen, dass die Drohungen sehr, sehr ernst zu nehmen sind, bestimmt das nicht zuletzt unser Handeln.“
Der Abzug der Terroristen Wie vereinbart, stand am Morgen des 22. Dezember 1975 ein Post-Autobus – die Zielangabe über der Windschutzscheibe meldete „Sonderfahrt“ – am Hintereingang des OPEC-Gebäudes. Die OPEC-Angestellten wurden von den Terroristen freigelassen, die kurz vor acht Uhr den Bus mit den 33 verbliebenen Geiseln – die elf Minister sowie 22 Delegierte – betraten. Dann fuhr der Bus in Begleitung von Streifenwagen zum 16 km entfernten Flughafen Wien-Schwechat.
Der Terrorist Klein wurde mit dem Krankenwagen zum Flughafen gebracht. Dabei wurde er vom Wiener Internisten Wiriya Rawenduzy (1929–2011) begleitet. Rawenduzy, ein irakischer Kurde, der Mitte der 1950er Jahre zum Medizinstudium nach Wien gekommen war, hörte im Radio vom Überfall und erklärte sich bereit, den verletzten Terroristen auf dem Flug zu begleiten und medizinisch zu versorgen.