mini|hochkant|Achilles während des Trojanischen Krieges. Ausschnitt aus einer griechischen Keramik, 4. Jahrhundert v. Chr. Ein Held (althochdeutsch ) ist eine reale oder fiktive Person, die außergewöhnliche körperliche oder geistige Leistungen erbringt und dabei oft eigene Nachteile in Kauf nimmt. Dadurch ragt der Held aus einer sozialen Gruppe heraus, für die er identitätsstiftende Funktionen übernimmt, indem er ihre Wertvorstellungen idealtypisch verkörpert und von ihr in Mythos, Geschichte, Literatur, Ritual usw. immer wieder vergegenwärtigt wird. Diese Vergegenwärtigungen können sich auch propagandistisch auf bloß imaginierte oder übertriebene Leistungen beziehen. Heldentum ist immer eine Zuschreibung, das Ergebnis einer Heroisierung.
Im Unterschied dazu versteht man unter dem Helden in einer Erzählung den Protagonisten, die handlungstragende Hauptfigur, die als Antiheld aber auch negativ gezeichnet sein kann. Die Eigenschaft, ein Held zu sein, nennt man Heldentum oder Heroismus.
Begriff Als Helden galten lange Personen (vornehmlich Männer), die Außerordentliches geleistet haben. Der deutsche Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) etwa glaubte, der „Weltgeist“ bediene sich ihrer quasi als seiner „Geschäftsführer“, um „die notwendige, nächste Stufe ihrer Welt“ ins Werk zu setzen.Zitiert nach Ulrich Bröckling: Postheroische Helden. Ein Zeitbild. Suhrkamp, Berlin 2020, ISBN 978-3-518-58747-8, Vorveröffentlichung in: Soziopolis, 11. Februar 2020. Diesem essenzialistischen Verständnis, das annimmt, es gebe individuelle Qualitäten wie Mut, Tugendhaftigkeit oder Charisma, die objektiv als Heldentum bezeichnet werden müssten, steht heute verbreitet eine konstruktivistische Auffassung gegenüber. Die Wissenschaftler Ralf von den Hoff, Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Ulrich Bröckling, Barbara Korte, Jörn Leonhard und Birgit Studt definieren als konzeptionellen Ausgangspunkt ihres Sonderforschungsbereichs „eine heroische Figur“ als „reale oder fiktive, lebende oder tote menschliche Person, die als Held, hero, héros usw benannt und/oder präsentiert wird und der heroische Eigenschaften zugeschrieben werden, und zwar insbesondere agonale, außeralltägliche, oftmals transgressive eigene Leistungen“.Ralf von den Hoff, Ronald G. Asch, Achim Aurnhammer, Ulrich Bröckling, Barbara Korte, Jörn Leonhard, Birgit Studt. [DOI 10.6094/helden.heroes.heros./2013/01/03 Helden – Heroisierungen – Heroismen. Transformationen und Konjunkturen von der Antike bis zur Moderne. Konzeptionelle Ausgangspunkte des Sonderforschungsbereichs 948]. E-Journal zu Kulturen des Heroischen 1 (1), S. 7–14, hier S. 8. Diese Definition erscheint tautologisch: Ein Held ist, wer als solcher präsentiert wird. Der Orientalist Olmo Gölz und der Literaturwissenschaftler Georg Feitscher betonen, dass es immer Heroisierungen seien, also gesellschaftliche Zuschreibungs- und Konstruktionsprozesse, die Helden bzw. heroische Figuren erst hervorbrächten.Olmo Gölz, Georg Feitsche: Helden. In: Gerd Sebald, Mathias Berek, Kristina Chmelar, Oliver Dimbath, Hanna Haag, Michael Heinlein, Nina Leonhard, Valentin Rauer (Hrsg.): Handbuch Sozialwissenschaftliche Gedächtnisforschung. Bd. 1, Springer VS, Wiesbaden 2023, ISBN 978-3-658-26586-1, S. 377–390, hier S. 378 f. Ähnlich der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der schreibt, der Typus des Helden sei immer auf eine „narrative Verdoppelung angewiesen“: Ein Held ist nur, von dessen Taten erzählt wird. Gleichzeitig bringe die Literatur aber auch die Regeln und Codices hervor, nach denen Gewaltausübung, aus der die Helden taten zumeist bestehen, legitim und ehrenhaft ist, und sublimiere sie so.Herfried Münkler: Heroische und postheroische Gesellschaften. In: Merkur 700, September 2007.
Als einige Eigenschaften, mit denen solche Heroisierungen begründet würden, führt der Soziologe Tobias Schlechtriemen typologisch auf: 1. Außerordentlichkeit, 2. Autonomie und Transgressivität, 3. moralische und affektive Aufgeladenheit, 4. Agonalität sowie 5. eine starke Agency. Das heißt, Helden seien außergewöhnliche Persönlichkeiten, weit über dem Durchschnitt, die ihr Verhalten an ihren eigenen Gesetzen mäßen, während sie die Gesetze anderer durchaus übertreten dürften – insofern seien sie transgressive Figuren. Sie hätten Einfluss auf andere und seien daher affektiv aufgeladen; sie seien kämpferisch, bereit, ihr Leben zu riskieren, und schließlich könne es keinen Helden geben ohne eine Heldentat: Ein Held trete immer aktiv handelnd auf, selbst wenn seine Handlung nur darin bestehe, heldenhaft zu warten.Tobias Schlechtriemen: The Hero as an Effect. Boundary Work in Processes of Heroization. In: E-Journal zu Kulturen des Heroischen 5 (2019) doi:10.6094/helden.heroes.heros./2019/APH/03, S. 17–26, hier S. 19.
Geschichte Antike
Im antiken Griechenland verstand man unter einem Helden (, ursprünglich „freier Mann“) einen wirkungsmächtigen Toten, der Anspruch auf Verehrung hatte. Dabei musste er sich nicht unbedingt Verdienste erworben haben – von vielen antiken Heroen wird vielmehr moralisch durchaus Fragwürdiges berichtet:Sabine Behrenbeck: Heros/Heroismus. In: Christoph Auffarth, Jutta Bernard, Hubert Mohr (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 2, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, ISBN 978-3-476-02070-3, S. 28–31, S. 28–31, hier S. 28. Theseus soll seine Geliebte Ariadne allein auf einer Insel ausgesetzt haben, Herakles ermordete seine Frau und seine Kinder. Der griechische Dichter Hesiod nennt in seiner absteigenden Abfolge der Weltzeitalter als vorletztes ein „Zeitalter der Heroen“, in dem er die Epen um die Kriege um Theben und Troja verortet. Die dort aktiven Kämpfer platziert er zwischen Menschen und Götter: Er nennt sie Halbgötter () und berichtet, Zeus habe sie nach ihrem Tod alle auf die Inseln der Seligen versetzt. Im Sinne einer epischen Stilisierung bezeichnet Homer die menschlichen Akteure in der Ilias und der Odyssee als Heroen, auch wenn sie nicht kultisch verehrt wurden..
mini|Antiochos von Kommagene und Herakles reichen sich die Hand. Relief aus Arsameia am Nymphaios, 1. Jahrhundert v. Chr. Tatsächlich hatte fast jeder Heros ein Heroon, eine lokalisierbare Grabstätte, an der er kultisch verehrt wurde. So berichtet Pausanias, er habe das Grab des Theseus in der Gegend von Troizen besucht, Aktaion soll sein Heroon in der Megaris gehabt haben. Die so verehrten Heroen waren aber auch unheimlich und konnten sich aus ihren Gräbern erheben, um Gutes oder auch Böses zu tun. Das Heroenbild des Aktaion musste daher in seinem Heroon regelmäßig gefesselt werden. Viele dieser Gräber stammen aus mykenischer Zeit, für die kein Heroenkult nachweisbar ist. Das heißt, dass die im 8. Jahrhundert v. Chr. einsetzende Heldenverehrung an eine bloß imaginierte Vergangenheit ansetzte. Einige Heroen hatten auch mehrere Grabstätten, an denen sie verehrt wurden: Agamemnon zum Beispiel soll in Mykene und in Tarent begraben worden sein. Einige Heroen wie Herakles oder Asklepios erlangten panhellenische Bedeutung, was sie an die Götter annäherte oder direkt zu solchen machte.. Von geringerer Bedeutung waren die Heroinen: Sie waren oft namenlose Gefährtinnen eines Heros oder wie im Fall der Iphigenie in Brauron mit einem speziellen Frauenkult verbunden..
Bei den Feiern, die an diesen Heroa abgehalten wurden, erzählte man sich die Geschichten der Helden: Ihre besonderen Leistungen zum Beispiel als Gesetzgeber oder Städtegründer, ihre göttliche Abstammung, ihre Schönheit oder die außergewöhnlichen Umstände ihres Todes. Daraus entwickelten sich mit der Zeit die Epen und die Dramen der antiken Literatur, die teilweise bis heute überliefert sind.Sabine Behrenbeck: Heros/Heroismus. In: Christoph Auffarth et al. (Hrsg.): Metzler Lexikon Religion. Gegenwart – Alltag – Medien. Band 2, J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar 2005, S. 28–31, S. 28–31, hier S. 29. Im 4. Jahrhundert v. Chr. stellte der Philosoph Aristoteles in seiner Poetik Regeln für solche Dramen auf. Für den Helden einer Tragödie legte er fest, er müsse mittlere Charaktereigenschaften haben:
In seiner Nikomachischen Ethik nannte er als Gegenteil der tierischen Rohheit die „heroische […] Tugend“, die er aber am Beispiel des Hektor aus dem Trojanischen Krieg an die göttliche Sphäre annäherte, da „wie man sagt, aus Menschen durch ein Übermaß der Tugend Götter werden“.Aristoteles: Nikomachische Ethik. online beim Project Gutenberg VII, 1 Die Philosophenschule der Stoa formulierte als Ideal Apatheia und Ataraxie, Leidenschaftslosigkeit und Unverwirrtheit. Ein Held müsse demnach in Momenten der Gefahr emotionslos bleiben.Nicolai Schumann: Stoic Heroes. In: Scott T. Allison, James K. Beggan, George R. Goethals (Hrsg.): Encyclopedia of Heroism Studies. Springer Nature Switzerland, Cham 2024, S. 1972–1977, hier S. Diese Forderung gipfelte im Ideal des Stoischen Weisen, der seine Unbeeindruckbarkeit soweit gesteigert hätte, dass er selbst noch unter der Folter glücklich wäre.
Spätere Herrscher knüpften zur Legitimation ihrer Herrschaft an den Heroenkult an. Antiochos von Kommagene († vor 31 v. Chr.) etwa ließ sich beim Handschlag mit Herakles abbilden und verbreiten, seine Vorfahren würden ebenfalls bis auf Zeus zurückgehen.Heroen. In: Religion in Geschichte und Gegenwart. 4, Auflage, Band 3, Mohr Siebeck, 2001, Sp. 1678.
Im Alten Orient finden sich vergleichbare Heldengestalten, denen zum Teil große Verehrung entgegengebracht wurde. Beispiele hier sind Enmerkar, Lugalbanda und Gilgamesch aus Uruk oder der aus dem Tanach bekannte Simson.
Seit dem Hellenismus verbreitete sich die auf den griechischen Philosophen Euhemeros zurückgehende Deutung, in Wahrheit seien alle Götter ursprünglich Heroen gewesen, Menschen, die Besonderes vollbracht hätten und die dann kultisch verehrt worden seien.David Potter, Oliver Nicholson: Euhemerism. In: The Oxford Dictionary of Late Antiquity. Oxford University Press, Oxford 2018, kostenpflichtiges Digitalisat. Diese Annahme, die von den frühen Christen, vor allem aber seit der Aufklärung vielfach rezipiert wurde, drehte der deutsche Religionswissenschaftler Hermann Usener (1834–1905) um und stellte die These auf, dass „alle Heroen, deren Geschichtlichkeit nicht nachweisbar oder wahrscheinlich ist, ursprünglich Götter waren“.Hermann Usener: Götternamen: Versuch einer Lehre von der Religiösen Begriffsbildung. Bonn 1896, S. 255, zitiert nach Friedrich Pfister: Der Reliquienkult im Altertum. Verlag von Alfred Töpelmann (vormals J. Ricker), Gießen 1909, S. 239 f.
Das Lateinische hat keine eigene Vokabel für Held. Die Römer verwendeten entweder das griechische Fremdwort Heros oder sprachen von – „überaus tapferer Mann“.Held Subst m auf de.pons.com.
Mittelalter mini|Skulpturengruppe der neun guten Helden im Hansasaal des Kölner Rathauses