Der Ausdruck Atheologie bezeichnet atheistische oder religionskritische Positionen, welche die Geltungsansprüche von Religionen und Theologie insgesamt zurückweisen, so etwa in einem Buchtitel von Michel Onfray.Michel Onfray: Traité d’athéologie. Physique de la métaphysique. Verlag Grasset, Paris 2005; deutsche Ausgabe: Wir brauchen keinen Gott. Warum man jetzt Atheist sein muss. Piper, München, 2006 – Abweichende Verwendungen beziehen sich nur auf eine Einklammerung des Geltungsanspruchs von Theologie oder sonstige schwächere Thesen, so etwa bei Walter Benjamin, Jacques Derrida und anderen Autoren der jüngeren französischen Philosophie oder in diesbezüglicher Sekundärliteratur.
Zur Etymologie und Begriffsgeschichte Das im Wort A-theologie als Präfix der Negation vorangehende Alpha privativum „a-“ bezeichnet semantisch den Widerspruch zur Theologie: A-theologie ist der Antagonist, der Gegenbegriff zu Theologie.
Der griechisch-lateinische Ursprungsbegriff taucht bereits im Werk von Esdras Edzardus Collegii theologici in alma Universitate Rostochiensi Decanus, Doctores & Professores ad solennem panegyrin inauguralis disputationis Judaeorum et Socinianorum atheologiae oppositae, clarissimi (1656) auf. Auch Christoph Sonntag benutzt den Begriff in seiner Schrift O kartēsios antigraphos, tutesi ta tu kartēriu lēmmata pente atheologa kai aphilosopha (1712).Christoph Sonntag: O kartēsios antigraphos, tutesi ta tu kartēriu lēmmata pente atheologa kai aphilosopha, Kōlerios 1712
Der französische Philosoph und Soziologe Georges Bataille betitelte seine 1943 bis 1945 erschienene religionskritische Trilogie mit Somme athéologique in ironischer Anspielung auf Thomas von Aquins theologische Schrift Summa theologica. Breite öffentliche Bekanntheit erlangte der Begriff aber erst mit Michel Onfrays Buch Traité d’athéologie, das 2005 mit 200.000 verkauften Exemplaren in Frankreich zu einem Bestseller und auch in mehreren Übersetzungen ein Erfolg wurde.
Begriffserklärung Grundlage der Theologie ist der Glaube an die reale Existenz Gottes oder anderer Geisteswesen, der Glaube an eine Welt außerhalb der sichtbaren Welt, der Glaube an ein Jenseits. Dabei beruft sich der theologische Glaube auf göttliche Offenbarung und dogmatische Lehrsätze, an denen nicht zu zweifeln sei.
Die Atheologie als radikal-religionskritische Gegenspielerin der Theologie stützt sich hingegen vorwiegend auf rational-wissenschaftliche und / oder empirisch überprüfbare Erkenntnisse. Sie sieht Berufung auf göttliche Offenbarung und Formulierung dogmatischer Lehrsätze als „selbstfabrizierte Erkenntnissicherheiten“ an, als Strategien der Selbstimmunisierung gegen KritikSelbstimmunisierung gegen Kritik. Studienführer (Hans Albert) auf Wikibooks und weist deren Wahrheitsanspruch zurück, weil er mit der wissenschaftlichen Methodologie kritischer Prüfung unvereinbar sei: „Alle Sicherheiten in der Erkenntnis sind selbstfabriziert und damit für die Erfassung der Wirklichkeit wertlos“.Hans Albert: Traktat über praktische Vernunft. Tübingen 1991, ISBN 3-16-145710-2, S. 36 (Sollte dieser Satz Anspruch auf Wahrheit/Sicherheit haben, ist er selbstwidersprüchlich.) Aus atheologischer Sicht sind Götter, gute oder böse Geister, Gott und Teufel nichts anderes als Konstruktionen der menschlichen Phantasie ohne reale Existenz: fiktionale Figuren, literarische Gestalten.
Historischer Überblick atheologischer Denkansätze seit der Aufklärung Als Gegenposition zur Theologie steht die Atheologie in der Tradition der Aufklärung und in der Nachfolge radikaler Religionskritiker, wie zum Beispiel Ludwig Feuerbach, Max Stirner, Friedrich Nietzsche und Sigmund Freud.
So wird in der Atheologie mit Ludwig Feuerbach der alttestamentliche Satz: „So schuf Gott den Menschen nach seinem Bilde.“ (Genesis 1,27; vgl. Gottebenbildlichkeit) umgekehrt zu:
„Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“„Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel steht, sondern der Mensch schuf, wie ich im Wesen des Christentums zeigte, Gott nach seinem Bilde.“ Ludwig Feuerbach: Vorlesungen über das Wesen der Religion. Otto Wigand, Leipzig 1851, 20. Vorlesung, S. 241
Gott wird als personifizierter Begriff, Hypostasierung, als anthropomorphe Projektion illusionärer Wunscherfüllung verstanden, beispielsweise in der Wunschvorstellung der Versöhnung mit dem Tod, hinsichtlich eines umfassenden menschlichen Schutzbedürfnisses, aber auch als Garant und Urquell der Moral.
So hebt zunächst Feuerbach Gott als Subjekt auf, lässt die theologischen Prädikate jedoch bestehen und weist sie der Gattung Mensch zu. Das Wesen des Menschen wird von ihm als göttlich bestimmt: „Indem ich die Theologie zur Anthropologie erniedrige, erhebe ich vielmehr die Anthropologie zur Theologie, gleichwie das Christentum, indem es Gott zum Menschen erniedrigte, den Menschen zu Gott machte“.Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums. 1843 (Vorrede zur zweiten Auflage).
Bei Feuerbach bewahrt atheistische Ethik das Element der christlichen Nächstenliebe: „Homo homini Deus.“Ludwig Feuerbach: Das Wesen des Christentums. 1841, 28. Kapitel.– der Mensch ist der Gott des Menschen. Der oberste moralische Grundsatz lautet folglich: „Die Liebe des Menschen zum Menschen.“
Mit dem Tode der Gottesidee, dem Tode des „Jenseits außer Uns“, ist nun aber gleichzeitig auch Gott als Garant der Moral, des „Jenseits in Uns“,Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. 1845, Zweite Abteilung (Reclam, 1981, S. 170); Volltext OnLine. Nach der Beseitigung des „Jenseits außer Uns“ gelte es, um wirklich den viel beschworenen Ausgang aus der „Unmündigkeit“ zu schaffen, auch das „Jenseits in Uns“ zu beseitigen. Stirner versucht an verschiedenen Stellen das zu beschreiben, was er mit dem „Jenseits in Uns“ meint: in etwa das, was Freud später als Über-Ich bezeichnet hat, also eine psychische Instanz, die im Laufe des Erziehungsprozesses großteils unbewusst gebildet wird und später als Gewissen, als Komplex der Wert- und Moralvorstellungen, der (kulturellen) Identität etc. das Verhalten des Menschen reguliert. Stirner verwendet zur Bestimmung des Über-Ichs den Begriff des Heiligen. gestorben. Dies erkennt Max Stirner und begegnet in seinem Buch Der Einzige und sein Eigentum (1845) Feuerbachs Kritik der Religion und der christlichen Morallehre mit dem spöttischen Vorwurf: „Unsere Atheisten sind fromme Leute!“Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum Stirners radikalere Kritik kulminiert im ethischen Nihilismus, der grundsätzlichen Negation der Moral,Winfried Schröder: Moralischer Nihilismus: radikale Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche; Stuttgart: Reclam, 2005, S. 161 im individuellen Anarchismus, im ethischen Egoismusvgl. Max Stirner: Der Einzige und sein Eigentum. 1845, passim; Max Stirner: Recensenten Stirners. 1845. In: Max Stirner: Parerga, Kritiken, Repliken. Hrsg. v. Bernd A. Laska. Nürnberg 1986; S. 147–205, speziell S. 157ff: „Ich hab’ Mein Sach’ auf Nichts gestellt.“ „Mir geht nichts über Mich!“ „Fort denn mit jeder Sache, die nicht ganz und gar Meine Sache ist!“
Nach Stirners Ansicht meinte Feuerbach zu Unrecht, mit dem Tode Gottes und der Vergöttlichung des Wesens des Menschen das Projekt der Aufklärung bereits zu Ende gebracht zu haben. Feuerbach sei auf halbem Wege stehen geblieben, denn: „Den Guten sind sie los, das Gute ist geblieben.“
Es fehle der zweite Schritt: erst mit der „Befreiung von Moral“ sei das emanzipatorische Projekt der Aufklärung nach Immanuel Kant ganz vollendet, nämlich mit der Selbstbefreiung des Einzelnen von allen Fesseln. Kant hatte geschrieben: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“Immanuel Kant: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? 1784
Später modifiziert Friedrich Nietzsche Stirners Position, und Nietzsches Werk erzielte ab etwa 1900 mit den aphoristischen Formeln, wie etwa „Entwertung der obersten Werte“, „Umwertung aller Werte“, eine große Breitenwirkung. Alle Werte werden – ohne Rückgriff auf Metaphysik – als bloße Setzungen des Menschen verstanden:
„Und gar die Moral kritisieren, die Moral als Problem, als problematisch nehmen: wie? war das nicht – ist das nicht-unmoralisch? – Die Moral hat sich eben von jeher, so lange auf Erden geredet und überredet worden ist, als die grösste Meisterin der Verführung bewiesen – und, was uns Philosophen angeht, als die eigentliche Circe der Philosophen … Wir Immoralisten, wir Gottlosen von heute … In uns vollzieht sich, gesetzt, dass ihr eine Formel wollt, – die Selbstaufhebung der Moral.“Friedrich Nietzsche: Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile. 1887², S. 3f. (Vorrede)
Aufgabenfelder der Atheologie im 21. Jahrhundert Karl Marx schrieb 1844: „Für Deutschland ist die Kritik der Religion im wesentlichen beendigt.“Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. 1844. MEW Bd. 1, S. 378
Friedrich Nietzsche rief 1882 aus: „Gott ist tot!“Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft. la gaya scienza. Neue Ausgabe, Leipzig 1887, Drittes Buch, Aphorismus 125: Der tolle Mensch
Abendländische Philosophen befassten sich seit dem Zeitalter der Aufklärung in erster Linie mit Bibel- und Christentumskritik. Infolge der muslimischen Zuwanderung nach Europa – in größerem Umfang beginnend in den 1950er Jahren – gerät Korankritik unter Anwendung der historisch-kritischen Methode zunehmend ins Erkenntnisinteresse westlicher Theologen und Islamwissenschaftler.Inârah Institut zur Erforschung der frühen Islamgeschichte und des Korans, zur Etablierung der historisch-kritischen Methode in den Islamwissenschaften; „Inârah“ (arabisch für ‚Aufklärung‘)
Die Atheologie, welche im Anschluss an die Aufklärung Religionen nicht als Phänomene überirdischer Herkunft, sondern als Produkte der menschlichen Einbildungskraft, als mythenbildende Erzählungen (narrative Exegese) betrachtet, sieht sich vor neue Herausforderungen gestellt. Nach Michel Onfray fallen ihr insbesondere fünf religionskritische Hauptaufgaben zu:
Rekonstruktion der Philosophiegeschichte des Atheismus Die aufklärerische Religionskritik hat sich bisher vorwiegend mit Christentum und Judentum befasst. Aufklärerische Kritik am Islam wurde erst in jüngster Zeit aktuell. Aber nicht nur die drei monotheistischen Weltreligionen sind Gegenstand der Kritik, sondern die Religion generell, einschließlich der sogenannten politischen Religionen der jüngeren Geschichte. Michel Onfray, der 2005 in seinem Traité d’athéologie hauptsächlich die großen Weltreligionen angriff, lässt deshalb diesem Buch, das überraschend in mehreren Ländern ein Bestseller wurde, eine 6-bändige Contre-histoire de la philosophie folgen, eine „Gegengeschichte der Philosophie“, in der er den bisher vernachlässigten Strang atheistischen und hedonistischen philosophischen Denkens von der Antike bis in unsere Zeit darstellt.Michel Onfray: Contre-histoire de la philosophie. Teile 1–4. Grasset, Paris 2006/07
Dekonstruktion von Theologie und Metaphysik