mini|Studiogebäude in Moskau

RT (bis 2009 Russia Today) ist ein 2005 vom russischen Staat gegründetes und finanziertes Auslandsfernsehprogramm, das im Internet und per Satellitentranspondern verbreitet wird. Ihm wird gezielte Desinformation und Propaganda vorgeworfen. RT hatte 2012 weltweit etwa 2000 Mitarbeiter, der Hauptsitz befindet sich in Moskau. 2014 wurde mit RT DE ein deutschsprachiges Programmangebot ins Leben gerufen. Am 2. März 2022 trat ein Verbot jeglicher Übertragung von RT-Inhalten EU-weit in Kraft, um die „Verbreitung von Lügen“ über den russischen Überfall auf die Ukraine zu verhindern.

Die Regierung Biden warf RT am 14. September 2024 vor, sich in die souveränen Angelegenheiten von Ländern auf der ganzen Welt einzumischen. Man wisse inzwischen, dass RT Cyber-Fähigkeiten habe, sich an verdeckten Informations- und Beeinflussungsoperationen beteilige und Hand in Hand mit den russischen Streitkräften arbeite. RT agiere als ein direkter Arm der russischen Regierung.dw.com: USA verstärken den Druck auf den russischen TV-Sender RT

Geschichte mini|Margarita Simonjan führt Präsident Putin durch die RT-Sendezentrale (2013)

Zielsetzung und Anfänge Bereits vor dem Zweiten Weltkrieg gab es einen Verlag dieses Namens, der ab 1938 von London aus sowjetische Propaganda verbreitete.„Russia Today Society (London, England)“, LCAuth n86807341, abgerufen am 15. April 2023. Damals betrieben Stalin und sein Regime eine Terrorkampagne gegen eine Million Menschen. Die russische Regierung (2002 bis 2008 und seit 2012 unter Präsident Putin) gründete RT am 6. April 2005 im Zuge einer Medienoffensive zur Verbesserung des Russland-Bildes im Ausland.Julian Evans: Spinning Russia. In: Foreign Policy, 1. Dezember 2005. Beraten wurde die Leiterin Margarita Simonjan von britischen Medienexperten, mit dem Ziel, die Sendungen nach dem Modell von CNN und BBC zu gestalten. RT will laut eigener Aussage die „russische Sichtweise“ auf das internationale Geschehen darstellen und ein Gegengewicht zu „westlichen Medien“ sein. (Volltext hinter Paywall) Kritiker betrachten den Sender als Auslands-Propagandakanal der russischen Regierung. Putin sagte 2013 rückblickend zu den Motiven der Gründung von RT zu Margarita Simonjan: „Als wir im Jahre 2005 dieses Projekt entwickelten, wollten wir einen neuen starken Akteur auf Weltebene einführen, einen Player, der nicht nur eine unvoreingenommene Sichtweise der Geschehnisse in Russland bieten würde, sondern auch […] versuchen würde, das angelsächsische Monopol über den globalen Informationsfluss zu brechen. Und es scheint mir, dass euch das gelingt.“

Die Idee eines neuen Auslandsfernsehsenders wird dem damaligen Minister für Kommunikation und Medien, Michail Lessin, und Putins damaligem Pressesprecher Alexei Gromow zugeschrieben, die beide ein „verzerrtes und voreingenommenes Russlandbild“ ausländischer Journalisten beklagten, aber erst mit der Regierung Putin die Möglichkeit der Verwirklichung ihres Plans sahen. Lessin sagte, es sei wichtig, Russlands Bären-Image aufzupolieren. Er schrecke nicht vor dem Wort „Propaganda“ zurück; es sei erforderlich, für Russland international zu werben, um nicht auszusehen „wie Bären, die brüllend umherschweifen“. „Ich schrecke schon lange nicht mehr vor dem Wort Propaganda zurück“, sagte er. „Wir müssen international für Russland werben. Sonst sehen wir aus wie Bären, die brüllend umherschweifen.“

Mit Hilfe der staatlichen Nachrichtenagentur RIA Novosti wurde am 6. April 2005 die staatliche Dachorganisation „TV-Novosti“ gegründet, zu der Russia Today gehört. Zu Beginn sagte die Direktorin von RIA Novosti Svetlana Mironyuk: „Leider wird Russland auf der Ebene des Massenbewusstseins im Westen nur mit drei Worten assoziiert: Kommunismus, Schnee und Armut. (…) wir würden gerne ein vollständigeres Bild des Lebens in unserem Land vermitteln.“ Russia Today ging nach dreimonatiger Probephase am 10. Dezember 2005 in englischer Sprache auf Sendung.Marcel H. Van Herpen: Putin’s Propaganda Machine: Soft Power and Russian Foreign Policy. Rowman & Littlefield, Lanham 2015, ISBN 978-1-4422-5362-9, S. . Zum Sendebeginn beschäftigte der Kanal 300 Journalisten, unter ihnen etwa 70 ausländische Mitarbeiter. Zur Chefredakteurin wurde die damals 25-jährige Journalistin Margarita Simonjan ernannt. Sie hatte zuvor als Reporterin des Staatssenders Rossija 1 gearbeitet und gehörte 2011 zu Putins Wahlkampfteam.Katja Gloger: Putins Welt: Das neue Russland, die Ukraine und der Westen. Berlin Verlag, München 2015, ISBN 978-3-8270-7854-4, S. Nach seiner Gründung 2005 sendete RT vor allem positive Nachrichten über Russland. In den ersten vier Jahren wurden Ereignisse und Personen aus der russischen und sowjetischen Geschichte in einem positiven Licht dargestellt; 2007 zeigte der Sender etwa Josef Stalin mit einer Feder in der Hand und beschrieb ihn als Autor romantischer Gedichte.

Neuorientierung RT erregte im Jahr 2008 weltweite Aufmerksamkeit für seine Berichterstattung über den Ossetienkrieg,David Weigel: Pravda Will Set You Free; Russia’s answer to Fox News and MSNBC. In: Slate, 27. Juni 2011. weil es behauptete, Georgien wäre der Aggressor und die separatistischen Regierungen von Südossetien und Abchasien würden von russischen Truppen beschützt.Charles King: Clarity in the Caucasus? In: Foreign Affairs, 11. Oktober 2009. Margarita Simonjan behauptete, RT sei das einzige englischsprachige Medium, das die andere Seite der Geschichte darstellte – die südossetische.

Nach dem Kaukasuskrieg 2008 änderte RT seine Vorgehensweise grundlegend: Der Schwerpunkt lag nun nicht mehr auf der Darstellung Russlands in der Welt, die in einer Inhaltsanalyse der BBC als unauffällig beurteilt wurde, sondern in der Vertretung der Außenpolitik Russlands gegenüber der Berichterstattung anderer Länder und die Kritik der Politik dieser Länder. Simonjan behauptete, die russische Sicht auf den Krieg wäre in der internationalen Berichterstattung zu kurz gekommen. Die Thematik wechselte vom Positiven aus Russland zu negativen Nachrichten über das Ausland; die Strategie von der vorherigen positiven Soft-Power zu einer „raschen, andauernden und repetitiven Propaganda“, die keinen Anspruch auf Konsistenz habe. Sie „unterhalte, sie verwirre und sie überwältige die Zuschauer“, so die Autoren der RAND Corporation im Jahr 2016.The Russian “Firehose of Falsehood” Propaganda Model (PDF; 177 kB). Rand Corporation, 2016. Schon 2008 waren „Fake-News“ laut NZZ eine der „erkennbaren redaktionellen Strategien des Senders“.Der lange Arm des Kremls. NZZ, 25. November 2017. Nun wurde vorrangig über Proteste, Konflikte und soziale Missstände aus Westeuropa und den USA berichtet.Marcel H. Van Herpen: Putin’s Propaganda Machine: Soft Power and Russian Foreign Policy. Verlag Rowman & Littlefield, 2015, ISBN 978-1-4422-5362-9, S. 72.Claudia von Salzen: RT Deutsch: Stimmungsmacher für Wladimir Putin. In: Der Tagesspiegel, 22. Dezember 2014. Berichterstattung über Russland kommt kaum vor.24-hour Putin people: my week watching Kremlin ‘propaganda channel’ RT. In: The Guardian, 29. November 2017: “But Russia barely figures in RT’s coverage.” Dabei „prangert RT die Doppelzüngigkeit westlicher Politik an und stellt deren Werte in Frage“, so Reporter ohne Grenzen. Bei der Neuorientierung griff Simonjan erneut auf die Hilfe des Werbeexperten McCann zurück, von dem auch der neue Werbeslogan stammte: Question more (Stelle mehr Fragen, stelle mehr in Frage). Der Sender suche sich gezielt Themen auch vom rechten Spektrum aus, die den Mainstream und die Europäische Union schwächen, so der Russland-Experte Stefan Meister von der Gesellschaft für Auswärtige Politik.

Während der Wirtschaftskrise 2008 beschloss die russische Regierung unter Ministerpräsident Wladimir Putin, TV-Novosti auf ihre Liste von Kernorganisationen mit strategischer Bedeutung zu setzen. Im Zuge dieser Entwicklung und um in den Vereinigten Staaten ein größeres Publikum zu erreichen, strich RT das Wort Russland aus dem Namen. Der seit dem Start 2005 verwendete Name „Russia Today“ wurde 2009 durch das Kürzel „RT“ ersetzt, das in der Folge als Logo in sämtliche Sprachversionen übernommen wurde. Simonjan bestritt, dass mit der Namensänderung der russische Hintergrund verborgen werden sollte; die Änderung des Logos sollte mehr Zuschauer anziehen, die nicht nur den ganzen Tag Nachrichten über Russland sehen wollten.Nikolaus von Twickel: In: The Moscow Times, 17. März 2010. Abgerufen am 3. Februar 2015 (englisch). Im Mai 2013 übernahm der frühere CNN-Talkmaster Larry King eine Talkshow auf RT.

Simonjan bezeichnete 2013 den Sender als „Verteidigungsministerium“ des Kremls. Ein Auslandssender sei ihrer Ansicht nach in Friedenszeiten „nicht unbedingt nötig. Aber im Krieg kann er entscheidend sein. Eine Armee gründet man ja auch nicht erst eine Woche vor Kriegsbeginn“, so Simonjan. Russia Today solle als Verstärker der Selbstzweifel der Europäer und Amerikaner wirken, so Benjamin Bidder 2013.Gemma Pörzgen: „Soft Power“ und Imagepflege aus Moskau: Leichtes Spiel für PR-Offensive in der Medienkrise, Osteuropa, Band 64, Heft 1 Im Namen des Volkes: Revolution und Reaktion (JANUAR 2014), S. 63–88 Laut NZZ wurden die für RT arbeitenden Journalisten schon 2010 auf unbedingte Kreml-Loyalität geprüft.Köppel macht sich zum Sprachrohr Putins. NZZ am Sonntag, 8. Januar 2022.

Betriebseinstellungen und Ausstrahlungsverbote Kanal SendestartSendestopp Sprache RT International style="text-align:right;" Englisch Rusiya Al-Yaum style="text-align:right;" Arabisch RT Actualidad style="text-align:right;" Spanisch RT America style="text-align:right;" März 2022 Englisch RT Documentary style="text-align:right;" Russisch undEnglisch RT UK style="text-align:right;" März 2022 Englisch RT Françe style="text-align:right;" März 2022 Französisch RT Deutsch (Webportalmit Informationssendung) style="text-align:right;" Deutsch

Im Jahr 2007 kamen eine arabische (Rusiya Al-Yaum) und 2009 eine spanische Programmversion (RT Actualidad) hinzu. Die 2007 initiierte arabische Version trug ursprünglich den Namen Rūsiyā al-Yaum (روسيا اليوم, arabisch für „Russland heute“) und verwendet die englische Bezeichnung „RT Arabic“. Der spanische Programmname war von Anfang an nicht eindeutig russlandbezogen, hier startete der Sender 2009 unter dem Namen „RT Noticias“ (Spanisch für „RT Nachrichten“) und heißt „RT en Español“ („RT auf Spanisch“). Diese Kanäle senden ein paralleles Programm zur englischsprachigen Version von RT International. Am 23. Juni 2011 ging auch der Kanal RT Д (das kyrillische Д entspricht dem lateinischen D) auf Sendung, der Dokumentationen und Reportagen über Russland und globale Themengebiete in russischer und englischer Sprache ausstrahlt und ein Themenspektrum bietet, das Kultur, Technologie, Kunst, Geschichte, Extremsport und Politik umfasst.

Von 2009 bis 2013 stellte RT einen Teil seiner Inhalte kostenlos fremden Sendern zur Verfügung und ermunterte internationale Medien, diese Inhalte in ihr Programm zu integrieren. Auf der RT-Website konnten Filmaufnahmen für Eigenproduktionen, fertig produziertes Material, Meinungen von Experten und RT-Korrespondenten übersetzt in Englisch, Arabisch, Spanisch und Russisch heruntergeladen werden. 2012 engagierte der Sender 100 neue Mitarbeiter und gründete die Nachrichtenagentur Ruptly mit Sitz in Berlin, die Videos und Liveberichte von aktuellen Ereignissen zu besonders günstigen Preisen zum Kauf anbietet.Christoph Lanz: In: Berliner Zeitung, 14. Dezember 2012. Zapp, 11. September 2013. Etwa ein Jahr nach der Gründung von Ruptly wurde das Gratis-Angebot für den Bezug von Inhalten durch andere Sender eingestellt.

Am 2. März 2022 trat das Verbot jeglicher Übertragung von RT-Inhalten EU-weit in Kraft, um die „Verbreitung von Lügen“ über den russischen Überfall auf die Ukraine zu verhindern.

RT America (eingestellt)