mini|Otto Fischbeck, um 1929
Otto Fischbeck (* 28. August 1865 in Güntershagen, Kreis Dramburg; † 23. Mai 1939 in Berlin) war ein deutscher linksliberaler Politiker (Freisinnige Volkspartei, Fortschrittliche Volkspartei, DDP). Er war im Kaiserreich von 1895 bis 1903 und von 1907 bis 1918 Mitglied des Reichstages. Von Oktober 1918 bis November 1921 war er Preußischer Handelsminister. Nach der Novemberrevolution gehörte Fischbeck 1919/20 der Weimarer Nationalversammlung an, von 1924 bis 1930 war er erneut Reichstagsabgeordneter.
Leben und Wirken Otto Fischbeck, Sohn eines Landwirts aus Hinterpommern, besuchte das Gymnasium in Stendal. Anschließend studierte er von 1885 bis 1889 Staatswissenschaften und Nationalökonomie an den Universitäten Greifswald und Berlin. Während seines Studiums und darüber hinaus wurde er Mitglied verschiedener Burschenschaften des Allgemeinen Deutschen Burschenbundes bzw. später der Deutschen Burschenschaft: Burschenschaft Neogermania Berlin (1885), Burschenschaft Arminia Greifswald (1887),Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 118. Burschenschaft Arminia Kiel,Georg Schwartzer (Hrsg.): Adreßbuch des Allgemeinen Deutschen Burschenbundes. Stand vom 1. August 1919, Max Schlutius, Magdeburg 1919, S. 41. Burschenschaft Hansea Hamburg (1935).Helmut Kraussmüller und Ernst Anger: Die Geschichte des Allgemeinen Deutschen Burschenbundes (ADB) 1883–1933 und das Schicksal der ehemaligen ADB-Burschenschaften. Gießen 1989 (= Historia Academica, Heft 28), S. 100.
Nach dem Studium leistete er 1889/90 Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger. Aus der Liste der Reserveoffiziersanwärter wurde er nach eigenen Angaben wegen seiner freisinnigen Gesinnung gestrichen. Von 1890 bis 1895 arbeitete Fischbeck als Syndikus der Bielefelder Handelskammer, anschließend bei der Papierverarbeitungs-Genossenschaft Berlin.
In Bielefeld wurde Fischbeck 1893 zum Stadtverordneten gewählt. Bei einer Ersatzwahl im rheinländischen Wahlkreis Lennep-Mettmann nach dem Ausscheiden des bisherigen Abgeordneten Carl Meist (SPD) wurde Fischbeck 1895 für die Freisinnige Volkspartei erstmals in den Reichstag gewählt. Er behielt dieses Mandat auch bei der nächsten regulären Wahl 1898, verfehlte aber bei der Reichstagswahl 1903 die Wiederwahl. Er wurde stattdessen im selben Jahr in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt, dem er bis 1913 angehörte.Bernhard Mann (Bearb.): Biographisches Handbuch für das Preußische Abgeordnetenhaus. 1867–1918. Mitarbeit von Martin Doerry, Cornelia Rauh und Thomas Kühne. Droste, Düsseldorf 1988 (= Handbücher zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Bd. 3), S. 130. 1907 wurde er im schlesischen Wahlkreis Liegnitz 6 (Liegnitz – Goldberg-Haynau) erneut in den Reichstag gewählt und konnte dieses Mandat bis zum Ende des Kaiserreiches 1918 verteidigen.Kaiserliches Statistisches Amt (Hrsg.): Statistik der Reichstagswahlen von 1907. Puttkammer & Mühlbrecht, Berlin 1907 (= Sonderveröffentlichung zu den Vierteljahresheften zur Statistik des Deutschen Reiches), S. 82; zur Reichstagswahl 1912 siehe Kaiserliches Statistisches Amt (Hrsg.): Die Reichstagswahlen von 1912. Heft 2. Puttkammer & Mühlbrecht, Berlin 1913 (= Statistik des Deutschen Reichs, Bd. 250), S. 88.
Fischbeck war seit deren Gründung 1910 Mitglied der linksliberalen Fortschrittlichen Volkspartei, deren Vorsitzender er gegen Ende des Kaiserreichs wurde. Von 1910 bis 1912 war er Vorsitzender der FVP-Fraktion im Reichstag. Als Nachfolger von Karl Steiniger wurde Fischbeck am 1. April 1918 Verbandsdirektor des Verbands Groß-Berlin, einer Verwaltungsgemeinschaft der Stadt Berlin und ihrer seit der Industrialisierung rapide gewachsenen Vorstädte und Umlandgemeinden. Dieses Amt legte er nach seiner Ernennung zum preußischen Handelsminister am 6. November 1918 nieder.Verbandsdirektor, Oberbeamte und Verbandsverwaltung. In: Verband Groß Berlin: Verwaltungsbericht für die Zeit des Bestehens des Verbandes vom 1. April 1912 bis 30. September 1920. Berlin 1920, S. 13, abgerufen am 24. September 2021.
Im Zuge der Oktoberreformen wurde Fischbeck noch in den letzten Wochen der Monarchie am 5. Oktober 1918 zum preußischen Minister für Handel und Gewerbe ernannt. Als einziges Mitglied der vorrevolutionären Staatsregierung blieb er auch nach der deutschen Revolution im folgenden Monat im Amt. Dem preußischen Revolutionskabinett unter Paul Hirsch (SPD), das am 12. November 1918 die Regierung übernahm, gehörte Fischbeck als einziges Mitglied einer nicht-sozialistischen Partei an.
In der Zeit der Novemberrevolution verhandelte Fischbeck 1918 für die Fortschrittlichen mit Gustav Stresemann von der Nationalliberalen Partei über eine Fusion und damit den Zusammenschluss aller liberalen Kräfte im Deutschen Reich. Die Verhandlungen scheiterten an den Vorbehalten vieler Fortschrittlicher gegenüber Gustav Stresemann, der im Ersten Weltkrieg für Annexionen eingetreten war. Fischbeck beteiligte sich daraufhin an der Gründung der Deutsche Demokratische Partei (DDP), die im Wesentlichen eine Fortsetzung der linksliberalen FVP, erweitert um wenige Nationalliberale, war.
Fischbeck gehörte 1919/20 der Weimarer Nationalversammlung an. Auch in den anschließenden parlamentarisch gestützten Landesregierungen unter der Sozialdemokraten Hirsch und Otto Braun sowie des Zentrumpolitikers Adam Stegerwald blieb Fischbeck preußischer Handelsminister. Nach der zweiten Wahl Otto Brauns am 7. November 1921 schied er dann aus dem Kabinett aus. Von 1921 bis 1924 war er Landtagsabgeordneter in Preußen. Schließlich war er 1928 bis 1930 erneut Reichstagsabgeordneter.
mini|Das Grab von Otto Fischbeck und seiner Ehefrau Martha geborene Runge auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Berlin Im Jahre 1924 erhielt Fischbeck den Ehrentitel Stadtältester von Berlin.
Otto Fischbeck starb 1939 im Alter von 74 Jahren in Berlin. Sein Grab befindet sich auf dem Luisenstädtischen Friedhof in Berlin-Kreuzberg (Feld 10 A).Hans-Jürgen Mende: Lexikon Berliner Grabstätten. Haude & Spener, Berlin 2006, S. 78.
Siehe auch Kabinett Hertling (Preußen) Kabinett Hirsch Kabinett Braun I Kabinett Stegerwald
Literatur
Helge Dvorak: Biographisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I: Politiker. Teilband 2: F–H. Winter, Heidelberg 1999, ISBN 3-8253-0809-X, S. 28–29. Karin Jaspers, Wilfried Reininghaus: Westfälisch-lippische Kandidaten der Januarwahlen 1919. Eine biographische Dokumentation (= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Westfalen, Neue Folge, Band 52). Aschendorff, Münster 2020, ISBN 978-3-402-15136-5, S. 68.
Weblinks
Einzelnachweise
Kategorie:Reichstagsabgeordneter (Deutsches Kaiserreich) Kategorie:Mitglied der Weimarer Nationalversammlung Kategorie:Reichstagsabgeordneter (Weimarer Republik) Kategorie:Mitglied des Preußischen Landtags (Freistaat Preußen) Kategorie:Landesminister (Preußen) Kategorie:Stadtältester von Berlin Kategorie:Mitglied der Fortschrittlichen Volkspartei Kategorie:Mitglied der Freisinnigen Volkspartei Kategorie:DDP-Mitglied Kategorie:Burschenschafter (19. Jahrhundert) Kategorie:Deutscher Kategorie:Geboren 1865 Kategorie:Gestorben 1939 Kategorie:Mann