mini|Osterwieck um 1641 mini|Blick auf Osterwieck mini|Osterwieck, Luftaufnahme 2014 mini|Rathaus von Osterwieck mini|Reichverzierte Hausfassaden in der Neukirchenstraße mini|Ehemaliges Brauhaus und Gasthaus „Zur Rose“ (1610)
Osterwieck ist eine Stadt im Landkreis Harz in Sachsen-Anhalt (Deutschland). Die Stadt liegt am Südhang des Großen Fallsteins und am rechten Ufer der Ilse. Sie ist die westlichste Gemeinde Sachsen-Anhalts.
Geschichte Der weithin tradierten offiziellen Legende zufolge wurde der Ort erstmals erwähnt, als Karl der Große 780 in seinen Feldzügen gegen die heidnischen Sachsen die Oker überschritt und „an dem Orte Saligenstede“Gemeindebroschüre, abgerufen am 20. Mai 2013 eine Kirche gründete. Diese erste Kirche soll dem heiligen Stephanus gewidmet gewesen sein und zum Sitz eines Missionszentrums geworden sein, zu dessen Leiter angeblich Hildegrim ernannt wurde. Hildegrim ist aber für 796 als Diakon bezeugt und wurde erst 803 Bischof von Chalons. Das Missionszentrum soll dann um 804 von Seligenstadt nach Halberstadt verlegt worden sein.
Neueren Forschungen zufolge beruht dieser Gründungsmythos auf den Gesta episcoporum Halberstadensium, deren Stufe „H“ während der letzten Jahre des Episkopats Bischof Hildewards verfasst wurde. Als Verfasser wird ein Hildeward naher Geistlicher angenommen, wobei es Indizien gibt, dass der Bischof möglicherweise selbst Anteil an den Chroniken hatte. Aus der Textanalyse geht hervor, dass die Darstellung des 10. Jahrhunderts auf den mündlich tradierten Erinnerungen der Bischöfe beruht, während es für das 8. und 9. Jahrhundert keine Überlieferungen gab und der Verfasser die Chronik ausschmückte, um die Bedeutung des Bistums Halberstadt zu überhöhen.
974 gab Kaiser Otto II. dem Bistum „Münze und Zoll in Seligenstadt“. Die Urkunde vom 1. April 974 wurde zur Grundlage für die 1000-Jahr-Feier 1974. Otto II. verlieh dem Ort auch das Markt- und Verkehrsrecht (mercatus), ferner wurde er zur ältesten Münzstätte im Bistum Halberstadt. Zollfreiheit und das Recht, Zölle zu erheben, waren weitere bedeutende Privilegien. Der Ort wurde als Ostrewic, dann als „gemeiniglich Asterwiek“ bezeichnet. Der neue Name tritt schriftlich erstmals 1073 in einem Brief des Erzbischofs Liemar von Bremen an die Bischöfe Hezilo von Hildesheim und Burchard II. von Halberstadt auf. Darin geht es um seine Fehde mit dem Bischof von Verden und Graf Hermann von Lüneburg.
Angeblich brannte die Stadt 1511 fast völlig ab, doch gibt es hierzu keinerlei schriftliche Belege. In dem seit 1353 geführten Stadtbuch hat der Osterwiecker Stadtschreiber zwar eine große Wasserflut für das Jahr 1495 notiert, doch über einen verheerenden Brand von 1511 wird nicht berichtet. Anzunehmen ist, dass es zwar einzelne Brände gab, doch dass die Stadt niemals ganz abgebrannt ist. Viele der in der darauf folgenden Zeit errichteten Häuser überstanden aber die nachfolgenden Feuersbrünste, zuletzt 1844, als rund 30 Häuser vernichtet wurden. Der Kern der Innenstadt wurde bereits in den 1970er Jahren saniert: 100 Häuser standen unter Denkmalschutz, inzwischen ist die gesamte Stadt mit ihren insgesamt 400 Fachwerkhäusern geschützt. Neben der nur zehn Kilometer entfernten Partnerstadt Hornburg gehört die knapp 4000 Einwohner zählende Gemeinde heute zu den schönsten Fachwerkstädten Deutschlands. Die Stadt weist ein fast vollständig geschlossenes Innenstadtensemble sämtlicher niedersächsischer Fachwerkstile aus 500 Jahren auf: der Niedersächsische Stil bietet Flechtbänder und Schiffskehlen, zur Zeit der Renaissance waren neben lateinischen Versen unentwirrbare Zauberknoten, Runen und Lebensbäume die Mode. Dass die gemeinsame niedersächsische Fachwerkstradition verbindet, zeigt die offizielle Aufnahme von Osterwieck und Wernigerode in die Deutsche Fachwerkstraße, deren Verlauf bereits so bedeutende Orte wie Celle, Quedlinburg und Goslar einschloss.
Im 18. und 19. Jahrhundert spielte die Handschuhindustrie in Osterwieck eine große Rolle. Nach der Wende schlossen die meisten Betriebe ihre Tore, lediglich die Lackfarbenfabrik wird noch betrieben. Große Hoffnung verbindet sich jetzt mit dem Fremdenverkehr.
Von 1952 bis 2007 lag Osterwieck im Kreis Halberstadt (1952 bis 1990 im DDR-Bezirk Magdeburg, dann im Land Sachsen-Anhalt). Seit der Kreisreform 2007 gehört die Stadt zum Landkreis Harz.
Eingemeindungen Am 1. Januar 2010 schlossen sich die sieben Mitgliedsgemeinden der Verwaltungsgemeinschaft Osterwieck-Fallstein, die Gemeinden Aue-Fallstein, Berßel, Bühne, Lüttgenrode, Rhoden, Schauen, Wülperode, und die Stadt Osterwieck zur neuen Stadt Osterwieck zusammen.StBA: Gebietsänderungen vom 01. Januar bis 31. Dezember 2010 Die früheren Gemeinden – bei Aue-Fallstein die Ortschaften dieser GemeindeStBA: Änderungen bei den Gemeinden Deutschlands, siehe 2003 – wurden zu Ortschaften von Osterwieck. Die Fläche der Stadt vergrößerte sich von 22,05 km² auf 212,67 km², die Einwohnerzahl von 3.735 auf 12.348 (Stand: 31. Dezember 2008).
Ehemalige Gemeinde Datum Anmerkung Aue-Fallstein 1. Januar 2010 Berßel 1. Januar 2010 Bühne 1. Januar 2010 Dardesheim 11. September 2003 Zusammenschluss mit sechs weiteren Gemeinden zu Aue-Fallstein Dreirode 1. September 1990 Umbenennung in Wülperode Deersheim 11. September 2003 Zusammenschluss mit sechs weiteren Gemeinden zu Aue-Fallstein Göddeckenrode 1. Juli 1950 Zusammenschluss mit Suderode und Wülperode zu Dreirode Hessen 11. September 2003 Zusammenschluss mit sechs weiteren Gemeinden zu Aue-Fallstein Hoppenstedt 1. Juli 1950 Eingemeindung nach Bühne Lüttgenrode 1. Januar 2010 Osterode am Fallstein 11. September 2003 Zusammenschluss mit sechs weiteren Gemeinden zu Aue-Fallstein Rhoden 1. Januar 2010 Rimbeck 1. Juli 1950 Eingemeindung nach Bühne Rohrsheim 11. September 2003 Zusammenschluss mit sechs weiteren Gemeinden zu Aue-Fallstein Schauen 1. Januar 2010 Stötterlingen 1. Juli 1973 Eingemeindung nach Lütgenrode Suderode 1. Juli 1950 Zusammenschluss mit Göddeckenrode und Wülperode zu Dreirode Veltheim 11. September 2003 Zusammenschluss mit sechs weiteren Gemeinden zu Aue-Fallstein Wülperode 1. Juli 19501. September 19901. Januar 2010 Zusammenschluss mit Göddeckenrode und Suderode zu Dreirode,Umbenennung von Dreirode,Eingemeindung nach Osterwieck Zilly 11. September 2003 Zusammenschluss mit sechs weiteren Gemeinden zu Aue-Fallstein
Bevölkerung Jahr Einwohner 1589 4.000 1640 1.000 1759 1.250 1804 2.505 1828 2.970 1837 3.104 Jahr Einwohner 1880 4.038 1895 6.378 1916 4.368 1931 5.518 1946 6.081 1958 5.858 Jahr Einwohner 1990 4.546 2005 3.876 2010 12.032 2015 11.292 2020 11.016 Jahr Einwohner 2021 11.012 2022 11.247 2023 11.120 2024 11.045 2025 10.949
ab 1990: Stand: 31. Dezember des jeweiligen Jahres (Angaben des Statistischen Landesamtes Sachsen-Anhalt), ab 2011 auf Basis des Zensus 2011, ab 2022 auf Basis des Zensus 2022
Der starke Anstieg der Einwohnerzahl zwischen 2005 und 2010 ist auf Eingemeindungen zurückzuführen.
Politik Stadtrat Der Stadtrat von Osterwieck besteht entsprechend der Einwohnerzahl der Stadt aus 28 Mitgliedern und dem Bürgermeister.Kommunalverfassungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt, § 37 Die Kommunalwahl am 9. Juni 2024 führte bei einer Wahlbeteiligung von 66,7 % zu folgendem Ergebnis:Ergebnis der Kommunalwahl am 9. Juni 2024
Partei / Wählergruppe Stimmenanteil2019Ergebnis der Kommunalwahl am 26. Mai 2019 Sitze2019 Stimmenanteil2024 Sitze2024 CDU 21,8 % 6 22,4 % 6 AfD 7,8 % 1 18,3 % 4 Bürger unseres Kreises ohne Parteibuch e.V. (BUKO) 12,3 % 3 . 3 Die Linke 9,2 % 2 5,1 % 2 Wählergemeinschaft Lüttgenrode - Stötterlingen – – . 2 SPD 7,5 % 2 3,6 % 1 Bündnis 90/Die Grünen 4,6 % 1 2,8 % 1 Wählergemeinschaft Deersheim 5,6 % 2 . 1 Wählergemeinschaft Förderverein Dardesheim 5,2 % 2 . 1 Wählergemeinschaft Berßel 4,7 % 1 . 1 Aktive Bürger 4,4 % 1 . 1 Bürgerinitiative Zilly 4,0 % 1 . 1 Aktiv für Rhoden 3,4 % 1 . 1 Wählergemeinschaft Veltheim 3,0 % 1 . 1 Interessengemeinschaft Osterwieck (IGO) 2,7 % 1 . 1 Wählergemeinschaft Rimbeck, Bühne, Hoppenstedt 2,8 % 1 . – Einzelbewerber René Kröber 1,1 % – – – Insgesamt 100 % 26 100 % 27
Bei der Wahl 2019 entfielen auf die Linke drei, auf die AfD zwei Sitze, von denen jeweils einer unbesetzt blieb, weil die Parteien nur zwei bzw. einen Kandidaten nominiert hatten.
Bei der Wahl 2024 entfielen auf die AfD fünf Sitze, von denen einer unbesetzt bleibt, weil die Partei nur vier Kandidaten nominiert hatte.
2024 wurden drei Fraktionen gebildet, sie haben folgende Stärke: 9er Fraktion (CDU / SPD / Interessengemeinschaft Osterwieck / Wählergemeinschaft Berßel): 9 Sitze Freie Fraktion (Linke / Grüne / übrige Wählergemeinschaften): 14 Sitze AfD-Fraktion: 4 Sitze
Die starke Präsenz der Wählergemeinschaften lässt sich aus der Repräsentation der einzelnen Ortsteile erklären. Nahezu jede Ortschaft ist zur Wahl mit einer eigenen Liste angetreten, um so ein gewisses Mitspracherecht sicherzustellen.
Bürgermeister 2009–2021: Ingeborg Wagenführ (parteilos) seit 2021: Dirk Heinemann (SPD)
Wagenführ wurde am 23. Oktober 2016 mit 67,1 % der gültigen Stimmen in ihrem Amt bestätigt.Ergebnis der Bürgermeisterwahl am 23. Oktober 2016 Sie wurde 2021 in den Ruhestand versetzt und trat deshalb von ihrem Amt zurück.
Heinemann wurde am 26. September 2021 mit 60,9 % der gültigen Stimmen zu ihrem Nachfolger gewählt.Ergebnis der Bürgermeisterwahl am 26. September 2021 Seine Amtszeit beträgt sieben Jahre.Kommunalverfassungsgesetz des Landes Sachsen-Anhalt, § 61
Wappen Die Farben der Stadt Osterwieck sind Silber (Weiß) und Rot.
Wappen des Ortsteils Osterwieck
Flagge Die Flagge ist rot-weiß (1:1) gestreift (Längsform: Streifen senkrecht verlaufend) und mittig mit dem Wappen der Einheitsgemeinde Stadt Osterwieck belegt.
Flagge des Ortsteiles Die Flagge ist rot-weiß (1:1) gestreift mit dem mittig aufgelegten Stadtwappen.
Städtepartnerschaften Partnerschaften bestehen mit dem unmittelbar benachbarten, doch jahrzehntelang durch die innerdeutsche Grenze getrennten Hornburg (heute Ortsteil der Gemeinde Schladen-Werla) in Niedersachsen und den Gemeinden Ardouval, Les Grandes-Ventes, Lisses und Saint-Hellier in Frankreich. Die Jumelage mit Lisses wurde 1995 von Aue-Fallstein begründet, das 2010 zu Osterwieck kam.
Sehenswürdigkeiten und Kultur Eine Auflistung aller denkmalgeschützten Gebäude der Stadt finden sich in der Liste der Kulturdenkmale in Osterwieck, eine Auflistung der Bodendenkmale in der Liste der Bodendenkmale in Osterwieck.
Kirchen mini|Altar von St. Stephani von 1484
Die heutige Kirche St. Stephani ist neben der kleineren Nikolaikirche eine der beiden ältesten Kirchen von Osterwieck. Sie war stark verfallen, wurde aber nach umfangreicher Renovierung neu eröffnet. Ihre beiden 53 und 54 Meter hohen Türme stammen aus der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Die Turmspitzen wurden im 16. Jahrhundert hinzugefügt; die Türme wurden 1983 neu mit Schiefer gedeckt. Das Westwerk der Kirche ist romanischen Ursprungs, während der Chor noch im Jahr vor der Reformation, 1516, umgebaut wurde. Dazwischen liegt das Langhaus, dessen Vorgänger, durch Hochwasser und Alter baufällig geworden, 1552–1557 erneuert wurde. Dabei gelang es den Baumeistern, Chor und Altar im katholischen Charakter zu belassen, während die Halle im Stil der Reformation gehalten ist. St. Stephani ist damit der erste reformatorische Stadtkirchenbau. Die benachbarte Hornburger Kirche ist jünger und für die Wolfenbütteler Hauptkirche war das Kirchenschiff von Osterwieck sogar Vorbild. In die Arkadenbögen eingearbeitet, findet man 240 Reliefs aus Sandstein, die vom ungeheuren Selbstbewusstsein der Familien, Handwerker und Zünfte zeugen, welche sich dort verewigen ließen. Neben den auffälligen Schmucksteinen gibt es ungewöhnliche Zeichen und Zinken in den normalen Mauersteinen. Solche Gravuren brachten Steinmetze an, um für ihre Arbeit zu werben. Es besteht seit 1990 ein Kirchenbauverein, der eine umfassende Renovierung der Kirche vornahm.