mini|Khan Krum, Herrscher Anfang des 9. Jahrhunderts (Darstellung des 14. Jahrhunderts) Protobulgaren (gelegentlich auch Ur-Bulgaren oder Hunno-Bulgaren) ist eine wissenschaftliche Bezeichnung für diverse, vor allem turksprachige Stammesverbände der eurasischen Steppenzone, die seit dem 5. Jahrhundert in den Schriftquellen unter dem Ethnonym „Bulgaren“ erscheinen.Harald Haarmann: Protobulgaren, in: Lexikon der untergegangenen Völker, München 2005, S. 225. Allgemeiner Überblick bei: Ivan Dujcev: Bulgarien, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 2, Sp. 915 ff.; René Grousset: Die Steppenvölker, München 1970, S. 249; Heinz Siegert: Osteuropa – Vom Ursprung bis Moskaus Aufstieg, Panorama der Weltgeschichte, Bd. 2, hrsg. von Heinrich Pleticha, Gütersloh 1985, S. 46; Walter Pohl: (PDF; 2,1 MB). In: Wiener Enzyklopädie des europäischen Ostens 12, S. 134 ff., 147Hösch, Nehring, Sundhaussen: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. 2004, S. 553. Ihre Sprache wird als Bolgarische Sprache bezeichnet. Größere Reichsgründungen gelangen den Protobulgaren östlich und westlich des Asowschen Meeres (Megale Boulgaria, siehe Großbulgarisches Reich), auf dem Balkan (Erstes Bulgarisches Reich, Khaganat von Bitola) und an der mittleren Wolga (Wolga-Kama-Bulgarien). Die auf den Balkan eingewanderten Protobulgaren wurden im Frühmittelalter (7.–10. Jahrhundert) slawisiert. Sie nahmen im 9. Jahrhundert das Christentum an und werden zu den Vorfahren der heutigen (slawisch-sprachigen) Bulgaren gezählt.Hösch, Nehring, Sundhaussen: Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. 2004, S. 139–140. Die Wolgabulgaren in Russland hingegen nahmen im 10. Jahrhundert den Islam an. mini|Protobulgarische Schrift
Ethnonym Über die Bedeutung des Volksnamens „Bulgaren“ (griech. Βούλγαροι) gibt es zahlreiche Theorien. Man leitete ihn oft vom Flussnamen der Wolga (Wolgaren) ab. Am verbreitetsten ist die Theorie, dass sich der Name „Bulghar“ aus dem protobulgarischen „bulganmış“ ableitet, was „vermischt“ bedeutet und auf eine Föderation ethnisch heterogener Verbände hindeutet.
Einige bulgarische Forscher wie Nikolaj Owtscharow und Georgi Bakalow zählen die Protobulgaren zu den Nachfahren der antiken Baktrer, die die Region um Balch besiedelten, wovon auch der Name abgeleitet sei (Balkhar – Bolgar); dies stellt jedoch eine Minderheitsmeinung dar. Andere wiederum sehen die Protobulgaren als Stämme des Hunnenreiches (die so genannten Hunno-Bulgaren), die sich nach der Schlacht am Nedao in östliche Richtung zurückzogen und sich an der unteren Wolga niederließen. Allgemein sind viele Punkte in der Forschung bis heute umstritten.
Geschichte mini|Großbulgarien um 650 mini|Wanderungen der Protobulgaren nach dem Zerfall Großbulgariens mini|Denkmal für Khan Asparuch in Dobritsch Bei den Protobulgaren handelte es sich wohl um turksprachige Nomadenstämme aus Zentralasien.Harald Haarmann: Protobulgaren, in: Lexikon der untergegangenen Völker, München 2005, S. 225René Grousset: Die Steppenvölker. München 1970, S. 249Heinz Siegert: Osteuropa – Vom Ursprung bis Moskaus Aufstieg. (=Panorama der Weltgeschichte, Band 2) herausgegeben von Heinrich Pleticha, Gütersloh 1985, S. 46. Ihre genaue Herkunft ist jedoch bis heute nicht restlos geklärt. Nach Ansicht mancher Forscher sollen sie sich im 5. Jahrhundert mit den Hunnen zusammengeschlossen haben,Nikolaj Owtscharow: Geschichte Bulgariens. Kurzer Abriss, Lettera Verlag, Plowdiw 2006, ISBN 954-516-584-7 was aber unsicher ist. Nach dem Tod des hunnischen Führers Attila (453) und dem Zerfall des Hunnenreiches ließen sich die Protobulgaren möglicherweise in der pontischen Steppe (südrussische Steppe) nördlich des Schwarzen Meeres und in Mittelasien nieder. Dazu kamen finno-ugrische beziehungsweise ural-altaische Stämme. Ihnen schlossen sich die (wohl zu den Turkvölkern gehörenden) Saraguren und Onoguren an, die um 463 von den sprachverwandten Sabiren aus ihrer Heimat im heutigen Westsibirien und Kasachstan nach Westen verdrängt worden waren. Die neue „Liga“, der auch alanische Elemente angehörten, stand unter der Führung des Attilasohnes Ernak (zumindest der bulgarischen Fürstenliste zufolge).
In der neueren Forschung sind viele Punkte hinsichtlich des UrsprungsZur umstrittenen Herkunft der Bulgaren siehe Daniel Ziemann: Vom Wandervolk zur Großmacht. Die Entstehung Bulgariens im frühen Mittelalter. Köln u. a. 2007, S. 32 ff. und der Entwicklung der Protobulgaren allerdings umstritten. So werden viele der älteren Erklärungsmodelle kritischer betrachtet sowie auf die dünne und teils widersprüchliche Quellenlage hingewiesen.Überblick zur Forschung bei Daniel Ziemann: Vom Wandervolk zur Großmacht. Köln u. a. 2007, S. 2 ff. Erstmals gesichert werden die Bulgaren erst Ende des 5. Jahrhunderts im Donauraum erwähnt.Vgl. Daniel Ziemann: Vom Wandervolk zur Großmacht. Köln u. a. 2007, S. 44ff.
Problematisch ist unter anderem auch die Rolle der Kutriguren und Utiguren beim Prozess der Ethnogenese der Protobulgaren. Legendenhaft ausgeschmückten Berichten in den Quellen zufolge sollen die Kutriguren und Utiguren von den Resten der Hunnen abstammen, was aber unsicher ist. Um 550 kam es zu Kämpfen zwischen ihnen, vorangetrieben von oströmischer Seite; sie wurden schließlich von den Awaren besiegt. Teile dieser Gruppen mögen sich später den Protobulgaren angeschlossen haben oder bereits mit ihnen identisch gewesen sein, doch ist dies unklar. In den spätantiken Quellen (Hauptquelle hierfür ist Prokopios von Caesarea) werden diese Gruppen auch nicht als Bulgaren bezeichnet.Vgl. Daniel Ziemann: Vom Wandervolk zur Großmacht. Köln u. a. 2007, S. 95ff.
Kurz vor 558 wurden die Protobulgaren von den Awaren besiegt. Einige schlossen sich den Awaren an und zogen mit diesen weiter westwärts. Große Teile der Protobulgaren, „Hunnen“ (der Name bezeichnet in den Quellen oft schlicht „barbarische Völker“ aus der Region nördlich des Schwarzen Meeres) und der anderen Reiternomaden verblieben aber in den südrussischen Steppen. Im Jahr 635 erhoben sich die Protobulgaren-Onoguren unter Khan Kubrat (auch Kobrat, von qobrat – „sammle das Volk“) mit Erfolg gegen die Herrschaft der Awaren. Kubrat vereinte die Völker zum Großbulgarischen Reich (griechisch Η παλαια μεγαλη Βουλγαρια; megale Boulgaria – „Großbulgarien“). Mit Byzanz war er verbündet. Aus diesem Anlass bekam Kubrat vom byzantinischen Kaiser Herakleios den Ehrentitel Patricius.
Das Großbulgarische Reich an der Nordküste des Schwarzen Meeres reichte von der Maeotis bis nach Kuban. Hauptstadt war Phanagoria am Asowschen Meer unweit des heutigen Taman. An der Spitze des Reiches stand der Khan und an dessen Seite wurde ein Rat der Adligen (Große Boilen) errichtet. Zweiter Mann im Reich war der Kawkhan (hatte mehrere Funktionen inne, unter anderem Oberster Befehlshaber der Streitkräfte und Diplomat), dritter der Itschirgu-Boil (Verwalter der Hauptstadt und Befehlshaber der hauptstädtischen Garnison). Als höchste Verwaltungsbeamte und militärische Kommandanten übten sie eine Doppelfunktion aus, die in den nachfolgenden Stufen der administrativen Hierarchie ihre Fortsetzung findet. Einige Theorien sehen in dem mittelalterlichen Adelstitel Boljaren eine slawisierte Ableitung des urbulgarischen Titel Boil.Max Vasmer: Russisches etymologisches Wörterbuch. Bd. 1, Heidelberg 1976 (1. Aufl. 1950), ISBN 3-533-00665-4, s. v. bojarin; Das Großbulgarische Reich wurde jedoch schon in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts von den ebenfalls turkstämmigen Chasaren vernichtet.
Kubrats ältester Sohn Batbajan hatte sich den Chasaren unterworfen und blieb in der alten Hauptstadt Phanagoria. Seine vier Brüder aber spalteten sich mit bedeutenden Stammesteilen ab. Die nordwärts ziehenden Protobulgaren unter der Führung von Kotrag, des zweiten Sohn von Kubrat, gründeten das Reich der Wolgabulgaren mit ihrer Hauptstadt Bolgar. Das Reich der Wolgabulgaren existierte bis zum Anfang des 13. Jahrhunderts, als es von der Goldenen Horde der Mongolen besiegt wurde. Das Volk der Tschuwaschen sieht sich als Nachfolger eines Teils der Wolga-Bulgaren. Ein anderer Teil verschmolz mit den Kasan-Tataren, die sich noch bis ins späte 19. Jahrhundert als „İdil Bulgarları“ (İdil = Wolga; Bulgarlar = Protobulgaren) und nicht als „Tatarlar“ (Tataren) bezeichneten.
Die nach Südwesten ziehenden Teile unter Kubrats Sohn Asparuch überquerten die Donau und verbündeten sich (nach anderer Meinungen unterwarfen) mit der lokalen slawischen Bevölkerung der Seweren und den Sieben Stämmen und errichteten im Jahr 679 das Donaubulgarische Reich mit der Hauptstadt Pliska. Asparuch gilt daher als Gründer des heutigen Bulgarien auf dem Balkan. Dieses bulgarische Reich war das erste Reich, dem ein byzantinischer Kaiser Tribut zahlen musste, was als große Schmach in Konstantinopel empfunden wurde. Obwohl vom byzantinischen Kaiser Konstantin IV. vertraglich anerkannt, belagerten die Bulgaren mehrfach Konstantinopel (705 und 813) und dehnten unter Krum (802–814) ihr Reich nach Westen bis zur Theiß aus. Im Jahr 718, während des Zweiten Angriffs der Araber auf Konstantinopel, schickte jedoch Khan Terwel seine Armee dem byzantinischen Kaiser Leo III. zu Hilfe, was mit zur Aufhebung der arabischen Belagerung beitrug. Bis zum Einbruch der Ungarn im Jahr 895 umfasste das Bulgarenreich faktisch den gesamten nicht-byzantinischen Balkan und reichte im Norden nach dem Sieg über die Awaren bis nach Budapest.
mini|Das Donaubulgarische Reich unter Khan Krum
Die beiden jüngsten Söhne Kubrats, Kuwer (Kuber) und Alzek, zogen mit ihren kleineren Stammesverbänden ebenfalls Richtung Westen und schlossen sich in Pannonien (Ungarn) den Awaren an. Nach einer misslungenen Revolte gegen die Stammesführung trennten sich ihre Wege wieder. Schon 680 zog Kuwer Richtung Süden zusammen mit Teilen der Sermesianoi, Nachfahren der römischen Provinzialbevölkerung in Pannonien, und den von den Awaren bereits 626 verschleppten und in Pannonien angesiedelten römischen Gefangenen. Er ließ sich im unbesiedelten Gebiet um Bitola in Makedonien nieder, das zum byzantinischen Thema Thessalonike gehörte, wo Kuwer ein Khaganat errichtete, welches gelegentlich in der Geschichtsschreibung als Westbulgarisches Reich bezeichnet wird. Unter Khan Malamir und Khan Presian I. vereinigten sich die Kuwerbulgaren mit dem Bulgarenreich von Asparuch. Im Jahr 1000 sollte seine Hauptstadt unter Zar Samuil und seinen Nachfolgern auch Hauptstadt ganz Bulgariens werden.
AlzekFriedhelm Winkelmann u. a.: Prosopographie der mittelbyzantinischen Zeit. Bd. 1, de Gruyter, Berlin 1999, ISBN 3-11-015179-0, S. 62–63. zog weiter westlich, überquerte im Jahr 667 die Alpen und zog friedlich nach Norditalien in die Gegend um Ravenna. So berichtet der Geschichtsschreiber Paulus Diaconus über die Ankunft von Vulgarum dux Alzeco nomine, der aus unbekannten Gründen, jedoch in friedlicher Absicht mit seinem Heer nach Italien gekommen war. Die Gastfreundschaft der Römer sei aber nur eine Tarnung gewesen. Im selben Jahr mussten die Protobulgaren bei mehreren Hinterhalten um ihr Überleben kämpfen. Daher zogen sie immer weiter südwärts, bis sie schließlich das Herzogtum Benevent erreichten. Paulus Diaconus berichtet weiter, dass dort Khan Alzek von dem Langobardenkönig Grimoald empfangen wurde.Paulus Diaconus: Historia Langobardorum 5, 29. Alzek wurde die Region Molise zugesprochen, unter der Voraussetzung, dass er auf seinen Titel dux und Herrschaftsanspruch verzichtet, da Grimoald selbst dux von Benevent war. Noch heute tragen in ganz Italien Berge, Regionen, Dörfer, Flüsse und Familien protobulgarische Namen oder die Bezeichnung „Bulgaren“. Beispiele dafür sind der italienische Hersteller von Luxusartikeln Bulgari, Bartolomeo Bulgarini, Kardinal Pietro Bulgaro, der Name del Bulgaro oder die Gemeinden Bulgarograsso und Celle di Bulgheria.Über die Kultur der Bulgaren in Italien