Der große Diktator (Originaltitel ) ist ein US-amerikanischer Spielfilm von Charlie Chaplin und eine Satire auf Adolf Hitler und den Nationalsozialismus, richtete sich symbolisch aber auch gegen die US-Staatsmacht und den Militarismus allgemein. Die Uraufführung fand am 15. Oktober 1940 statt. Chaplins erster Tonfilm war für ihn wirtschaftlich besonders erfolgreich.

Berühmt ist die leidenschaftliche Rede Charlie Chaplins gegen Ende des Films – ein eindringlicher Appell an Soldaten und die ganze Welt für Demokratie, Frieden und Menschlichkeit.

Handlung In der Endphase des Ersten Weltkriegs kämpft ein kleiner jüdischer Friseur auf tomanischer Seite sowohl gegen den Feind als auch gegen die Tücken der Technik. Er rettet dem Piloten Schultz das Leben, wird aber bei einem Flugzeugabsturz so schwer verletzt, dass er sein Gedächtnis verliert und jahrelang im Krankenhaus bleiben muss.

Zwanzig Jahre später: Der Diktator Anton Hynkel (orig. Adenoid Hynkel) herrscht im Staat Tomanien (orig. Tomainia) und bereitet hinter dem Rücken des Herrschers von Bakteria (orig. Bacteria) namens Benzino Napoloni (orig. Benzino Napaloni) die Invasion des Nachbarlandes Osterlitsch (orig. Osterlich) vor. Sein eigentlicher Traum ist es, die Welt zu beherrschen.

Mit seinen Sturmtruppen terrorisiert Hynkel das von Juden und Andersdenkenden bewohnte Ghetto. Auch der aus dem Krankenhaus heimgekehrte jüdische Friseur und die Wäscherin Hannah, zwischen denen sich zarte Bande anbahnen, werden bedroht. Doch gerade als die Sturmtruppen den Friseur wegen seines Widerstands lynchen wollen, kommt zufällig Schultz, inzwischen Kommandeur der Sturmtruppen, vorbei und erkennt in ihm den Soldaten wieder, der ihm im Ersten Weltkrieg das Leben gerettet hat. Schultz sorgt dafür, dass das Ghetto trotz Hynkels Hasstiraden gegen die Juden weitestgehend von Übergriffen verschont wird.

Als Hynkel das Geld für die Aufrüstung ausgeht, stellt er vorübergehend die Unterdrückung der Juden ein, um vom jüdischen Bankier Epstein einen Kredit zu erhalten. Als dieser ihm den Kredit verweigert, erklärt der Diktator die Juden wieder zu seinen Feinden. Kommandeur Schultz tritt gegen diesen Entschluss ein und wird deshalb von Hynkel in ein Konzentrationslager eingewiesen. Schultz kann jedoch fliehen und bei seinem Freund im Ghetto untertauchen. Der Diktator geht unterdessen ein Bündnis mit dem ebenfalls faschistisch regierten Land Bakteria und dessen Diktator Napoloni ein, welches ihn vor einer Intervention von Seiten Napolonis im Falle der Besetzung Osterlitschs schützen soll.

Die Bewohner des Ghettos planen – angestiftet von Schultz – ein Attentat auf Hynkel, werden dann jedoch von Hannah daran erinnert, dass Freiheit nicht durch Mord und Zerstörung erreicht werden kann. Zudem ist niemand bereit, sich bei einem Sprengstoffanschlag auf Hynkels Palast selbst zu opfern. Bei einer Razzia werden Schultz und der Friseur entdeckt und in ein KZ an der Grenze zu Osterlitsch gebracht. Ihnen gelingt die Flucht. Beide tragen Uniformen. Wegen der Ähnlichkeit des jüdischen Friseurs mit dem Diktator Hynkel kommt es zu einer Verwechslung. Der echte Hynkel, der in der Nähe allein auf Entenjagd ist, um damit den geplanten Einmarsch in Osterlitsch zu verschleiern, wird für den geflohenen Friseur gehalten und eingesperrt, und der Friseur hält an seiner Stelle die auch im Radio übertragene Rede vor dem Volk des gerade besetzten Osterlitsch. Der Friseur nutzt diese Chance, um einen flammenden Appell für Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Weltfrieden abzugeben, und richtet sich zum Schluss auch an Hannah.

Produktionshintergrund Hintergründe der Filmidee Alexander Korda hatte Chaplin 1937 vorgeschlagen, einen Hitlerfilm mit einer Personenverwechselung zwischen dem Tramp und Hitler zu entwickeln,Charles Chaplin. Die Geschichte meines Lebens. Stuttgart, Hamburg: Deutscher Bücherbund 1964, S. 398 da beide denselben Schnurrbart hätten.Wolfgang Tichy: Chaplin. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1974, S. 99 Chaplins Freund Cornelius Vanderbilt schickte ihm eine Serie von Postkarten, die Hitler zeigten, der eine Rede hielt. (Vermutlich ist hier eine Foto-Serie gemeint, die Hitler 1927 im Atelier seines bevorzugten Münchner Fotografen Heinrich Hoffmann hatte aufnehmen lassen.)Adolf Hitler in verschiedenen Rednerposen, Abbildung auf Wikimedia Commons.Adolf Hitler mit einer typischen Rednerpose, Abbildung auf Wikimedia Commons. Seine „obszönen“ Gesichtsausdrücke dienten Chaplin hierbei als Vorlage.Charles Chaplin. Die Geschichte meines Lebens. Stuttgart, Hamburg: Deutscher Bücherbund 1964, S. 324. Weiter nutzte Chaplin die Reden und Gebärden der Wochenschauaufnahmen, in denen Hitler mit Kindern sprach, Babys streichelte, Krankenhäuser besuchte und Reden zu diversen Anlässen hielt.Wolfgang Tichy: Chaplin. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 1974, S. 100.

Filmmusik Die Filmmusik entstand in enger Zusammenarbeit von Charlie Chaplin und Meredith Willson. Beide gliederten den Film in zahlreiche musikalische Einheiten, an die die Musik genau angepasst wurde. Der Großteil des Scores wurde eigens für die Produktion geschrieben; nur wenige Sequenzen greifen auf vorhandene Musik zurück. Zwei berühmte Szenen des Films werden von dem Vorspiel zur Oper Lohengrin von Richard Wagner untermalt: Hynkels Tanz mit der Weltkugel und die Schlussansprache des jüdischen Friseurs. Beim Tanz mit der Weltkugel bricht das Stück unvermittelt vor dem Höhepunkt ab und der Ballon zerplatzt. Bei der Schlussansprache hingegen erreicht es seinen Höhepunkt und kommt zu einem musikalisch befriedigenden Abschluss.

Weitere Bekanntheit erlangte die unmittelbar nach dem Tanz mit der Weltkugel angesiedelte Szene, die vom Ungarischen Tanz Nr. 5 von Johannes Brahms unterlegt wurde: In dieser rasiert und kämmt der Friseur einen Kunden im von der Musik vorgegebenen Rhythmus. Die Szene dauert über zwei Minuten und wurde ohne Schnitt gedreht.

Filmausstattung mini|„Reichskabinettsaal“, 1939 Die Ausstattung des Films richtet sich nicht nach den historischen Wirklichkeiten, sondern entspricht den satirisch überzeichneten Erwartungen an den deutschen Militarismus. So residiert der Hynkel-Hitler in so etwas wie einem barocken Schloss und trägt teilweise, wie auch der Gorbitsch-Goebbels, eine weiße mit Orden gespickte Paradeuniform. Soldaten- und Sturmtruppmann-Helme wirken Pickelhauben nachempfunden. Diese Ausstaffierung fällt eher in die Zeit deutscher Kaiser und Könige. Die künstlerische Freiheit, die sich Chaplin hier erlaubte, bedient das Klischee des preußischen Soldaten.

mini|Zerbeulte Aluminium-Kugelhälften von einem der Globen der ehemaligen Reichskanzlei, 1947 Es ist wahrscheinlich, dass Chaplin sich auch Bilder der Innenausstattung der 1939 bezogenen Neuen Reichskanzlei in Berlin angesehen hat. Ein veröffentlichtes Foto zeigt den „Reichskabinettsaal“, in dem auch ein riesiger Globus zu sehen ist. Eine weitere Weltkugel ist in Hitlers 400 Quadratmeter großem Arbeitszimmer auf Fotos zu erkennen. Die „Großgloben für Staats- und Wirtschaftsführer“ wurden in den 1930er Jahren in Kleinserie vom damals in Berlin-Lichterfelde ansässigen Columbus Verlag hergestellt. Der reale Hitler ging sehr wahrscheinlich seinen Machtfantasien nicht an einem Globus nach, auch hielt sich sein Interesse an der Welt als empirischem Gegenstand in Grenzen. Bei seinen Kriegsplanungen spielten die Globen sicherlich keine Rolle. Vielmehr legte er größten Wert darauf, als militärstrategischer Autodidakt seinen umfänglich ausgebildeten Generalstabsoffizieren vorzuführen, dass er der eigentliche Stratege Deutschlands sei. Aus diesen Gründen gab es in jeder Hitler-Residenz und jedem -Arbeitszimmer neben der unvermeidlichen Globuskugel den sehr oft genutzten ausladenden Kartentisch.

Analyse

Satirische Entsprechungen mini|hochkant|Chaplin während eines Deutschlandbesuchs vor dem Reichstag, Berlin 1931 Obwohl es sein erster Tonfilm war, hatte Chaplin die Idee zu einer satirisch eingesetzten fiktionalen Sprache, die er in dieser noch jungen Filmtechnik erstmals umsetzte. So werden Hynkels Reden in einer Form von Grammelot auf tomanisch gehalten. Es handelt sich dabei um eine bewusst unverständliche Sprache unter anderem mit Anteilen von Englisch und Deutsch. Der aggressive Tonfall, die Mimik und die Gestik lassen dabei aber unmissverständlich auf den Inhalt der Nachricht schließen. Es wird insgesamt die Sprache und Rhetorik Adolf Hitlers persifliert.

Mehrfach wird das Kunstwort „Schtonk“ verwendet und mit „… wird abgeschafft“ übersetzt („Demokratie Schtonk! Liberty Schtonk! Free Sprecken Schtonk!“). Helmut Dietl verwendete es 1992 als Titel für seinen satirischen Film über die Hitler-Tagebücher-Affäre. Die Schilder und Ladenbeschriftungen im Ghetto sind in manchmal leicht entstelltem Esperanto verfasst (z. B. restoraciz für ‚Restaurant‘, auf Esperanto , aber englisch ausgesprochen wie ‚Rassenrast‘). Auf dem Schild eines Händlers wird das Wort „Terpumos“ als Kunstwort für Kartoffeln verwendet (Esperanto = Kartoffel).

Ein Running Gag ist das Auftreten einzelner echter deutscher Wörter: „Wiener Schnitzel“, „Sauerkraut“, „Blitzkrieg“, „straff“, „Leberwurst“, „Stolz“, „Katzenjammer“.

Im Rahmen seiner Satire auf die NS-Herrschaft parodierte Chaplin auch die Namen von Staaten und Politikern. Der Rassengedanke der NS-Ideologie blieb im Film jedoch unpersifliert, denn Begriffe wie „Jude“, „Arier“, „Ghetto“ und „Konzentrationslager“ wurden nicht verfremdet.

Die Entsprechungen der satirisch verfremdeten Eigennamen lauten wie folgt: Tomanien (englisch Tomainia) = „Germania“ / Deutschland; Anspielung auf Ptomain = Leichengift, aber auch auf ‚in den Wahn‘ (wodurch Chaplin den Größenwahn Deutschlands karikierte) Bakteria (englisch Bacteria) = Italien Osterlitsch (englisch Osterlich) = „Austria“ / Österreich, man könnte auch eine Anspielung auf Austerlitz erkennen. Anton Hynkel (englisch Adenoid Hynkel) = Adolf Hitler; Adenoid könnte aus der medizinischen Bedeutung von „Adenoide“ oder aus der Zusammenziehung des Namens „Adolf“ und des Wortes „paranoid“ hergeleitet sein, lässt aber auch „Android“ assoziieren. Ironischerweise sollte ein Hans Hinkel, zunächst Sonderreferent für Judenfragen und verantwortlich für die Verdrängung jüdischer Deutscher aus dem Kulturbetrieb, später tatsächlich die Filmpropaganda der Nazis leiten. Benzino Napoloni (englisch Benzino Napaloni) = Benito Mussolini; Anspielung auf Benzin und italienischer Napoleon Feldmarschall Hering (englisch Field Marshal Herring) = Hermann Göring Dr. Gorbitsch (englisch Dr. Garbitsch) = Dr. Joseph Goebbels, US-englisch ‚Müll‘ Aroma (ital. Roma) = Rom Bretzelberg = Salzburg

Chaplin bewies Gespür für Komik und Satire, indem er im Film die Stilmittel Verniedlichung, Überzeichnung und Umkehrung einsetzte. So wird dem aufgeladenen italienischen Diktator das explosive Wort Benzin namentlich untergeschoben, dem deutschen das wenig heldenhafte Wort Hinkel für Haushuhn, dem bekanntlich dicken Göring das Wort Hering, im umgekehrten Sinne von „dünn wie ein Hering“.

mini|hochkant|Doppelkreuz als Symbol Hynkels Das Symbol von Hynkels Diktatur ist ein doppeltes Kreuz, eine Anspielung auf das Hakenkreuz als Symbol der Nationalsozialisten. In der englischen Sprache ist der Begriff ein Synonym für ‚Doppelspiel‘.

Sprache der Bilder Meisterlich setzt Chaplin die visuelle Ausdrucksform ein. In der faschistischen Propaganda wurde seinerzeit oft der Größenunterschied des relativ kleinen Diktators Mussolini zu seinem nur wenig größeren deutschen Gegenstück Hitler durch Tricks in der Aufnahmetechnik kaschiert. Im Film werden diese Tatsachen satirisch umgekehrt und geradezu zelebriert. So ist auch die Anspielung im Filmtitel zu verstehen, „great“ wie groß oder großartig. Spätestens beim Wettkampf von Napoloni und Hynkel beim gemeinsamen Friseurbesuch um größtmögliche Ausfahrbarkeit des jeweiligen Friseurstuhles wird dies auf die Spitze getrieben.