Die Schweiz wurde während des Zweiten Weltkrieges nicht durch eine Invasion in Mitleidenschaft gezogen. Wirtschaft, Gesellschaft und Zeitgeschehen waren jedoch stark vom Krieg betroffen, insbesondere dadurch, dass die Schweiz zeitweise vollständig von den Achsenmächten umschlossen war. Die Regierung (und Armeeführung) versuchte, die Neutralität und Souveränität zu wahren, ohne eine der Kriegsparteien zu brüskieren. Man begann mit dem Bau des Réduits. Nach Kriegsende beschuldigten die Siegermächte die Schweiz der Kooperation mit den Nationalsozialisten, denn unter anderem wurden rund 75 % der seitens des Deutschen Reiches für Einkäufe im nicht neutralen Ausland erforderlichen Devisen durch Goldtransaktionen der Reichsbank über das Schweizer Bankensystem abgewickelt.Werner Rings: Raubgold aus Deutschland. Die Golddrehscheibe Schweiz im Zweiten Weltkrieg. 2. Auflage. Chronos, Zürich 1997, ISBN 3-905312-18-2.
Die Zeit des Zweiten Weltkriegs wird von der Aktivdienstgeneration als Grenzbesetzung 1939–1945 bezeichnet. mini|Plakat Allgemeine Kriegsmobilmachung aus der Sammlung des Schweizer Nationalmuseums mini|hochkant|Marmorskulptur Wehrbereitschaft von Hans Brandenberger 1943–1947, das Original in Bronze war ein Symbol des Landigeistes von 1939
Vorgeschichte Nach der Gründung der Heimatwehr 1925 in Zürich bildete sich zu Beginn der 1930er-Jahre die Frontenbewegung mit der Nationalen Front an der Spitze. Diese gewann unmittelbar nach der Machtergreifung Hitlers 1933 im Frontenfrühling an Einfluss und erzielte im Herbst dieses Jahres bei Kantonsratswahlen in Zürich und Schaffhausen Stimmengewinne von 10 % respektive 27 %. Insgesamt blieb die Frontenbewegung nur eine Randerscheinung.Maissen: Geschichte der Schweiz. 2010, S. 255. So erhielten die Fronten im Nationalrat in der Legislaturperiode 1935–1939 nur ein einziges Mandat. Die faschistisch-nationalsozialistische Bedrohung führte die Sozialdemokratische Partei (SP) trotzdem dazu, ihre Oppositionsrolle aufzugeben und die Landesverteidigung und die Demokratie in einem neuen Parteiprogramm anzuerkennen. Die bedingungslose Anerkennung der Legitimität der Landesverteidigung folgte im Januar 1937 durch den Beitritt der SP zur Richtlinienbewegung.Marco Zanoli: Zwischen Klassenkampf, Pazifismus und Geistiger Landesverteidigung. Die Sozialdemokratische Partei der Schweiz und die Wehrfrage 1920–1939. Zürich ca. 2003, ISBN 3-905641-90-9.
Am 23. Februar 1937 gab Hitler in Berlin dem Schweizer Alt-Bundesrat Edmund Schulthess das Versprechen, keinen Angriff gegen die Eidgenossenschaft durchzuführen.
Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland kehrte die Schweiz von der differenzierten zurück zur integralen Neutralität, d. h., dass sie von nun an nicht nur an militärischen, sondern auch an wirtschaftlichen Sanktionen des Völkerbundes nicht mehr teilnahm. Unter dem Eindruck der deutschen Expansion bekräftigten Schweizer Politiker, Gelehrte und Militärs den geistigen und militärischen Widerstands- und Selbstbehauptungswillen der Schweiz. Bundesrat Hermann Obrecht verkündete: «Wer unsere Unabhängigkeit […] angreifen sollte, dem wartet der Krieg! Wir Schweizer werden nicht zuerst ins Ausland wallfahrten gehen.» Die «Geistige Landesverteidigung» wurde zu einem prägenden Element für das Schweizer Kultur- und Geistesleben bis weit in die Nachkriegszeit. 1939 fand die Schweizerische Landesausstellung «Landi» im Sinne der Geistigen Landesverteidigung statt.
Nach der Einführung der Nürnberger Rassengesetze in Deutschland verstärkte sich die Auswanderung und Flucht deutscher Juden in die Schweiz. Da die Konferenz von Évian im Juli 1938 keine Lösung für das Problem fand, wollten die Schweizer Behörden dem Zustrom mit der Wiedereinführung der Visumspflicht mit Deutschland begegnen. Dagegen wehrte sich die deutsche Regierung, da diese Massnahme auch für nichtjüdische Reisende gelten sollte. Die weit verbreitete Meinung, Heinrich Rothmund, Chef der Fremdenpolizei, habe die Kennzeichnung von Pässen mit einem «J» vorgeschlagen, ist aber nach neuesten Forschungen lediglich teilweise richtig.Urs Rauber: Judenstempel: Korrektur einer Halbwahrheit. In: Beobachter. Nr. 18, 9. August 1998 Er schlug im August 1938 einen Sichtvermerk für alle Emigranten vor. Das deutsche Auswärtige Amt lehnte dies ab und forderte stattdessen, die Pässe aller deutschen und schweizerischen Juden mit einem J-Stempel zu stempeln. Rothmund selbst wiederum meldete Bedenken an. Der Bundesrat stimmte am 4. Oktober 1938 schliesslich einer Vereinbarung mit Deutschland zu, nach der die Pässe deutscher Juden mit dem J-Stempel zu versehen seien. Die Forderung nach J-Stempeln in Pässen von Schweizer Juden wurde fallengelassen.dpa-Meldung vom 22. Februar 2009, Hagalil-Archiv.
Ferner war die Schweiz auf der Konferenz von Évian 1938 für die dauerhafte Aufnahme eines bestimmten Kontingents von Flüchtlingen nicht bereit und bestand darauf, einzig ein Transitland zu bleiben, weshalb nur Emigranten in die Schweiz einreisen durften, die glaubhaft machen konnten, baldmöglichst weiterreisen zu können.
Die Schweiz während des Zweiten Weltkrieges Allgemein Vor allem in der Deutschschweiz gab es Minderheiten, welche die Ideen der Nationalsozialisten unterstützten. Sie waren unter dem Namen Frontisten organisiert und stellten zeitweise Stadtparlamentarier in Zürich und Kantonsparlamentarier, u. a. in Schaffhausen. Ihr Wappen war ein Schweizerkreuz mit einem bis an den Rand gehenden weissen Balken. Ohne sich ausdrücklich als Nazis oder Frontisten auszugeben, waren aber auch gewisse Exponenten der gesellschaftlichen Elite vom Nazi-Gedankengut beeinflusst. Eine permanente Herausforderung war zudem die «Fünfte Kolonne», die Gruppe der Nazi-Freunde in der Schweiz, deren Exponent Wilhelm Gustloff einem im Jahr 1936 durch David Frankfurter in Davos ausgeführten Attentat zum Opfer fiel.
Die Schweiz berief sich während des Zweiten Weltkrieges auf ihre bewaffnete Neutralität und ordnete die allgemeine Mobilmachung am 2. September 1939 an. Am 29. August wurden vorgängig schon die Grenztruppen aufgeboten.
Im Jahr 1941 soll das Deutsche Reich von der Schweiz einen Kredit von einer Milliarde Schweizer Franken für den Russland-Feldzug erhalten haben.
Im Norden, Osten sowie im Süden von den Achsenmächten umgeben, versuchte man mit Rationierung und systematischer Nutzung von Grün- u. a. Flächen, wie Fussballplätzen (Plan Wahlen), der Lebensmittelknappheit zu begegnen. Ab Herbst 1942 stieg der Schmuggel an der Südgrenze von Lebensmitteln aller Art, besonders Reis, in die Schweiz stark an. Für zahlreiche italienische Dienstverweigerer, Fahnenflüchtige und Partisanen war der Schmuggel in die Schweiz die einzige Einnahmequelle.Jean-Luc Rickenbacher: Die Schmugglerinvasion. Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 6. April 2018. In der Vergangenheit erfolgte der Schmuggel an der Südgrenze traditionsgemäss von der Schweiz nach Italien.Jean-Luc Rickenbacher: Schmuggel zwischen der Schweiz und Italien. Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 5. April 2018.
Regierungsmitglieder
Gesandter in Berlin Zwischen 1938 und 1945 vertrat Hans Frölicher als Gesandter (Botschafter) die Schweiz in Berlin. Sein vom Bundesrat gestellter Auftrag bestand darin, mit dem nationalsozialistischen Deutschland freundliche Beziehungen zu pflegen. Nach dem Krieg diente er als Sündenbock und als Symbolfigur für eine anpasserische Schweiz. Frölicher gilt als der umstrittenste Schweizer Diplomat.Paul Widmer über den Diplomaten Hans Frölicher. In: Zeitblende von Schweizer Radio und Fernsehen vom 10. November 2012 (Audio).
Innenpolitische Lage Bei Kriegsausbruch hoffte man noch auf ein baldiges Kriegsende. Im Mai 1940 überstürzten sich die Ereignisse, die Situation wurde bedrohlicher, und die Bevölkerung ängstigte sich mit andauerndem Verlauf des Krieges mehr und mehr, insbesondere aus folgenden Gründen: Es kam zu Sabotageakten und Truppenaufmärschen an der Schweizer Grenze. Erst im Nachhinein wurde bekannt, dass diese inszenierten Aufmärsche Teil einer grossangelegten Täuschung in Vorbereitung des Westfeldzuges (→ Schweiz während des Westfeldzuges) der deutschen Wehrmacht waren. Statt der tatsächlich am OberrheinKatrin Brunner: Alltag an der Grenze. Im Blog des Schweizerischen Nationalmuseums vom 22. Januar 2021. liegenden schwachen deutschen Sicherungskräfte wurden hier mit grossem Aufwand starke Offensivkräfte und die Absicht der Umgehung der Maginot-Linie über Schweizer Gebiet vorgetäuscht, um französische Kräfte in grossem Umfang zu binden. Ihren Höhepunkt erreichte diese Massnahme während des Feldzuges Mitte Mai, zeitlich abgestimmt mit deutschen Erfolgen im wahren Angriffsschwerpunkt bei Sedan, mit der Ankündigung des Reichspropagandaministers Joseph Goebbels, «dass es binnen zweimal 24 Stunden in Europa keine neutralen Staaten mehr geben» werde, sowie scheinbaren Indiskretionen deutscher Diplomaten über Angriffsabsichten. Deutsche Armeen überrannten neutrale Länder wie die Niederlande, Belgien und Luxemburg innerhalb weniger Tage. Die Schweizer befürchteten daher einen Einmarsch der kriegführenden Staaten. Die französische Armee, die als sehr stark galt, wurde durch den deutschen Blitzkrieg innerhalb eines Monats überrollt. Die umstrittene Radioansprache vom 25. Juni 1940 des damaligen Bundespräsidenten Marcel Pilet-Golaz wurde von vielen als voreilige Anpassung oder gar Unterwerfung gegenüber Deutschland gedeutet.
Die demokratische Struktur des Landes blieb im Grundsatz während des Krieges erhalten. Bereits 1935 waren rechtsradikale Bestrebungen in Form der Fronten-Initiative, die das politische System teils deutschen Gegebenheiten anpassen wollten, in der Volksabstimmung deutlich gescheitert.
Während des Krieges schränkte das sogenannte Vollmachtenregime des Bundesrates die Rechte sowohl des Volkes wie des Parlamentes teilweise ein. Freie Wahlen blieben jedoch erhalten, und es gelangten sogar drei Volksinitiativen aus der Bevölkerung zur Abstimmung durch das Volk – auch die traditionelle direkte Demokratie verschwand nicht völlig aus dem politischen Erscheinungsbild.
Todesstrafen Die Schweiz schaffte als einziger Staat während des Zweiten Weltkriegs die zivile Todesstrafe ab; sie wurde letztmals am 18. Oktober 1940 in Sarnen an Hans Vollenweider vollstreckt. Dies betraf jedoch nicht das Militärstrafgesetz im Falle von Landesverrat im Kriegsfall oder bei unmittelbar drohender Kriegsgefahr. Das Gesetz erteilte dem Bundesrat die Kompetenz, dies zu erklären. Nach Kriegsbeginn in Europa hätte aber eine Erklärung der unmittelbaren Kriegsgefahr im Inland Panik auslösen und im Ausland den Verdacht zur Absicht einer schweizerischen Aggression erregen können, so dass der Bundesrat auf dieses Rechtsmittel verzichtete. Stattdessen änderte er am 28. Mai 1940 mittels Notrecht das Militärstrafgesetz dahingehend, dass für die in Art. 86 und 87 definierten Tatbestände die Todesstrafe verhängt werden konnte, also für Spionage sowie militärischen Landesverrat. Dieser Schritt schloss die übrigen in Kriegszeiten mit der Todesstrafe bedrohten Delikte wie z. B. Desertion, fremden Militärdienst oder Befehlsverweigerung ausdrücklich nicht mit ein.Peter Noll: Landesverräter. 17 Lebensläufe und Todesurteile 1942–1944. Huber, Frauenfeld 1980, ISBN 3-7193-0681-X.