Katholizität (von ‚das Ganze betreffend‘, ‚allgemein‘) steht in der christlichen Ekklesiologie für die Einhaltung der katholischen Lehre in der Universalität und Einheit der Kirche unter ihrem Haupt Jesus Christus. Im Nicäno-Konstantinopolitanum genannt, gehört sie als Wesens- und Erkennungsmerkmal der Kirche zum gemeinsamen Glaubensbekenntnis aller Christen: In der Kirche wird die ganze Fülle des christlichen Glaubens vollständig und allumfassend an alle Menschen verkündet, ohne einen Bestandteil des Glaubens oder einen Teil der Menschen auszulassen. Die konfessionsübergreifende Gesamtheit der Kirche Jesu Christi wird daher als katholische Kirche oder Universalkirche im Sinne des mystischen Leibes Christi bezeichnet, ebenso einzelne Kirchen im konfessionellen Sinne, in denen die Katholizität verwirklicht ist. In den verschiedenen Kirchen herrschen jedoch unterschiedliche Auffassungen über Einzelfragen zur Definition der Katholizität und ihrer Anwendbarkeit auf andere Gemeinschaften.
Im konfessionellen Sinne ist vereinfachend mit „katholisch“ meist die römisch-katholische Kirche gemeint.
Begriffsgeschichte Das griechische leitet sich vom Adverb ab, eine Zusammensetzung aus der Präposition ‚in Bezug auf‘ und dem Adjektiv ‚das Ganze‘. Als Begriff für Mehreres, vielen Dingen Gemeinsames taucht es schon bei Aristoteles und Polybios auf als Gegensatz zu für das Besondere, Einzelne. Später festigte sich die Bedeutung von ‚gänzlich, allgemein‘, die Wortbedeutung von „Katholizität“ reicht daher von ‚das Allgemeine, das Ganze Betreffende‘, auch im Sinne von ‚das Integere, Ganzheitliche‘ bis zur ‚Fülle‘ als Gegensatz zu ‚teilweise‘ und ‚besonders, speziell‘. Die ersten christlichen Schriftsteller gebrauchten es noch eher in seiner Ursprungsbedeutung, beispielsweise die „katholische Auferstehung“ bei Justin der Märtyrer, „die katholische Güte Gottes“ bei Tertullian oder die „vier katholischen Winde“ bei Irenäus von Lyon. In dieser Bedeutung stehen auch die katholischen Briefe, die nicht an bestimmte Ortskirchen, sondern die gesamte Kirche als Ganzes gerichtet sind. Aus dem Adjektiv entwickelte sich bald ein Nomen und Eigenname als Bezeichnung für die wahre Kirche in Abgrenzung zu häretischen Splittergruppen und ist seither in nahezu jeder Sprache gebräuchlich.
Das Substantiv „Katholizität“ ( beziehungsweise ) kommt erst spät in der Theologie auf, möglicherweise ist es erst in der Neuzeit entstanden. Im Französischen ist es Mitte des 16. Jahrhunderts als akademischer Begriff aufgekommen.
Die ursprüngliche Bedeutung von „katholisch“ hat sich im Griechischen bis heute erhalten, es bedeutet dort „universell“, sofern kein weiteres Adjektiv es einschränkt.
Frühchristliche Quellen In den biblischen Schriften taucht der Begriff nicht wörtlich auf, die dort beschriebene „allgemeine, die umfassende und einzigartige Herrschaft des Messias“ über alle Völker der Erde entspricht aber dem Wortsinne und steht im Gegensatz zur besonderen, exklusiven Herrschaft Gottes über das auserwählte Volk Israel im Judentum.
Als früheste Belegstelle für die theologische Verwendung des Begriffs als Attribut der Kirche gilt der Brief des Ignatius an die Smyrnäer, in dem er um das Jahr 110 die Christen in Smyrna dazu auffordert, die Einheit mit dem Bischof zu wahren:
Die Bezeichnung „die katholische Kirche“ () für die universale Kirche als Gesamtheit der Ortskirchen (zu denen die Gemeinde in Smyrna gehört) scheint zu diesem Zeitpunkt Anfang des zweiten Jahrhunderts bereits etabliert; Ignatius verwendet sie ganz selbstverständlich und scheint sie als bekannt vorauszusetzen. Als die beiden wesentliche Elemente der Katholizität sind die Zugehörigkeit zu Christus und die Universalität erkennbar, die untrennbar verbunden sind: Nur Christus kann das Ganze zusammenhalten und einen. Er betrachtete die Vertreter des Doketismus nicht als Christen, weil sie nicht an die reale Menschwerdung Gottes glaubten.
Weitere frühchristliche Quellen aus der Folgezeit greifen den Begriff ebenso selbstverständlich auf. Spätestens ab dem 3. Jahrhundert hat sich die technische, ekklesiologische Bedeutung in der theologischen Literatur etabliert und im 4. Jahrhundert gegenüber der ursprünglichen Grundbedeutung durchgesetzt. Im Martyrium des Polykarp (um 156) wird sowohl die gesamte Kirche (Universalkirche) als auch jede einzelne Ortskirche als katholische und vollwertige Kirche Gottes genannt, wie schon in den Apostelbriefen beschrieben . Diese doppelte Bedeutung wird auch bei den Kirchenvätern verwendet. In gleicher Bedeutung schreibt Justin der Märtyrer in seinem Dialog mit dem Juden Tryphon (zwischen 155 und 160 n. Chr.) von der „allgemeinen und sogenannten ewigen Auferstehung“. Clemens von Alexandria (150–215) bezeichnet das Aposteldekret als „katholischen Brief“ aller Apostel, also den „gemeinsamen Brief aller Apostel“.Stromateis, IV. Buch, XV. Kapitel, 97.3 in der Bibliothek der Kirchenväter Über die Kirche stellt er weiterhin fest:
Die Entwicklung des Begriffs fasst Kyrill von Jerusalem im vierten Jahrhundert in seiner Katechese an die Täuflinge zusammen: „[Die Kirche] wird also katholisch genannt, weil sie in der ganzen Ökumene vom (einen) Ende bis ans (andere) Ende der Erde ist und weil sie umfassend und lückenlos alle Dogmen lehrt, die zur Kenntnis der Menschen gelangen müssen.“ Er verweist dabei ausdrücklich auf eine innere, qualitative Bedeutung (Rechtgläubigkeit) und eine äußere, quantitative Bedeutung (Globalität). „Katholisch“ drückte damit sowohl den rechten Glauben im Gegensatz zur Häresie als auch die organisatorische Einheit im Gegensatz zum Schisma aus. Diese erweiterte Bedeutung hatte sich ab der zweiten Hälfte des zweiten Jahrhunderts entwickelt und wurde damit begründet, dass sich die katholische Kirche auf die Verkündigung der ganze Wahrheit und Repräsentation der ganzen Kirche berufen kann, während Häresien durch die Überbewertung einzelner Wahrheiten entstehen und in erster Linie lokal auftreten. Die Bezeichnung „katholische Kirche“ entwickelte sich damit zu einem Eigennamen für die wahre durch Jesus Christus gegründete Kirche in Abgrenzung gegenüber Sondergemeinschaften. In diesem Sinne schrieb Bischof Pacian von Barcelona um 370 im Ersten Brief an Sempron (), in dem er den Novatianismus kritisierte:
Schon bei Cyprian von Karthago tritt neben die attributhafte Verwendung auch eine Wortbedeutung als Eigenname, beispielsweise im Titel seines Hauptwerks („Über die Einheit der katholischen Kirche“, 251) und vielen Phrasen wie („der katholische Glaube“, Ep. xxv; ed. Hartel, II, 538), („die katholische Einheit“, Ep. xxv, p. 600) oder („die katholische Regel“, Ep. lxx, p. 767). Auch die substantivische Verwendung als Kurzform von findet sich im Kanon Muratori (um 170) sowie bei Tertullian in de praescriptione haereticorum („Vom prinzipiellen Einspruch gegen die Häretiker“, XXX) und anderen christlichen Autoren, insbesondere in Nordafrika.
Praktische Bedeutung erhielt das Konzept der universalen Katholizität erstmals in den Auseinandersetzungen mit den Donatisten Anfang des vierten Jahrhunderts. Anders als die meisten häretischen Gruppierungen vertraten sie keine christologischen Sonderlehren, sondern stießen mit ihrem Kirchenverständnis auf Widerstand. Sie beanspruchten, die wahre Kirche Jesu Christi zu vertreten, und legten bestimmte Wesensmerkmale der Kirche fest, welche sie nur bei sich selbst erfüllt sahen. Ihre Gegner stellten jedoch heraus, dass der Titel „katholisch“, unter dem die Kirche allgemein bekannt war, zuverlässigere Kriterien erfordere und nicht auf eine örtlich beschränkte Splittergruppe anwendbar sei. In dieser Auseinandersetzung entwickelten die Kirchenlehrer Optatus von Mileve und Augustinus von Hippo ihre Ekklesiologie und hoben dabei den universalen Charakter der Katholizität hervor, da die Kirche nach den Schriften des Alten und Neuen Testaments über die ganze Welt verbreitet sei.
Glaubensbekenntnisse In vielen christlichen Gemeinden, auch in Alexandria, Karthago und Rom, kam es zu bitteren Streitigkeiten über die korrekte Glaubenslehre, teilweise gab es mehrere konkurrierende Bischöfe, die sich und ihre Lehre als rechtmäßig betrachteten. Streitpunkt waren im dritten Jahrhundert vor allem christologische Fragen über die Natur Christi und die Dreifaltigkeit. Darauf hatten Modalismus, Adoptionismus, Markionismus, Doketismus, Subordinatianismus und Arianismus oder Synkretismen wie Gnostizismus und Manichäismus unterschiedliche Antworten. Für die Christen war diese Diversität an Glaubensüberzeugungen inkonsistent, der gemeinsame Glaube an Jesus Christus konnte schließlich nicht auf verschiedenen Wahrheiten beruhen. Die Theologen der ersten Jahrhunderte suchten daher nach der universalen Kernbedeutung, was den christlichen Glauben wirklich ausmacht. Während manche dieser Lehren eher unbedeutend blieben, erfuhren andere eine größere Verbreitung, blieben aber lokal beschränkt, waren meist kurzlebig, veränderten sich oder zerfielen in noch kleinere Untergruppen. Es zeigte sich aber eine deutliche Konsistenz der Glaubenslehre unter nahezu allen Bischöfen und der großen Mehrheit der Christen, die der heidnische Autor und Kritiker des Christentums Kelsos schon Ende des zweiten Jahrhunderts als „die Große Kirche“ beschrieb. Diese wurde fortan zunehmend mit dem Attribut „katholisch“ versehen. Zwar konnte damit schon unterschieden werden, was nicht dem katholischen christlichen Glauben entsprach, dennoch war damit dessen genauer Inhalt noch immer nicht verbindlich definiert.
Die Bischöfe der Alten Kirche kamen auf ersten beiden ökumenischen Konzilien zusammen, um die christologischen Differenzen zwischen Trinitarismus und Arianismus zu beenden. Im ersten Konzil von Nicäa (325) legten sie das Bekenntnis von Nicäa fest, das den Arianismus ablehnte und auch eine Referenz auf die „katholische Kirche“ als Garant des Glaubens enthält. Im nachfolgenden ersten Konzil von Konstantinopel (381) wurde das Glaubensbekenntnis als Nicäno-Konstantinopolitanum erweitert, welches seither die grundlegende Glaubensformel fast aller Christen ist, und die wesentlichen Merkmale der von Jesus Christus errichteten Kirche ausgesprochen:
Sprachlich möglich ist auch eine Übersetzung des griechischen Wortes, im Deutschen „allgemein“ statt „katholisch“. Im deutschen Sprachraum machen davon ausschließlich reformierte Kirchen Gebrauch. In den evangelischen Kirchen in Deutschland (z. B. in der EKD) wird der Begriff „katholisch“ im Glaubensbekenntnis mit „christlich“ oder „allgemein“ wiedergegeben.
In seiner Katechese an die Täuflinge führt Kyrill von Jerusalem über das Glaubensbekenntnis und die Abgrenzung von häretischen Lehren aus:
Während die meisten christlichen römischen Kaiser mit dem Arianismus sympathisiert hatten, erklärte Theodosius I. 380 im Dreikaiseredikt das nicäanische Glaubensbekenntnis als maßgeblich und „nur diejenigen, die diesem Gesetz folgen, sollen […] katholische Christen heißen dürfen“. Alle anderen sollten als Häretiker gelten.
Wenig später hebt auch Augustinus von Hippo in seiner Schrift Gegen den Brief des Manichäus die „katholische Kirche“ als Gegensatz zu häretischen Gruppen hervor: „Und schließlich [sorgt dafür] schon allein der Name ‚katholisch‘, den die Kirche nicht ohne Grund trotz so vieler Häresien bewahrt hat; so dass, obwohl alle Häretiker wünschen Katholiken genannt zu werden, wenn ein Fremder fragt, wo die katholische Kirche zusammenkommt, wird kein Häretiker es wagen, auf seine eigene Kapelle oder Haus zu zeigen.“
Sein Zeitgenosse Vinzenz von Lérins schrieb 434 in seinem Werk Commonitorium:
Konfessionelle Bedeutung Während sich alle christlichen Konfessionen auf die Katholizität berufen, tragen einige die Bezeichnung „katholisch“ im Namen. Auf die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen wird der Begriff katholisch jedoch seltener angewandt, um Verwechslungen mit der römisch-katholischen Kirche zu vermeiden.