mini|Porträts von Marx, Engels, Lenin und Stalin auf einer Demonstration zum 1. Mai 1953 in Ost-Berlin Der Begriff Marxismus-Leninismus bezeichnet ab Mitte der 1920er Jahre die offizielle politische Ideologie der Sowjetunion und später diejenige des gesamten Ostblocks. Er wurde von Josef Stalin als „die durch Lenin weiterentwickelte Marx’sche Lehre unter den neuen Verhältnissen des Klassenkampfes in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolutionen“ definiert.Lexikon A–Z in zwei Bänden. Band 2, Volkseigener Verlag Enzyklopädie, Leipzig 1957, S. 114.
Definitionen Entstanden aus vielfach fragmentarischen Anfängen bei Marx und Engels bildete der Marxismus-Leninismus ein universelles weltanschauliches Lehrgebäude, das viele Zeitgenossen durch systematische Vollständigkeit und Geschlossenheit faszinierte. Keine politisch-soziale Bewegung ist mit einem so vielseitig und mit so weitläufigen theoretischen Überlegungen begründeten Aktionsprogramm angetreten wie der Kommunismus.Helmut Fleischer: Kleines Textbuch der kommunistischen Ideologie. Dordrecht 1963, S. VI.
Nach Lenins Tod 1924 wurde der Marxismus-Leninismus zur offiziellen Staatsdoktrin der Sowjetunion, wo er als wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse galt. Ursprünglich war nur die Bezeichnung Leninismus gebräuchlich. In der Folge wurde das Begriffspaar Marxismus-Leninismus in erster Linie von den kommunistischen Parteien verwendet, um sich vom Trotzkismus und anderen zum Stalinismus in Opposition stehenden Gruppen, sowie zum Reformismus und Revisionismus der Sozialdemokratie abzugrenzen.
Die Begriffsverbindung wurde auch zur Würdigung der eigenständigen theoretischen und praktischen Verdienste Lenins bei der Weiterentwicklung des Marxismus geschaffen. In Anlehnung an Stalin definierte die SED den Marxismus-Leninismus als
Auch nach der offiziellen Stalin-Kritik auf dem XX. Parteitag der KPdSU wurde der Begriff Marxismus-Leninismus von den kommunistischen und ihnen nahestehenden sozialistischen Parteien weiter verwendet.
An Lenin anknüpfendLenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. In: Proswenschtschenije Nr. 3, März 1913. Lenin Werke, Bd. 19, S. 3–9 (Online-Version; geprüft am 14. Mai 2008). wird der Marxismus-Leninismus in drei Hauptbestandteile gegliedert: Der Dialektische und Historische MaterialismusJosef Stalin: Über Dialektischen und Historischen Materialismus, vollständiger Text und kritischer Kommentar von Iring Fetscher, Berlin 1961 bildet die philosophische Grundlage des Marxismus-Leninismus und wird als praktische Anleitung im Aufbau des Sozialismus oder Kommunismus verstanden. Die politische Ökonomie untersucht die Beziehungen der Menschen in Produktion und Gesellschaft. Marx hingegen sprach stets von einer Kritik der politischen Ökonomie. Der wissenschaftliche Sozialismus oder wissenschaftliche Kommunismus (in Abgrenzung zur Sozialdemokratie) wird als „Wissenschaft vom Klassenkampf des Proletariats und der Errichtung der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft“ definiert.Meyers Universallexikon. Band 3, VEB Bibliographisches Institut Leipzig 1979, 1. Auflage, S. 81. Bei Stalin war noch von der „Lehre vom Klassenkampf und Sozialismus“ die Rede.
Der allgemeine Fortschrittsoptimismus war eine immanente Erscheinung im Marxismus-Leninismus. Er erklärte, dass die Idee von der Gesetzmäßigkeit des Fortschritts und ihrer Erkennbarkeit im Zentrum der marxistisch-leninistischen Philosophie steht.Hans-Georg Wolf: Die Geschichtswissenschaft in der DDR im Rahmen der Gesellschaftswissenschaften. Eine Bestandsaufnahme in Selbstzeugnissen. In: Alexander Fischer, Günther Heydemann (Hrsg.): Geschichtswissenschaft in der DDR. Band 1, Berlin 1988, S. 221.
Die berühmte Losung des Marxismus-Leninismus „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“ als gesellschaftlich anzustrebendes Ideal hatte Marx fast wörtlich dem Buch Reise nach Ikarien von Étienne Cabet entnommen, der die Forderung von Thomas Morus, Geld und Privateigentum abzuschaffen, um den Gedanken ergänzte, durch den Einsatz hochentwickelter Maschinen die notwendige Arbeit zu reduzieren.Aaron Benanav: Automatisierung und die Zukunft der Arbeit. Berlin 2021, S. 136.
In der DDR war Marxismus-Leninismus ein verbindliches Studienfach an allen Universitäten, Hochschulen und Fachschulen. Für Studenten aller Fachrichtungen waren Lehrveranstaltungen und Prüfungen in Marxismus-Leninismus (ML) Pflicht. Auch Professoren, Dozenten und wissenschaftliche Mitarbeiter hatten kontinuierlich an ML-Kursen teilzunehmen. Für diese Aufgaben gab es an jeder Hochschule und Universität ein Institut für Marxismus-Leninismus oder eine entsprechende Sektion, an den Fachschulen gab es entsprechende Abteilungen.
Geschichte Wortherkunft Lenin selbst hat seine Weltanschauung weder unter dem Begriff des Leninismus noch unter der Bezeichnung Marxismus-Leninismus zusammengefasst. Beide Begriffe fanden erst nach seinem Tod Verbreitung und kamen erstmals in der Geschichte der Sowjetunion in der Auseinandersetzung mit oppositionellen Gruppen um den „wahren Marxismus“ auf. Stalin schuf einen Personenkult um Lenin und stellte seine eigene Politik als direkte Fortsetzung der Politik der Bolschewiki dar, um sich gegenüber der Linken Opposition um Trotzki abzugrenzen, der Stalin bürgerliche Tendenzen vorwarf. Der Marxismus-Leninismus wurde schließlich zur offiziellen Staatsdoktrin in den Diktaturen des Realsozialismus.
Auch Trotzkisten und andere bezeichnen sich als Leninisten, grenzen sich aber vom Marxismus-Leninismus ab. Nachdem dieser unter Stalin erschaffen wurde, bevorzugten Kritiker dieser Variation des Marxismus und der meist damit verbundenen repressiven Politik die Bezeichnung Stalinismus. Beide Begriffe werden meist synonym verwendet. Während Marx, Engels und andere in ihrem Denken von den realen Verhältnissen und den Kämpfen abstrahierten, wird dem Marxismus-Leninismus – vor allem von trotzkistischer Seite – vorgeworfen, die Eigeninteressen der herrschenden politischen Kaste der Sowjetunion zur philosophischen Grundlage zu erheben.
Amadeo Bordiga, Gründer der Kommunistischen Partei Italiens, lehnte die Begriffe Leninismus und Marxismus-Leninismus bereits 1925 öffentlich ab und bezeichnete sie in einer Sitzung der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale als revisionistisch.Amadeo Bordiga in: L’Unità, 30. September 1925, zitiert nach: Protokoll der Erweiterten Exekutive der Kommunistischen Internationale. Hoym-Verlag, Hamburg 1926.
Stalin sprach nach zugänglichen Materialien das erste Mal vom Marxismus-Leninismus öffentlich am Schluss des Rechenschaftsberichts an den XVII. Parteitag der KPdSU (B) am 26. Januar 1934, nämlich darüber, „die Abweichungen mancher Genossen vom Marxismus-Leninismus nicht zu vertuschen, sondern mutig zu kritisieren“.J. Stalin: Fragen des Leninismus, Verlag für Fremdsprachige Literatur Moskau 1946, nach der 11. Russischen Auflage von 1939, Abschnitt III, S. 577. Offensichtlich handelte es sich damals um eine Wortzusammensetzung, die erst viel später neue und größere Bedeutung erlangte. Im November 1938 verurteilte dann das ZK der KPdSU in einem Beschluss „die schädliche Trennung […] zwischen Marxismus und Leninismus“ und führte den obligatorischen Begriff des Marxismus-Leninismus ein – ein Marxismus-Leninismus, der sich de facto nur auf die Darstellung der Stalinschen Interpretation beschränkte und lediglich hier und da noch einige wenige „passende“ Zitate von Marx, Engels und Lenin aufwies.Aus: Wolfgang Leonhard: Die Dreispaltung des Marxismus. Ursprung und Entwicklung des Sowjetmarxismus, Maoismus & Reformkommunismus, Düsseldorf/Wien 1979, S. 166. Da aber in der Komintern die KPdSU (B) bzw. Stalin dominierenden Einfluss hatten, wurde später, vor allem im Kalten Krieg der von Stalin geprägte Begriff des Marxismus-Leninismus oft mit dem des Stalinismus gleichgesetzt.
Maoismus → Hauptartikel: Maoismus
In den 1950er Jahren kam es zum politischen Bruch zwischen der Sowjetunion und dem China Mao Zedongs (→ Chinesisch-sowjetisches Zerwürfnis). Die Sowjetunion und die Volksrepublik China bezeichneten sich jeweils als die wahren Erben des Marxismus-Leninismus. Die Kommunistische Partei Chinas beanspruchte für sich, die Ideen des Marxismus-Leninismus (also auch die Werke Stalins) an die chinesischen Gegebenheiten angepasst zu haben, verknüpfte damit aber auch einen universellen Geltungsanspruch. Diese Strömung des Marxismus erhielt später den Namen Maoismus. Parteien und Bewegungen, die mit der Kommunistischen Partei Chinas sympathisierten, griffen diese Variation des Marxismus-Leninismus auf und orientierten sich politisch am Maoismus. Seit der marktwirtschaftlichen Liberalisierung Chinas vertreten die meisten maoistischen Parteien die Ansicht, dass sich die chinesische Führung von den Prinzipien des Maoismus (und damit des Marxismus-Leninismus) abgewandt habe und werfen ihr revisionistische Tendenzen vor.
Marxismus-Leninismus wird meistens von maoistischen Organisationen und Parteien als Namensteil verwendet. Allerdings spielt bis auf Nepal und Indien keine dieser Parteien eine maßgebliche Rolle in der Landespolitik. Gewöhnlich wollen sich solche Parteien von anderen kommunistischen Parteien abgrenzen, denen sie Revisionismus vorwerfen. Auch die Black Panther Party in den USA berief sich auf den Maoismus.
Chuch’e-Ideologie → Hauptartikel: Chuch’e-Ideologie
In Nordkorea ersetzte 1977 die Chuch’e-Ideologie (auch Juche oder Zuche) den klassischen Marxismus-Leninismus. In den Werken von Kim Il Sung und Kim Jong Il ist stets die Rede vom „hocherhobenen roten Banner des Marxismus-Leninismus und der Juche-Idee“. Dabei sei der Kampf gegen Revisionismus, Dogmatismus und Formalismus besonders wichtig. Sie ist in Nordkorea auch Bestandteil des Personenkults um die herrschende Kim-Familie. Gemäß der Juche-Ideologie könne die Revolution nur vom eigenen Volk gemacht werden; der Sozialismus müsse an die besonderen kulturellen, politischen und historischen Bedingungen des jeweiligen Landes anknüpfen, also keine formale Übernahme des Modells eines anderen sozialistischen Landes.
Von den meisten anderen Vertretern des Marxismus-Leninismus wird die Chuch’e-Ideologie abgelehnt, da sie aus ihrer Sicht nicht mit dem Marxismus-Leninismus vereinbar ist. So verstehen viele von ihnen die Ideologie als militaristisch, imperialistisch sowie antimarxistisch. Westliche Beobachter kritisieren zudem rassenideologische Tendenzen dieser Ideologie.
Titoismus Inwieweit der Titoismus in Jugoslawien dieser marxistischen Strömung zuzuordnen ist, bleibt umstritten. Einige Elemente wie der PersonenkultElmir Camic: Tito als politischer Held. In: Peter Tepe, Thorsten Bachmann, Birgit Zur Nieden, Tanja Semlow, Karin Wemhöner (Hrsg.): Politische Mythen (= Mythos. Fächerübergreifendes Forum für Mythosforschung. Nr. 2). Königshausen & Neumann, Würzburg 2006, ISBN 3-8260-3242-X, S. 194–213. oder die Allianz mit dem Bauernstand finden sich auch im Titoismus wieder, die Arbeiterselbstverwaltung und der Nationalitätenausgleich sind wiederum Merkmale, die ihn vom klassischen Marxismus-Leninismus unterscheiden.Wolfgang Leonhard: Die Dreispaltung des Marxismus. Ursprung und Entwicklung des Sowjetmarxismus, Maoismus & Reformkommunismus. Düsseldorf/Wien 1979, S. 346–355.
Unvermeidbarkeit der Kriege