mini|Verlag Hanser, 1992 Der Roman Die Blendung ist das 1936 veröffentlichte Erstlingswerk des deutschsprachigen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Elias Canetti.

Hauptfigur ist der „größte lebende Sinologe“ und Büchersammler Peter Kien, der in einer Vier-Zimmer-Wohnung mit seiner 25.000 Bände umfassenden Bibliothek haust. Durch die Ehe mit seiner Haushälterin Therese Krumbholz wird der weltfremde Sonderling mit der Gemeinheit des Lebens konfrontiert und verfällt dem Irrsinn.

Inhalt Kien widmet sein Leben der Wissenschaft und dem Sammeln von Büchern. In seiner riesigen Bibliothek führt er ein groteskes Höhlenleben, eigensinnig und verschroben. Eingeengt auf seine Bibliomanie, heiratet er die Frau, die Bücher am gewissenhaftesten zu behandeln vorgibt: seine ungebildete Haushälterin Therese. In der Hochzeitsnacht entlarvt sich Therese: Bei dem Versuch, Kien zu verführen, fegt sie mit einer Handbewegung Bücher von dessen Schlafdiwan. Kien ist schockiert und flüchtet. Es beginnt ein erbarmungsloser Kampf um die Vorherrschaft in der gemeinsamen Wohnung, der „Bücherfestung“. Therese ist an materiellen Dingen interessiert (Räume der Wohnung, Möbel, Geld). Beim Möbelkauf verliebt sie sich in den Verkäufer Herrn Grob, den sie in Gedanken liebevoll „Herr Puda“ nennt und dessen Namensbildung auf das zufällige Lesen des Buchtitels Buddha zurückgeht. Kien hingegen verlangt Ruhe (Sprechverbot) und Zutritt zu seiner Bibliothek. Therese, die sich innigst nach körperlicher Nähe sehnt, prügelt Kien rasend vor Zorn, da dieser ihre wiederholten Avancen neuerlich abwies. Nach diesem Vorfall werden erste Anzeichen von Irrsinn deutlich: Als Zermürbungstaktik sitzt er wochenlang apathisch vor seinem Schreibtisch, „verwandelt sich in Stein“, um einem weiteren tätlichen Angriff Theresens zu entgehen. Schließlich eskaliert die Auseinandersetzung: Im Kampf um sein (freilich nur noch in unbedeutenden Resten vorhandenes) Vermögen wird Kien von Therese aus seiner eigenen Wohnung vertrieben.

Kien verfällt zunehmend dem Wahnsinn: Er richtet eine „Kopfbibliothek“ ein und irrt in der ihm fremden Stadt umher. In der Bar Zum idealen Himmel stößt er auf den zwielichtigen Siegfried Fischer (gen. Fischerle), einen buckligen Zwerg und Zuhälter, der sich für ein Schachgenie hält. Fischerle träumt von einem Leben als Schachweltmeister in Amerika; hierfür benötigt er Geld. Als Kien seine Berufung in der „Errettung“ von Büchern findet, die für das Pfandleihhaus „Theresianum“ bestimmt sind, schickt Fischerle verschiedene Mittelsmänner mit immer demselben Bücherpaket dorthin, das von Kien für immer höhere Beträge von der Verpfändung „freigekauft“ wird. So ergaunert er sich einen Teil von Kiens Geld – das er freilich für diesen zuvor aus einem Raubüberfall im „idealen Himmel“ gerettet hat. Von einem von Fischerles Mittelsmännern erfährt Kien die unwahre Nachricht vom Tod Thereses und malt sich ein Schreckensszenario ihres langsamen Hungertodes und ihrer Selbstverspeisung aus. Fischerle ist es auch, der Kiens Bruder aus einer Laune heraus mit einem Telegramm über dessen desolaten Zustand informiert und damit eine Möglichkeit zu dessen Rettung eröffnet. In der weiteren Folge wird er von einem Liebhaber seiner Frau (einer seiner früheren „Mitarbeiter“, mit denen er Kien um sein Geld geprellt hat, genannt „Der Blinde“) ermordet.

Inzwischen beginnt die sexuell frustrierte Therese eine Affäre mit dem sadistischen Hausbesorger Benedikt Pfaff, genannt der „rote Kater“, dessen Passion das Verprügeln von Bettlern, seiner Frau (die daran auch stirbt) und seiner Tochter, die er ebenfalls in den Tod treibt, ist. Gemeinsam wollen sie die Bücher der Bibliothek zum Theresianum bringen. Dort stoßen sie auf Kien (der Therese für eine Halluzination hält, da sie ja tot sein müsste). Eine Schlägerei beginnt, in deren Folge die Polizei gerufen wird. Es folgt ein von Missverständnissen geprägtes Verhör, da Kien denkt, er habe Therese umgebracht und dass sie trotz allem anwesend ist. Er gesteht den (nicht begangenen) Mord, weshalb Therese ab sofort überzeugt ist, dass Kien seine erste Frau umgebracht habe. Zuletzt wird dieser doch laufen gelassen. Er zieht in die Wohnung des Hausbesorgers, wo er immer offensichtlicher als Gefangener gehalten und immer unverblümter beraubt wird, ohne dies noch recht wahrzunehmen. Noch immer glaubt er, Therese sei tot; als sie ihm gegenübertritt, hält er sie für eine Halluzination und beginnt, an seinem Verstand zu zweifeln.

In dieser ausweglosen Situation tritt der von Fischerle benachrichtigte Bruder Kiens, der Pariser Psychiater Georg Kien, auf. Er ist als Einziger ernsthaft an der Errettung des verehrten Bruders interessiert, sorgt für das Verschwinden Pfaffs und Thereses aus dessen Leben und führt Kien in seine Bibliothek zurück. Kiens Welt ist scheinbar wiederhergestellt, Georg kehrt zu seinen eigenen drängenden Angelegenheiten in Paris zurück. Kien jedoch kann auch Georg nur noch als einen Störer und Feind des Gelehrtendaseins wahrnehmen, dem seine Bücher keinesfalls in die Hände fallen dürfen.

Er verfällt nun vollständig dem Irrsinn: Von der Vorstellung, aufgrund des imaginierten Mordes an Therese lebenslänglich inhaftiert zu werden, verfolgt, von den Hilfeschreien der (in seiner Wahnvorstellung) im Theresianum verbrennenden Bücher gepeinigt, verbrennt er sich zusammen mit seiner Bibliothek.

Hintergrund Canetti schrieb das Buch in den Jahren 1931/32 in Wien. Wenngleich die Handlung im Wiener Milieu verankert ist, so hat er doch offenbar wesentliche Anregungen bei seinem Aufenthalt in Berlin im Sommer 1928 erhalten. Berlin erschien Canetti damals – im Vergleich zum gemütlichen Wien – wie ein Irrenhaus.

Einfluss auf den Roman hatten nach Canetti auch der „Hohn auf jedes Gefühl von Gerechtigkeit“Durzak: Gespräch über den Roman. 1976, S. 93. in den Prozessen gegen die rechten Mörder einiger Arbeiter im Burgenland (Schattendorfer Urteil) und die anschließende Julirevolte in Wien mit dem Brand des Wiener Justizpalastes und den 89 von der Polizei erschossenen Demonstranten.

Als reales Vorbild für die Romanfigur Therese, die Haushälterin des Büchermenschen Kien, gibt Canetti eine ehemalige Wiener Vermieterin in der Hagenberggasse an.

Kein reales Vorbild hatte die Hauptfigur Kien, der Büchermensch, der schließlich im Feuer seiner Bibliothek verbrennt. Canetti hatte ihn in ersten Entwürfen „B.“ genannt, ein abstraktes Kürzel für „Büchermensch“, schließlich dann nach seinem Ende „Brand“, dies zeitweilig verfremdet zu „Kant“, vorgesehener Buchtitel war dementsprechend zunächst „Kant fängt Feuer“. Erst auf Drängen Hermann Brochs änderte Canetti den Namen der Figur in „Kien“.Durzak: Gespräch über den Roman. 1976, S. 94. Das nur noch wenig gebräuchliche männliche Substantiv Kien steht für ein viel Harz enthaltendes (und darum leicht entzündliches) [Kiefern]holz.Duden Rechtschreibung, Onlineausgabe: Kien. Abruf am 14. Dezember 2020.

Als Einflüsse für „Die Blendung“ gab Canetti zunächst Franz Kafka an, dessen Erzählung Die Verwandlung er zu dieser Zeit erstmals las. Als weitere Einflüsse nennt er Gogols Roman Die toten Seelen und Stendhals Rot und Schwarz.Durzak: Gespräch über den Roman. 1976, S. 95

Trotz dieser humanistischen Berufung auf Kafka heben Rezensenten immer wieder die Mitleidlosigkeit hervor, mit der die Figuren der Blendung gezeichnet sind.vgl. etwa Dagmar Barnouw: Elias Canetti. Stuttgart (Sammlung Metzler) 1979, ISBN 3-476-10180-0, S. 22: „gibt es in der Blendung keine einzige positive Figur (…), keine, deren Schwächen entschuldbar wären“.

Den Einfluss der Wiener Sprachumgebung auf sein Schreiben hat Canetti unter dem Einfluss von Karl Kraus und Johann Nestroy schon 1937 mit der „Theorie der akustischen Maske“ zu fassen versucht. Für sein Schreiben sammelte Canetti Höreindrücke verschiedener Wiener Sprachstile, durch nächtelanges Zuhören in Volkskneipen, durch Sammeln von Redeweisen wie der von Alma Mahler-Werfel, durch literarische Lesungen Nestroys und aus dem japanischen Kabuki-Theater.Durzak: Gespräch über den Roman. 1976, S. 95 ff. Canetti entwirft auf dieser Basis Sprachsysteme für seine Figuren, die häufig nicht mehr als 500 Wörter umfassen, die „akustische Maske des Menschen“.Manfred Durzak: Der Roman des abstrakten Idealismus als satirischer Roman. Elias Canettis „Die Blendung“. In: Manfred Durzak: Gespräch über den Roman. 1976, S. 113 ff.

Es sind wesentlich diese „akustischen Masken“, die beißend ironische Kennzeichnung der Figuren aufgrund immer wiederkehrender Satzfetzen und Ausdrücke, die den bitteren Humor der „Blendung“ bestimmen. Dagmar Barnouw zitiert beispielhaft Elemente der Sprachmaske der Haushälterin Therese oder des brutalen Hausbesorgers, der seine Tochter missbraucht und Bettlern und Hausierern auflauert, um diese brutal zusammenzuschlagen:

Jede der Sprachmasken hat ihr eigenes Vokabular, ihren eigenen Rhythmus. Gemeinsam ist ihnen das Verhaftetsein an Konventionen und Sprache des Spießers. Kaum verdeckt aber brechen sich die eigentlichen, triebhaften Wünsche Bahn, vor allem in Form verzerrter Sexualität und kaum verdeckter Aggression. Die Sprache des Unbewussten entlarvt dabei die Hohlheit der normierten Phrasen. Das „Futter“, das der Vater seiner Tochter zuteilt, verweist kaum verdeckt darauf, dass die Tochter wie ein Tier gehalten und benutzt wird. Dadurch wird der Appell an die Vaterliebe demaskiert als Floskel, als Sprachmaske, hinter der sich der wahre Charakter des Hausbesorgers zeigt.

Wie andere Werke aus dieser Zeit blieb „Die Blendung“ zunächst unveröffentlicht. Der Druck erfolgte erst 1935. Canetti erklärt dies durch den moralischen Einfluss von Karl Kraus und sein moralisches Gegenbild Bertolt Brecht, der dem unerfahrenen Canetti in Berlin begegnet war und sich über dessen Wertvorstellungen lustig gemacht hatte.

Horst Bienek sieht in der Figur Kiens durchaus auch Anspielungen auf Canetti selbst:

Die Figur Kien und seine Interessen spiegeln durchaus Seiten des Autors Canetti wider. Da ist zunächst der feste Wunsch, sein ganzes Leben dem Schreiben und der Buchgelehrsamkeit zu widmen. Wie Kien interessierte sich Canetti zeit seines Lebens für die alte chinesische Kultur. In der Figur des Büchernarren ohne Welt finden sich also verschiedene Elemente einer selbstironischen Gelehrtenkarikatur.Dagmar Barnouw: Elias Canetti. Stuttgart (Sammlung Metzler) 1979, ISBN 3-476-10180-0, S. 23 ff.

Im Erscheinungsjahr der Blendung 1935 wohnte Canetti mit seiner Ehefrau Veza, die er im Jahr davor geheiratet hatte, im Wiener Stadtteil Grinzing. In einem Brief berichtet er seinen Verwandten in Paris mit verhaltenem Stolz über diesen ersten literarischen Erfolg, der für ihn eine Bestätigung seiner Existenz als Schriftsteller darstellte und ihm auch einen gewissen finanziellen Rückhalt lieferte.

In Paris wohnten damals sein Bruder, der Arzt Georg Canetti – eine kaum verhüllte Vorlage für „Georg Kien“ – und seine Mutter Mathilde Canetti, die wenig später starb.

Canettis groteske Komik