Lidocain ist ein Arzneistoff zur örtlichen Betäubung (Lokalanästhetikum) vom Typ der Amide und ein Antiarrhythmikum der Klasse Ib der Vaughan/Williams-Klassifikation. Als Antiarrhythmikum wird es bei tachykarden (beschleunigter Puls) ventrikulären Herzrhythmusstörungen eingesetzt. Es steht auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation.
Geschichte Lidocain war das erste Amino-Amid-Lokalanästhetikum und wurde durch die schwedischen Chemiker Nils Löfgren und Bengt Lundqvist im Jahre 1943 synthetisiert. Sie verkauften die Patentrechte des Lidocains an den damaligen schwedischen Pharmakonzern Astra AB. Weltweit eingesetzt wurde Lidocain ab 1947.
Darstellung mini|ohne|400px|Synthese von Lidocain aus 2,6-Xylidin Lidocain wird in mehreren Synthesestufen aus 2,6-Xylidin durch Umsetzung mit Chloressigsäurechlorid und Diethylamin dargestellt. Arzneilich verwendet wird häufig die Salzform Lidocainhydrochlorid.
Wirkprinzip Lidocain blockiert spannungsabhängige Natriumkanäle in den Zellmembranen der Nervenzelle. Lidocain setzt die Membranpermeabilität für Kationen, insbesondere für Natriumionen, in höheren Konzentrationen auch für Kaliumionen, herab. Dies führt konzentrationsabhängig zu einer verminderten Erregbarkeit der Nervenfaser, da der zur Ausbildung des Aktionspotenzials notwendige plötzliche Anstieg der Natriumpermeabilität verringert ist. Lidocain dringt vom Zellinneren in den geöffneten Na-Kanal der Zellmembran ein und blockiert durch Besetzung einer spezifischen Bindungsstelle dessen Leitfähigkeit. Wenn sensible Rezeptoren auf der Haut die Empfindung von Druck, Schmerz, Wärme, Kälte etc. an das Gehirn weiterleiten sollen, wird die Erregungsweiterleitung blockiert, da kein Natrium in die Nervenzelle einströmen kann und so die Entstehung eines Aktionspotentials erschwert wird. Lidocain wirkt bei der Injektion unter die Haut oder beim Auftragen als Salbe nur an den sich dort befindlichen Nervenzellen. Dünne Nervenfasern werden früher in ihrer Weiterleitung blockiert als dicke. Daraus ergibt sich folgende Reihenfolge des Empfindungsausfalls: Schmerz – Temperatur – Berührung – Druck. Als Letztes wird die Innervation der Muskeln, der Efferenzen, gehemmt; Efferenzen sind Nervfasern, die vom zentralen Nervensystem kommen und zum Beispiel Muskeln innervieren. Dadurch fällt die Motorik (Muskelbewegung) im Wirkbereich des Lidocains aus.
Ein weiteres Wirkprinzip ist die Hemmung der durch Staphylokokken-Toxin hervorgerufenen Entzündung der Haut bei atopischer Dermatitis, die in vitro nachgewiesen werden konnte.Qingqing Jiao u. a.: Lidocaine inhibits staphylococcal enterotoxin-stimulated activation of peripheral blood mononuclear cells from patients with atopic dermatitis. In: Archives of Dermatological Research, 2013, S. 1–8.
Analytik Der zuverlässige qualitative und quantitative Nachweis von Lidocain in Körperflüssigkeiten gelingt nach angemessener Probenvorbereitung durch die Kopplung chromatographischer Verfahren, wie der HPLC oder der Gaschromatographie mit der Massenspektrometrie.A. Grigoriev, A. Nikitina, I. Yaroshenko, A. Sidorova: Development of a HPLC-MS/MS method for the simultaneous determination of nifedipine and lidocaine in human plasma. In: J Pharm Biomed Anal. 131, 30. Nov 2016, S. 13–19. PMID 27521985A. Abdel-Rehim, M. Abdel-Rehim: Dried saliva spot as a sampling technique for saliva samples. In: Biomed Chromatogr. 28(6), Jun 2014, S. 875–877. PMID 24861757C. E. Hignite, C. Tschanz, J. Steiner, D. H. Huffman, D. L. Azarnoff: Quantitation of lidocaine and its deethylated metabolites in plasma and urine by gas chromatography-mass fragmentography. In: J Chromatogr. 161, 21. Nov 1978, S. 243–249. PMID 730798R. T. Coutts, G. A. Torok-Both, L. V. Chu, Y. K. Tam, F. M. Pasutto: In vivo metabolism of lidocaine in the rat. Isolation of urinary metabolites as pentafluorobenzoyl derivatives and their identification by combined gas chromatography-mass spectrometry. In: J Chromatogr., 421(2), 30. Oct 1987, S. 267–280. PMID 3429583 Auch für forensische Fragen und in der Drogenkontrolle finden diese analytischen Methoden Verwendung.S. F. Lapachinske, G. G. Okai, A. dos Santos, A. V. de Bairros, M. Yonamine: Analysis of cocaine and its adulterants in drugs for international trafficking seized by the Brazilian Federal Police. In: Forensic Sci Int. 247, Feb 2015, S. 48–53. PMID 25544694R. Oertel, N. Arenz, S. G. Zeitz, J. Pietsch: Investigations into distribution of lidocaine in human autopsy material. In: Biomed Chromatogr. 29(8), Aug 2015, S. 1290–1296. PMID 25619956 Ebenfalls in der Abwasseranalytik ist Lidocain ein Gegenstand der Forschung.R. Bade, J. M. White, C. Gerber: Qualitative and quantitative temporal analysis of licit and illicit drugs in wastewater in Australia using liquid chromatography coupled to mass spectrometry. In: Anal Bioanal Chem. 410(2), Jan 2018, S. 529–542. PMID 29214532
Anwendungsgebiete Lokalanästhesie
Lidocain wird in der Human- und Veterinärmedizin als gut und schnell wirksames örtliches Betäubungsmittel häufig eingesetzt. Das Medikament ist in der Liste der unentbehrlichen Medikamente der WHO dreifach aufgeführt, was dessen Stellenwert verdeutlicht.
Hierzu wird Lidocain entweder in das Gewebe eingespritzt (Infiltrationsanästhesie), um so ein kleineres Areal zu betäuben, wie es für die Naht einer Platzwunde oder ähnliche kleinere Eingriffe notwendig ist. Alternativ wird es in den Bereich eines Nervs gespritzt, um so dessen Versorgungsgebiet zu betäuben (Leitungsanästhesie). Das Medikament sollte ein bis drei Minuten einwirken, dann ist eine ausreichende Lokalanästhesie gegeben. Die Wirkdauer ist dosisabhängig und beträgt ein bis drei Stunden.
Da Lidocain gut über die Schleimhaut aufgenommen wird, gibt es diesen Wirkstoff in Form von Sprays oder Salben für die Oberflächenanästhesie.
Durch die Kombination von Lidocain mit dem Anästhetikum Prilocain im Verhältnis 1:1 entsteht ein eutektisches Gemisch („Eutectic Mixture of Local Anesthetic“, EMLA), das bei Hauttemperatur flüssig ist und eine gute Penetration in die Haut aufweist. Die Mischung wird als Wirkstoff in der Oberflächenanästhesie der Haut eingesetzt. Ebenso wird eine eutektische Mischung mit Tetracain verwendet (Pliaglis). Eine weitere pharmazeutische Entwicklung ist die liposomale Verkapselung von Lidocain (LMX4), die seit 1998 therapeutisch verfügbar ist. Diese Formulierungsform soll sich günstig auf die Anwendungseigenschaften auswirken, da die Einwirkdauer auf der Haut verkürzt, die Wirkdauer verlängert und Nebenwirkungen verringert sein sollen.
Ferner ist Lidocain Wirkstoff in Sprays und Gleitmitteln zur Erleichterung der endotrachealen Intubation und des Einlegens eines Blasenkatheters.Xylocain-Gel 2 %. Gelbe Liste.
Lidocain ist für die parenterale Anwendung, bis auf wenige Ausnahmen, verschreibungspflichtig, ebenso für die Anwendung am Auge und am äußeren Gehörgang. Für die subkutane bzw. intramuskuläre Regionalanästhesie in der Geburtshilfe (Durchführung von Dammschnitten, Naht von Dammschnitten und -rissen) darf Lidocain in Deutschland in beschränkter Dosis und in Konzentrationen bis 1 % ohne ärztliche Verschreibung an Hebammen und Entbindungspfleger abgegeben werden.
Seit 2007 ist Lidocain in verschiedenen europäischen Ländern in Form eines transdermalen Pflasters mit fünf Gewichtsprozent Lidocain erhältlich, das unter dem Handelsnamen Versatis zur Behandlung neuropathischer Schmerzen nach Herpes-Zoster-Infektion zugelassen ist.Produktinformation. Arzneimittelinformationssystem (AMIS) des Bundes und der Länder.
Im Rahmen von größeren bauchchirurgischen Eingriffen führt intravenöses Lidocain zu geringeren Schmerzen, weniger Übelkeit und besserer Darmfunktion. Neben der Unterdrückung von Schmerzreizen im OP-Gebiet wird auch eine hemmende Wirkung auf Granulozyten für diese Wirkung verantwortlich gemacht. Deshalb kann intravenös verabreichtes Lidocain für bestimmte Operationen eingesetzt werden, sofern ein Periduralkatheter, der den Goldstandard bildet, nicht vorhanden ist. Dieser Off-Label-Einsatz benötigt vor der OP die Einwilligung des Patienten. Die Dosierungsschemata beginnen meist mit einer initialen Kurzinfusion von 1,5 mg/kg gefolgt von einer Dauerinfusion von 1,5 mg/kg/h während der OP und einer postoperativen Dosis von 1,33 mg/kg/h für ca. 4 Stunden.A. Herminghaus, M. Wachowiak, W. Wilhelm, A. Gottschalk, K. Eggert, A. Gottschalk: Intravenös verabreichtes Lidocain zur perioperativen Schmerztherapie. In: Der Anaesthesist. 60, 2011, S. 152, doi:10.1007/s00101-010-1829-0.
Lokalanästhesie in der Zahnmedizin
Lidocain ist das von Zahnärzten am häufigsten eingesetzte Mittel zur örtlichen Betäubung. Es hat eine geringe Rate an unerwünschten Wirkungen sowie ein geringes Allergiepotential. Es kann Epinephrin (Adrenalin) zugesetzt werden, welches die Wirkungsdauer des Lidocains verlängert. Dies geschieht durch eine durch das Epinephrin eintretende Gefäßverengung, wodurch ein langsamerer Abtransport in die Blutbahn des Patienten erfolgt.Entaz Bahar, Hyonok Yoon: Lidocaine: A Local Anesthetic, Its Adverse Effects and Management. In: Medicina-lithuania. 2021, Band 57, Nummer 8, S. 782 .
Kontrolle von vorzeitiger Ejakulation In Form von Salben, Sprays oder Cremes steht Lidocain Männern zur Unterdrückung eines vorzeitigen Samenergusses zur Verfügung.Lidocain bei vorzeitigem Samenerguss. Die lidocainhaltigen „Langzeitsalben“ beziehungsweise „Verzögerungscremes“ oder „Verzögerungs-Sprühlösungen“ sind rezeptfrei erhältlich und werden bei zurückgezogener Vorhaut dünn auf die Eichel aufgetragen. Je nach Dosierung setzt Lidocain häufig erst nach 30 Minuten die Empfindungsfähigkeit der Eichel herab und kann über 60 Minuten wirken.
Antiarrhythmikum Lidocain verlangsamt die Erregungsausbreitung im Herzmuskel zwischen His-Bündel und Purkinje-Fasern und wirkt so stabilisierend auf den Herzrhythmus. Als Klasse Ib-Antiarrhythmikum unterdrückt es Herzrhythmusstörungen, die ihren Ursprung in den Herzkammern haben (ventrikuläre Extrasystolen/Tachykardie) und wird vorwiegend bei tachykarden Herzrhythmusstörungen angewendet. Der früher häufige Gebrauch als intravenöse (seltener auch endobronchial appliziertesU. Hörnchen, J. Schüttler, H. Stoeckel: Tierexperimentelle Untersuchungen zur hämodynamischen Wirkung von Adrenalin nach intravenöser und endobronachialer Applikation. In: Anästhesie Intensivtherapie Notfallmedizin. Band 20, Nr. 2, 1985, S. 84–88, hier: S. 84.) Notfallmedikament ist inzwischen sehr stark zurückgegangen, da Lidocain seinerseits Herzrhythmusstörungen erzeugen und die Kontraktionskraft des Herzens einschränken kann (negativ inotrope Wirkung).
Lidocain sollte als (Ib-)Antiarrhythmikum intravenös verabreicht werden. Die erste Dosis (1 bis 1,5 mg/kg) wird als „Bolus“ verabreicht, danach sollte Lidocain kontinuierlich in einer Infusion oder durch eine Spritzenpumpe (1 bis 5 mg/min) gegeben werden.Reinhard Larsen: Anästhesie und Intensivmedizin in Herz-, Thorax- und Gefäßchirurgie. (1. Auflage 1986) 5. Auflage. Springer, Berlin / Heidelberg / New York u. a. 1999, ISBN 3-540-65024-5, S. 73–76. Indiziert ist es bei ventrikulären Herzrhythmusstörungen aller Art, auch bei Vergiftungen mit Antidepressiva oder Glykosiden und einer Torsade de pointes-Tachykardie. Vor Eingriffen, die Irritationen am Herzmuskel bewirken (z. B. Ablation oder Koronarangiographie), kann Lidocain präventiv gegeben werden, um das Risiko des Auftretens ventrikulärer Herzrhythmusstörungen zu vermindern.
Bei einem AV-Block Grad II darf Lidocain nicht gegeben werden. Auch Herzinsuffizienz oder Hypotonie stellen Kontraindikationen dar, da Lidocain – wie andere Antiarrhythmika – ebenfalls einen negativ inotropen Effekt besitzt.