Eine Filmbiografie – auch Biopic (von englisch biographical motion picture) – bezeichnet einen Film, der in fiktionalisierter Form das Leben einer geschichtlich belegbaren Figur erzählt. Das Biopic ist eines der ältesten Filmgenres. Der Begriff findet sich erstmals 1946 im US-Fachblatt Variety.Georg Maas: Schöpfungsberichte. Zur Darstellung musikalischer Kreativität in Biopics. In: H. Gembris et al. (Hg.): Musik erleben - erforschen - vermitteln. Lit, Berlin 2024, ISBN 978-3-643-15552-8, S. 219. In einem Biopic muss nicht die Lebensgeschichte einer realen Person von der Geburt bis zum Tod erzählt werden. Es genügt vielmehr, dass ein oder mehrere Lebensabschnitte zu einem filmischen Ganzen dramaturgisch verknüpft werden. Ein zentrales Kriterium des Biopics ist die Nennung des Namens der realen Person. Meistens wird im Biopic vorausgesetzt, dass die dargestellte Person gesellschaftliche Relevanz besitzt.
Genrediskussion Charakteristika Neben den klassischen Genres der Filmwissenschaft wie Western, Horror, Musical, Komödien, Kriegsfilmen, Science-Fiction oder Thriller hat sich auch die Kategorie des Biopics etabliert. Genres an sich sind von großer Bedeutung, denn sie wecken beim Zuschauer eine gewisse Erwartungshaltung. Zwar findet man in unterschiedlichen Werken auch unterschiedliche Genre-Einteilungen, die meisten Nachschlagewerke führen das Biopic jedoch als eigenständiges Genre auf, so auch die größte Filmdatenbank im Internet „Internet Movie Database“ oder das „Handbook of American Film Genres“ von W.D. Gehring.
Hauptfigur Das Biopic schildert das Leben einer historisch belegten Persönlichkeit.Henry M. Taylor: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. (= Zürcher Filmstudien). Schüren, Marburg 2002, ISBN 3-89472-508-7, S. 20–21. In den meisten Fällen ist diese Person bereits tot; in einigen Fällen greift man auch zu Personen aus der Gegenwart. Es eignet sich nicht jede Person für ein Biopic. In seinem Buch Bio/Pics geht George F. Custen davon aus, dass meistens Personen verwendet werden, deren Leben sich durch Berühmtheit auszeichnet.vgl. George Frederick Custen: Bio/Pics. How Hollywood Constructed Public History. Rutgers University Press, New Brunswick (N.J.) 1992, ISBN 0-8135-1755-9. Wie genau Berühmtheit zu messen ist, ist von Generation zu Generation und von Kulturkreis zu Kulturkreis unterschiedlich. Während in der Vergangenheit zahlreiche Biopics über historische Gestalten gedreht wurden, eignen sich in der jüngsten Vergangenheit auch Personen aus Kultur und Medien dafür. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die Hauptperson gleich zu Beginn des Films eingeführt werden muss. Im Film Mata Hari (1931) wird die Hauptperson erst nach mehr als fünf Minuten gezeigt und dies obwohl der Film mitten in der Geschichte einsetzt.Henry M. Taylor: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. (= Zürcher Filmstudien). Schüren, Marburg 2002, ISBN 3-89472-508-7, S. 255. Führt ein Biopic die Hauptperson gleich zu Beginn ein, kann dieses sowohl mit der Kindheit der Person beginnen als auch mit dem Erwachsenenalter. Der stabile Designator in einem Biopic ist der Name: Ein Biopic verwendet meist den wirklichen Namen der Person. Somit kann man folgendes Kriterium zur Bestimmung eines Biopic festhalten: Der reale Name der Hauptperson muss genannt werden.Sigrid Nieberle: Literaturhistorische Filmbiographien. Literaturgeschichte und Autorschaft im Kino. de Gruyter, Berlin, New York 2008, ISBN 978-3-11-020074-4, S. 318.
Titel Viele Biopics tragen den Vor- oder Nachnamen oder den vollständigen Namen der Person im Titel. Es spielt keine Rolle, ob es sich dabei um Personen aus der Politik, Geschichte oder Populärkultur handelt. Außerdem wird häufig auch der Spitzname der Person verwendet, meistens in Biopics über Personen der Populärkultur. Zu den Namen können Formulierungen wie „The Story of […]“ oder „The […] Story“ hinzugefügt werden, aber auch Ergänzungen wie „Life“, „Great“ oder „Young“. Diese Ergänzungen können auch im Zusatztitel eingefügt sein.Henry M. Taylor: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. (= Zürcher Filmstudien). Schüren, Marburg 2002, ISBN 3-89472-508-7, S. 296–298. Doch nicht immer muss die Hauptperson im Titel vertreten sein. Einige Biopics greifen da z. B. zu bekannten Werken oder Entitäten aus dem Leben der Personen, z. B. in An Angel at my Table (1990). Andere greifen zu Titeln, die auf den ersten Blick nicht auf ein Biopic schließen lassen, wie z. B. Ein Mann wie E.V.A. (1984). Diese Titel beruhen meist auf thematischen Assoziationen mit der Hauptperson oder auf experimentellen Formen.Henry M. Taylor: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. (= Zürcher Filmstudien). Schüren, Marburg 2002, ISBN 3-89472-508-7, S. 298.
Sonstige Charakteristika Der Filmwissenschaftler Taylor bezeichnet das Biopic als ein Chamäleon-Genre, da es selbst keiner eigenen Stilrichtung folgt und somit keinen distinktiven „Look“ hat. Trotz des Status des Biopics als eigenständiges Genre benutzt man häufig eine zweite oder dritte Kategorie, wenn man über einen Biopic spricht, ein sogenanntes Hilfsgenre. So wird z. B. Schindlers Liste (1994) auf www.imdb.com sowohl als Biopic als auch als Drama und Kriegsfilm gelistet. Laut Taylor ist dies auf die schwache narrative Kodierung des Genres zurückzuführen, die eine Verwendung von Hilfsgenres nötig macht. Vielmehr prägt das Hilfsgenre die stilistische Gestaltung eines Biopic.Henry M. Taylor: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. (= Zürcher Filmstudien). Schüren, Marburg 2002, ISBN 3-89472-508-7, S. 21. In den meisten Fällen beinhalten Biopics sogenannte „Titel Cards“, die entweder am Anfang oder am Ende des Films eingeblendet werden und den Zuschauer darüber informieren, dass der gezeigte Film auf wahren Begebenheiten beruht. Außerdem können die „Titel Cards“ Informationen zur Biografie der Hauptperson enthalten oder dabei helfen, den Film in einen historischen Rahmen einzuordnen.Henry M. Taylor: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. (= Zürcher Filmstudien). Schüren, Marburg 2002, ISBN 3-89472-508-7, S. 248. Ebenfalls häufig verwendet wird die Rahmenerzählung. So leitet der erwachsene Protagonist David Helfgott den Film Shine (1996) ein. Wenig später erzählt der Film dann dessen Kindheit. In solchen Fällen erhält der Zuschauer eine Orientierungshilfe dank der eingeblendeten Jahreszahlen und Ortsangaben. Dies kann z. B. auch in Form von Zeitungsausschnitten passieren. Aber auch die komplette Absenz von Zeiteinblendungen ist möglich, Zeitsprünge werden in solchen Fällen mit Hilfe von Fotosequenzen oder „Voice-Overs“ überbrückt.
Darstellungsformen des Todes Sollte der Tod der realen Person thematisiert werden, gelten auch dafür im Biopic ungeschriebene Gesetze. Zum einen kann festgehalten werden, dass, sofern die reale Person zum Zeitpunkt der Entstehung des Films tot ist, auch das Biopic häufig mit ihrem Tod endet. Die Tatsache, dass das Biopic überhaupt mit dem Tod endet, ist sicherlich verwunderlich, denn Hollywood legt beim Mainstream-Film besonderes Augenmerk auf das „Happy End“. Man könnte nun einwenden, dass der Tod ein zentraler Teil von vielen Hollywood-Filmen ist. Es ist jedoch in den seltensten Fällen die Hauptfigur die stirbt – ausgenommen in Tragödien.Henry M. Taylor: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. (= Zürcher Filmstudien). Schüren, Marburg 2002, ISBN 3-89472-508-7, S. 263. Die Darstellung des Todes nimmt einen besonderen Teil im Biopic ein. Dem Zuschauer bleibt z. B. der schnelle Tod der Hauptdarstellerin in Isadora (1969), aber auch der lange, scheinbar ewig andauernde Todeskampf in Molière (1978) in Erinnerung. Das verwendete stilistische Mittel hängt dabei vom Hilfsgenre ab (z. B. durch den Einsatz von Musik, Montagetechnik und Kameraeinstellungen wird die jeweilige Szene dem Hilfsgenre angepasst). Der Tod kann auch die Form einer Idee annehmen, z. B. in dem Film Tschapajew (1934), in welchem der Zuschauer vom Tod des Hauptdarstellers ausgehen kann, dessen Leichnam jedoch nicht zu sehen ist. Oliver Stone zeigt in The Doors (1990), dass der Tod nicht unbedingt das Ende bedeuten muss, auch im Biopic nicht. Der Hauptdarsteller erscheint, angelehnt an christliche Motive, nach seinem Drogentod als Jugendlicher.Henry M. Taylor: Rolle des Lebens. Die Filmbiographie als narratives System. (= Zürcher Filmstudien). Schüren, Marburg 2002, ISBN 3-89472-508-7, S. 264–266.
Abgrenzung zu den anderen Genres Historien-Film In der Regel greifen Biopics auf die Vergangenheit zurück, um so das Leben der Hauptperson zu erzählen. Abhängig von der historischen Relevanz der dargestellten Person zeigt das Biopic auch Ereignisse von historischer Wichtigkeit. So auch der Film Nixon (1995), welcher nicht nur das Leben des ehemaligen Präsidenten der Vereinigten Staaten zeigt, sondern auch die politischen Ereignisse seiner Zeit, wie den Watergate-Skandal. Doch dies ist sicherlich keine Regel, denn Biopics müssen keine historischen Verknüpfungspunkte aufweisen. Sie konzentrieren sich gezielt auf die Hauptperson. Der geschichtliche Sachverhalt zu der einen oder anderen Begebenheit ist zweitrangig.
Doku-Drama Das Doku-Drama (Dokumentarspiel) zeigt, mit Hilfe von dokumentarischem Material, wahre Begebenheiten. Dieses Genre ist vor allem im Fernsehen beliebt. Im Gegensatz zum Biopic wird im Dokudrama dokumentarisches Material mit Fiktion vermischt. So werden echte Aufnahmen mit von Schauspielern gespielten Szenen montiert. Dabei bleibt es ungewiss, inwiefern die breite Masse an Zuschauern zwischen der Fiktion und der Wirklichkeit im Doku-Drama unterscheiden kann (Rosenthal 1999, S. 18).
Fiktionale Biografien Fiktionale Biografien oder auch Pseudobiografien (vgl. Lopez 1993, S. 25) basieren zwar genau wie Biopics auf wahren Lebensgeschichten, verwenden jedoch nicht den Namen der realen Person. Dies kann unterschiedliche Gründe haben, z. B. die Tatsache, dass die Person zur Zeit der Herstellung des Films noch lebt. Zum Beispiel erzählt der Film Scarface (1932) die Geschichte des fiktiven Mafiosos Tony Camonte, basiert aber auf dem Leben von Al Capone.
Sparten des Biopics Die thematischen Inhalte biografischer Spielfilme könnten zahlreicher nicht sein. Die Faszination geht vom Anspruch an Authentizität aus. Frei nach dem Motto: „Nichts ist spannender als die Wirklichkeit“ werden die Stoffe ausgesucht und bebildert. So hat sich gezeigt, dass vor allem Figuren der Devianzvgl. Sigrid Nieberle: Literaturhistorische Filmbiographien. Literaturgeschichte und Autorschaft im Kino. de Gruyter, Berlin, New York 2008, ISBN 978-3-11-020074-4, S. 2. spannend für Drehbuchautoren und Produzenten sind. Das sind Figuren, deren Leben aus den konventionellen Bahnen gerät und sich meist nicht mehr im moralischen Normbereich befindet. Der Legendencharakter einer Figur wird durch filmische Wiederholung aktualisiert und verstärkt. Diese Abweichungen sind interessant und tragen zu einer filmischen Gedächtniskultur bei.
Film ist ein Medium des kollektiven Gedächtnisses und bedient sich kultureller Techniken, um die Zeit anzuhalten und sie zu vergegenwärtigen. Diese filmischen Erinnerungsprozesse sind mit dem Anspruch an Verbindlichkeit und Wertevermittlung verbunden, dem sie nicht immer gerecht werden können oder wollen.
Grundsätzlich unterscheidet man zwei Formen des biografischen Films: Der ernsthafte Typus, der historischen Rechercheaufwand benötigt und den Anspruch der Historizität erhebt, und den experimentellen Typus, der in Bezug auf seine historische Genauigkeit freier ist. Des Weiteren lassen sich verschiedene Konzepte der Filmbiografie unterscheiden: Offene oder geschlossene Erzählperspektive, lineare oder nichtlineare Struktur, figurenzentrierte oder figurendezentrierte Formen.
Es existieren aber auch hybride Formen, die verschiedene Inszenierungsweisen verbinden.