Gertrude Degenhardt (* 1. Oktober 1940 als Gertrude Schwell in New York City, New York; † 12. November 2025 in Greifswald) war eine deutsche Lithografin und Zeichnerin. Sie lebte und arbeitete in Mainz-Gonsenheim.
Leben Gertrude Schwell wurde am 1. Oktober 1940 in New York geboren. Dort hatten sich ihre Eltern, der Vater Deutscher und die Mutter Deutsch-Ungarin, in Brooklyn kennengelernt. Sie wuchs nach dem Zweiten Weltkrieg in West-Berlin auf. Ab 1956 lebte sie in Mainz, wo sie die Schule abschloss und bis 1959 an der Staatlichen Werkkunstschule für Gebrauchsgrafik studierte.Die unbändige Lust an der Übertreibung UZCategories Kultur, UZ vom 9. Oktober 2020 Ab 1966 arbeitete sie als freischaffende Malerin und Graphikerin. Ihre Zeichnungen und Radierungen tragen ihre individuelle, unverwechselbare künstlerische Handschrift. Ihr im Jahre 2002 verstorbener Mann Martin Degenhardt ist in ihren Werken wohl das meist wiederzufindende Bildmotiv. Ihre 2022 verstorbene Tochter Annette Degenhardt war Gitarristin und Komponistin.
Mit Radiernadel, aber auch mit Pinsel und Zeichenstift, stellte sie ihre Mitmenschen verfremdet und skurril und trotzdem gut erkennbar dar.Etwa John Lennon in der zehnfarbigen Aquatinta-Radierung Give Peace a Chance. Ihre Frauen und Männer sind aus dem Leben gegriffen – kauzig, ernst, heiter, nüchtern und trunken, erotisch und asketisch, individuell und originell. Die Künstlerin wirkte seit 40 Jahren wechselweise in Rheinhessen und an der irischen Westküste. Einige ihrer Zyklen wurden zuerst in Deutschland vorgestellt, andere, wie zum Beispiel „Fiddle & Pint“ wurden erstmals in Dublin gezeigt und kamen dann nach Deutschland. Liebenswerte und skurrile Gestalten aus der Liedermacherszene ihres Schwagers Franz Josef Degenhardt oder aus Irland, vielfach handfeste Stromer, Trinker und Spieler, können in ihren Radierungen und Farbradierungen aus früheren Jahren betrachtet werden.
Charakter der Werke Gertrude Degenhardt war eine genaue und lachende Beobachterin von Menschen im Allgemeinen und deren Charakter. Sie sprach über die Menschheit, offenbarte uns unsere eigene Absurdität und erinnerte uns an eine unserer wenigen erlösenden Kräfte: die Musik. Alles Ernsthafte und auch Komische wurde in Übertreibung zur Groteske. Sie fing in ihren Sujets Emotionen ein: Lebensfreude, Völlerei, Hass, Begehren, Bewundern, Entzücken, Verabscheuen, Trieb, Gier, Leiden und auch die Sinnenfreuden wie Fühlen, Berühren, Riechen, Genießen. Ein gutes Glas und Musiknoten waren unablässige Ergänzungen zu den Hauptmotiven.
Eine Vielzahl an Sujets erschließt ihre Wahrnehmung, ihr Leben: Gonsbachtal und Revolution (Mainzer Republik) Vaganten, Tänzer, Musikanten und Stromer, zum Beispiel im Zyklus RONDO Irland-Zyklus Farewell to Connaught und immer wieder Martin Degenhardt
In den 1990er Jahren entstanden Frauensujets wie Vagabondage – Zyklen wilder, eigenständiger Frauen – als Aquarelle, Pinselzeichnungen und Grafiken. Als Kaltnadelradierungen überwiegen: Women in Music, Vagabondage in Blue, Vagabondage en Rouge, Vagabondage Ad Mortem mit dazugehörenden Büchern.
Gertrude Degenhardt illustrierte zahlreiche Texte von O’Flaherty, Brecht, Biermann, François Villon, ihrem Schwager Franz Josef Degenhardt und anderen politischen Autoren. Ihre meisterhafte Technik setzte sie auch bei der Gestaltung von Schallplattencovern für die Liedermacher- und die Irish-Folk-Szene ein.
Auszeichnungen 1968: Graphik-Biennale-Preis in Kraków/Polen 1976: Graphik-Biennale-Preis in Fredrikstad/Norwegen 1978: Silbermedaille, Weltausstellung für Buchkunst in Tel Aviv für das von ihr illustrierte Liederbuch Das sind unsre Lieder, hrsg. von Hein & Oss Kröher 2001: Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz 2019: Hannes Gaab Preis der Stadt Mainz 2012: Deutscher Weltmusikpreis RUTH Ehrenpreis für besondere Expertise, verliehen beim Rudolstadt-Festival
Ausstellungen 1976: Karl-Marx-Stadt, Weimar und Berlin („Progressive Kunst – Künstler aus der BRD stellen aus“; mit der Aquatintaradierung Die konservative Journaille, 1957, 60 × 50 cm)Abbildung in Bildende Kunst, Berlin, 5/1976, S. 249. 1988: Museum der bildenden Künste, Leipzig 1989: The Kenny Gallery, Galway 1990: Mittelrhein-Museum 1993: Vagabondage – Women in Music, Kulturspeicher, Oldenburg (Oldenburg) 1993: Literaturhaus Berlin 1994: Imagines – Women in Music, Galerie Kramer, Hamburg 1995: Vagabondage ad Mortem, A. Paul Weber-Museum, Ratzeburg 1998: Villa Musica 1999: Kulturspeicher, Oldenburg (Oldenburg) 2002: Haus des Buches, Leipzig 2002: The Kenny Gallery, Galway 2004: Schloss Engers 2005: Galerie der Büchergilde Gutenberg, Frankfurt 2006: Schloss Landestrost 2007: Stadtmuseum Borken 2007: Maison de Rhénanie-Palatinat, Dijon 2011: Kulturspeicher im Stadtmuseum, Oldenburg (Oldenburg) (Retrospektive anlässlich des 75. Geburtstags von Gertrude Degenhardt) 2022: Trommelwirbel! Gertrude Degenhardts graphische Arbeiten durch die Jahrzehnte, Landesmuseum Mainz
Bildbände und Kataloge Das Fest kann beginnen. Maison de Rhénanie-Palatinat und Edition GD, Mainz 2006. ISBN 3-923929-12-9 Tanzende Paare. Edition Villa Musica und Edition GD, Mainz 2004. ISBN 3-923929-11-0 Vagabondage en rouge. Pinselzeichnungen, Lithographie, Radierungen. Edition GD, Mainz 2001. ISBN 3-923929-10-2 Fiddle & Pint. Edition GD, Mainz 2000. ISBN 3-923929-09-9 Quartette. Edition Villa Musica und Edition GD, Mainz 1998. ISBN 3-923929-08-0 Vagabondage in blue. Frauen an Trommeln. Edition GD, Mainz 1996. ISBN 3-923929-07-2 Vagabondage ad mortem. Musikanten des Todes. Edition GD, Mainz 1995. ISBN 3-923929-06-4 Musikfrauen – Women in Music. Mittelrhein-Museum Koblenu und Edition GD, Mainz 1990. ISBN 3-923929-03-X Farewell to Connaught. 65 Kaltnadel-Radierungen von der irischen Westküste. Büchergilde Gutenberg, Frankfurt/M. 1989. ISBN 3-7632-2859-4 Von der anderen Musik. Zeichnungen und Radierungen 1970–1985. Kulturamt Böblingen 1985 In praise of pints oder Maria zu Ehren. 40 Zeichnungen mit dem Gänsekiel. Edition GD, Mainz 1983, ISBN 3-923929-00-5 So ein Tag, so wunderschön wie heute. Limpert, Frankfurt/M. 1974. ISBN 3-7853-1197-4 Nostalgia. Edition GD, Mainz-Gonsenheim 1971 Loppe Loppe Leiter. Linkisch Lied für Lust und Lümmel. Eberwein, Offenbach 1967
Literatur
Gertrude Degenhardt: Gegen das „neue Mittelalter“. Eine Künstlerin aus der BRD über sich selbst. In: Bildende Kunst, Berlin, 5/1977, S. 235–237 Willy Barth: Vorwort. In: Quartette. Mainz 1998, ISBN 3-923929-08-0 Andreas Räsch: Bilder, auf dass das Leben bleibe. Eine Vagabondage durch das Werk von Gertrude Degenhardt. Stadtmuseum Borken, Borken 2007 Andreas Räsch: Die Welt der Gertrude Degenhardt. Ein Porträt. In: Muschelhaufen. Jahresschrift für Literatur und Grafik. Viersen 2007, Nr. 47/48, Klaus Weschenfelder: Music In Women. In: Musikfrauen – Women in Music. Mainz 1990, ISBN 3-923929-03-X Stefanie Mittenzwei: Den Klängen verfallen. Gertrude Degenhardts neuer Bilderzyklus »Musikfrauen«. In: Mainz. Vierteljahreshefte für Kultur, Politik, Wirtschaft, Geschichte. Nummer 1. Jahrgang 1991. Verlag H. Schmidt Mainz, S. 78–89,
Weblinks Homepage der Künstlerin
Andreas Räsch: Gertrude Degenhardt Werke von Gertrude Degenhardt im Bildindex der Kunst und Architektur
Anmerkungen
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