Dieser Artikel behandelt die französische Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1958.
Qualifikation Rang LandTorePunkte 1 Frankreich 19:4 7:1 2 Belgien 16:11 5:3 3 Island 6:26 0:8
Frankreich - Belgien 6:3 Frankreich - Island 8:0 Island - Frankreich 1:5 Belgien - Frankreich 0:0
Durch das Remis in Brüssel konnten les Bleus ein Entscheidungsspiel um den Gruppensieg gegen ihren alten Rivalen Belgien vermeiden – das Torverhältnis zählte seinerzeit weder in der Qualifikation noch in der WM-Endrunde bei Punktgleichheit, wenn davon das Weiterkommen abhing – und qualifizierten sich so auf direktem Weg für die Endrunde in Schweden.
Frankreichs 19 Tore erzielten: Thadée Cisowski (7), der mit 5 Treffern die „roten Teufel“ im Hinspiel fast im Alleingang abgeschossen hatte, außerdem Jean Vincent (3), Joseph Ujlaki, Roger Piantoni, Célestin Oliver (je 2), Maryan Wisnieski, René Dereuddre und Saïd Brahimi (je 1).
Vorbereitung und französisches Aufgebot In Frankreich war man vor dieser WM-Endrunde keineswegs sonderlich optimistisch, denn die Nationalelf hatte bis zur Abreise eine denkbar schwache Saisonleistung geboten: abgesehen vom Qualifikationssieg auf Island hatte sie 1957/58 vier Unentschieden und zwei Niederlagen zu verzeichnen. Nach dem torlosen Remis gegen Belgien analysierte Gabriel Hanot in der Équipe, die Bleus seien „eine Mannschaft ohne Charakter, ohne Initiative, ohne Schwung, die sich mit Abwarten zufrieden gegeben“ habe und deren Auftritt einem „nur mittelmäßigen Zweitligaspiel entsprach, bei dem auf dem Rasen [bestenfalls] guter Wille, aber keine Klasse“ zu erkennen gewesen sei.Drucker/Ollivier, S. 21Unklar war auch die Frage, ob Just Fontaine seine Torjägerqualitäten endlich einmal im blauen Dress zur Geltung bringen könnte, zumal der andere Aspirant auf die Mittelstürmerposition, René Bliard (Stade de Reims) nach einer Trainingsverletzung aus Schweden abreisen musste und durch Raymond Bellot ersetzt wurde.Drucker/Ollivier, S. 193 Immerhin hatte das Auswahlkomitee des Verbandes FFF unter Paul Nicolas und Trainer Albert Batteux den genialen Kopf der Mannschaft, Raymond Kopa, nach längerer Nationalelfabstinenz wieder aufgeboten (und dafür Joseph Ujlaki von OGC Nizza zuhause gelassen). Gerade diese beiden personellen Entscheidungen sollten sich als außerordentlich gelungener Schachzug herausstellen.
Hinzu kam, dass vier Spieler (darunter zwei Stürmer) der angedachten Stammbesetzung die Reise nach Schweden nicht antreten konnten: Thadée Cisowski (RC Paris) verletzte sich kurz zuvor, und die in Algerien gebürtigen Rachid Mekhloufi (AS Saint-Étienne), Abdelaziz Ben Tifour und Mustapha Zitouni (beide AS Monaco) hatten sich entschlossen, im Unabhängigkeitskampf ihres Heimatlandes den Front de Libération Nationale (FLN) gegen die französische Herrschaft zu unterstützen. Nachdem sie im April 1958 in einer algerischen FLN-„Nationalmannschaft“ gespielt hatten, berücksichtigte sie der französische Fußballverband nicht mehr. Der Blick der französischen Öffentlichkeit war in den Maitagen 1958 auch kaum auf den Fußball, sondern auf die sich überstürzenden Ereignisse in Algier, Oran und Constantine sowie auf das Ende der Vierten Republik im eigenen Land gerichtet.
Von zentraler Bedeutung für das Zusammenwachsen des Aufgebots war Nicolas’ und Batteux’ Maßnahme im Vorfeld des Turniers, den Nationalmannschaftskader ab Januar 1958 wiederholt zu ein- bis zweitägigen Trainingslagern und -spielen zusammenzurufen – ebenso ein bis dahin unbekannter Vorgang in der Geschichte der Équipe Tricolore wie die Tatsache, dass die 21 Auserwählten (Kopa erhielt von Real erst einige Tage später, nach dem siegreichen Europapokalfinale, frei), ihre beiden Trainer, Sélectionneur Nicolas, dazu der Mannschaftsarzt, ein Physiotherapeut und ein Koch bereits fast drei Wochen vor Turnierbeginn anreistenetwas später stieß auch noch Alex Thépot, ebenfalls Mitglied des Verbandsauswahlgremiums, dazu – Drucker/Ollivier, S. 189ff. und 224 und Quartier im innerschwedischen, sehr abgeschiedenen Kopparberg bezogen. Die erste Woche diente ausschließlich der Rekreation: die Reimser Spieler beispielsweise hatten in der abgelaufenen Saison, die sie als Meister und Pokalsieger beendeten, bis zu 82(!) Partien bestritten, darunter etliche internationale Freundschaftsspiele mit anstrengenden Reisen (u. a. noch im Frühjahr nach Argentinien). Anschließend spielte sich die Équipe tricolore in zahlreichen Freundschaftsbegegnungen gegen lokale Amateurteams 14 Tage lang ein, und es entwickelte sich eine Art „Geist von Kopparberg“, ein dem westdeutschen „Geist von Spiez“ vier Jahre zuvor nicht unähnlicher Mythos.Drucker/Ollivier, S. 29f. und 175–190
Nummer / Name Damaliger Verein Geburtstag Spiele Tore Platzverw. Torhüter 1 Claude Abbes AS Saint-Étienne 24.05.1927 4 0 0 2 Dominique Colonna Stade de Reims 04.09.1928 0 0 0 3 François Remetter Girondins Bordeaux 08.08.1928 2 0 0 Verteidiger 4 Raymond Kaelbel AS Monaco 31.01.1932 6 0 0 5 André Lerond Olympique Lyon 06.12.1930 6 0 0 6 Roger Marche Racing Paris 05.03.1924 1 0 0 7 Robert Mouynet Olympique Lyon 25.03.1930 0 0 0 Läufer 8 Bernard Chiarelli US Valenciennes 24.02.1934 0 0 0 9 Kazimir Hnatow SCO Angers 09.01.1929 0 0 0 10 Robert Jonquet Stade de Reims 03.05.1925 5 0 0 11 Maurice Lafont Olympique Nîmes 13.09.1927 1 0 0 12 Jean-Jacques Marcel Olympique Marseille 13.06.1931 5 0 0 13 Armand Penverne Stade de Reims 26.11.1926 6 0 0 Stürmer 14 Raymond Bellot AS Monaco 09.06.1929 0 0 0 15 Stéphane Bruey SCO Angers 01.12.1932 0 0 0 16 Yvon Douis Lille OSC 16.05.1935 1 1 0 17 Just Fontaine Stade de Reims 18.08.1933 6 13 0 18 Raymond Kopa Real Madrid 13.10.1931 6 3 0 19 Célestin Oliver UA Sedan-Torcy 12.07.1930 0 0 0 20 Roger Piantoni Stade de Reims 26.12.1931 5 3 0 21 Jean Vincent Stade de Reims 29.11.1930 6 1 0 22 Maryan Wisnieski RC Lens 01.02.1937 6 2 0 Trainer Albert Batteux 02.07.1919 Jean Snella (Co-Trainer) 09.12.1914 Paul Nicolas (Sélectionneur) 04.11.1899
Spiele der französischen Mannschaft Vorrunde Frankreich spielte in Gruppe 2 mit Jugoslawien, Paraguay und Schottland. Dabei stützte sich das Trainergespann auf das bewährte Korsett von fünf Reimser Spielern (bzw. sechs mit dem Ex-Rémois Kopa) und stellte die Mannschaft praktisch in allen drei Gruppenspielen gleich auf (im sogenannten WM-System, wobei der Mittelläufer Jonquet als letzter Mann zwischen den beiden Verteidigern fungierte):
Remetter Kaelbel Jonquet Lerond Penverne Marcel Kopa Piantoni Wisnieski Fontaine Vincent
Es gab lediglich zwei personelle Veränderungen: gegen die Jugoslawen wurde der angeschlagene Marcel durch Verteidiger Marche, einen weiteren ehemaligen Reimser, ersetzt (dafür rückte Lerond in die Läuferreihe), und nach dieser Niederlage musste Torhüter Remetter seinen Platz bis zum Turnierende für Abbes räumen.
Rang LandTorePunkte 1 Frankreich 11:7 4:2 2 Jugoslawien 7:6 4:2 3 Paraguay 9:12 3:3 4 Schottland 4:6 1:5
Frankreich - Paraguay 7:3 (2:2) Frankreich - Jugoslawien 2:3 (1:1) Frankreich - Schottland 2:1 (2:0)
Spielberichte
Gegen Paraguay am 8. Juni im Idrottsparken von Norrköping vor 16.530 Zuschauern; SR: Gardeazabal (Spanien):
0:1 Florencio Amarilla (20.), 1:1 Fontaine (24.), 2:1 Fontaine (30.), 2:2 Florencio Amarilla (43., FE) – 2:3 Jorge Romero (50.), 3:3 Piantoni (51.), 4:3 Wisnieski (62.), 5:3 Fontaine (68.), 6:3 Kopa (70.), 7:3 Vincent (84.)
Im Auftaktspiel taten sich die Franzosen zunächst recht schwer, mussten gegen die in Europa kaum bekannten, unbekümmert aufspielenden Paraguayer (deren Mannschaft ein Durchschnittsalter von nicht einmal 23 Jahren aufwies) zu Beginn beider Spielhälften einen Rückstand aufholen und Torwart Remetter machte nicht den sichersten Eindruck – aber ab der 50. Minute rollte die Angriffsmaschine, der neue Innensturm harmonierte glänzend und traf im Sechs-Minuten-Takt, so dass die Südamerikaner am Ende froh sein konnten, nicht mehr als sieben Treffer kassiert zu haben.
Gegen Jugoslawien am 11. Juni im Arosvallen von Västerås vor 12.220 Zuschauern; SR: Griffiths (Wales):
1:0 Fontaine (4.), 1:1 Aleksandar Petaković (16.) – 1:2 Todor Veselinović (63.), 2:2 Fontaine (85.), 2:3 Todor Veselinovic (87.)
Drei Tage später gegen Jugoslawien, den Angstgegner der Bleus, nützte auch die verstärkte Deckung wenig, weil erneut Remetter ein Schwachpunkt war. Dabei gestaltete Frankreich die Begegnung durchweg überlegen: die Elf vom Balkan war sehr defensiv eingestellt und beschränkte sich auf wenige, dann aber gefährliche Konter. Schlüsselspieler der Jugoslawen waren Torhüter Vladimir Beara, der die französischen Stürmer zur Verzweiflung brachte, und Branko Zebec, der Raymond Kopa nicht wie gewohnt zur Entfaltung kommen ließ. Der Traum vom Remis, als Fontaine in der 85. Minute mit seinem bereits fünften WM-Treffer das 2:2 erzielte, währte nur zwei Minuten, dann musste Remetter erneut hinter sich greifen, wodurch der Spielverlauf auf den Kopf gestellt wurde.
Gegen Schottland am 15. Juni im Eyravallen von Örebro vor 13.550 Zuschauern; SR: Brozzi (Argentinien):
1:0 Kopa (22.), 2:0 Fontaine (45.) – 2:1 Samuel Baird (65.) – Besonderes: Baird verschießt Foulelfmeter (33.)
Gegen Schottland ging es darum, ein mögliches Entscheidungsspiel zu vermeiden – und dafür war unbedingt ein Sieg erforderlich. Mit Abbes im Tor spielte die Abwehr sicherer, Baird konnte die frühe Ausgleichschance nicht nutzen (er setzte einen Strafstoß an den Pfosten) und vorne hatten Kopa und Fontaine bis zur Pause schon einen beruhigenden Vorsprung herausgeschossen, der auch durch das Anschlusstor der Schotten nicht mehr ernsthaft in Gefahr geriet – im Gegenteil: die Schotten verdankten es alleine ihrem Ersatzkeeper William Brown, der rund ein halbes Dutzend „todsichere“ Chancen vereitelte, dass sie nicht noch ganz böse unter die Räder der französischen Angriffsmaschine gerieten.
Viertelfinale Frankreich – 4:0 (1:0)
Am 19. Juni im Idrottsparken von Norrköping vor 11.800 Zuschauern; SR: Gardeazabal (Spanien):
1:0 Wisnieski (44.) – 2:0 Fontaine (56.), 3:0 Fontaine (65.), 4:0 Piantoni (68.)
Die Elf des letzten Gruppenspiels gegen Schottland erhielt auch gegen die nordirische Überraschungsmannschaft das Vertrauen ihres Trainers: Abbes; Kaelbel, Jonquet, Lerond; Penverne, Marcel; Kopa, Piantoni; Wisnieski, Fontaine, Vincent.
Die Nordiren mussten nur 48 Stunden nach ihrem 120-minütigen Entscheidungsspiel gegen die CSSR erneut antreten, hatten in dieser Zeit auch noch eine 500-km-Bustour von Malmö nach Norrköping zu bewältigen. 43 Minuten lang konnten die Mannen um Goalie Gregg („Der Mann im gelben Sweater“), den routinierten Außenläufer Blanchflower und den torgefährlichen McParland den spielfreudigen Franzosen noch standhalten – aber Wisnieskis Treffer kurz vor dem Pausenpfiff brach die Moral der Nordiren, und nach dem Seitenwechsel erzielten Fontaine und Piantoni binnen 12 Minuten drei weitere Tore, schonten sich dann sichtlich bereits für die folgende Partie.
Halbfinale Frankreich – 2:5 (1:2)
Am 24. Juni im Råsunda-Stadion von Stockholm vor 27.100 Zuschauern; SR: Griffiths (Wales):
0:1 Vavá (2.), 1:1 Fontaine (9.), 1:2 Didi (39.) – 1:3 Pelé (52.), 1:4 Pelé (64.), 1:5 Pelé (75.), 2:5 Piantoni (82.) – Besonderes: Während des gesamten Spiels wurde die Rundfunkreportage des anderen Halbfinals über die Stadionlautsprecher übertragen.
Auch gegen die Seleção liefen die Franzosen verständlicherweise in unveränderter Aufstellung auf.