Ein Geschütz (ursprünglich die Waffe des Schützen) ist im Militärwesen eine schwere, nicht zum Handgebrauch verwendbare Rohrwaffe, deren Hauptbestandteile das Geschützrohr mit Verschlußkonstruktion und eine Lafette sind. Umgangssprachlich wird gelegentlich Kanone als Sammelbegriff für Geschütze verwendet; tatsächlich steht diese Bezeichnung für Flachfeuergeschütze.
Große landgestützte Geschütze werden der Truppengattung der Artillerie zugeordnet; kleinere Geschütze finden sich bei der Infanterie und bei der Flugabwehr. Geschütze der Schiffsartillerie finden sich im weiteren Bereich der Marineartillerie. Die historische Entwicklung von Geschützen wurde von jeher von der allgemeinen technischen Entwicklung beeinflusst: die Erfindung des Schießpulvers und anderen Treibladungen, die Entwicklungen der Metallurgie, der Gusstechnik, der Schmiedetechnik, der Fertigungstechnik sowie der Motorisierung. Reichweite, Feuerkraft und Treffgenauigkeit von Geschützen wurden immer weiter gesteigert. Durch Modernisierungen mit Elektronik und Nachrichtentechnik sowie GPS-Technik setzen sich diese Entwicklungen bis in das 21. Jahrhundert fort.Geschütz, Eintrag in Meyers Großes Konversations-Lexikon, 1905 (abgerufen am 5. Oktober 2009)Geschütze, Eintrag in Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, 1837 (abgerufen am 5. Oktober 2009)
mini|hochkant=1.5|Die 15-cm-schwere Feldhaubitze 18, ein Standardgeschütz der deutschen Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg Vorläufer der Geschütze In der Antike waren Geschütze mechanische Wurfmaschinen, wie das Katapult, die Balliste und der Onager. Im Mittelalter wurde die schwerste der mechanischen Wurfmaschinen erfunden, das Trebuchet, das auch nach der Einführung der Feuerwaffen weiter eingesetzt wurde. Heute umfasst der Begriff „Geschütz“ neben experimentellen Konzepten wie der Railgun nur Feuerwaffen (Pulvergeschütze). Mechanische Vorläufer, die auch als WurfgeschützWurfgeschütz (Abgrenzung), Mark Feuerle: Blide – Mange – Trebuchet: Technik, Entwicklung und Wirkung des Wurfgeschützes im Mittelalter, ISBN 978-3-928186-78-0 bezeichnet werden, zählen nicht zu den Geschützen.
Geschichte Vorläufer Mechanische Geschütze, die Katapulte, waren ab dem 4. Jahrhundert v. Chr. in Gebrauch.Kelly DeVries, Robert Douglas Smith: Medieval military technology, University of Toronto Press, 2012, ISBN 978-1-4426-0497-1, S. 117. Archimedes erfand im 3. Jahrhundert v. Chr. eine Art der Kanone, die durch Wasserdampf hohen Druck aufbaute und mit einem Metallrohr Projektile abfeuern konnte (Dampfkanone).Georg W. Oesterdiekhoff: Die Entwicklung Der Menschheit Von Der Kindheitsphase Zur Erwachsenenreife. Springer VS, 2012, ISBN 978-3-531-19726-5, S. 298
Erste Feuerwaffen mini|Handrohr aus der Yuan-Dynastie (1271–1368) Die Erfindung des Schwarzpulvers vor dem 10. Jahrhundert in China ermöglichte den Bau von Feuerwaffen. Als erstes wurde Schwarzpulver für Brandwaffen wie Feuerlanze, Granaten oder Raketen verwendet.Kelly DeVries, Robert Douglas Smith: Medieval military technology, University of Toronto Press, 2012, ISBN 978-1-4426-0497-1, S. 137. Die Song-Chinesen verwendeten möglicherweise zuerst Bambusrohre, um Schwarzpulver zur Explosion zu bringen, was als Feuerlanze bezeichnet wurde und noch keine Projektile verschoss. In der Yuan-Zeit sind erstmals Metallrohre im Durchmesser bis zu 2,6 cm nachweisbar, um mit Schwarzpulver verschiedene, nicht passgenaue Projektile, insbesondere Pfeile, Eisen- und Stahlsplitter sowie giftige Substanzen zu verschießen. Ein schlankes, bronzenes Handrohr von 34 cm Länge, über 7 Pfund Gewicht, mit Zündloch, geradliniger Bohrung und verstärkter Zündkammer wurde in der Mandschurei ausgegraben; sie stammt aus dem Jahr 1288 und gilt als ältester Beleg in China.Kenneth Warren Chase: A Global History to 1700, Verlag Cambridge University Press, 2003, ISBN 978-0-521-82274-9, S. 32 Zu dieser Zeit kam offenbar auch die Verwendung passgenauerer Wurfpfeile aus Eisen auf; solche Projektile sind noch erhalten. Zahlreiche chinesische Techniker dienten in den Mongolenheeren, die auf ihren Feldzügen Feuerwaffen einsetzten.
Lange Zeit wusste man nichts über Innenballistik (die Abläufe beim Abfeuern eines Projektils aus einer Schusswaffe im Zeitraum vom Auslösen des Schusses bis zum Austreten des Projektils aus dem Lauf). Stattdessen bestimmte man die für eine bestimmte Waffe günstigste Kombination aus Geschosstyp, Pulvertyp und Pulvermenge in Schießversuchen.
13. bis 15. Jahrhundert mini|Rekonstruktion einer frühen europäischen Pfeilbüchse, Anfang 14. Jahrhundert mini|Kanonen während der Belagerung von Orléans, 1428 mini|Seitenansicht des schottischen Riesengeschützes Mons Meg von 1449 mini|Darstellung einer Feldschlange um 1500 In Europa selbst traten Feuerwaffen erstmals während der Wende vom 13. zum 14. Jahrhundert auf. Das Konzept der mit Schwarzpulver betriebenen Pfeilbüchse kam über die offenen Handelswege Arabiens in der Form der Madfaa nach Europa. Die ersten Hinweise in den Quellen auf die Verwendung von Feuerwaffen sind unsicher. So wird 1284 der Einsatz von primitiven Kanonen bei der Verteidigung von Forlì in Italien erwähnt, andere Hinweise beziehen sich auf Brabant 1311 und auf die Belagerung der Festung Metz 1324. Die erste Darstellung eines Feuertopfs gibt es bei Walter de Milemete um 1326. Es waren bauchige Töpfe, die auf tischähnlichen Gestellen lagen und schwere Pfeile verschossen. Sicher belegt sind sie ebenfalls 1326 in Italien in Dokumenten der Republik Florenz (pilas seu palloctas ferreas et canones de metallo – also eisernen Geschossen oder Kugeln und Kanonen aus Metall), später dann in Süddeutschland. Kurze Zeit später kamen Feuerwaffen praktisch in ganz Europa vor, sodass man hier von einem ersten Wettrüsten reden kann.
Die Europäer ersetzten als erstes die Eisenpfeile durch schwere kugelige Projektile (Blei- oder Steinkugeln), was zur nächsten Fortentwicklung der Bombarde oder auch Steinbüchse führte. Bald wurde auch mit gusseisernen Kugeln experimentiert, die aber in der Herstellung wesentlich teurer waren und auch mehr Schwarzpulver benötigten; dem wiederum waren die Steinbüchsen nicht gewachsen. Diese Nachteile sorgten dafür, dass die steinernen Kugeln noch teilweise bis in das 16. Jahrhundert hinein benutzt wurden (siehe dazu auch die Reformen im Geschützwesen von Kaiser Maximilian I. im Artikel Kartaunen). Bald wurde auch erkannt, dass die Beschleunigung eines Geschosses durch einen Lauf eine Erhöhung der Reichweite und Zielgenauigkeit zur Folge hatte.
Die frühen Formen der Geschütze wurden zunächst bei Belagerungen verwendet. Die Belagerungsgeschütze lassen sich in vier Arten einteilen: Hauptbüchsen, Notbüchsen, Viertelbüchsen und Mörser. Letzterer war ein Steilfeuergeschütz, das erstmals auch explodierende Munition einsetzte und das für Belagerungen oder im Rahmen der Festungsartillerie (als Festungsgeschütz) diente. Eine Zwischenstufe zwischen dem Mörser und der Kanone war die Haubitze, die in Böhmen – dem heutigen Tschechien – erfunden wurde. Da die frühen Geschütze eine geringe effektive Reichweite hatten, wurden sie nah an die Mauern in Stellung gebracht. Die Mündung war durch einen aufklappbaren Bretterschirm, den man vor der Zündung des Pulvers aufzog, vor feindlichem Beschuss geschützt. Bereits um 1400 verfügten europäische Heere im Belagerungskrieg über die mächtigsten Geschütze, von denen einige erhaltene Riesengeschütze wie der Pumhart von Steyr oder die Mons Meg Zeugnis ablegen.Volker Schmidtchen: „Riesengeschütze des 15. Jahrhunderts. Technische Höchstleistungen ihrer Zeit“, in: Technikgeschichte, Bd. 44, Nr. 2 (1977), S. 153–173Volker Schmidtchen: „Riesengeschütze des 15. Jahrhunderts. Technische Höchstleistungen ihrer Zeit“, in: Technikgeschichte, Bd. 44, Nr. 3 (1977), S. 213–237 Die Reichweite dieser frühen Geschütze war eher gering, in der Regel nicht mehr als 180 m.Kelly DeVries, Robert Douglas Smith: Medieval military technology, University of Toronto Press, 2012, ISBN 978-1-4426-0497-1, S. 150
Zur Zeit der Hussitenkriege (1419–1439) wurden die ersten Feldgeschütze entwickelt. Zusammen mit der (pferdebespannten) Lafette waren diese Geschütze erstmals mobil einsetzbar. Zur Bespannung der Geschütze war ein Pferd pro 1,5 bis 4 ZentnerWilhelm Hassenstein, Hermann Virl: Das Feuerwerkbuch von 1420. 600 Jahre deutsche Pulverwaffen und Büchsenmeisterei. Neudruck des Erstdruckes aus dem Jahr 1529 mit Übertragung ins Hochdeutsche und Erläuterungen von Wilhelm Hassenstein. Verlag der Deutschen Technik, München 1941, S. 159. Rohrgewicht erforderlich.
Auch auf Schiffen wurden erstmals Schiffsgeschütze eingesetzt. Zum Beispiel hatte die Santa Maria, das Flaggschiff von Christoph Kolumbus, vier Drehbassen Kaliber 9 cm an Bord. Die Bewaffnung von Expeditionsschiffen bzw. die Reichweite und Treffgenauigkeit von Schiffsgeschützen wurden ein wichtiger Faktor bei den nun beginnenden Entdeckungsfahrten (siehe Zeitalter der Entdeckungen, Triebkräfte und Voraussetzungen der Entdeckungsfahrten).
Der neue Berufsstand der Stückgießer ging aus dem der Glockengießer hervor; beide wendeten ähnliche Herstellungstechniken an. Bis zum letzten Drittel des 14. Jahrhunderts hatten sich die europäischen Geschütze zu den fortschrittlichsten und schlagkräftigsten der Welt entwickelt. Insbesondere der Hundertjährige Krieg (1337–1453) zwischen Frankreich und England sorgte für einen Innovationsschub. Allein bei den Hussiten verzehnfachte sich die Zahl der eingesetzten Feuerwaffen in zehn Jahren; so führten sie im Jahr 1428 etwa 3000 Handfeuerwaffen, 300 Haubitzen und 60 große Geschütze ins Feld. Im Jahr 1415 benutzte Heinrich V. zehn Geschütze, um die Mauern von Harfleur einzuschießen. Seit 1450 waren Geschütze in großen Armeen üblich, auch im Heer des noch auf die Ritterschaft setzenden Karls des Kühnen von Burgund. 1453 wurde die bis dahin uneinnehmbare doppelte Mauer mit Wassergraben um Konstantinopel von den Türken sturmreif geschossen. Die dafür verwendeten Geschütze hatte ein europäischer Christ hergestellt. Die überlegenen europäischen Geschütze spielte auch eine maßgebliche Rolle bei der Expansion Europas.Carlo M. Cipolla: Segel und Kanonen – Die europäische Expansion zur See. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1990, ISBN 3-8031-3602-4.
Die ersten spätmittelalterlichen Geschützrohre waren als Stabringgeschütz aus mit Eisenringen zusammengehaltenen schmiedeeisernen Stäben ausgeführt. Spätere Rohre bestanden aus Eisen, Kupfer, Bronze oder Messing und waren in einem Stück gegossen, was dem Geschütz größere Festigkeit verlieh. Kammergeschütze haben ein zweigeteiltes Rohr.
Beim gegossenen Geschütz dominierten Bronze und Eisen. Doch wurden Eisenkanonen wegen der spröden Materialeigenschaften immer wieder beim Schuss beschädigt. Häufig riss dabei das Verschlussstück und Schraubverschlüsse verzogen sich, wonach der Verschluss stundenlang auskühlen musste.
16. bis 18. Jahrhundert mini|Scharfmetze „Greif“ von 1524, zu ihrer Zeit die größte Kanone Europas mini|Einpfündige Lederkanone 1620/1650 mini|Sächsisches gusseisernes Falkonett 1691 Im 16. Jahrhundert wurden die Belagerungsgeschütze zu Hauptbüchsen, Scharfmetzen, Kartaunen und Basilisken entwickelt. Ab 1550 wurde das auf Doppelkartaunen, Kartaunen und Halbkartaunen vereinfacht und auf das Kalibersystem umgestellt. Mitte des 16. Jahrhunderts waren die Doppelkartaunen die schwersten Belagerungsgeschütze. Zu dieser Zeit wandelte sich auch der Sprachgebrauch, der das Geschossgewicht zur Geschützbezeichnung werden ließ; beispielsweise wurden Kartaunen zu „40-Pfündern“ und Halbkartaunen zu „24-Pfündern“. Leichte Hinterlader wurden bevorzugt auf Schiffen in Drehbassen montiert. Bald kam man aber von den Hinterladern wegen deren mangelnder Gasdichtigkeit wieder ab.