Helden wie wir ist ein 1995 erschienener Roman von Thomas Brussig. Thomas Brussigs Satire kann als Entwicklungsroman gelesen werden – hier natürlich in parodistischer Umkehrung – steht aber auch in der Tradition des Schelmenromans. Helden wie wir wurde schnell ein Bestseller und von der Kritik als „heiß ersehnter Wenderoman“ begrüßt.

Er kam in einer von Peter Dehler inszenierten Fassung 1996 auf die Bühne. Die von Regisseur Sebastian Peterson gedrehte Verfilmung hatte am 9. November 1999, dem 10. Jahrestag des Mauerfalls, Premiere.

Inhalt Der Roman beginnt mit einer unerhörten Behauptung: Der Ich-Erzähler mit dem Namen Klaus Uhltzscht nimmt für sich in Anspruch, er ganz allein sei es gewesen, der am 9. November 1989 die Berliner Mauer zu Fall gebracht habe – und zwar mit seinem „Schwanz“. Wie genau er das bewerkstelligt hat erfährt sein Auftraggeber, ein Journalist der „New York Times“, als fiktiver Zuhörer allerdings erst im letzten der insgesamt sieben besprochenen „Bänder“ (resp. Kapitel). Bis dahin werden die ersten 21 Lebensjahre des Protagonisten in der DDR erzählt, die symbolhaft mit den 21 Sterbejahren des Sozialismus exakt zusammenfallen, denn seine Geburt in „eine politische Welt“ erfolgt am 20. August 1968, dem Tag des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei zur gewaltsamen Niederschlagung des Prager Frühlings.

Der Held wächst auf als Einzelkind, dessen Eltern kaum gegensätzlicher sein könnten: die Mutter stets achtsam, fürsorglich, alles erklärend, auf Ausgleich bedacht – der Vater ewig finster, mürrisch, schweigsam, konfrontativ. In ihrer Erziehung allerdings ergänzen sie sich auf fatale Weise: Ihr Sohn wird immer „klein“ gehalten, bleibt Außenseiter, fühlt sich als Versager. Empfindlichster Punkt seines Minderwertigkeitskomplexes ist typisch für Pubertierende – die Sexualität. In dieser Hinsicht erlebt sich der intellektuell überlegene Protagonist gegenüber Gleichaltrigen als hoffnungslos unwissend und zurückgeblieben; am meisten leidet er unter der Zwangsvorstellung, ein zu kleines Glied zu haben. Sein Minderwertigkeitskomplex hat eine Kehrseite – den Größenwahn. Schon der kleine Klaus träumt davon, berühmt zu werden. Neben diesem egoistischen Motiv treibt ihn aber auch ein altruistisches an: Er will außerdem gebraucht werden. Beides zusammen macht ihn anfällig für die sozialistische Propaganda und letztlich zu einem Mitarbeiter der Stasi, wodurch er in die Fußstapfen des Vaters tritt, auch wenn das seinen Gefühlen zutiefst widerspricht und seine Unmündigkeit verlängert. Die Banalität seiner neuen Tätigkeit hindert seine leicht reizbare Phantasie nicht daran, ihm ungeahnte Möglichkeiten vorzugaukeln, verführt ihn zu noch extremeren sexuellen Perversionen und erzeugt in ihm ein erhebliches Maß an krimineller Energie, die nur durch den Gang der Geschichte glücklich gewendet wird. Im Schlusskapitel („Der geheilte Pimmel“) wird die sexuelle Metaphorik des Romans konsequent fortgeführt. Der Außenseiter schwingt sich auf zum Anführer einer Menge, die noch mit dem Makel geschlagen zu sein scheint, den er vor ihr überwunden hat. Die quasi im Vorbeigehen erledigte Aufhebung der deutschen Teilung wird dabei ironisch kontrastiert mit dem paradigmatischen Roman über den Vollzug der Teilung (Der geteilte Himmel), dessen Autorin Christa Wolf der Ich-Erzähler als „Übermutter“ der DDR-Literatur und der Wendezeit karikiert.

Persönlichkeit von Klaus Uhltzscht Beziehung zur Mutter

Besonders wichtig für die Persönlichkeitsentwicklung von Klaus ist die Beziehung zu seiner Mutter. Im Kindesalter wurde er durch ihr Verhalten und ihre Erziehung stark beeinflusst und für sein zukünftiges Leben geprägt. Klaus‘ Mutter, Lucie Uhltzscht, musste für ihren Sohn ihr Medizinstudium abbrechen, hält sich aber dennoch für eine Ärztin und arbeitet als „Hygieneinspektorin“ (S. 26). Größten Wert legt sie daher auf Sauberkeit, Ordnung und auch auf korrekte Sprache. Dies hat natürlich Auswirkungen auf Klaus, da sie ihn z. B. nicht in den Kindergarten gehen lässt. Ein weiteres Beispiel ihres regelrechten ‚Hygienewahns‘ ist, dass es zum Händewaschen sogar eine extra „Rote Seife“ für nach dem Toilettengang gibt (S. 45). In ihrer Erziehung spricht Lucie Uhltzscht keine direkten Verbote aus, sondern suggeriert ihrem Sohn indirekt, was gut und schlecht ist (vgl. S., „Wir wollen uns das doch abgewöhnen.“). Damit sind ihre Handlungen konträr zu denen des Vaters von Klaus. Des Weiteren überträgt sie ihre Ängste auf ihr Kind, z. B. die Angst vor Einbrechern oder vor dem „Bolus-Tod“ (vgl. S. 33). Das resultiert darin, dass Klaus aufgrund all dieser Ängste und Vorschriften wenige Kontakte zu anderen Kindern hat. Diese beschränken sich hauptsächlich auf seine Erfahrungen in diversen Ferienlagern. Wenn er mit anderen Kindern in Kontakt kommt, verhält Klaus sich nach den Grundsätzen seiner Mutter und kann sich folglich nicht sozial integrieren. Die Mutter kontrolliert jegliche Aktionen und das Verhalten ihres Sohnes penibel und lässt ihm damit kaum Privatsphäre, auch in Bezug auf seine Sexualität. Folglich wird Klaus erst spät im Ferienlager aufgeklärt und hat gegenüber seinen Altersgenossen bezüglich dieses Themas das Gefühl, unwissend zu sein. Damit kann die Mutter in dem Roman nach der Persönlichkeitstheorie von Freud gemeinsam mit dem Vater als der persönlichkeitsbildene Faktor des Über-Ichs bezeichnet werden. Die Unterdrückung durch seine Mutter und die ständige Unzufriedenheit seiner Eltern führen schließlich zu einem ausgeprägten Minderwertigkeitskomplex, den er durch gute Leistungen und später durch seinen Beitritt zur Stasi zu kompensieren versucht. Er setzt sich generell sehr hohe Ziele für ein Kind, um Anerkennung zu erlangen, und möchte später unbedingt Nobelpreisträger werden. Er denkt oft in Bild-Schlagzeilen (z. B. S. 15) und malt sich aus, wie über ihn in der Zeitung berichtet werden könnte, wenn er berühmt wäre. Auch dies trägt dazu bei, dass er sich für etwas Besseres hält als die anderen Kinder und sich sozial abgrenzt. Nicht nur Klaus‘ Handeln wird von seiner Mutter bestimmt, sondern sie dominiert auch seine Gedanken. Deshalb handelt er in fast jeder Situation so, wie seine Mutter es von ihm erwarten würde. Schlussendlich gipfeln die Erziehung und die Beziehung zwischen Klaus und seiner Mutter in dessen Problemen und Komplexen, mit denen er im späteren Leben zu kämpfen hat. Klaus erkennt dies, was dazu führt, dass er seine Mutter als erwachsener Mann zwar immer noch liebt, sie aber andererseits auch verurteilt, da sie Mitschuld an seinen eigenen Persönlichkeitsproblemen trägt.

Beziehung zum Vater

Die Beziehung von Klaus Uhltzscht zu seinem Vater Eberhard Uhltzscht stellt sich als schwierig dar. Schon zu Beginn des Romans wird dem Vater eine bedeutende Rolle zugesprochen. Auch über seinen Tod hinweg ist er durchgehend sehr präsent in Klaus’ Leben. Diese Präsenz beeinträchtigt Klaus in seinem Handeln und ist entscheidend und ausschlaggebend für dessen Lebenslauf. Klaus empfindet seinen Vater als autoritär, rechtschaffen (vgl. S. 9–11) und oft mürrisch. Durch die Autorität fühlt sich Klaus wertlos, untergeordnet und eingeschüchtert. Er traut sich nicht, dem Vater seine Interessen und Bedürfnisse zu zeigen, und auch wenn der Vater nicht präsent ist, kann er über seine Wünsche nicht mit guten Gewissen denken, geschweige denn sie ausleben. Bei jeder Entscheidung, die Klaus zu treffen hat, überlegt er, ob sein Vater genauso handeln und ob er dies verurteilen würde. Dadurch kann er keine spontanen Entscheidungen treffen. Generell zeigt der Vater kein Interesse und keine Liebe für Klaus. Er nennt nicht seinen Namen, hält ihn für einen Versager (vgl. S. 43), redet in seiner Anwesenheit nicht mit ihm, sondern über ihn und behandelt ihn wie einen Angeklagten vor dem amerikanischen Schwurgericht (vgl. S. 34). Trotz all dieser Umstände versucht Klaus stets, Anerkennung von seinem Vater zu erlangen. Seine Gefühle für den Vater, den er auch als „Ernährer“ (S. 37) bezeichnet, sind widersprüchlich. Einerseits ist er ihm unangenehm und er kann ihn nicht leiden, andererseits liebt er ihn und er ist der Überzeugung, dass er ein gutes Inneres hat. Für Klaus hat sein Vater etwas Göttliches. Es scheint so, als könne er Taten vollbringen, zu denen sonst niemand in der Lage ist (vgl. S. 38). Er möchte seinen Vater um jeden Preis stolz machen, glaubt jedoch nicht, dass er dazu fähig ist, da er das Gefühl hat, dass es eine Schande und Zumutung ist, ihn als Sohn zu haben (vgl. S. 41). Um seinen Vater stolz zu machen, geht Klaus sogar zur Stasi, da sein Vater auch dort gewesen ist. Diese Tatsache kann Klaus nur erahnen, da er nie explizit den Beruf des Vaters gesagt bekommt und die Arbeit wie ein versiegeltes Buch behandelt wird. Lange Zeit wird sogar eine Lüge über den Beruf aufrechterhalten, nämlich dass der Vater im Außenhandels-Ministerium sei (vgl. S. 83). Außerdem kann diese in Klaus’ Augen nur gut sein, da alles, was sein Vater tut, gut ist. Dennoch merkt Klaus im Laufe der Jahre, dass er völlig andere Interessen und einen anderen Charakter als sein Vater hat. Das ständige Gefühl, seinem Vater nicht gerecht zu werden und in den Augen seines Vaters ein Versager zu sein, erweckt in Klaus Bedenken, ob er wirklich dessen leiblicher Sohn ist (vgl. S. 218). Thomas Brussig macht ganz deutlich, dass Klaus’ Vater nach der Freud’schen Persönlichkeitstheorie das „Über-Ich“ darstellt, denn Klaus wird durch die Angst, seinen Vater zu enttäuschen, von seinen eigenen Interessen weggeführt und kann nicht ungezwungen seine Triebe ausleben. Erst als dieser tot ist, schafft es Klaus allmählich, nur noch das zu machen, wonach ihm gerade ist. Auch nach dem Tod des Vaters weiß Klaus nichts über dessen Leben. Klaus behandelt die Leiche respektlos. Erst jetzt traut er sich, sich gegen seinen Vater zu wehren und ihm seine Gefühle zu zeigen. Dies tut er, indem er ihm die „Eier quetscht“ und dabei hofft, dass der Vater dies sieht. Denn auch der Vater hat symbolisch Klaus’ „Eier gequetscht“, indem er ihm immer das Gefühl gegeben hat, ein Versager zu sein und ihm somit seine Männlichkeit geraubt hat. Dies war ein großer Schritt für die Hauptfigur des Romans, auf den er stolz ist. Über all die Jahre hinweg, in denen sein Vater noch gelebt hat, versucht Klaus stets, noch etwas Gutes in seinem Vater zu sehen. Doch jetzt kann er sich eingestehen, dass in seinem Vater keine Seele lebte (vgl. S. 268), er also keinen guten Charakterzug hatte. Über den Tod ist Klaus erleichtert und es macht ihn freier, da er nun zu ihm nie wieder als Vater aufblicken muss und er somit besser seine Interessen ausleben kann, weil er nicht mehr zu befürchten hat, dass er in den Augen des Vaters als Versager dastehen könnte.

Klaus als Erwachsener