Fußball ist neben dem Radsport die populärste Sportart in Belgien. Die Nationalmannschaft gehörte in den 1980er und 1990er Jahren zu den besten der Welt, die Vereine konnten ihre größten Erfolge in den Europapokalen in den 1970er und 1980er Jahren feiern. Die erste belgische Meisterschaft wurde 1895/96 ausgetragen. Im belgischen Fußballverband sind heute 425.000 Mitglieder in fast 2.000 Vereinen und knapp 20.000 Mannschaften organisiert. Es gibt Untergruppen für Flandern (Voetbal Vlaanderen, VFV) und das frankophone Belgien einschließlich des deutschsprachigen Gebiets (Association des clubs francophones de Football, ACFF).

Geschichte Verband mini|Logo des Verbandes Der Königliche Belgische Fußballverband (KBFV) wurde 1895 als Union Belge des Sociétés de Sports Athlétiques (UBSSA) gegründet und vertrat anfangs auch Leichtathletik und Radsport. 1912 spaltete sich die Fußballabteilung unter dem Namen Union Belge des Sociétés de Football Association (UBSFA) ab und führte seit 1913 auch den flämischen Namen Belgische Voetbalbond (BVB). Seit 1920 hat er seinen heutigen Namen. Der KBFV war 1904 Gründungsmitglied der FIFA und 1954 der UEFA.

Die ersten Vereinsgründungen mini|Die Mannschaft des Daring Club de Bruxelles, 1912 Wie in anderen Ländern auch, wurde der Fußballsport von Engländern nach Belgien gebracht. Schon um 1865 wurde an den Englischen Schulen in Brüssel Fußball gespielt. In der Hafenstadt Antwerpen waren es Beschäftigte der englischen Handelsgesellschaften und in Lüttich die Ingenieure von Cockerill, die zuerst Fußball spielten, bald darauf begannen auch Schüler an den belgischen Schulen mit dem Sport.

Die ersten Fußballclubs in Belgien entstanden in den 1880er und 1890er Jahren. Die Vereine tragen Matrikelnummern, die der Fußballverband 1926 nach der Dauer der Verbandszugehörigkeit vergab. Als ältester Verein trägt deshalb der Royal Antwerpen die renommierte Matrikelnummer 1. Die zehn ersten Vereine mit den Nummern 1–10 waren: Royal Antwerpen (gegründet 1880) Daring Club de Bruxelles (1895; aufgegangen in Racing White Daring, heute FC Brüssel) FC Brügge (1891) Royal Football Club de Liège (1892) Royal Léopold Club Uccle Forestoise (1893) Racing Club de Bruxelles (1895; aufgegangen in Racing White Daring, heute FC Brüssel) KAA Gent (1896) Royal Cercle Sportif Verviétois (1896) Royal Dolhain FC Royale Union Saint-Gilloise (1897)

Tradition spiegelt sich auch im Namen eines Vereins wider: Jeder Club hat nach 50 Jahren das Recht, den Zusatz Königlich, Royal (französisch) oder Koninklijk (ndl.) zu tragen (früher galten kürzere Fristen). Viele flämische Vereine änderten ihren Namen in den 1960er Jahren vom Französischen ins Niederländische. Auch Fusionen sind im belgischen Fußball nicht selten, so dass es insgesamt zu relativ vielen Namensänderungen kommt; auch die Nennung zweier Städte in einem Vereinsnamen ist keine Seltenheit.

Die Frühzeit der belgischen Meisterschaft Der belgische Fußballverband richtete seinen ersten offiziellen Wettbewerb (Coupe de Championnat) 1895/96 aus. Die sieben teilnehmenden Mannschaften waren Royal Antwerpen, FC Brügge, FC Lüttich und aus Brüssel Racing Club de Bruxelles, Léopold Club de Bruxelles, Sporting Club de Bruxelles und Union d’Ixelles. Léopold Club galt als Club des Adels und des Großbürgertums und spielt noch heute in der vierten Liga. Der FC Lüttich wurde erster Meister und die beiden Tabellenletzten, Brügge und Union d’Ixelles, wurden durch den Athletic Club de Bruxelles ersetzt. Lüttich und der Racing Club dominierten die ersten Meisterschaften. Die ersten Torschützenkönige der Liga waren in den Jahren 1896 bis 1902 die Engländer Samuel C. Hickson, Charles Grimshaw Atkinson, Herbert Pott und der Österreicher Franz König.

Nach der Jahrhundertwende wurde Union Saint-Gilloise die bestimmende Mannschaft und gewann sechs Titel in einer Dekade. Daneben wurden auch R.C. de Bruxelles und das neue Team Beerschot AC Meister, später setzte sich der FC Brügge als Top-Club durch. Der Modus wurde öfters gewechselt, es wurde entweder in einer ein- oder zweigleisigen Liga gespielt. 1926 wurde die Liga Division d’Honneur genannt. Die 20er Jahre wurden von Teams aus Antwerpen bestimmt: Beerschot AC gewann fünfmal, Royal Antwerpen zweimal und Lierse SK einmal den Titel.

Seit dem Zweiten Weltkrieg Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann 1947 der RSC Anderlecht seinen ersten Titel, und in den späten 1950ern war Standard Lüttich zum ersten Mal erfolgreich. Von 1960 bis 1972 machten diese beiden Mannschaften den Titel unter sich aus. Die Dominanz im belgischen Fußball war so groß, dass 1964 in einem Länderspiel gegen die Niederlande nach der Auswechslung des Torhüters elf Spieler des RSC Anderlecht auf dem Platz standen. Der Profifußball war in den späten 1960er Jahren in Belgien eingeführt worden. Seit den 1990er Jahren machten FC Brügge und RSC Anderlecht den Titel meist unter sich aus, lediglich RC Genk konnte 2001/02 den Titel gewinnen. In der Saison 2007/08 sowie 2008/2009 wurde Standard Lüttich nach langer Durststrecke wieder belgischer Meister.

Rekordmeister ist der RSC Anderlecht mit 32 Titeln vor dem FC Brügge (13 Titel), Royale Union Saint-Gilloise (11), Standard Lüttich (10), Beerschot VAC (7), Racing de Bruxelles (6), Daring de Bruxelles und FC Lüttich (beide 5), Royal Antwerpen, KV Mechelen und Lierse SK (alle 4) und dem KRC Genk und Cercle Brügge (beide 3).

Entwicklung Spielkultur mini|hochkant|Vincent Kompany gilt als einer der besten belgischen Fußballer Der belgische Fußball gilt als sehr körperbetont und eher defensiv. Berühmt wurde die belgische Abseitsfalle, insbesondere bei der EM 1980. Seit einigen Jahren spielen zunehmend Spieler aus Immigrantenfamilien im belgischen Team, deren Spiel nicht selten auf hohem technischen Niveau ist, und die den Stil der Nationalmannschaft beeinflusst haben: Mousa Dembélé, Marouane Fellaini, Vincent Kompany.

Die besten belgischen Fußballer waren meist Defensivspieler: Eric Gerets, Leo Clijsters, Georges Grün, Philippe Albert, Franky Van Der Elst, Vincent Kompany oder die Torhüter Jean-Marie Pfaff und Michel Preud’homme. Dagegen hat Belgien relativ wenig Stürmer von internationalem Format hervorgebracht, unter anderem Fernand Goyvaerts, Jan Ceulemans, Erwin Vandenbergh, Enzo Scifo, Marc Degryse, Luc Nilis und Emile Mpenza. Zum besten belgischen Fußballer des 20. Jahrhunderts wurde Paul Van Himst gewählt, der für den RSC Anderlecht spielte und 1960 bis 1974 das belgische Nationalteam anführte und viermal den Goldenen Schuh als Fußballer des Jahres erhielt.

Belgische Profis im Ausland Die große Mehrheit des aktuellen belgischen Nationalmannschaftskaders spielt im Ausland, größtenteils in der englischen Premier League, beispielsweise Marouane Fellaini (Manchester United), Eden Hazard, Thibaut Courtois (beide FC Chelsea) oder Jan Vertonghen (Tottenham Hotspur). Andere Nationalspieler stehen in den übrigen europäischen Topligen unter Vertrag. Während belgische Fußballprofis vor einigen Jahren ihr Geld vornehmlich in der Bundesliga verdienten, spielen heute nur noch wenige Belgier in den deutschen Profiligen. Roger Van Gool war der erste Profi in der Bundesliga, für den 1 Million DM Ablöse gezahlt wurde.

„Legionäre“ in Belgien Seit dem sogenannten Bosman-Urteil ist die Zahl der ausländischen Spieler in den Mannschaften der Pro League nicht mehr beschränkt. In der Folge verpflichteten die belgischen Vereine, wie es auch in anderen Ländern geschieht, zahlreiche Fußballer aus Osteuropa, Afrika und Südamerika. Einerseits wurde durch diese Entwicklung die Nationalmannschaft geschwächt, andererseits bekam die belgische Liga die Funktion eines Schaufensters für die großen Vereine Europas. So haben viele der besten Fußballer Europas ihre internationale Karriere in Belgien begonnen, zum Beispiel Jean-Pierre Papin (FC Brügge; Frankreich), Sunday Oliseh, Victor Ikpeba (Standard Lüttich; Nigeria), Jan Koller (Tschechien), Aruna Dindane und Celestine Babayaro (RSC Anderlecht; Elfenbeinküste) und viele andere.

Afrikanische Profis in Belgien Eine besondere Rolle spielt der belgische Profifußball für afrikanische Spieler, die in großer Zahl von zum Teil unseriösen Agenten nach Europa geholt werden. Der KSK Beveren setzt fast ganz auf Spieler aus der Fußballschule des ehemaligen französischen Nationalspielers Jean-Marc Guillou in Abidjan. So stammen von den 26 Spielern im Kader der Saison 2005/06 18 von der Elfenbeinküste (von denen aber nur einer als Nationalspieler an der Afrikameisterschaft 2006 teilnahm), zwei weitere aus Mali und der Republik Kongo. Für afrikanische und afrikanischstämmige Fußballer existiert eine eigene bedeutende Auszeichnung, der Ebenholz-Schuh. 2013 gewann Mbaye Leye aus dem Senegal diese Trophäe, davor Dieumerci Mbokani (DR Kongo).

Wirtschaftskraft der Vereine Der Jahresetat teilt die belgische Liga in zwei Klassen. Die meisten Vereine verfügen über ein bescheidenes Budget von 3 bis 6 Millionen Euro. Der AA Gent führt dieses große Feld mit einem Etat von 7,8 Millionen Euro an. Vier Vereine verfügen über ein Vielfaches davon: Absoluter Ligakrösus ist der RSC Anderlecht mit 27 Millionen Euro vor KRC Genk (18 Millionen), Standard Lüttich (16 Millionen) und dem FC Brügge (15 Millionen) (Stand: 2005/06). Ein durchschnittlicher Profi der Jupiler League verdient schätzungsweise 2000 bis 3000 Euro im Monat plus Siegprämien. Nur die regelmäßig im Europapokal spielenden Mannschaften können auch die Gehälter von Spielern internationaler Klasse aufbringen. Abwerbungsversuchen durch die großen Vereine aus Spanien, Italien oder England haben aber auch diese Vereine nichts entgegenzusetzen.

Die erste Liga, die Pro League, wird von der Bierbrauerei Jupiler gesponsert. Der Zuschauerschnitt liegt meist knapp unter 10.000. Neben den Topclubs FC Brügge und RSC Anderlecht haben Standard Lüttich und der RC Genk, dessen Fans als besonders treu gelten, relativ hohe Besucherzahlen.

Aus der geringen Wirtschaftskraft der meisten Vereine resultieren die zahlreichen Fusionen im belgischen Fußball. So ist der FC Brüssel das Produkt von sechs verschiedenen Vereinen der ersten und zweiten Liga, die sukzessive seit den 1960er Jahren miteinander verschmolzen sind. Andere Vereine wie der KV Mechelen, 1988 noch Europacup-Sieger, oder Royal Antwerpen, der älteste Clubs des Landes und 1993 Europacup-Finalist, sind der Insolvenz nur knapp entkommen, aber zwischenzeitlich in der zweiten oder sogar dritten Liga gelandet.

Korruption und Wettskandal Die relativ geringen Gehälter machen den belgischen Fußball anfällig für Korruptionsskandale. Schon 1982 soll Standard Lüttich den Gewinn des Meistertitels mit Zahlungen an den Klub Waterschei durch Trainer Raymond Goethals und Kapitän Eric Gerets beeinflusst haben. Seit Ende 2005 ist der belgische Profifußball in einen Wettskandal verwickelt. Eine chinesische Wettmafia soll Medienberichten zufolge Einfluss auf den Ausgang verschiedener Spiele genommen haben. Besonders St. Truiden, Lierse SK, La Louvière und Charleroi, beziehungsweise einzelne Spieler und Trainer dieser Mannschaften, werden der Manipulation beschuldigt. Seit Anfang 2006 beschäftigt sich die Justiz mit dem Fall.

Nationalmannschaft mini|Die belgische Fußballnationalmannschaft, 1905