Ganderkesee (plattdeutsch Gannerseer) ist eine Gemeinde im Landkreis Oldenburg in Niedersachsen.
Geographie Lage Ganderkesee liegt etwa 20 Kilometer westlich des Bremer Zentrums, am Nordrand des Naturparks Wildeshauser Geest. Der nördlichste Teil der Gemeinde liegt im Urstromtal der Weser, ist also flache Marsch. Etwa entlang der Ortsteile Bookholzberg – Rethorn – Stenum – Hoykenkamp verläuft die Abbruchkante des Urstromtals. Südlich davon schließt sich das sandige, etwas höhergelegene und leicht hügelige Gelände der Geest an. Von exponierten Stellen am Rand der Geest ist an klaren Tagen die ca. 12 Kilometer entfernte andere Kante des Urstromtals in Bremen-Nord zu erkennen.
Ganderkesee grenzt im Osten an Delmenhorst, im Norden an Lemwerder und Berne im Landkreis Wesermarsch sowie an Hude, im Westen an Hatten und im Süden an Dötlingen und Harpstedt.
Ganderkesee besitzt drei bauliche Grundzentren. Die Bevölkerung der Gemeinde konzentriert sich zum einen auf den Kernort Ganderkesee, zum anderen auf einen Streifen entlang der Bahnlinie von Oldenburg nach Bremen mit den Ortsteilen Bookholzberg, Rethorn und Schierbrok. Die Ortsteile Heide und Elmeloh bilden mit den jeweils benachbarten Stadtteilen von Delmenhorst ein Siedlungsgebiet und sind daher ebenfalls dicht bevölkert. Die übrigen Gebiete der Gemeinde sind dünner besiedelt und stärker landwirtschaftlich geprägt.
Landschaft Die Landschaft wurde von den Eiszeiten überformt. Aus diesen Perioden sind Sande, Tone, Kiese, Steine und aus Skandinavien stammende Findlinge geblieben. Die Tonlager auf dem Hohenkamp in Rethorn sind bis über 70 m tief. Geestböden mit einer kargen Vegetation beherrschen das Gebiet. Die Vorgeest zum Urstromtal der Weser wurde durch Sandplatte, Sümpfe, Kleinmoore und Dünen (zum Beispiel in Grüppenbühren als Flugsandgebiete) geprägt. Vor der Besiedlung der Stedinger Brookseite um 1100 floss das Wasser von der hohen Geest auf den von der Natur vorgegebenen Wegen direkt in die Sümpfe der Brookseite. Die Landschaft ist durch viele Bachtäler geprägt.
Wald und ausgedehnte baumbestandene Binnendünengebiete, Moore (Nieder- und Hochmoore), Äcker, Weiden, Schlatts, Bäche und Wallhecken gliedern diese Landschaft.Georg Müller: Wallhecken, Entstehung-Pflege-Neuanlage am Beispiel der Gemeinde Ganderkesee, BSH Verlag, 1989.Georg Müller: Eine Landschaft im Wandel am Beispiel von 1800 Hektar der Gemeinde Ganderkesee, Agenda 21-Verein, Ganderkesee 2003. Restbestände der ehemaligen großflächigen Heidelandschaft sind nur vereinzelt noch vorhanden. Der Ganderkeseer Heimatforscher und Landschaftskartierer Georg Müller zeigte in seinen Veröffentlichungen den dramatischen Wandel, denn viele Landschaftsbestandteile sind bereits zerstört, der Artenschwund an Tieren, Pflanzen und Pilzen ist dramatisch.
mini|Die Brookbäke im Hasbruch
Immerhin bestehen einige Naturschutzgebiete. Der Hasbruch, ein seit 1938 unter Naturschutz stehender ehemaliger Hutewald, liegt teilweise auf Gemeindegebiet. Seit 2020 lebt im Süden auf 36 Hektar wieder eine Rinderherde (Schottische Hochlandrinder) sowie sechs Exmoor-Ponys, sodass dort wieder eine Hute- und Triftlandschaft entstehen kann, wie sie bis ins 19. Jahrhundert verbreitet war.Nach 141 Jahren Pause laufen wieder Nutztiere durch den Busch. Waldweideprojekt im Hasbruch Zwar leben dort 50 Vogelarten, und es befinden sich dort sehr alte Eichenbestände, doch der Hirschkäfer ist dort bereits seit den 1950er Jahren verschwunden, der Pirol gilt seit 1994, als dort noch zwei Brutpaare nachgewiesen worden waren, als ausgestorben. Das Gebiet der Brookbäke wurde für fast eine Million Euro renaturiert.Martin Brinkmann: Handbuch der Naturschutzgebiete im Landkreis Oldenburg, Ganderkesee 2021, S. 66–69, 91. Im Ortsteil Schönemoor brütet seit 2019 immer wieder ein Storchenpaar.Martin Brinkmann: Handbuch der Naturschutzgebiete im Landkreis Oldenburg, Ganderkesee 2021, S. 103.
Nur ein kleiner Teil des 350 ha umfassenden Stühe, nämlich sein Ostrand, befindet sich auf Gemeindegebiet; seit 2019 steht die Große Höhe unter Naturschutz, zumindest das nördliche Viertel.Martin Brinkmann: Handbuch der Naturschutzgebiete im Landkreis Oldenburg, Ganderkesee 2021, S. 175. Hier finden sich Eichen-, Hainbuchen- und Hainsimsen-Buchenwälder. Hinzu kommen Auenwälder mit Eschen und Erlen, einige Gewässer und kleine Moore.
Nie abgeholzt wurde das Stenumer Holz, ein 100 ha umfassendes, vor allem von Eichen geprägtes Gebiet. In deren Schatten entwickelte sich eine artenreiche Strauch- und Krautflora. Stechpalme, Hasel und Pfaffenhütchen, aber auch Habichtskräuter, Buschwindröschen, Pfeifengräser und Sauerklee gehören zur Flora.
Gemeindegliederung mini|Luftbild des Zentrums von Ganderkesee
Ganderkesee ist eine Einheitsgemeinde und besteht aus folgenden 25 Ortsteilen (Bauerschaften genannt): Almsloh Bergedorf Bookholzberg Bookhorn Bürstel Elmeloh Falkenburg Ganderkesee (Kernort) Grüppenbühren Habbrügge Havekost Heide Hengsterholz Hohenböken Holzkamp Hoyerswege Hoykenkamp Immer Neuenlande Rethorn Schierbrok Schlutter Schönemoor Steinkimmen Stenum
Geschichte Jungsteinzeitliche Besiedlung (um 4000 v. Chr.), Großsteingräber (3500–2800 v. Chr.) In der jüngeren Steinzeit fand ab 4000 v. Chr. eine Besiedlung der Marschen statt, die durch Funde von Felssteinäxten belegt wurde. Im Umfeld befinden sich Großsteingräber aus der Zeit von 3500 bis 2800 v. Chr., wie etwa das Großsteingrab Stenum.
Bronzezeitliche Brandbestattungen (8.–6. Jahrhundert v. Chr.) Nordöstlich der Autobahnauffahrt „Ganderkesee-West“ fanden sich ab 2010 Überreste aus der Bronze- und der Eisenzeit, Gräber und eine Siedlung. Bei den großflächigen Grabungen auf einem Gebiet von 20 ha wurden 39 Brandbestattungen aus dem 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. entdeckt. Ein Teil dieser Gräber lag ursprünglich unter Grabhügeln, zudem fand sich eine lange Reihe aus 27 Feuerstellen.
Eisenzeitliche Siedlung mit Eisenverhüttung (1. Jahrhundert v. – 1./2. Jahrhundert n. Chr.), Chauken Eine jüngere Siedlung ließ sich nachweisen, die zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 1./2. Jahrhundert n. Chr. bestand. Die zwölf Pfostengebäude waren bis zu 47 Meter lang. Zu diesen Hauptgebäuden kamen 64 Nebengebäude, wie etwa Speicher oder Ställe. Die Bauwerke gehörten offenbar zu zwei großen Gehöften, die aber nicht gleichzeitig bestanden haben können. Bruchstücke eines großen Gefäßes aus Terra Sigillata weisen auf Kontakte ins Römische Reich hin. Weitere 44 Gräber fanden sich in Sichtweite dieser Siedlung.Daniela Behrens, Andreas Hummel, Andreas Thümmel, Hauke Jöns: Ein mehrperiodiger Siedlungs-, Begräbnis- und Eisenverhüttungsplatz – entdeckt im Gewerbegebiet von Ganderkesee, Ldkr. Oldenburg, in: Nachrichten des Marschenrates zur Förderung der Forschung im Küstengebiet der Nordsee 52 (2015) 32–36. Auch fand sich ein Eisenverhüttungsplatz mit über einhundert Rennfeueröfen.
Um 200 v. Chr. wurde die Marsch durch die Chauken besiedelt. Von 12 v. Chr. bis 15 n. Chr. unterwarfen sich die Chauken den Römern. Weitere römische Eroberungsfeldzüge ab 47 n. Chr. scheiterten. Die Chauken gingen allmählich im Stammesverband der Sachsen auf.
Mittelalter 860 wurde Ganderkesee zum ersten Mal urkundlich unter dem Namen „Gandrikesarde“ erwähnt. Erzbischof Ansgar von Bremen verfasste eine Lebensbeschreibung seines Amtsvorgängers Willehad, in der er von den Wundern um die Gebeine Willehads berichtete: „Es war das Jahr Christi 860, das 28. des Reiches unereres Herrn, des erhabenen Königs Ludwig“, als auch Kranke aus Ganderkesee die Heilung suchten und nach Bremen kamen: „Bei den Steoringen, im Dorf Gandrikesarde, war eine Frau Herimod zwei Jahre taub. Diese kam in den Bremer Dom und erlangte durch das Verdienst des Heiligen das Glück, mit voller Hörkraft versehen wieder nach Hause zu kommen.“Andreas Röpcke (Hrsg.): Willehad. Das Leben des hl. Willehad, Bischof von Bremen, und die Beschreibung der Wunder an seinem Grabe. Schünemann Verlag, Bremen 1982, ISBN 3-7961-1738-4
995 gab es die letzten Wikingereinfälle im Wesergebiet. 1040 wurde die Lechterseite in Stedingen besiedelt.
Erzbischof Adalbert von Bremen ließ um 1052 in Ganderkesee eine Pfarrkirche erbauen. Er ließ auch einen Markt einrichten, der mit dem Kirchweihfest am 14. September verbunden wurde. Ganderkesee wurde das wirtschaftliche Zentrum in der Region, und viele umliegende Dörfer waren hier eingepfarrt. Die romanische Kirche wurde 300 Jahre später gründlich umgebaut und erhielt dabei ihre heutige gotische Gestalt. Nach 1200 wurden viele eingepfarrte Gemeinden von Berne bis Harpstedt selbstständige Kirchgemeinden.
Im 16. Jahrhundert setzte sich der Markt von Delmenhorst durch und Ganderkesee verlor an Bedeutung.
Ab 1600 Im 17. Jahrhundert befanden sich die großen Ackerflächen im Besitz der Kirche. Die Bevölkerung hatte nur recht kleine Grundstücke, so dass es in dieser Zeit hier keine Vollbauern gab, sondern nur Halbbauern und arme Kötner. Jahrhundertelanger Raubbau infolge der Plaggenwirtschaft führte dazu, dass sich auf den Allmenden keine Wälder bilden konnten, sondern dass die Landschaft von weiten Heideflächen und Wanderdünen geprägt war. Der magere Boden, überwiegend Podsole, erlaubte nur den Roggenanbau; wenige Kühe und Pferde wurden gehalten. Auf den größer werdenden Heideflächen wurde intensive Schafzucht betrieben. „Den Schäfern ist nichts in der Welt heilig, was im Bereich ihrer Schafherden angetroffen wird“, so heißt es in einem Bericht von 1814, und „der Mißbrauch ist ungeheuer“. Das ländliche Elend wurde noch durch Pest (1667 und 1676), Typhus- (1869) und Tuberkuloseepidemien verstärkt. Pastor, Vogt und Armenväter versuchten oft erfolglos, das Betteln mit drakonischen Maßnahmen zu verhindern. Besseren Einblick in die örtlichen Verhältnisse gehen zum Teil auf eine Verbesserung der Kirchenbücher zurück, denn der Erlass des Generalsuperintendenten Cadovius für Ganderkesee aus dem Jahr 1658 führte dazu, dass neben dem Tauf- nun auch das Geburtsdatum und neben dem Begräbnis- auch das Sterbedatum eingetragen wurde.Sören Lindner: Die Kirchenbücher der evgl.-luth. Landeskirche Oldenburg als historische Quelle. Eine Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte unter Berücksichtigung des Personenstandsgesetzes von 1875 / 1876, Bachelorarbeit, Oldenburg 2010, , S. 5 f.
Im 18. Jahrhundert setzten Großbrände der Ortsentwicklung zu: 1743 brannten 16 Gebäude, darunter die Küsterei mit den Schulräumen, nieder, 1775 waren es 21 Häuser und die Pastorei, und 1846 brannten die inzwischen wiedererrichteten strohgedeckten Häuser abermals ab. Erst danach wurden beim Wiederaufbau größere Abstände zwischen den Gebäuden angeordnet.
Viele Bewohner mussten als „Pendelarbeiter“ ihr Geld verdienen; die „Hollandgänger“ arbeiteten in Friesland oder in Holland, viele davon als Seeleute. Erst ab 1835 orientierten sich die Arbeitsuchenden verstärkt nach Bremen, und so heuerten 1855 aus der Gemeinde 296 Männer auf Bremer Schiffen an. 1888 erhielten immer noch 126 ehemalige Schiffer ihre Pension aus der Bremer Seemannskasse.
Die Aufteilung der Allmenden im Rahmen der Agrarreformen des 19. Jahrhunderts leitete in der Gemeinde Ganderkesee einen Landschafts- und Strukturwandel ein. Die Ackerfläche wurde vergrößert, die Einfuhr von Kunst- und Mineraldünger steigerte auch auf ärmeren Böden die Erträge erheblich. Im Bereich der ehemaligen Wanderdünen erfolgte eine Aufforstung durch Kiefer-Monokulturen.