Wolfgang Frommel (* 8. Juli 1902 in Karlsruhe; † 13. Dezember 1986 in Amsterdam) war ein deutscher Schriftsteller.
Leben Wolfgang Frommel war Sohn des Theologen Otto Frommel, Ururgroßneffe des Arztes und Schriftstellers Justinus Kerner und älterer Bruder des Komponisten Gerhard Frommel. Er besuchte Schulen in Heidelberg, wo er die Gelehrten Kurt Wildhagen und Wilhelm Fraenger kennenlernte, und in Wertheim. Er studierte ab 1922 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg die Fächer Germanistik, Theologie und Pädagogik. Dass er gemeinsam mit dem literarisch interessierten Sozialisten Theodor Haubach, durch den er Zugang zum Spätwerk des Lyrikers Stefan George bekam, oder gar in dessen Auftrag eine sozialistische Studentengruppe gegründet habe,So etwa Claus Victor Bock: Untergetaucht unter Freunden. Ein Bericht Amsterdam 1942–1945. Castrum Peregrini Presse, 5. Aufl. Amsterdam 2004, S. 55; ebenso Petra Weber: Carlo Schmid. 1896–1979. Eine Biographie. C. H. Beck, München 1996, S. 84–98, hier S. 84. ist möglicherweise eine von Frommel selbst in die Welt gesetzte Fiktion.So bezweifelt Günter Baumann: Dichtung als Lebensform (s. unten Literatur) S. 97–99, Frommels Darstellung in seiner zur 25-Jahr-Feier des Castrum Peregrini in Darmstadt am 25. März 1977 gehaltenen Eröffnungsrede, in der er behauptete, „er habe im Auftrag von Theo Haubach die erste sozialistische Studentengruppe in Heidelberg gegründet.“ Wahrscheinlicher sei, „daß sich Frommel seinem Freund Haubach einfach anschloß.“ Die Freundschaft mit seinem homosexuellen Studienkollegen Percy Gothein wurde für Frommel zu einer Lebenswende: Gothein gehörte nicht nur dem Kreis „Die Gemeinschaft“ um Wilhelm Fraenger an,Vgl. Christoph Zuschlag: „... eine Ebene des geistigen Gemeinschaftslebens ...“. Wilhelm Fraenger und die Gotheins. sondern zählte auch zum engsten Kreis um Stefan George. Die auf das Jahr 1923 datierte Begegnung mit dem verehrten „Meister“ scheint aber laut dem einzigen überlieferten Brief Frommels an George vom 13. März 1926 nie stattgefunden zu haben.Thomas Karlauf: Meister mit eigenem Kreis. Wolfgang Frommes George Nachfolge. In: Sinn und Form, 2/2011, hier nach Digitalisat
Während er sein Studium in Berlin fortsetzte, beschäftigte er sich intensiv mit Georges Dichtung und Geisteswelt und sammelte eine Gruppe von Gleichgesinnten um sich. In dieser Zeit, etwa 1924, lernte er auch den dreizehnjährigen Billy Hildesheimer kennen, der sich später William Hilsley nannte. Zwischen dem Komponisten Hilsley und Frommel entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft. 1930 gründete Frommel zusammen mit Edwin Maria Landau und Percy Gothein den Verlag Die Runde, in dem 1932 Frommels damals viel beachtete Schrift Der dritte Humanismus erschien, unter dem Pseudonym Lothar Helbing (nach dem Mädchennamen seiner Mutter). Wolfgang Frommel gehörte in dieser Zeit zu dem Umkreis („Beckerjungen“) des preußischen Kultusministers Carl Heinrich Becker, der mit seinen Ideen sympathisiert zu haben scheint. Die Schrift erlebte bis 1935 noch zwei weitere Auflagen, wurde dann aber von den Nationalsozialisten verboten, weil der darin für ein „Drittes Reich“ propagierte „dritte Humanismus“ trotz zweideutiger Formulierungen letztlich nicht zur Ideologie der neuen Machthaber passte.
Im Juli 1933 holte ihn Walther Beumelburg, der neue Intendant des Südwestdeutschen Rundfunks, nach Frankfurt und übertrug ihm die Leitung der Abteilung Wort. Durch Frommels Vermittlung fand auch Wilhelm Fraenger eine Tätigkeit beim Rundfunk. Im Herbst 1933 konnte Frommel mit einer eigenen Mitternachtssendung beginnen, die er beim Reichssender Berlin fortsetzte. In der Reihe Vom Schicksal des deutschen Geistes lud er jeweils einen Gast ein („Die Besten der Nation“, darunter auch jüdische Autoren unter Pseudonym), dem sich so die Gelegenheit bot, durch systemkritische Bemerkungen die offizielle Zensur geschickt zu umgehen. Nach Vermittlung des gemeinsamen Freundes Woldemar Graf Uxkull-Gyllenband hielt etwa Carlo Schmid am Freitag, 16. November 1934, nach 24:00 Uhr in einer Mitternachtssendung seinen Vortrag über Friedrich und Rousseau oder die Kunst und Natürlichkeit als staatsbauende Wirkung.Weber: Carlo Schmid. S. 84–87. Parallel zur Tätigkeit am Rundfunk nahm Frommel 1934–1935 einen Lehrauftrag für das von den Nationalsozialisten eingerichtete Fach „Politische Pädagogik“ an der Universität Greifswald wahr.Baumann: Dichtung als Lebensform. S. 209, Anm. 353, und S. 241; Philipp: Vom Schicksal des deutschen Geistes. S. 57 f. Ob Frommel, um seine Stellung zu erlangen oder zu stützen, Mitglied der SA wurde, ist nicht gesichert.Vgl. Günter Baumann: Dichtung als Lebensform. (s. u. Literatur), S. 241 mit Anm. 454; Philipp: Vom Schicksal des deutschen Geistes. (s. u. Literatur), S. 36. Nachdem eine Kontrolle der Sendereihe durch das Regime begonnen hatte, sah er sich Ende 1935 jedenfalls nicht mehr in der Lage, das Konzept weiterzuführen.
In Frommels Frankfurter Zeit fällt eine weitere schicksalsträchtige Begegnung. Er lernte im August 1933 den vierzehnjährigen Adolf Friedrich Wongtschowski kennen, der sich später Friedrich W. Buri nannte. Ihm verhalf er 1937 zur Flucht in die Niederlande und dort – zusammen mit William Hilsley – zu einer Anstellung an der Quäkerschule Eerde. Hilsley und Buri versammelten in Eerde einen Kreis von Schülern um sich, die sie in die Gedankenwelt Georges und deren Auslegung durch Frommel einführten.
Im Sommer 1935 traf sich der Kreis um Wolfgang Frommel in Saas (Graubünden) ein letztes Mal. In einem abgelegenen Landhaus las und diskutierte die Gruppe täglich Dantes Göttliche Komödie. Die um ihn versammelte „Runde“ löste sich nun auf, und ein Teil der Mitglieder emigrierte bereits 1936. Frommel, der nach seiner Zeit als Dozent der Universität Greifswald auch Feuilletonredakteur beim Berliner Tagblatt war, folgte 1937. Er ging zunächst nach Basel, wo er beim Verleger Benno Schwabe Aufnahme fand.
Niederlande ab 1939 Von dort gelangte er – nach Zwischenstationen in Zürich und Paris – 1939 in die Niederlande. Mit Hilfe niederländischer Freunde wie dem Schriftsteller Adriaan Roland Holst (1888–1976) erhielt er eine Aufenthaltsgenehmigung. Bald nach seiner Ankunft in den Niederlanden gehörte Frommel zu den regelmäßigen Gästen in der Quäkerschule Eerde, wo er Vorträge zu literarischen Themen hielt und zum „Meister“ der Jugendlichen avancierte, die Hilsley und Buri um sich geschart hatten.
Nach der Okkupation der Niederlande durch die deutsche Wehrmacht und der Entscheidung der Quäker, dem Druck der Besatzer nachzugeben und die jüdischen Kinder aus Schloss Eerde in ein Nebengebäude zu verbannen, versuchten Frommel und Wolfgang CordanDessen Rolle bei der Flucht der Jugendlichen aus Eerde spielt in der Darstellung von Bock keine Rolle, was auf ein Dilemma verweist, das Manfred Herzer in seinem Nachwort zu Cordans Buch Die Matte thematisiert: „Die anfangs herzliche, bald aber komplizierter werdende Freundschaft zwischen Cordan und Frommel wird in der Matte dargestellt (Die Matte, S. 183 ff.) – natürlich aus Cordans Sicht. Und diese Sicht ist mit der Frommels und seines Castrum-Peregrini-Vereins sozusagen inkompatibel. Das müsste eigentlich kein Problem sein, ganz im Gegenteil erscheint es reizvoll und eigentlich auch normal, wenn historische Vorgänge im nachhinein von den daran Beteiligten aus ihrer subjektiven Erinnerung und Perspektive rekonstruiert werden. Wenn Historiker anhand der Quellen und widersprüchlichen Zeitzeugen zu dem Ergebnis kommen, es könne nicht vollständig aufgeklärt werden, ‚wie es wirklich gewesen ist‘, dann ist ein solches Resultat eher die Regel und nicht eine seltene Ausnahme. Der Wunsch nach Eindeutigkeit ist allerdings nahe liegend, und besonders bei noch lebenden damals Beteiligten kann dies zu Versuchen führen, der historischen Wahrheit ein wenig nachzuhelfen. In extremen Fällen gelingt es sogar, ein Monopol auf Darstellung und Deutung der historischen Ereignisse durchzusetzen. Die Castrum-Peregrini-Gruppe ist diesem verständlichen, aber moralisch bedenklichen Hang zur Apologetik in bemerkenswertem Maße erlegen. Aus der Forschungsliteratur sind mir hierzu die beiden Fälle Baumann und Renders bekannt.“ (Manfred Herzer: Nachwort zu: Wolfgang Cordan: Die Matte, S. 366) Cordan (S. 186) die Schulleitung dafür zu gewinnen, die jüdischen Kinder untertauchen zu lassen. Als die Schulleitung sich diesem Plan widersetzte und gar mit Anzeigen bei der Gestapo drohte, entschlossen sich Frommel und Cordan, auf eigene Faust zu handeln und den ihnen nahestehenden Schülern zur Flucht zu verhelfen. Claus Victor Bock, Clemens Michael Brühl, Liselotte Brinitzer und Thomas Maretzki tauchten unter, Bock lebte, wie dann auch sein früherer Lehrer Buri, von 1942 an im Versteck in der Amsterdamer Herengracht 401, für das sich der Name Castrum Peregrini einbürgerte.
Dieses Versteck war der Bekanntschaft Frommels mit der Malerin Gisèle van Waterschoot van der Gracht zu verdanken, die Frommel 1941 in Bergen, dem Wohnort seines Freundes Adriaan Roland Holst, kennengelernt hatte. Im Juli 1942 zog er in die Amsterdamer Wohnung der Malerin in dem Haus Herengracht 401 ein, das dann zum Versteck für einen Teil der untergetauchten Jugendlichen wurde. Auch für die aus der Quäkerschule Eerde Geflüchteten, die hier keinen Unterschlupf gefunden hatten, blieb der Ort weiterhin Bezugspunkt. Sie alle überlebten die deutsche Besetzung – trotz der allgegenwärtigen Bedrohung durch die Razzien der deutschen Besatzungsmacht und deren niederländische Hilfsorgane. Claus Victor Bock berichtet darüber in seinem 1985 erschienenen Buch Untergetaucht unter Freunden und Buri in seinem „Lebensbericht“ Ich gab dir die Fackel im Sprunge.Vergleiche hierzu auch die Webseite Während für das Überleben der Gruppe im Inneren eine Rolle spielte, was Marita Keilson-LauritzZu Person und Werk der Ehefrau des zum Kreis um Frommel zählenden Psychoanalytikers und Schriftstellers Hans Keilson vgl. . eine „Liebe, die Freundschaft heißt“ nannte,Marita Keilson-Lauritz: Kentaurenliebe. S. 159. war vermutlich auch die Bekanntschaft Frommels mit dem höheren Besatzungsoffizier Bernhard Knauss nicht unwichtig, dessen Buch Staat und Mensch in Hellas 1940, also nach Frommels Emigration, als eine der letzten Veröffentlichungen im Berliner Verlag „Die Runde“ erschienen war.Baumann: Dichtung als Lebensform. S. 232, 316. Frommel war in diesen Jahren einer der wichtigsten Gesprächspartner für den ebenfalls nach Amsterdam emigrierten Maler Max Beckmann.
Nach 1945 Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs blieb Wolfgang Frommel in den Niederlanden und publizierte als Schriftsteller unter wechselnden Pseudonymen wie C. P. de Fournière, F. W. L’Ormeau und Karl Wyser. Die Wohnung in Amsterdam behielt er bis zu seinem Tod bei. 1951 gründeten er und Gisèle van Waterschoot van der Gracht die literarische Zeitschrift Castrum Peregrini, benannt nach der in etwa 20 km Entfernung von der Stadt Haifa gelegenen, seinerzeit als uneinnehmbar geltenden letzten Festung der Kreuzfahrer im Heiligen Land, dem Château Pèlerin. „Castrum Peregrini“ war auch der Deckname der Gruppe um Frommel gewesen, die dieser während der deutschen Besatzungszeit versteckt und somit gerettet hatte. 1973 wurde er für seine Rettung jüdischer Verfolgter in Yad Vashem vom Staat Israel als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet.
Wolfgang Frommel wohnte zuletzt in Amsterdam, wo er 1986 starb. Im niederländischen Spaarnwoude wurde er auf einem kleinen Friedhof beigesetzt, auf dem am 12. Januar 2008 auch sein Freund Claus Victor Bock beigesetzt wurde.
Ehrungen 1972: Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland 1973: Auszeichnung als Gerechter unter den Völkern in Yad Vashem durch den Staat IsraelWolfgang Frommel auf der Website von Yad Vashem (englisch) 1977: Offizier im Orden von Oranien-Nassau
Vorwürfe der Päderastie