Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, kurz Holocaust-Mahnmal, in der historischen Mitte Berlins erinnert an die rund sechs Millionen Juden, die unter der Herrschaft Adolf Hitlers und der Nationalsozialisten ermordet wurden. mini|hochkant=1.3|Blick von Süden auf das Mahnmal Das von Peter Eisenman entworfene Mahnmal besteht aus ursprünglich 2711 quaderförmigen Beton-Stelen. Es wurde zwischen 2003 und Frühjahr 2005 auf einer 19.000 m² großen Fläche südlich des Brandenburger Tors errichtet. Am 10. Mai 2005 feierlich eingeweiht, ist es seit dem 12. Mai 2005 öffentlich zugänglich. Im ersten Jahr kamen über 3,5 Millionen Besucher.
Lage Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas liegt im Westen des Bezirks Mitte, südlich des Brandenburger Tores, auf einer Fläche von 19.000 m² zwischen der Behrenstraße im Norden, der Cora-Berliner-Straße im Osten, der Hannah-Arendt-Straße im Süden und der Ebertstraße im Westen. Das Areal gehörte vor dem Zweiten Weltkrieg zu dem Gebiet der sogenannten Ministergärten. Auf dem Gelände stand die Stadtvilla von Joseph Goebbels; deren Bunker, der zuletzt bei der Schlacht um Berlin als Gefechtsstand der SS-Division „Nordland“ gedient hatte, kam bei den Bauarbeiten am Denkmal wieder ans Licht und wurde nach einer Dokumentation im Erdreich versiegelt.Maik Kopleck: Berlin 1933–1945. 4. Auflage. Ch. Links Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-86153-326-X, S. 9, 26–27.Stefanie Endlich: „Kontaminiert“ von der deutschen Geschichte. 10. Beitragsfolge zum Denkmal für die ermordeten Juden Europas. In: kunststadt stadtkunst 51, 2004, S. 10–11. Zwischen 1961 und 1989 lag das Areal im unbebauten Geländestreifen direkt östlich der Berliner Mauer, dem sogenannten „Todesstreifen“, als Teil der Grenzsicherungsanlagen.Maik Kopleck: Berlin 1945–1989. 2. Auflage. Ch. Links Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-86153-326-X, S. 8.
Aufbau mini|Holocaust-Mahnmal (2006) mini|Ein Gang des Holocaust-Mahnmals mit welligem Boden Auf der gewellten Grundfläche wurden 2711 – zwischen 0,5° und 2° geneigte – quaderförmige Stelen in parallelen Reihen aufgestellt (54 Nord-Süd- und 87 Ost-West-Achsen). Bei identischem Grundriss (2,38 m × 95 cm) weisen die Stelen unterschiedliche Höhen auf, zwischen ebenerdig (112 Stück im Gehweg) und 4,7 Meter. Ursprünglich waren von den nicht-ebenerdigen Stelen 367 niedriger als ein Meter, 869 hatten Höhen von ein bis zwei Metern, 491 Stelen waren zwischen zwei und drei Metern hoch, 569 Stelen hatten eine Höhe zwischen drei und vier Metern und 303 waren größer als vier Meter. Die schwerste Stele wiegt etwa 16 Tonnen. Am Rand des Stelenfeldes befinden sich 41 Bäume. Die gepflasterte rund 19.000 m² große Bodenfläche führt unter das Niveau der umgebenden Straßen. Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Die gleichmäßig 95 Zentimeter breiten Wege zwischen den Stelen sind für die Besucher voll begehbar, bieten allerdings nicht genügend Platz, um zu zweit nebeneinander zu gehen. Dreizehn Wegeachsen sind für Gehbehinderte und Rollstühle geeignet und besonders gekennzeichnet.
In einem mehrstufigen Verfahren sind die Stelen speziell oberflächenbehandelt, um eine einfache Entfernung von Graffiti zu gewährleisten. Die Zahl von ursprünglich 4000 Stelen wurde bei späteren Änderungen des Konzepts auf 2711 verringert und hat nach Auskunft der Denkmalstiftung keine symbolische Bedeutung. Seit 2008 zeigen sich zunehmend Risse an den Stelen.
Eine unterirdische, 930 m² große Gedenkausstellung (Ort der Information) ergänzt den Komplex. Sie besteht aus vier Ausstellungsräumen (778 m²), zwei Vortragsräumen (106 m²) und einem Buchladen (46 m²). An Computerstationen sind rund vier Millionen Namen jüdischer Holocaustopfer einsehbar; die Datenbank basiert auf dem Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland und der Zentralen Datenbank der Namen der Shoah-Opfer der Gedenkstätte Yad Vashem. mini|750px|zentriert|Panorama des Denkmals für die ermordeten Juden Europas (2006)
Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas Betreut werden das Mahnmal und der zugehörige Ort der Information von der im Jahr 2000 gegründeten Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, die auch als Bauherr auftrat. Die Stiftung betreut außerdem das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas sowie den Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde.
Geschichte Planungen und Entwürfe mini|Das Holocaust-Mahnmal im Bau (März 2004) Im Jahr 1988 regte die Publizistin Lea Rosh den Bau des Denkmals an. Ein Förderkreis wurde gegründet, und der Vorschlag fand zunehmend Unterstützung, auch in Form von Spenden.
Im Mai 1994 wurde ein Wettbewerb ausgeschrieben, getragen vom Land Berlin, der Bundesrepublik Deutschland und dem Förderkreis, bei dem 528 Arbeiten eingereicht wurden. Die Jury unter Vorsitz von Walter Jens traf keine eindeutige Entscheidung, sondern vergab zwei erste Preise an die Entwürfe von Simon Ungers und eine Künstlergruppe um Christine Jackob-Marks. Die Vertreter des Landes, des Bundes und des Förderkreises favorisierten schließlich den Entwurf von Jackob-Marks: eine 20.000 m² große schiefe Betonebene mit eingemeißelten Namen der Opfer. Bundeskanzler Helmut Kohl lehnte den Entwurf jedoch im Juni 1995 ab.
Im Juli 1997 wurden erneut Entwürfe von 25 Architekten und Bildhauern zu dem Projekt eingeholt, das nicht den Charakter einer zentralen Gedenkstätte erhalten sollte. In der Aufgabenbeschreibung dazu hieß es: „Das Denkmal kann und soll nicht die Aufgabe einer Gedenkstätte wahrnehmen, sondern soll die vorhandenen Gedenkstätten an historischen Orten der NS-Verbrechen ergänzen und ihnen zusätzliche öffentliche Aufmerksamkeit verschaffen. Gegenüber der Informations- und Dokumentationsaufgabe einer Gedenkstätte richten sich das Denkmal und der Ort der Erinnerung an die kontemplative und emotionale Empfänglichkeit des Besuchers.“Stefanie Endlich: Realisieren um jeglichen Preis? Zum geplanten Denkmal für die ermordeten Juden Europas. In: kunststadt stadtkunst. 43, 1998, S. 9–10.
Die Findungskommission sprach sich für den aus einem Stelenfeld bestehenden Vorschlag des New Yorker Architekten Peter Eisenman und des New Yorker Bildhauers Richard Serra sowie einen Entwurf von Gesine Weinmiller aus; von den Auslobern wurden noch je ein Entwurf von Jochen Gerz und Daniel Libeskind in die Diskussion eingebracht. 1998 schied Serra im Streit mit Peter Eisenman aus der Arbeitsgemeinschaft aus, doch gab es wohl auch Differenzen mit der Bundesrepublik in ihrer Eigenschaft als Auftraggeberin. Während Lea Rosh den Gerz-Entwurf und der Berliner Kultursenator den Libeskind-Entwurf favorisierte, trat Bundeskanzler Kohl für den Eisenman/Serra-Entwurf ein, der jedoch eine Überarbeitung anregte: das Denkmal sollte von einem Grüngürtel eingefasst werden, die Stelen sollten einen größeren Abstand erhalten und es sollten Inschriften angebracht werden.
Nachdem Kulturstaatsminister Michael Naumann als scharfer Kritiker des geplanten Denkmals seinen Gegenvorschlag dazu vorgebracht hatte, der die Errichtung eines Museums beinhaltete, überarbeitete Eisenman seinen Entwurf nochmals und ergänzte ihn durch ein „Haus der Erinnerung“ in einer 115 m langen Randbebauung.Stefanie Endlich: Pädagogik als Kalkül? 4. Zum geplanten Denkmal für die ermordeten Juden Europas. In: kunststadt stadtkunst, 45, 1999, S. 10–11.
Die Mahnmalinitiatorin Lea Rosh hatte mehrfach Kontroversen mit verschiedenen jüdischen Vertretern, die ihr oder ihrem Vorhaben kritisch gegenüberstanden, unter anderem mit Julius H. Schoeps.J.-H. Kirsch: Nationaler Mythos oder historische Trauer? 2003, S. 161. Ihr wurde darüber hinaus vorgeworfen, inhaltliche Kritik und Verbesserungsvorschläge „als versteckte Verhinderung des ganzen Projekts“Stefanie Endlich: „Less is more“. Zur Diskussion um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. In: kunststadt stadtkunst, 42, 1997, S. 15–19. sowie „uneinsichtige Kritiker als Antisemiten … zu diffamieren“.Stefanie Endlich: Wahlkampf, Versteckspiele und die Frage nach Alternativen. Zum geplanten Denkmal für die ermordeten Juden Europas. In: kunststadt stadtkunst, 44, 1998, S. 8–9.
Beschluss und Bau Am 25. Juni 1999 debattierte der Deutsche Bundestag ausführlich über den Bau des Denkmals. Anträge, das Mahnmal nicht zu bauen und die finanziellen Mittel stattdessen für andere NS-Gedenkstätten beziehungsweise für den Bau einer Jüdischen Universität in Berlin zu verwenden, fanden keine Mehrheit, ebenso wenig wie der Vorschlag des SPD-Abgeordneten Richard Schröder für einen von ihm angeregten Denkmalsentwurf. Der Antrag, das Mahnmal über die ermordeten Juden hinaus allen Opfern der NS-Herrschaft zu widmen, wurde abgelehnt. Beschlossen wurde der Bau des Denkmals, ergänzt durch einen unterirdischen Ort der Information nach dem modifizierten Eisenman-Entwurf, mit einer Mehrheit von 312 gegen 207 ablehnende Stimmen, wobei die Abgeordneten bei allen Abstimmungen nicht in geschlossenen Fraktionen votierten.Plenarprotokoll des Deutschen Bundestages vom 25. Juni 1999 (PDF; 1,4 MB)
Die israelische Gedenkstätte Yad Vashem erklärte sich im Jahr 2000 bereit, eine Liste aller Namen der bekannten jüdischen Holocaust-Opfer für den Ort der Information zur Verfügung zu stellen.
Die Bundesrepublik übertrug mit Gesetz vom 17. März 2000 den Bau und die Unterhaltung des Denkmals einer neu gegründeten Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, deren erster Vorsitzender Bundestagspräsident Wolfgang Thierse wurde. Erste Geschäftsführerin der Stiftung wurde die Historikerin Sybille Quack.
Der Bau wurde am 4. April 2003Tagesschau, 4. April 2003. begonnen und im Oktober 2003 unterbrochen, als bekannt wurde, dass für den Bau der Fundamente und der Stelen ein Anti-Graffiti-Schutz der Degussa AG in Auftrag gegeben werden sollte. Deren Tochterfirma Deutsche Gesellschaft für Schädlingsbekämpfung (Degesch) hatte in der Zeit des Nationalsozialismus das Giftgas Zyklon B hergestellt, das in Konzentrationslagern zur Ermordung von Juden eingesetzt wurde. Dass Lea Rosh ohne weitere Rücksprachen die Degussa vom Bau des Denkmals ausschließen wollte, sorgte für einen Eklat. Viele Kritiker, einschließlich Eisenman,Geisel der Geschichte. In: Die Zeit, Nr. 45/2003. warfen ihr vor, dies nur aus persönlicher Eitelkeit getan zu haben, und brachten vor, dass gerade die Degussa ihre Vergangenheit vorbildlich aufgearbeitet habe. Degussa konnte auch nachweisen, dass sie über eine Tochter bereits einen Betonverflüssiger für das Denkmal geliefert hatte – was bei einem Ausschluss den Abbruch der bisher gelieferten Stelen notwendig gemacht hätte. Am 13. November 2003 beschloss das Kuratorium der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas den Weiterbau mit weiterer Beteiligung der Firma.
„Um sich anderen wissenschaftlichen Projekten zu widmen“, legte Sybille Quack das Amt der Geschäftsführung zum 31. März 2004 nieder. Ihr Nachfolger wurde der ehemalige Frankfurter Baudezernent Hans-Erhard Haverkampf (SPD), der zuvor den Neubau des Bundeskanzleramtes geleitet hatte. Nach Vorgabe der für den Bau der 2711 Stelen vorliegenden bauphysikalischen Gutachten wurde das Stelenfeld bis zum 15. Dezember 2004 mit einem öffentlichen Festakt fertiggestellt. Den Außenbereich bepflanzte man vorwiegend mit Nadelbäumen. Den unterhalb des Stelenfeldes befindlichen Ort der Information gestaltete Dagmar von Wilcken.
Eröffnung