Das Schöllkraut (Chelidonium majus) ist eine Pflanzenart der Gattung Chelidonium der Familie der Mohngewächse (Papaveraceae).

Beschreibung mini|Habitus, Laubblätter, Blüten und Kapselfrüchte mini|Blüte mini|Samen mit weißer Strophiole mini|Aus angerissenem Blatt austretender gelber Milchsaft

Vegetative Merkmale Das Schöllkraut ist eine sommergrüne, zwei- bis mehrjährige, krautige Pflanze, die Wuchshöhen von bis zu 70 Zentimetern erreicht. Sie bildet ein verzweigtes Rhizom. Ihr Milchsaft ist gelb-orange, der Stängel ist leicht behaart.

Die wechselständigen Laubblätter sind in Blattstiel und -spreite gegliedert. Die unterseits grün-graue „bereifte“, durch einen dünnen Wachsfilm wasserabstoßende Blattspreite ist zerschnitten mit bis zu neun grob, buchtig eingekerbten oder gezähnten, teils gelappten bis zerschnittenen, abgerundeten Lappen. Die Blattunterseite ist heller und locker behaart (Trichome). Die „Rhachis“ ist behaart und teils geflügelt wie auch der Blattstiel.

Generative Merkmale Die Blütezeit reicht von Mai bis Oktober. Es werden wenigblütige, lockere und doldige Blütenstände gebildet. Die zwittrigen und lang gestielten Blüten sind vierzählig und etwa 2 Zentimeter groß. Die zwei Kelchblätter fallen früh ab. Die vier Kronblätter sind gelb. Es sind zwölf bis viele freie Staubblätter vorhanden. Zwei Fruchtblätter sind zu einem länglichen und einkammerigen Fruchtknoten verwachsen. Der kurze, dicke Griffel endet in einer zweilappigen Narbe.

Die dünne, zweiklappige und kahle, schmale, längliche und mehrsamige, knotige Kapselfrucht weist eine Länge von etwa 5 Zentimetern auf. Die eiförmigen, schwarz-braunen bis schwärzlichen, feingrubigen und leicht glänzenden, eiförmigen Samen tragen eine kammförmige, weißliche Strophiole.R. Hänsel, K. Keller, H. Rimpler, G. Schneider (Hrsg.): Hagers Handbuch der pharmazeutischen Praxis. 5. Auflage, Drogen A–D, Springer, 1992, ISBN 978-3-642-63468-0 (Reprint), S. 836 f.The Encyclopedia of Seeds. CABI, 2006, ISBN 0-85199-723-6, S. 219.Golshan Zare et al.: Chelidonium majus L. (Papaveraceae) morphology, anatomy and traditional medicinal uses in Turkey. In: Istanbul Journal of Pharmacy. 51(1), 2021, S. 123–132, doi:10.26650/IstanbulJPharm.2020.0074, online auf researchgate.net.

Die Chromosomenzahl beträgt in Europa 2n = 12, in Japan, bei Chelidonium majus subsp. asiaticum 2n = 10 oder 12.

Taxonomie und Systematik Die Gattung Chelidonium wurde 1753 von Carl von Linné in Species Plantarum Band 1 Seite 505-506 erstbeschrieben. Seite 505 beschrieb er auch die Art Chelidonium majus. Den Namen hatte er von Leonhart Fuchs (1542) und von Caspar Bauhins Pinax (1623) übernommen. Das Epitheton "majus" bedeutet "die größere Art". Mit der kleineren Art war das Scharbockskraut (Ficaria verna) gemeint.

Bei manchen Autoren ist das „Große Schöllkraut“ die einzige Art aus der Gattung mit mehreren Unterarten, andere Autoren bewerten die Unterarten aus Ostasien als mehrere eigene Arten.

Ökologie Schöllkraut ist ein hygromorpher Hemikryptophyt.

Beim Abbrechen der behaarten Stängel oder beim Einreißen der Blätter tritt aus gegliederten Milchröhren ein gelb-orangefarbener Milchsaft aus. Der giftige Saft hat einen scharfen, bitteren und unangenehmen Geschmack.

Bei kühlem, regnerischem Wetter sind die Blüten geschlossen, und die Blütenstiele senken sich ab. Die Bestäubung erfolgt durch Insekten (Entomophilie). Es erfolgt auch Selbstbestäubung.

Die Samen werden durch Ameisen verbreitet (Myrmekochorie), die durch die Caruncula angelockt werden.

Vorkommen Ursprünglich war Schöllkraut in den gemäßigten und warm-temperierten Gebieten Eurasiens sowie im Mittelmeerraum weit verbreitet. Nach Nordamerika wurde es von Siedlern mitgenommen, die es als Heilmittel bei Hautkrankheiten verwendeten und gilt daher dort als Neophyt.

Diese stickstoffliebende Art wächst verbreitet in der Nähe von menschlichen Wohnstätten und Viehhaltung, etwa auf Schuttplätzen, an bestehenden und ehemaligen Misthaufen und Jauchegruben, Komposthaufen, an Wegesrändern, in Robinienbeständen und sogar in Mauerspalten, jedoch auch im Gebirge.

Das Schöllkraut kommt in Mitteleuropa in Gesellschaften der Ordnung Glechometalia aber auch des Verbands Arction vor. In den Allgäuer Alpen steigt es im Tiroler Teil in der Ebene bei Steeg bis zu 1250 m Meereshöhe auf.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Ellenberg für Chelidonium majus sind: L6 = Halbschatten- bis Halblichtpflanze, T6 = Mäßigwärme- bis Wärmezeiger, Kx = indifferentes Verhalten, F5 = Frischezeiger, Rx = indifferentes Verhalten, N8 = ausgesprochener Stickstoffzeiger, S0 = nicht salzertragend.

Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt et al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3 (mäßig feucht), Lichtzahl L = 3 (halbschattig), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3+ (unter-montan und ober-kollin), Nährstoffzahl N = 4 (nährstoffreich), Kontinentalitätszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).

Trivialnamen mini|Schöllkraut an einer Mauer

Aus chelidonium entwickelte sich im Althochdeutschen das Wort scheliwurz und daraus mittelhochdeutsch schëlwurz. Für das Schöllkraut bestehen oder bestanden auch die weiteren deutschsprachigen Trivialnamen: Affelkraut (Kärnten), Augenkraut, Blutkraut (Schlesien), Geschwulstkraut (Österreich), Gilbkraut, Goldkreokt (Siebenbürgen), Goldwoort (Unterweser, Göttingen, mittelniederdeutsch), Goldwurz (mittelhochdeutsch), Goldwurzel (Eifel), Goltwort (mittelniederdeutsch), Gotsgab, Grindwurz (bereits 1482 und vor 1434Gundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 394 (grindwurtz) und 457 (schelkraut). erwähnt), Grosgrau, Guldkreokt (Siebenbürgen), Gutwurz, Herrgottsblatt, Jölk (Altmark), Jülk (Altmark), Lichtkraut, Maikraut, Nagelkraut (Bern), Ogenklar (Ostfriesland), Schälerlkraut (Österreich), Schalerkraut (Linz), Sela (mittelhochdeutsch), Sceli (mittelhochdeutsch), Scellawurz (althochdeutsch), Scelliwurz (althochdeutsch), Scellinwurz (althochdeutsch), Scelworz (mittelhochdeutsch), Schealworz (mittelniederdeutsch), Schelfers (Region an der Hase), Schelaw (althochdeutsch), Schellewort (mittelniederdeutsch), Schellewurz (mittelhochdeutsch), Schellchrut (St. Gallen), Schellkraut, Schellkrokt (Siebenbürgen), Scheltwurz (mittelhochdeutsch), Schelwort (mittelniederdeutsch), Schelwurz, Schielkraut (Schwaben), Schindkrut (Mecklenburg, Rendsburger Apotheke), Schinkrud (Bremen), Schinnefoot (Westfalen), Schinnkraut (Ostpreußen), Schinnkrut (Pommern), Schinnwart, Schinnwatersbläer, Schinkrut (niederdeutsch), Schöllkrut (Mecklenburg), Schöllwurz, Groß Schwalbenkraut, Schwindwurz (Zillertal), Tackenkrut (Lübeck), Truddemälch (Siebenbürgen), Warzenkraut (Österreich) und Würzekrokt (Siebenbürgen).Georg August Pritzel, Carl Jessen: Die deutschen Volksnamen der Pflanzen. Neuer Beitrag zum deutschen Sprachschatze. Philipp Cohen, Hannover 1882, S. 90. (online)

Inhaltsstoffe und ihre Wirkungen Beschreibung der Inhaltsstoffe Das Schöllkraut enthält eine Reihe von Alkaloiden, von denen über 20 isoliert und chemisch identifiziert wurden.Maria L. Colombo, Enrica Bosisio: Pharmacological activities of Chelidonium majus L. (Papaveraceae). In: Pharmacological Research. Band 33, 1996, S. 127–134. Die wichtigsten sind Berberin, Chelerythrin, Chelidonin, Coptisin, Spartein, Chelidoxanthin und Sanguinarin. Die Alkaloide sind sowohl in den oberirdischen Teilen der Pflanze als auch in der Wurzel vorhanden. Im Herbst konzentrieren sie sich in der Wurzel, die dann hochgiftig wird.

mini|(−)-Scoulerin ist die biogenetische Vorstufe der Hauptalkaloide mini|Angeschnittener Stängel mit ausgetretenem Milchsaft Die Alkaloide gehören überwiegend, je nach chemischer Struktur dem Benzophenanthridin-, Protoberberin- oder Protopin-Typ an, die sich biogenetisch vom (−)-Scoulerin, einem Benzylisochinolin, ableiten. Unter ihnen ist Coptisin das Hauptalkaloid. Chelerythrin ist das am stärksten wirksame. Einige Alkaloidsalze sind gelb oder orange gefärbt und verleihen dem Milchsaft die charakteristische Farbe. Ferner enthält Schöllkraut proteolytische Enzyme im Milchsaft. Weitere Inhaltsstoffe der Pflanze sind organische Säuren wie Äpfel-, Citronensäure und Chelidonsäure sowie Kaffeesäureester und Flavonoide.E. Teuscher: Biogene Arzneimittel. 5. Auflage. Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 1997, ISBN 3-8047-1482-X, S. 325 f.T. Dingermann, Karl Hiller, G. Schneider, I. Zündorf: Schneider Arzneidrogen. 5. Auflage. Elsevier, 2004, ISBN 3-8274-1481-4, S. 466 ff.

Alkaloidanalytik Die Identifizierung der Alkaloide ist durch DünnschichtchromatographieA. Petruczynik, M. Waksmundzka-Hajnos, T. Michniowski, T. Plech, T. Tuzimski, M. L. Hajnos, M. Gadzikowska, G. Józwiak: Thin-layer chromatography of alkaloids on cyanopropyl bonded stationary phases. Part I. In: J Chromatogr Sci. 45(7), 2007, S. 447–454, PMID 17725873. oder HochleistungsflüssigkeitschromatographieY. Gu, D. Qian, J. A. Duan, Z. Wang, J. Guo, Y. Tang, S. Guo: Simultaneous determination of seven main alkaloids of Chelidonium majus L. by ultra-performance LC with photodiode-array detection. In: J. Sep. Sci. 33(8), 2010, S. 1004–1009, PMID 20183823. möglich.

Eine dünnschichtchromatografische Analyse der Schöllkrautalkaloide dient – neben der makroskopischen und mikroskopischen Untersuchung des getrockneten Krauts – der Identifizierung von Schöllkraut (Chelidonii herba) gemäß dem Europäischen Arzneibuch.Europäisches Arzneibuch, 8. Ausgabe, Grundwerk, S. 2060 ff. Dazu wird eine nach Vorschrift bereitete Untersuchungslösung neben einer Methylrot und Papaverin enthaltenden Referenzlösung auf Kieselgel chromatografiert. Die erhaltene Zonenfolge aus der Untersuchungslösung wird im Vergleich mit derjenigen aus der Referenzlösung, nach Ansprühen mit Dragendorff-Reagenz und Natriumnitritlösung, beurteilt.

Pharmazeutische Qualitäten des Schöllkrauts müssen mindestens 0,6 Prozent Gesamtalkaloide enthalten, berechnet als Chelidonin. Die mengenmäßig vorherrschenden Chelidonium-Alkaloide enthalten Dioxymethylengruppen, aus denen mit starken Säuren (die Arzneibuchmethode schreibt Schwefelsäure vor) Formaldehyd abgespalten werden kann, der mit Chromotropsäure zu einem violett-roten Farbstoff reagiert. Dieser wird spektralphotometrisch bei 570 nm quantitativ gemessen. Mittels der „Spezifischen Absorption“ für Chelidonin wird auf die Menge umgerechnet („berechnet als Chelidonin“).

Die Schöllkrautwurzel (Chelidonii radix) ist im Europäischen Arzneibuch nicht monografiert.

In-vitro- und In-vivo-Wirkungen Schöllkrautextrakte wirken in vitro antiviral, antibakteriell, antimykotisch sowie entzündungshemmend und schwach giftig (zytotoxisch) auf menschliche Zellen,Beurteilungsbericht zu Schöllkraut vom 13. September 2011 (PDF; 527 kB), Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel der europäische Arzneimittelagentur (englisch). was auf den Gehalt an Chelidonin, Coptisin und Protopin zurückgeführt wird. Auch Chelerythrin und Sanguinarin wirken zytotoxisch. In vivo wurde eine schwache Wirkung gegen Influenzaviren festgestellt.

Als weitere Wirkungen isolierter Alkaloide werden genannt: krampflösend (spasmolytisch) an der glatten Muskulatur und zentral sedativ (Chelidonin und Protopin), galletreibend (Berberin), schwach analgetisch (Chelidonin), zentrallähmend und schleimhautreizend (Chelerythrin), AChE-hemmend (Sanguinarin).