mini|Logo der documenta 12 mini|Atsuko Tanakas Tokyo Work (1955) auf der Karlswiese vor der Orangerie, für die documenta 12 rekonstruiert Die documenta 12 war die zwölfte Ausstellung der documenta, einer der weltweit bedeutendsten Ausstellungsreihen für zeitgenössische Kunst. Sie fand vom 16. Juni bis zum 23. September 2007 in Kassel statt. Mit 754.301 Besuchern, und damit einem Zuwachs von über 100.000 gegenüber ihrer Vorgängerin, der Documenta11, wurde erneut ein Rekord aufgestellt. Der künstlerische Leiter war Roger M. Buergel, als Kuratorin fungierte Ruth Noack. Gemeinsam entschieden sie über die Konzeption der Ausstellung und die Auswahl der Teilnehmer. An mehreren Ausstellungsorten wurden über 500 Werke„über 500“ nach documenta 12 Pressemappe, Pressekonferenz am 13. Juni in Kassel. S. 3 eine frühere Veröffentlichung Pressemappe Räume für Kunst – Zur Ausstellungsarchitektur der documenta 12, o. D. im April 2007 veröffentlicht liefert in der Addition der einzelnen Ausstellungsorte nur knapp über 400 Arbeiten. von mehr als 100 Künstlern aus aller Welt gezeigt.
Hintergrund Die Ausstellungsmacher mini|Roger M. Buergel (künstlerischer Leiter documenta 12) (links), Ruth Noack (Kuratorin documenta 12) (rechts) und das Symbol der documenta 12 (unten) Im Dezember 2003 wurde Roger-Martin Buergel von einer internationalen Findungskommission dem Aufsichtsrat der documenta und Museum Fridericianum Veranstaltungs-GmbH zur Wahl als künstlerischer Leiter der documenta 12 vorgeschlagen. Buergel war zu diesem Zeitpunkt kein bekannter Ausstellungsmacher oder Museumsleiter und soll auch kein klar umrissenes Konzept präsentiert haben. „Vermutlich deshalb entschied sich die Jury am Ende für mich […] Als einziger Kandidat habe ich in den Bewerbungsgesprächen keine Künstlernamen genannt. Das hat sie überzeugt“.Einordnung Buergels und Zitat nach Hanno Rauterberg: Revolte in Kassel. Die Zeit, 12. April 2007 Nr. 16, online unter https://www.zeit.de/2007/16/Documenta/komplettansicht Beobachter spekulierten darüber, dass mit der Entscheidung der Berufungskommission auch eine Kritik und Abwendung von den Konzeptionen der zurückliegenden documenta X (Catherine David, 1997) und Documenta11 (Okwui Enwezor, 2002) verbunden gewesen sei.vgl. abgerufen am 11. Juni 2007. Insbesondere Davids documenta X hatte vielen als theorielastig gegolten.
Zusammen mit seiner Frau, der Kunsthistorikerin Ruth Noack, zog Buergel zwei Jahre vor Beginn der Ausstellung von Wien nach Kassel. Noack wurde in den Veröffentlichungen der documenta 12 als Kuratorin genannt. Sie selbst führte in einem Interview im Mai 2007„Das ist ein Starsystem“, Interview von Elke Buhr mit Ruth Noack, in Frankfurter Rundschau, 15. Mai 2007, online unter https://www.genios.de/document?id=FR__5944492&src=hitlist&offset=0 abgerufen am 18. Mai 2007. diese Konstruktion – ein künstlerischer Leiter und eine Kuratorin – auf die documenta-Statuten zurück. Diese würden festlegen, dass nur eine Person die Leitung einnehmen kann „[…] sonst wäre es für Roger M. Buergel und mich selbstverständlich gewesen, dass wir das gemeinsam übernehmen.“ Noack betonte, beide hätten Arbeiten ausgesucht und wären dabei zum Teil gemeinsam, zum Teil alleine gereist. „Jetzt bauen wir die Ausstellung gemeinsam, […] Der größte Unterschied besteht in der öffentlichen Wahrnehmung: Das ist ein Starsystem, und da gibt's nur einen Leiter. Ich finde das gar nicht so schlecht. Ich kann mich dann konzentrieren auf die inhaltliche Arbeit und nicht so sehr auf den Bereich der Repräsentation. […] Er hat kein Problem mit Selbstdarstellung. So ein großes Schiff zu steuern, das interessiert mich nicht so. Mich interessiert, eine Ausstellung zu machen.“
Neben Buergel und Noack waren weitere Personen enger mit der Konzeption und dem Erscheinungsbild der Ausstellung verbunden: Georg Schöllhammer – durch die Konzeption und Leitung des Zeitschriftenprojektes (documenta 12 magazines) Tim Hupe – als (mit)verantwortlich für die Ausstellungsarchitektur der documenta 12 Alexander Horwath – durch die Auswahl des Filmprogramms der Ausstellung Ulrich Schötker – als Leiter der Kunstvermittlung im Rahmen der documenta 12
Konzept Die Konzeption der Ausstellung, die Auswahl der Künstler und Arbeiten, spiegelte den Blick der Ausstellungsmacher sowohl auf die Institution documenta, als auch auf die Frage, was relevante zeitgenössische Kunst ist. Die Verantwortlichen der documenta 12, Roger M. Buergel und Ruth Noack, sprachen in ihren Veröffentlichungen von der documenta als „Möglichkeitsraum“ und hoben die Bedeutung der ersten documenta hervor. 1955 sei es Arnold Bode gelungen „[…] Kunst, Architektur und BetrachterInnen in Beziehung zu setzen und Öffentlichkeit zu begründen.“ Im Zusammenhang mit den Begriffen zeitgenössische Kunst und aktuelle Kunst, betonten sie, dass:
Ein großer Teil der ausgestellten Arbeiten stammte insofern nicht aus dem 21. Jahrhundert, sondern aus den letzten Jahrzehnten des vorigen. Das älteste Ausstellungsstück war eine persische Miniatur, entstanden im 14. Jahrhundert. Der unbekannte Künstler montierte geschwungene Linien aus der chinesischen Bildsprache in seine persische Landschaft. Derartige Wanderungen künstlerischer Elemente und Formen über Zeit- und Kulturgrenzen bildeten einen Schwerpunkt des Ausstellungskonzepts der documenta 12. Buergel sprach in diesem Zusammenhang von der „Migration der Form“. Ein retrospektiver Ansatz der Ausstellung zeigte sich auch in der Gestaltung ihres Kataloges, dort waren die einzelnen Arbeiten streng chronologisch, nach ihrem Entstehungsjahr, aufgeführt. Bei der Auswahl der Künstler bildeten – neben der Gegenwartskunst – insbesondere die 1950er bis 1980er Jahre einen Schwerpunkt. Hier setzten Buergel und Noack nicht nur auf bekannte Namen, stattdessen spielten gerade diejenigen eine Rolle, deren Bedeutung und Einfluss in den Augen der Ausstellungsmacher noch nicht ausreichend gewürdigt worden war. Ein Auswahlkonzept, das etliche Kritik auf sich zog und von Rezensenten mit Kommentaren wie „Resterampe der Kunstgeschichte“Niklas Maak, Leiter des Kunstressorts im Feuilleton der FAZ in der Hessischen Allgemeinen vom 4. August 2007. belegt wurde.
Der Frauenanteil unter den Künstlern war mit rund 50 Prozent höher als auf jeder vorhergehenden documenta. Vergleichsweise hoch war der Anteil der Künstler aus Asien, Afrika und Osteuropa. Viele der von den Ausstellungsmachern geladenen waren am Kunstmarkt wenig- bis unbekannt. Bereits im April 2007 bestätigte Buergel in einem Interview, dass mit der Künstlerauswahl eine Abwendung vom Starsystem in der Kunst verbunden sei, er betonte aber gleichzeitig: „Das Interessante ist aber, dass diese Leute in ihrer Region, in ihren lokalen Kontexten Stars sind. Nur ist die westliche Wahrnehmung einfach provinziell.“ Die grundsätzliche Entscheidung der Ausstellungsmacher, einen Schwerpunkt abseits des Etablierten zu suchen, wurde von vielen Rezensenten durchaus positiv kommentiert. Die konkrete Auswahl der Künstler und Arbeiten erntete jedoch häufig Kritik.
Die Ausstellungsmacher betrachteten die documenta als eine „Bildungsinstitution“, schlossen sich in den Kreis der zu Bildenden aber auch selbst mit ein. So schrieb Buergel im Dezember 2005, im Zusammenhang mit der Formulierung der drei Leitmotive der documenta 12: „[…] schließlich machen wir die Ausstellung, um etwas herauszufinden.“ In einer Veröffentlichung der documenta 12 aus dem November 2006 wurde, im Zusammenhang mit dem documenta-12-Beirat und dem Zeitschriftenprojekt, auch ausdrücklich eine „Devise“ angesprochen: „Wir machen eine Ausstellung, um etwas zu erfahren“. Als Versuch, etwas über Menschen und Kunst zu erfahren, kann auch die erste Aktion der documenta 12 gelten, die bereits 2006 startete: Would you like to participate in an artistic experience?.
In ihren Veröffentlichungen im Vorfeld warnten die Ausstellungsmacher die Besucher, dass ihnen auf der documenta 12 keine leichtverständliche Kunst geboten wird, trösteten diese aber gleichzeitig darüber hinweg, dass nicht alles verstanden werden kann oder muss:
In einem Zeitungsinterview kurz vor der Eröffnung der AusstellungHolger Liebs im Gespräch mit Roger M. Buergel und Ruth Noack, Wir wollen einem Massenpublikum Komplexität schmackhaft machen, Süddeutsche Zeitung vom 5. Juni 2007, S. 15. wurde auch Betty, eine Porträtmalerei Gerhard Richters, angesprochen, die zwischen zwei abstrakte Arbeiten von Lee Lozano in einen Raum des Fridericianums gehängt wurde. Buergel und Noack spannten auf Nachfragen zu den Bezügen zwischen den Werken einen weiten Interpretationsbogen vom russischen Suprematismus bis zu Ulrike Meinhof. Auf die Frage des Interviewers: „Glauben Sie im Ernst, dass all das dem Publikum ‚visuell einleuchtet‘?“, antwortete Noack:
Leitmotive Bereits im Dezember 2005 formulierte Buergel drei von ihm so bezeichnete Leitmotive in Frageform, an denen sich die documenta 12 orientieren sollte.Roger M. Buergel: Leitmotive. Dezember 2005, online unter https://www.documenta12.de/leitmotive.html
Ist die Moderne unsere Antike? Stellte die Frage nach der aktuellen Bedeutung des Begriffs der Moderne.
Was ist das bloße Leben? Meinte das Spektrum von körperlicher Verletzlichkeit bis zur Ekstase und dessen Behandlung in der Kunst. Der Begriff des bloßen Lebens findet sich bei dem zeitgenössischen italienischen Philosophen Giorgio Agamben, dieser wiederum hat ihn aus Walter Benjamins Zur Kritik der Gewalt entlehnt.
Was tun? Zielte auf die Vermittlung von Kunst und die Bedeutung dieses Vorgangs im Rahmen von Bildung. „Was tun, spricht Zeus […]“ findet sich als geflügeltes Wort bereits bei Friedrich Schiller. Über einen Roman von Nikolai Gawrilowitsch Tschernyschewski wurde „Was tun?“ titelgebend für ein Hauptwerk Lenins.
In einer Veröffentlichung der documenta 12 aus dem November 2006 wurden die Leitmotive als „Drei Fragen an die Kunst und ihr Publikum“ eingeordnet. Die Leitmotive waren jetzt „Leitfragen“, die sich der künstlerischen Leitung „[…] in der Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst aufgedrängt haben.“ Die Ausstellungsmacher betonten: „Diese Fragen werden in der Ausstellung keine unmittelbaren, dafür jedoch viele vermittelte Antworten finden.“
Welche Bedeutung die Leitmotive bei der konkreten Gestaltung der Ausstellung letztendlich hatten, lässt sich schwer einschätzen. Eine Funktion erfüllten sie als quasi Diskussionsgrundlage für das Zeitschriftenprojekt der documenta 12. Eine Rolle hatten sie auch als Teil der Kunstvermittlung im Rahmen der documenta 12. So wurden drei Audio-Guides zu den Leitmotiven bereitgestellt. In ihnen waren in jeweils etwa 1-stündigen Vorträgen Arbeiten der documenta 12 unter dem Gesichtspunkt des jeweiligen Motives erläutert. Sowohl die Audio-Guides, als auch die offiziellen Führer durch die Ausstellung („Kunstvermittler“) nutzten die Leitmotive häufig dazu, um auf ihrer Basis Verbindungen und Assoziationen zwischen einzelnen Arbeiten herzustellen, beziehungsweise dem Zuhörer anzubieten.
Zeitschriftenprojekt