miniatur|Brasilianische Indigene der Stämme Assurini, Tapirajé, Kaiapó, Kapirapé, Rikbaktsa und Bororo Die indigene Bevölkerung Brasiliens umfasst eine Vielzahl verschiedener ethnischer Gruppen, die das Gebiet des heutigen Brasilien schon vor der Eroberung durch die Portugiesen im Jahr 1500 bewohnten. Brasilien ist zudem das Land mit den meisten isolierten Völkern weltweit. Zusammenfassend werden die indigenen Völker Südamerikas im Deutschen auch mit dem Sammelbegriff Indianer bezeichnet, während der spanisch/portugiesische Ausdruck „Indio“ häufig als diskriminierend empfunden wird. Heute wird, unter anderem in der ILO 169, der übergreifende Begriff Indigene bevorzugt.Deutschland ratifiziert ILO-Konvention zum Schutz der Rechte indigener Völker – ein starkes Signal der Solidarität. Presseerklärung der Internationalen Arbeitsorganisation IAO, vom 25. Juni 2021, aufgerufen am 11. August 2021.

Lebensweise Die meisten Völker des guayanischen Berglandes, Amazoniens, des Anden-Ostrandes und des brasilianischen Berglandes leben traditionell von halbsesshaftem Brandrodungsanbau (überall Maniok, Richtung Anden zusätzlich Mais) im Regenwald gemischt mit Gartenbau (Papaya, Guave, Avocado uvm.), mehr oder weniger ergänzt durch Jagen, Fischfang und Sammeln oder Handel. Nur wenige Gruppen – vor allem im Südosten Brasiliens – lebten vorwiegend als halbnomadische Jäger und Sammler.

Je nach Grad der Akkulturation und der Nähe zur Mehrheitsgesellschaft haben die ursprünglich reinen Subsistenzwirtschaften heute oftmals kleinere oder größere Zusatzeinkommen über verschiedene marktwirtschaftliche Tätigkeiten.Wolfgang Lindig, Mark Münzel: Die Indianer. Band 2: Mittel- und Südamerika. 3. Auflage. dtv Wissenschaft, München 1985, S. 155ff., 174ff., 212ff., 241ff., 274ff.

Isolierte Völker Heute (Stand 2020) ist die Existenz von 115 isolierten Völkern in Brasilien bekannt.A extraordinária visita de indígenas isolados a uma aldeia remota no Acre in El Pais Brasil, 27. August 2020, aufgerufen am 12. August 2021 Einige davon sind Angehörige größerer Ethnien, wie der Kayapó, der Guajajara oder der Yanomami, von denen andere Lokalgruppen mehr oder weniger Kontakt halten. Bei anderen weiß man nur von ihrer bloßen Existenz.

Und auch heute noch werden in Brasilien indigene „Völker“ (häufig allerdings nur kleine Familiengruppen) entdeckt, die jeden Kontakt zur „Außenwelt“ meiden (zumeist aufgrund schlechter Erfahrungen). Dies geschieht in vielen Fällen beim Überflug des Amazonas-Regenwaldes in geringer Höhe oder aufgrund von Informationen, die benachbarte Gruppen den zuständigen Behörden oder Nichtregierungsorganisationen zutragen. Zuletzt bestätigten Mitte Juni 2011 Behörden die Existenz eines bisher noch nicht gesichteten isolierten Volkes mit ungefähr 200 Angehörigen. Das Dorf befindet sich im Javari-Tal nahe der Grenze zu Peru und wurde von FUNAI während eines Überflugs über das Gebiet gesichtet.Brasilien bestätigt Existenz eines unkontaktierten Volkes. Survival International Deutschland e. V., 23. Juni 2011.

Am 7. Oktober 2019 sah ein Team von Brandbekämpfern der PREV-fogo/IBAMA auf der Ilha do Bananal eine Gruppe von 8 Personen, die wahrscheinlich zum isolierten Volk der Avá-Canoeiro gehörte. Sie befand sich auf der Flucht vor Waldbränden, die zur Abholzung gelegt worden waren.Os Avá-Canoeiro “isolados” in: Povos indigenas no Brasil, Instituto Socioambiental, aufgerufen am 12. August 2021

Terras Indígenas In Brasilien gibt es 725 „Indianerreservate“, die dort Terras Indígenas heißen oder kurz TI. Davon haben 487 TI den Anerkennungsprozess komplett durchlaufen.„Terras Indigenas no Brasil“ vom Instituto Socioambiental, abgerufen am 12. August 2021. Die Verhältnisse, Kulturen und Lebensweisen in den Reservaten unterscheiden sich erheblich: So leben in der Terra Indígena do Vale Javari 26 Ethnien, darunter 19 „Isolados“. Bei anderen, wie den Kokama z. B. in der Region Santo Antonio da Iça leben Teile der Gruppe in der TI, andere in der nächsten Kleinstadt, wobei reger Kontakt besteht. So steckte im April 2020 eine junge Kokama, die als Krankenschwester arbeitete, ihre Verwandten, die im Schutzgebiet leben, mit dem Coronavirus an. Einen eigenen Weg beschreiten u. a. die Terena und die Munduruku: Sie betreiben ihre traditionelle Landwirtschaft, erzielen dabei jedoch Überschüsse und bestimmen Gesandte, die Produkte dann in der Stadt verkaufen.Daniel Munduruku: Coisas do Indio. 2. Auflage. Callis, São Paulo 2012, ISBN 978-85-7416-520-2.

Indigene im urbanen Umfeld „O Indio anda nu“ (auf Deutsch in etwa: „Der Indianer läuft nackt herum“) ist eines der prägenden Vorurteile in Brasilien. Doch leben laut dem Zensus der IBGE von 2010 circa 315.000 Indigene im urbanen Umfeld. So leben in Manaus Angehörige von 34 Ethnien in 51 Bairros, teilweise in eigenen „Comunidades“ wie der Aldeia Inhãa-be in der Peripherie oder im näheren Umkreis der Stadt.Indigenas em cidades amazonicas: „Apresentação“ aufgerufen am 12. August 2021 Die Motive dafür sind sehr unterschiedlich: Einige kommen als Vertreter ihrer Ethnie, andere studieren, besonders Pädagogik oder medizinische Berufe. Wieder andere möchten eine Teilhabe an der Konsumgesellschaft und arbeiten oft unter prekären Verhältnissen.

Geschichte Besiedlung Brasiliens

mini|alternativtext=Felsmalerei mit mehreren Tieren und Strichmännchen in der Serra da Capivara|Felsmalerei in der Serra da Capivara

Nach den gängigsten Theorien liegt der Ursprung der indigenen Völker Brasiliens in Asien. Während der letzten Eiszeit vor etwa 15.000 bis 35.000 Jahren wanderten Menschen über die Beringstraße nach Nordamerika und besiedelten den Kontinent (Clovis-Theorie der Clovis-Kultur). Im Laufe der Zeit gelangten sie über den schmalen Landstreifen des heutigen Panama nach Südamerika, u. a. auch nach Brasilien.Mark E. Swisher, Dennis L. Jenkins, Lionel E. Jackson, Jr., Fred M. Phillips: A Reassessment of the Role of the Canadian Ice-Free Corridor in Light of New Geological Evidence. Paleoamerican Odyssey – A Conference Focused on First Americans Archaeology, Oktober 2013

Kürzlich entdeckte Steinmalerei und Überreste gehen davon aus, dass die indigene Bevölkerung Brasiliens auf zwischen 24.000 Jahren und 28.000 Jahren zurückzuverfolgen ist. In der Serra da Capivara im Bundesstaat Piauí wurden archäologische Funde entdeckt, die über 30.000 Jahre alt sein sollen.Niède Guidon, Georgette Delibrias: Carbon-14 dates point to man in the Americas 32.000 years ago. In: Nature. Bd. 321, Nr. 6072, 1986, S. 769–771, . Auch wenn oft angenommen wird, dass die dort gefundenen Petroglyphen das hohe Alter belegen sollen, liegt das Alter der noch erhaltenen und erkennbaren Felszeichnungen bei etwa 14.000 Jahren. Aussagekräftiger sind Funde von 6000 Holzkohlepartikeln, die laut Eric Boëda von der Universität Paris-Nanterre aufgrund ihrer Lage und deren Struktur nur auf menschliche Ansiedlung zurückzuführen sein können und auf ein Alter ca. 22.000 datiert werden. Christelle Lahaye von der Universität Bordeaux Montaigne konnte mit der Thermoluminiszenzmethode Steinwerkzeuge auf ein Alter von mindestens 20.000 Jahre datieren. Außer der Serra da Capivara gibt es in Brasilien zahlreiche weitere Funde von Felszeichnungen. Die Funde reichen von Roraima im äußersten Norden über Höhlen in Pará bis nach Minas Gerais. Auch im dicht bewaldeten Amazonas wurden in Novo Airão am Rio Negro und Silves Felszeichnungen gefunden, die bis heute (Stand 2021) nicht datiert werden konnten. Der wohl älteste Fund menschlicher Gebeine in Brasilien stammt aus Santa Luzia und wird auf etwa ein Alter von 11.000 Jahren datiert. Das Skelett einer etwa 25-jährigen Frau, auf den Namen Luzia getauft, soll laut Richard Neave, der eine Gesichtsrekonstruktion durchführte, deutlich polynesische Züge aufweisen, und könnte für ihn auf eine Besiedlung aus dem südpazifischen Raum hindeuten, (PDF-Datei; 335 kB) die allerdings zeitlich deutlich vor den heutigen Bewohnern Polynesiens liegen müsste. Ein weiteres Anzeichen für eine Besiedlung aus dem südpazifischen Raum beruht auf genetischen Untersuchungen unter anderem der in Amazonien lebenden Surui, bei denen eine nahe genetische Verwandtschaft mit australischen Aborigines und den Melanesiern nachgewiesen wurde.Science: Mysterious link emerges between Native Americans and people half a globe away, 21. Juli 2015

Präcabralinische Zeit mini|alternativtext=Begräbnisurne in Gestalt einer Tierfigur mit Augen, Nase, Mund und Armen und verziert mit Graphismen|Begräbnisurne der Marajoara-Kultur aus der Zeit zwischen 1000 n. Chr. und 1250 n. Chr.

In Brasilien wird in letzter Zeit häufiger der Begriff „prä-cabralinisch“ benutzt, um die Zeit vor der Ankunft der Portugiesen in Person von Pedro Alvares Cabral zu kennzeichnen.Rezension: Dies dient allerdings zur Abgrenzung von dem Begriff „prähistorisch“, der eine Geschichte der Bevölkerung vor den Portugiesen leugnet. Er dient nicht zur Abgrenzung vom Begriff „präkolumbianisch“, der im spanischsprachigen Raum, aber auch in Europa und den USA häufig verwendet wird. Präkolumbianisch wird jedoch häufig auf die mesoamerikanischen und andinen Hochkulturen angewandt und weniger auf die erst in jüngerer Zeit in den Blick geratene Bevölkerung Brasiliens vor der Ankunft der Europäer.

Außer den Petroglyphen, Holzkohle und Skeletten wurden auch an zahlreichen Orten Steinwerkzeuge registriert. Die meisten stammen aus der Zeit von 11.000 BP bis 6000 BP. Aus der Zeit ab dem 6. Jahrtausend vor unserer Zeit werden dann auch Skelette gefunden, die in Urnen beerdigt wurden und ab etwa 3000 BP dann auch polychrome Keramik, zu der auch Haushaltsgegenstände gehörten.

Damit beginnen auch weit differenziertere Kenntnisse über die Menschen und ihre Kulturen. So wurde bei Ausgrabungen in Iranduba registriert, dass sich die Menschen in der Region von zahlreichen verschiedenen Fischarten ernährten – im Gegensatz zu den meisten Menschen dieser Zeit, die sich überwiegend von der Jagd auf Säugetiere ernährten. Auch haben sie Schildkröten einer bestimmten Art für die Ernährung in Gefangenschaft gehalten.

Beeindruckende keramische Erzeugnisse wurden u. a. von der Marajoara-Kultur auf der Insel Marajó in der Mündung des Amazonas gefunden. Eine ihrer Ansiedlungen, das Sitio „Os Camutins“ wurde von etwa 10.000 Personen bewohnt. Und wenn auch noch nicht alles verstanden ist, gibt es doch schon weite Einblicke in Religion und Kultur der Marajoara. So zeigt die Ikonographie die Bedeutung ihrer Vorfahren und eine erhebliche Rolle weiblicher Schamanen unter den Vorfahren.Denise Pahl Schaan: A Linguagem Iconográfica da Cerâmica Marajoara. Abgerufen am 10. August 2021.

Noch deutlich größer war Kuhikugu im Gebiet des heutigen Parque Indígena do Xingu mit etwa 50.000 Bewohnern, die als Vorfahren der heutigen Kuikuro angesehen werden.David Biello: „Lost Amazon Cities“. In: Scientific American, 28. August 2008. Die einzelnen Siedlungen lagen zwischen 2500 und 5000 Bewohnern, jedoch wird angenommen, dass sie durch eine komplexe Infrastruktur verbunden wurden. Das Alter wird nach neueren Datierungen auf die Zeit zwischen 1000 BP und 400 BP angegeben. Ältere Datierungen beruhten auf Füllmaterial aus älteren Epochen bis zu 2200 BP.. In: Science Magazine, Band 301, Nummer 5640, 19. September 2003, S. 1710–1714.

Ankunft der Portugiesen und Spanier mini|alternativtext=Dorf mit mehreren Häusern um einen Platz, das von Palisaden eingezäunt wird.|Indigenes Dorf – Kupferstich in der Wahrhaftigen Historia Hans Stadens