mini|Denkmal zur Erinnerung an das DP-Lager Föhrenwald von Ernst Grünwald (1998) DP-Lager () waren Einrichtungen zur vorübergehenden Unterbringung von Displaced Persons (DPs) nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien.
Geschichte
mini|Schulkinder im DP-Lager Schauenstein 1946 mini|Amerikanischer Sozialarbeiter bei Flüchtlingskind, Wien 1945/46
Mitte 1943 schätzten die Alliierten die Zahl der Displaced Persons in Europa auf 21 Millionen. Diese Menschenmenge musste untergebracht, versorgt und in ihre Heimatländer gebracht werden. Sobald die militärische Situation vor Ort es zulassen würde, sollte eine zivile, internationale Organisation, die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA) auch die Rückführung organisieren. Im Nahen Osten, Ostafrika und Indien gab es zu dem Zeitpunkt schon Lager der Middle East Relief and Refugee Administration.George Woodbridge: UNRRA – The History of the United Nations Relief and Rehabilitation Administration. Band 2, Columbia University Press, 1950, S. 469 f.
Nach dem Einmarsch der Alliierten 1945 befanden sich auf dem Gebiet des Deutschen Reiches zwischen 6,5 Millionen und 7 Millionen DPs. Unter diesem Begriff wurden Zivilisten verstanden, die sich infolge des Krieges nicht mehr in ihrem Herkunftsland befanden, aber nach den Vorstellungen des Hauptquartiers der alliierten Streitkräfte dorthin zurückkehren sollten. In der weit überwiegenden Mehrheit handelte es sich dabei um ehemalige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter oder von den Nationalsozialisten angeworbene ausländische Arbeitskräfte, die sich in den nunmehr westlichen Besatzungszonen Deutschlands und Österreichs befanden.
In der Erklärung von Jalta hatten sich die Alliierten die Repatriierung der Kriegsflüchtlinge – die Rückführung von Flüchtlingen in ihr Heimatland – zum Ziel gesetzt. Bis Ende des Jahres 1946 konnten knapp sechs Millionen DPs in ihre Heimat zurückgeführt werden. Für ungefähr eine Million Menschen kam jedoch eine Rückkehr in ihre Heimat nicht in Frage. Dies waren vor allem ehemalige Zwangsarbeiter, die nicht in ihre von der Sowjetarmee besetzten Heimatländer zurückkehren wollten, jüdische Überlebende des Holocaust, die im Osten ihre gesamte Existenz verloren hatten, aber auch Osteuropäer und Balten, die freiwillig in der Wehrmacht gekämpft oder gearbeitet hatten, um die Unabhängigkeit ihrer Länder von der Sowjetunion zu erreichen, und nun Repressalien in ihren Heimatländern fürchteten.
Die Unterbringung und Versorgung einer derartig großen Anzahl von Menschen gestaltete sich schwierig. Die Militärverwaltungen in den drei westlichen Besatzungszonen betrauten daher die Hilfsorganisation UNRRA der Vereinten Nationen mit der Betreuung der Lager, die offiziell als assembly centers bezeichnet wurden. Für jedes Lager war ein UNRRA-Team verantwortlich. Es bestand in der Regel aus acht Verantwortlichen für unterschiedliche Bereiche der Lagerverwaltung und sechs Funktionsträgern (Koch, Krankenpfleger, Fahrer, Schreibkraft). Ab 1947 übernahm die Nachfolgeorganisation der UNRRA, die IRO die Verwaltung der DP-Lager.
Bereits mit dem Vorrücken der alliierten Streitkräfte nach der Landung in der Normandie wurden in Frankreich, Belgien und den Niederlanden viele Zwangsarbeiter und Fremdarbeiter befreit, die untergebracht und versorgt werden mussten. Die ersten vom SHAEF eingerichteten assembly centers befanden sich daher auch in diesen Ländern. Die überwiegende Mehrzahl der DP-Lager befand sich auf dem Gebiet der US-amerikanischen Besatzungszone. In der sowjetischen Besatzungszone wurden keine DP-Lager eingerichtet. Im Sinne einer möglichst raschen und reibungslosen Repatriierung wurden die Displaced Persons je nach Nationalität auf die DP-Lager verteilt. Für jüdische DPs wurden eigene DP-Lager eingerichtet, nachdem anfangs manche der jüdischen Verfolgten mit ihren früheren Peinigern, wie etwa baltischen oder ukrainischen Nazi-Kollaborateuren, in denselben Baracken hatten zusammenleben müssen. US-Militärrabbiner alarmierten die Öffentlichkeit über diese unhaltbaren Zustände, worauf der amerikanische Präsident Harry S. Truman im Sommer 1945 den Aufbau von eigenen Wohngebieten und Gemeinden für Juden anordnete.Jim G. Tobias: Mitten im Land der Täter. In: Neues Deutschland, 27. November 2012
Einer Anweisung des SHAEF vom 8. Mai 1945 zufolge, sollte die Wohlfahrt und Repatriierung der DPs höchste Priorität haben. Dies konnte bedeuten, DPs in deutschen Dörfern oder Kleinsiedlungen unterzubringen, und somit die vorherige deutsche Bevölkerung, wenn nicht anders möglich sogar in ehemalige Konzentrationslager zu evakuieren. Es sollte der Eindruck vermieden werden, dass die DPs nicht besser als KZ-Häftlinge behandelt würden, wenn man sie in überfüllte Lager steckte. Im Prinzip ginge es darum, für die DPs gegenüber den Deutschen bessere Lebensbedingungen zu ermöglichen. Dafür wurden ganze Dörfer und Siedlungen frei gemacht. Ein Ziel dieser Anweisung war es auch, die DPs aus sicherheitspolitischen Erwägungen in geschlossenen Siedlungen und getrennt von der deutschen Bevölkerung unterzubringen. Diese Anweisung sollte für drei Jahre gelten, wurde aber durch unterschiedliche Einflussnahmen unterschiedlicher Institutionen und Gruppen (Militärregierung, DPs, internationale Hilfsorganisationen und die entstehende deutsche Verwaltung) verändert. In der Praxis blieb die Räumung von Dörfern aber eine Ausnahme."Behandelt wie ein drittklassiges Pack", Der Spiegel 32/1983, 7. August 1983.
Als DP-Lager dienten vorwiegend bereits bestehende Einrichtungen, wie ehemalige Kasernen der Wehrmacht oder der SS, ehemalige Kriegsgefangenenlager, ehemalige Konzentrationslager und Unterkünfte für Zwangsarbeiter, requirierte private Wohnungen, Hotels oder Krankenhäuser. die Gemeinde Haren (Ems), die unter polnische Verwaltung gestellt wurde und dadurch als Ganzes zu einem DP-Lager wurde.Maczków – Eine Episode polnischer GeschichteJuergen Hobrecht: Als Haren Maczków hieß. In: Die Zeit, Nr. 21/1995Karl Forster:
Insbesondere die Unterbringung in Lagern, die zuvor den Nationalsozialisten gedient hatten, wie auch die schlechte Versorgung in den Lagern, verbitterten viele hier Untergebrachte. Die DPs in Bayern hatten anfangs – anders als ihre Leidensgenossen in Baden-Württemberg und Hessen – sehr unter dem Antisemitismus von George S. Patton zu leiden, der bis zum Herbst 1945 als Befehlshaber der 3. US-Armee auch Militärgouverneur in Bayern war. Für ihn sorgten die DPs für eine Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung, weshalb sie mit äußerster Strenge zu behandeln seien.
Unter Pattons Regime herrschten nach Wetzel anfangs vor allem in den großen Lagern Zustände, „die sich von den Verhältnissen in den deutschen Arbeits- und Konzentrationslagern der NS-Zeit nicht mehr sehr unterschieden“. Zudem veranlasste Patton, dass Gruppen von DPs gegen ihren Willen in Übergangslager zur Repatriierung nach Osteuropa verlegt wurden, was insbesondere für Juden fatale Folgen haben konnte, wie es sich nicht erst beim Pogrom von Kielce zeigen sollte. Viele dieser Zwangsrepatriierten kamen dann mit Unterstützung der Bricha illegal zurück und landeten meist abermals in der amerikanischen Besatzungszone.
Nachdem Patton im September 1945 in einem Interview die NSDAP als normale Partei bezeichnet hatte, wurde er von seinem Posten in Bayern abgezogen. Kurz zuvor war bereits der Harrison-Report veröffentlicht worden, der die teilweise unmenschlichen Bedingungen in den DP-Lagern offenlegte und auch konkrete Vorschläge für eine Verbesserung der Situation vorschlug. Seine wichtigsten Vorschläge waren die Aufhebung der Einteilung der DP-Lager nach Nationalitäten, die dazu geführt hatte, dass Juden mit nichtjüdischen Lagerinsassen zusammenleben mussten, die ihnen häufig feindlich gesonnen waren. Künftig sollten Juden einen Sonderstatus haben und nur noch mit Juden gemeinsam untergebracht werden. Außerdem sollte die Lagerverantwortung und -leitung künftig aus der Zuständigkeit der Armee an zivile Organisationen übergehen, in erster Linie an die UNRRA.Juliane Wetzel: "Mir szeinen doh", S. 342
Ab Dezember 1951 kamen die DP-Lager der US-amerikanischen und britischen Besatzungszonen in der 1949 neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland unter bundesdeutsche Verwaltung und wurden zu Regierungslagern für heimatlose Ausländer erklärt. 1957 wurde das Lager Föhrenwald als letztes der DP-Lager der ehemaligen US-Besatzungszone aufgelöst. In der britischen Besatzungszone existierte das DP-Lager Wehnen bei Oldenburg noch bis 1959.
DP-Lager in Deutschland (westalliierte Besatzungszonen) Durch den Internationalen Suchdienst (ITS) wurden bis März 2014 etwas über 1800 DP-Camps oder DP living zones zusammengetragen, die sich auf den Gebieten der drei Westzonen und der Westsektoren Berlins befanden.DP Camp Inventory des ITS; abgerufen am 18. August 2024. Auf der Webseite wird allerdings auch darauf hingewiesen, dass kein abgeschlossenes Forschungsergebnis dokumentiert werde, sondern man mit der Seite zu weiteren Recherchen anregen wolle.
Aus jüdischer Perspektive betreibt das Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhundertsnurinst.org eine Webseite, auf der „Informationen über alle jüdischen DP-Camps und Communities in den westlichen Besatzungszonen nach 1945“ zusammengetragen werden.After the Shoah: Jüdische DP Lager und Gemeinden in Westdeutschland
Die nachfolgend aufgeführten Lager repräsentieren lediglich eine kleine Auswahl aus den beiden zuvor genannten Quellen.
Standorte in der amerikanischen Besatzungszone Baden-Württemberg
Bayern Dachau und Umgebung Das KZ Dachau wurde am 29. April 1945 durch die US-Army befreit. Da im Lager aber das Fleckfieber wütete, verhängte die US-Army eine strenge Quarantäne und verbot den Lagerinsassen das Verlassen des Lagergeländes. Es gab aber noch weitere Gründe, weshalb die Gefangenen im Lager ausharren mussten. „Es herrschte erstens bis zur bedingungslosen Kapitulation Deutschlands am 8./9. Mai 1945 noch Krieg. Zweitens mussten Vergangenheit und Haftgründe der Lagerinsassen genau überprüft werden (im Lager waren nämlich auch ehemalige Angehörige der Waffen-SS untergetaucht). Und drittens machten im Krieg zerstörte und unterbrochene Verkehrswege eine Rückkehr unmöglich. Manchen Gefangenen blieb auch die Heimat verschlossen, weil sich dort die politischen Verhältnisse geändert hatten und eine Heimkehr für sie nicht ratsam war.“Hans-Günter Richard: »Die Lage ist katastrophal und kann zuMeutereien führen« Der Einsatz des »Internationalen Häftlingskomitees« für die Mitgefangenen nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau, in: Norbert Göttler (Hrsg.): Nach der »Stunde Null« Diese Übergangsperiode für die DPs endete im Juli 1945. Sie wurden repatriiert – vielfach auch zwangsrepatriiertSiehe hierzu: George S. Pattons Anti-DP-Politik. – oder in andere Lager verlegt. Ab Juli 1945 wurde aus dem ehemaligen Konzentrationslager das Internierungslager Dachau für NS-Kriegsverbrecher und KZ-Personal, das dann ab 1948 als Flüchtlingslager genutzt wurde.KZ-Gedenkstätte Dachau: KZ Dachau – Historischer Ort und Gedenkstätte Gleichzeitig entstanden aber in und um Dachau herum mehrere DP-Einrichtungen, häufig auch in einem der zahlreichen Außenlager des KZ Dachau und des KZ-Außenlagerkomplexes München-Allach (BMW). Dachau: Kibbuz Bialik auf dem LiebhofGeschichte des Liebhofs: Der Kibbuz Bialik, Süddeutsche Zeitung, 4. November 2020