Die Boizenburger Stadt- und Hafenbahn (BSHb) betrieb eine Nebenbahn in der Stadt Boizenburg im Südwesten des heutigen Mecklenburg-Vorpommern.

Geschichte mini|Aktie über 1000 Mark der Boizenburger Stadt- und Hafenbahn vom 1. Juli 1890 mini|Stadtbahn in Höhe des Lokschuppens/alter Stadtbahnhof um 1900. Die Errichtung einer Eisenbahn vom Boizenburger Bahnhof an der Bahnstrecke Hamburg–Berlin zum Hafen Boizenburg wurde bereits 1847 erörtert.LHAS Bestand: (3.1-1) Artikel XV, 292 u. 48, Errichtung einer Eisenbahn von der Berlin-Hamburger Eisenbahn bis an den Hafen bei Boizenburg, Laufzeit: 1846–1847. In den folgenden Jahrzehnten ließ sich der Bau der Strecke jedoch nicht realisieren.

Am 14. Juni 1889 wurde die „Boizenburger Stadt- und Hafenbahn“ in Anwesenheit des Boizenburger Bürgermeisters Burmeister und weiterer Persönlichkeiten der Stadt im Boizenburger Rathaus gegründet.Uwe Steffen: 100 Jahre, Die Boizenburger Stadtbahn und Hafenbahn, Ein Rückblick auf ihr Bestehen seit 1890. Thora-Verlag, Schwerin 1990, S. 8–9. Die jetzt notwendige Konzession wurde von der Regierung des Großherzogtums Mecklenburg-Schwerin am 13. November 1889 erteilt. Sie umfasste den Bau der 2,57 km langen Strecke zwischen Stadt und dem Boizenburger Bahnhof der Berlin-Hamburger Eisenbahn sowie deren Betrieb. Die Bauausführung übernahm die Stettiner Eisenbahnbau Gesellschaft Lenz & Co unter Aufsicht des Baumeisters Becker. Für den Bau und den Betrieb der Stadt- und Hafenbahn Boizenburg war die „Bahnordnung für deutsche Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung: vom 12. Juni 1878“ verbindlich.Bahnordnung für deutsche Eisenbahnen untergeordneter Bedeutung: vom 12. Juni 1878, Text der Bahnordnung durchgesehen im Reichseisenbahnamt (Hrsg.) F. Kortkampf, 37 S., Berlin 1878. Die Königliche Eisenbahndirektion Altona wurde entsprechend als Aufsichtsbehörde bestimmt.Kompendium der Bahnen niederer Ordnung, Band 1 (Hrsg.) Max Hahn Eisenbahn- und Betriebsunternehmer, Berlin 1895, S. 273.

Der Betrieb auf der normalspurigen, eingleisigen Strecke wurde am 1. August für den Güterverkehr und am 1. September 1890 für den Personenverkehr eröffnet.Statistik der im Betriebe befindlichen Eisenbahnen Deutschlands 1890–1891, Band IX, Verlag E.S. Mittler & Sohn, S. 32 u. 40, Berlin 1891. Zwei 1883 gebaute zweiachsige Dampflokomotiven der Bauart Bn2tFabrik Nr. 269 u. 270, gebaut bei der Hohenzollern AG für Lokomotivbau in Düsseldorf. gehörten während dieser Jahre zum Fahrzeugbestand.Lothar Schultz: Eisenbahnen in Mecklenburg, Verlag für Verkehrswesen, Berlin 1986, S. 64–65. Der Personen- und Güterverkehr wurde anfangs mit einem Personenwagen und einem Güterwagen gewährleistet.Kompendium der Bahnen niederer Ordnung, Band 1 (Hrsg.) Max Hahn Eisenbahn- und Betriebsunternehmer, Berlin 1895, S. 273 f. In diesen frühen Betriebsjahren versahen acht Beamte und Arbeiter ihren Dienst bei der Stadtbahn. Als technischer Leiter beaufsichtigte der Königl. Baumeister Harms den Betrieb der Hafen- und Stadtbahn. Maschinen-Inspektor Dieckmann hatte die Aufsicht über den Maschinen- und Fuhrpark der städtischen Bahn inne.

Im ersten Betriebsjahr beförderte die Bahn 25.000 Personen und 19.700 t an Wagenladungen. Mit den Einnahmen aus dem Betrieb konnte die Betriebsführung gewährleistet werden.Lothar Schultz: Eisenbahnen in Mecklenburg, Transpress Verlag für Verkehrswesen, Berlin 1986, S. 64 f.

1895 wurde die Stadtbahn vom Hochwasser heimgesucht und musste daher zeitweise den Fahrbetrieb einstellen. Erst im Jahr 1925 wurden effektive Maßnahmen zum Hochwasserschutz am Stadtbahnhof ergriffen.Uwe Steffen: 100 Jahre, Die Boizenburger Stadtbahn und Hafenbahn, Ein Rückblick auf ihr Bestehen seit 1890. Thora-Verlag, Schwerin 1990, S. 13.

Das alljährliche Schützenfest war der Höhepunkt im städtischen Leben der 1910er Jahre. 1914 wurde am Stadtbahnhof eine Verladerampe errichtet, die unter anderem das Be- und Entladen der Schaustellerwagen ermöglichen sollte.

Bis 1920 war die Stadt- und Hafenbahn in Besitz der am 7. Januar 1890 gegründeten Aktiengesellschaft, an der zu 50 Prozent die Betriebsgesellschaft Lenz & Co. beteiligt war, die auch den Betrieb führte. Die weiteren Aktienanteile hielten die Stadt Boizenburg und weitere Privatpersonen. 1920 übernahm die Stadt Boizenburg die Stadt- und Hafenbahn AG zu 100 Prozent, zu einem Preis von 1000 ℛℳ je Aktie.Aktien Nr. 1–124. Am 31. Juli 1925 beschloss die Generalversammlung der Stadt- und Hafenbahn AG, dass das Vermögen von der Stadt Boizenburg übernommen wird. Dies hatte die Auflösung der Aktiengesellschaft zur Folge. Die Stadt führte nunmehr die Bahn als städtischen Eigenbetrieb und setzte auch Omnibusse ein. Die Verwaltung wurde von einem Vorstand geführt, der zu gleichen Teilen aus Stadtvertretern und Einwohnerschaft bestand. Vorsitzender und Geschäftsführer war der Boizenburger Bürgermeister. 1927 wurde die Stadt- und Hafenbahn AG schließlich aus dem Handelsregister Nr. 89 gelöscht.

Um den Betrieb der Stadt- und Hafenbahn effektiver zu gestalten, wurde 1932 der Betrieb des Hafenumschlages mit dem Verkehrsbetrieb der Stadtbahn vereinigt. Nicht nur organisatorische Veränderungen vollzogen sich, so wurde ein Vollportal-Schwenkkran für die Summe von 30 000 ℛℳ angeschafft und die Kaianlage mit einer Investition von 120 000 ℛℳ ausgebaut. Zum Betrieb der Stadt- und Hafenbahn gehörten nunmehr der Hafenumschlagsbetrieb, der Kraftfahrbetrieb mit Omnibussen und LKW sowie die zugehörige Betriebswerkstatt.

1938 wurde das neue Verwaltungsgebäude der Stadt- und Hafenbahn nach einem Entwurf des Architekten Erich Bentrup erbaut, bestehend aus Empfangsgebäude und Güterschuppen. In der Zeit des Zweiten Weltkrieges steigerte sich aufgrund der Gesamtumstände das Transportvolumen der Stadt- und Hafenbahn. Dies hatte auch negative Auswirkungen auf den Gesamtzustand der technischen Anlagen der Stadtbahn, so konnten notwendige Wartungen aufgrund von Personal- und Materialmangel nicht durchgeführt werden. Der Personalmangel führte auch zu einer grundlegenden Änderung in der Personalbesetzung, so wurden erstmals Frauen im Schaffnerdienst eingesetzt. 1944 verkehrten auf der Strecke täglich zehn Zugpaare und weitere Bedarfszüge.Deutsches Kursbuch-Jahresfahrplan 1944/45, Fahrplan 110f, abgerufen am 18. April 2016. Im selben Jahr erreichte die Stadtbahn auch die höchste Anzahl an beförderten Personen ihrer gesamten Bestehenszeit, insgesamt 668 500 Personen. Demgegenüber standen die zu transportierenden Güter für die auf Rüstungsproduktion umgestellten Boizenburger Großunternehmen, im Kriegsverlauf reduzierte sich die Menge der transportierten Güter allerdings stetig.Uwe Steffen: 100 Jahre, Die Boizenburger Stadtbahn und Hafenbahn, Ein Rückblick auf ihr Bestehen seit 1890. Thora-Verlag, Schwerin 1990, S. 15. Obwohl das Boizenburger Hafengebiet im März/April 1945 Ziel von Luftangriffen wurde, überstand der Gleiskörper und das Empfangsgebäude des Stadtbahnhofes diese nahezu unbeschadet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg – ab 1947 – wurde die Stadtbahn der Direktion (Friedland) der Hauptverwaltung der Eisenbahnen im Land Mecklenburg-Vorpommern und ab dem 1. April 1949 der Deutschen Reichsbahn unterstellt.LHAS Bestand: Reichsbahndirektion Schwerin, Altaktenbestand (09.02.17.) 1183, Statistik der im Betrieb befindlichen Eisenbahnen Deutschlands: Übernahme der privat- und nebenbahnähnlichen Kleinbahnen des öffentlichen Verkehrs, u. a. Boizenburger Stadt- und Hafenbahn, Laufzeit: 1945–1949. Der Versuch der Boizenburger Stadtverordneten-Versammlung die Verstaatlichung der Hafen- u. Stadtbahn zu verhindern erwies sich als aussichtslos.Uwe Steffen: 100 Jahre, Die Boizenburger Stadtbahn und Hafenbahn, Ein Rückblick auf ihr Bestehen seit 1890. Thora-Verlag, Schwerin 1990, S. 19. In dieser Zeit hatte die Bahn eine Belegschaftsstärke von 50 Mitarbeitern, hierbei eingerechnet die Mitarbeiter des Kaibetriebes. Die auf dem Wasserweg im Stadthafen angekommenen Tonlieferungen aus Okrilla, für das Fliesenwerk „Kurt Bürger“, wurden vom Stadthafen auf dem Schienenweg direkt ins Fliesenwerk transportiert. Das Fliesenwerk besaß hierfür seit langem eigene Gleisanschlüsse. Mit der zunehmenden Verlagerung der Transporte von den Wasserwegen auf die Schiene ging das Transportvolumen der Stadtbahn später deutlich zurück. Der Personenverkehr wurde bei erhöhtem Personenaufkommen durch eine Dampflok bzw. später durch Dieselloks und drei Personenwagen bewältigt. Bei geringerer Auslastung übernahm der Schienenbus bis 1956 die Aufgabe der Personenbeförderung. Die fahrplanmäßige Personenbeförderung wurde schließlich zum 28. Mai 1967 eingestellt, nachfolgend übernahmen vier Busse des VEB Kraftverkehrs Hagenow diese Aufgabe. Für den Güterverkehr blieb die Strecke allerdings weiterhin in Betrieb. Auch die Elbewerft Boizenburg nutzte die Strecke weiter für den Gütertransport.

1972 wurde die Strecke der Stadtbahn kurzzeitig wieder zur Personenbeförderung genutzt. Im November fand auf der Ziegenwiese die Vereidigung mehrerer Hundert Grenzsoldaten statt, daher wurde eine Diesellok der Baureihe 118 mit 15 Personenwagen eingesetzt, um die Soldaten zum ehemaligen Haltepunkt Stiftsbrücke zu transportieren. Aufgrund des schlechten Zustandes der Gleisanlagen konnte sich die Diesellok mit den angehängten Personenwagen nur im Schritttempo fortbewegen. Der schlechte Zustand des Gleisnetzes machte daher umfangreiche Erneuerungsarbeiten notwendig, diese wurden schließlich 1975 ausgeführt.

Ein besonderes Ereignis war auch die 725-Jahr-Feier der Stadt Boizenburg im Juli 1980. Aus diesem Anlass und anlässlich des 90-jährigen Jubiläums der Stadtbahn wurde am 24. Juli 1980 eine Sonderfahrt veranstaltet. Hierzu stellte der VEB Fliesenwerke „Kurt Bürger“ eine der betriebseigenen Dieselloks zur Verfügung, die Deutsche Reichsbahn stellte drei Personenwagen bereit. Unter der Bevölkerung fand das Ereignis regen Zuspruch, so nahmen insgesamt 1500 Personen die Möglichkeit der Mitfahrt in Anspruch. Mit dieser Sonderfahrt endete auch das Kapitel der Personenbeförderung auf dieser Strecke.

Zum 1. Januar 1998 wurde letztlich auch der Güterverkehr bzw. der Bahnbetrieb eingestellt. Im September 2005 begann der Rückbau der gesamten Gleisanlagen und der Brücke über die „Alte Boize“.Drehscheibe, 1/06. Mit dem Rückbau der Gleisanlagen endete auch die über 110 Jahre währende Geschichte der Stadt- und Hafenbahn Boizenburg.

Strecken- und Tarifbeschreibung Streckenbeschreibung

Die 2,57 Kilometer lange Strecke führte vom Staatsbahnhof an der 1846 eröffneten Berlin-Hamburger Eisenbahn zum Stadtbahnhof. Für den Güterverkehr führte sie weiter zum Nordkai des Hafens an der Elbe, sie endete dann auf dem Gelände der Elbewerft. Die Strecke führte über zwei Brückenbauwerke, diese überquerten die „Alte“ Boize und die Quöbbe. Ein Teil der Strecke verlief längs der Boize. Schließlich musste – an der höchsten Stelle 1,50 m hoch – ein Bahndamm errichtet werden. Dieser reichte von den Anschlussgleisen der Fliesenwerke – die erst nach 1903 hinzukamen – bis zum Übergang Stiftstraße, hierdurch wurde das Höhengefälle in Richtung Stadt ausgeglichen.