Otto Ritschl (* 9. August 1885 in Erfurt; † 1. Juli 1976 in Wiesbaden) war ein Hauptvertreter der abstrakten Kunst in Deutschland, der in Wiesbaden lebte und arbeitete. mini|Signatur von Otto Ritschl

Ritschl wandte sich nach dem Ende des 1. Weltkriegs als Autodidakt der Malerei zu, nachdem er zuvor als Schriftsteller tätig gewesen war. Auf eine neusachliche Phase folgte ab den späten 1920er Jahren eine eigene abstrakte Formensprache, an die er nach einer unfreiwilligen Unterbrechung während des Nationalsozialismus ab 1945 wieder anknüpfte. In den letzten drei Jahrzehnten seines Lebens entwickelte Ritschl seine abstrakten Kompositionen fortwährend weiter, sodass diese nach einer geometrischen Phase in fluiden Farbräumen im Spätwerk mündeten, das Peter Iden zufolge „in der neueren Geschichte der deutschen Malerei seinesgleichen nicht hat“.

Ritschl stellte zweimal auf der Documenta in Kassel und auf zahlreichen weiteren Überblicksausstellungen aus und erhielt mehrere Preise und Auszeichnungen. Zudem stand er im engen Austausch mit anderen Künstlern in seiner Zeit, unter anderem mit Alexej von Jawlensky, Willi Baumeister und Ernst Wilhelm Nay. Den Nachlass des Künstlers bewahrt der gemeinnützige Museumsverein Ritschl e. V., der seine Sammlung als Dauerleihgabe im Museum Wiesbaden zeigt und in Kooperation mit diesem den Otto-Ritschl-Preis verleiht.

Leben 1885–1919: Kindheit und Jugend in Erfurt und Hannover, Tätigkeit als Schriftsteller in Wiesbaden Otto Ritschl wird am 9. August 1885 in Erfurt als zweites von fünf Kindern als Sohn eines Kaufmanns geboren. 1891 zog die Familie nach Hannover, wo der junge Ritschl erste literarische Texte verfasste und mit 14 Jahren sein erstes Theaterstück Afra dem Schriftsteller Hermann Löns übergab.

Nach einer militärischen Grundausbildung war er unter anderem in Mainz tätig, von 1908 an lebte und arbeitete er bis zu seinem Tod in Wiesbaden. Während sich Ritschl mit Bürotätigkeiten seinen Lebensunterhalt verdiente, war er weiterhin als Schriftsteller tätig. Zu seinen Unterstützern und Förderern in dieser Zeit zählte auch Kurt von Mutzenbecher, der Intendant des Königlichen Hoftheaters in Wiesbaden war und als Kunstsammler Kontakte nach Frankreich pflegte. Während des Ersten Weltkriegs im Jahr 1915 feierte seine Komödie Der Rechnungsdirektor am Thalia Theater in Hamburg Premiere. Das Urteil über den jungen Schriftsteller Ritschl war damals durchaus positiv:

Im Jahr 1915 heiratete Ritschl Dorothea Nötzel, genannt Dora, und 1918 wurde der gemeinsame Sohn Helmut geboren.

1919–1933: Erste Erfolge als Maler und Künstlerfreundschaften Das Jahr 1919 markierte einen Wendepunkt im Leben Ritschls. Nachdem er im Jahr zuvor erste künstlerische Versuche unternommen hatte, konzentrierte er sich nun ganz auf die Malerei, kündigte seine Stellung als Angestellter bei der Wiesbadener Landesbank und lebte fortan als freischaffender Künstler. Seine bisher entstandenen literarischen Werke vernichtete er.

mini|Titel des Katalogs zur Ausstellung von Otto Ritschl und Hans Völcker im Nassauischen Kunstverein in den Räumen des Museums Wiesbaden 1920, publiziert im Verlag für Neue Kunst von Hans Goltz München

Als Maler hatte Ritschl schnell Erfolg. 1919 wurden seine Bilder erstmals im Nassauischen Kunstverein in den Räumen des Museums Wiesbaden ausgestellt. Die Ausstellung war ein bemerkenswerter Erfolg, der Ritschl in seinem Entschluss, sich ganz auf die Malerei zu konzentrieren, bestärkte:

In Wiesbaden wurde Ritschl in den 1920er Jahren zu einem der wichtigsten Netzwerker der Avantgarde. 1920 besuchte er Conrad Felixmüller in Klotzsche, der zu dieser Zeit über den Sammler Heinrich Kirchhoff mit der Wiesbadener Künstlerszene in engem Austausch stand und ein Bildnis von Ritschl malt. Ab 1923 entwickelte sich eine Freundschaft mit Alexej von Jawlensky, der zwei Jahre zuvor in die Stadt gezogen war. Der Austausch mit Jawlensky, dessen Assistentin und Vertraute Lisa Kümmel er 1925 porträtierte (Portrait Elisabeth Kümmel, 1925, Öl/Leinwand, 66 × 52 cm, Privatsammlung), war für den jungen Maler von großer Bedeutung. In den 30er Jahren, als Ritschl aufgrund der politischen Umstände Zweifel an seiner Zukunft als Künstler bekam, bestärkte ihn der ältere Freund:

Daneben unterhielt Ritschl Kontakt auch zu zahlreichen anderen Malern, Bildhauern und Architekten wie etwa Alo Altripp, Edmund Fabry, Arnold Hensler und Ernst Wolff-Malm. Mit der Gründung der Freien Künstlerschaft Wiesbaden im Jahr 1925, deren Vorsitzender Ritschl bis 1933 blieb, vereinte Ritschl diese und weitere Künstler aus der Kurstadt in einem Netzwerk der Moderne.

Im gleichen Jahr nahm Ritschl an der Ausstellung Neue Sachlichkeit in der Kunsthalle Mannheim teil, die der gleichnamigen Kunstrichtung zum Durchbruch verhelfen sollte. Ritschl, der bis zu diesem Zeitpunkt selbst überwiegend neusachlich gemalt hatte, zeigte sich von der Ausstellung jedoch enttäuscht und wandte sich fortan immer stärker der Abstraktion zu. In den späten 1920er Jahren hielt sich Ritschl längere Zeit in Paris auf, wo er sich intensiv mit den damals neuesten Strömungen in der französischen Kunst auseinandersetzte und mit Pablo Picasso, Max Ernst und dem Kunsthändler Wilhelm Uhde zusammentraf.

1933–1945: Innere Emigration und Zweiter Weltkrieg 1933 beteiligte sich Ritschl an einer Ausstellung im Museum Folkwang in Essen, die noch vor ihrem offiziellen Ende durch eine Intervention der Nationalsozialisten beendet wurde. Fortan lebte und arbeitete Ritschl zurückgezogen. 1937 wurden in der Nazi-Aktion „Entartete Kunst“ aus dem Nassauischen Landesmuseum Wiesbaden und der Deutsche Graphikschau Görlitz acht Arbeiten Ritschels beschlagnahmtDatenbank zum Beschlagnahmeinventar der Aktion „Entartete Kunst“, Forschungsstelle „Entartete Kunst“, FU Berlin:

Zwei Frauen (Tafelbild; 1938 in Hamburg auf der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt; Verbleib unbekannt) Ballspieler (Tafelbild; 1938 und 1939 in Hamburg, Stettin, Weimar, Wien und Frankfurt/Main auf der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt; Verbleib unbekannt) Abstrakte Komposition (Tafelbild; 1938 in Hamburg der Wanderausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt; Verbleib unbekannt) Der Gefesselte (Tafelbild; vernichtet) Halbakt (Aquarell, vernichtet) Komposition (Aquarell, vernichtet) Flucht (Druckgrafik; Verbleib unbekannt) Verteidigung (Radierung, 72,8 × 56 cm; mutmaßlich über den Kunsthändler Bernhard A. Böhmer in die Sammlung von Hans Erdmann gelangt; heute im Privatbesitz)

In dieser Zeit setzte sich der Künstler intensiv mit fernöstlicher, insbesondere mit der indischen Philosophie des Vedanta auseinander.

Ritschls künstlerische Tätigkeit kam in den folgenden Jahren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs 1945 fast vollständig zum Erliegen, der Maler zog sich in die Innere Emigration zurück.

Während der Reichspogromnacht am 9. November 1938 war Ritschl Zeuge der Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger in Wiesbaden. Über den Brand der Synagoge am Michelsberg schrieb er später in seinen „Biographische Notizen“ genannten Erinnerungen:

Während des Zweiten Weltkriegs war er von 1939 bis 1942 beim Finanzamt Wiesbaden dienstverpflichtet. Ritschls einziger Sohn Helmut galt seit 1942 als vermisst und kehrte nicht aus dem Krieg zurück. Das Wiesbadener Atelier des Malers wurde bei einem Luftangriff zerstört. Ein Teil seines in einem Keller gelagerten Frühwerks wurde durch einen Kanalrohrbruch derart in Mitleidenschaft gezogen, dass Ritschls sie anschließend vernichtete oder übermalte.

1945–1960: Erfolge, Ehrungen und Netzwerke Unmittelbar nach Kriegsende begann Ritschl – mittlerweile 60-jährig – nach langer Unterbrechung erneut mit der Malerei. Sehr schnell fand er wieder Anschluss an die Kunstentwicklung in Westdeutschland und feierte Erfolge.

1946 nahm er an der Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung in Dresden teil und schloss Freundschaft unter anderem mit den Malern Ernst Wilhelm Nay, Willi Baumeister, Max Ackermann sowie den Sammlern und Kunsthändlern Ottomar Domnick und Hanna Bekker vom Rath. Im gleichen Jahr wurde Peter Schermuly sein Schüler. 1947 stellte Ritschl zusammen mit Baumeister, Ackermann, Fritz Winter und Georg Meistermann bei Domnick in Stuttgart aus. 1948 wurde er Mitglied der Rheinischen Sezession und stellte im Salon des Réalités Nouvelles in Paris aus.

Ab 1949 wurde Ritschl Mitglied mehrerer Künstlerbünde beziehungsweise stellte mit diesen aus, unter anderem mit der Neuen Rheinischen Sezession, der Neuen Darmstädter Sezession, dem Westdeutschen Künstlerbund, der Münchner Neuen Gruppe, der Internationalen Sezession und der Gruppe ZEN 49. 1950 wurde er zudem eines der ersten Mitglieder des wiedergegründeten Deutschen Künstlerbundes, auf dessen erster Ausstellung er 1951 in den Räumen der Hochschule der Künste Berlin mit zwei abstrakten Kompositionen vertreten war.Deutscher Künstlerbund 1950: Erste Ausstellung Berlin 1951, Ausstellungskatalog (ohne Seitenangaben). Otto Ritschl: (176/177) jew. Abstrakte Komposition, Öl auf Leinwand, 1950, 97x130 cm.

Auch wenn sich das kulturelle Klima in den Nachkriegsjahren verbessert hatte, so blieben die Verhältnisse für die Moderne und ihre Vertreter in Westdeutschland doch ambivalent. Ritschl berichtet über diese Zeit:

1955 wurde Ritschl anlässlich seines 70. Geburtstags vielfach geehrt: Das Museum Wiesbaden zeigte ihm zu Ehren eine Retrospektive, das Land Hessen verlieh ihm die Goethe-Plakette und seine Werke wurden auf der Documenta 1 in Kassel ausgestellt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt gehörte Ritschl zu den führenden deutschen Malern seiner Generation, dessen Werke auf allen großen Ausstellungen und in den wichtigsten Zeitschriften und Publikationen der Zeit gezeigt wurden. Ende der 1950er Jahre wollte Georg Meistermann Ritschl dafür gewinnen, eine Professur für Malerei an der Kunstakademie Karlsruhe zu übernehmen, was dieser jedoch ablehnte, da er als Autodidakt das eigentlich Wesentliche in der Kunst für nicht lehrbar hielt.

1959 erhielt er den Kunstpreis der Künstlerbundausstellung und nahm mit einer eigens geschaffenen Werkserie an der documenta II in Kassel teil.

1960–1976: Rückzug in das neue Atelierhaus und produktive letzte Jahre Der Tod seiner Frau Dora im Jahr 1958 stellte für Ritschl eine Zäsur dar. Er schrieb später rückblickend über die Auswirkungen dieses Ereignisses auf sein Leben:

Tatsächlich jedoch wagte Ritschl privat noch einmal einen Neubeginn, auch wenn dieser ganz auf sein künstlerisches Schaffen ausgerichtet war: Von dem mit ihm befreundeten Architekten Johann Wilhelm Lehr ließ er sich bis 1960 in der Schumannstraße 50 in Wiesbaden ein neues Wohn- und Atelierhaus errichten, in dem er bis zu seinem Tod lebte und arbeitete. Das Haus, das als ein Gesamtkunstwerk durch die symbiotische Zusammenarbeit von Architekt und Maler galt, wurde 1987Senkrechtaufnahme von 1988 auf geoportal.wiesbaden.de mit gerade entstehendem Neubau. abgerissen und durch ein Mehrparteienhaus ersetzt.

1960 wurde Ritschl der Villa-Romana-Preis verliehen und er stellte ein Wandbild im Treppenhaus des Neubaus des Physikalischen Instituts der Universität Marburg fertig. 1964 stellte er mit einem Gemäldezyklus für den Plenarsaal des Landeshauses in Wiesbaden seine zweite große raumbezogene Arbeit fertig. Zu seinem 75. Geburtstag ehrte ihn das Von der Heydt-Museum in Wuppertal mit einer umfangreichen Einzelausstellung. Aus Dankbarkeit schenkte Ritschl dem Museum eine umfangreiche Sammlung seiner Werke, das einen Überblick über alle Schaffensphasen ermöglichte. Wenige Jahre später stiftete er ein weiteres Werkkonvolut an das heutige Israel-Museum in Jerusalem. Zum 80. Geburtstag widmete ihm das Mittelrhein-Museum in Koblenz eine große Einzelausstellung.