Der Begriff Chiemgau-Einschlag oder Chiemgau-Impakt bezeichnet eine widerlegte Hypothese über den Einschlag eines Kometen/Asteroiden, der nach dem Eindringen in die Erdatmosphäre explodiert sein soll und dessen Trümmer angeblich im Chiemgau niedergingen. Der Einschlag soll sich zwischen 2200 und 300 v. Chr. ereignet haben.Wann stürzte der Himmel ein? Die Datierung des Chiemgau-Impakts (PDF; 1,1 MB)
Die im Jahr 2000 erstmals von Amateur-Archäologen geäußerte Vermutung der Existenz eines Chiemgau-Einschlages gilt in der Zwischenzeit durch mehrere unabhängige Untersuchungen aus den Fachbereichen Geologie (Sedimentuntersuchung) und Botanik (Pollenanalyse) sowie Altersdatierung (Radiokarbonmethode) als widerlegt.
Untersuchungen, die der Hypothese des Chiemgau-Einschlag widersprechen Die Anfang des Jahrhunderts geäußerte Vermutung eines extraterrestrischen Einschlages im Chiemgau konnte bisher nicht bestätigt werden. Mehrere unabhängige Untersuchungen sehen die Hypothese als widerlegt an.
Gerhard Doppler und Erwin Geiss, Geologen beim Bayerischen Landesamt für Umwelt (LfU) kommen 2005 nach einer Begehung des Tüttensee und der nahen Umgebung zum Schluss, dass die Deutung des Sees als Einschlagskrater äußerst unwahrscheinlich ist.Doppler G. & Geiss E. (2005): Der Tüttensee im Chiemgau – Toteiskessel statt Impaktkrater (PDF; 390 kB)
Durch Ernst Kroemer, Geologe beim LfU wurden 2009 Bodenproben im östlichen Verlandungsbereich des Tüttensee entnommen. Gemessen wurde die Mächtigkeit des Moores. Mehrere Proben in unterschiedlichen Tiefen sowie eine Schneckenschale wurden einer Altersbestimmung mit der Radiokarbonmethode unterzogen. Ein Mindestalter der Hohlform seit Ende der letzten Kaltzeit wird festgestellt. Sedimententnahme und Datierungen in der Verlandungszone des Tüttensees (PDF; 781 kB), Kurzbericht des Bayerischen Landesamts für Umwelt, 2010
Die gewonnenen Altersdaten veranlasst das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) 2010 zu folgender Pressemitteilung: Den Kelten fiel der Himmel nicht auf den Kopf. Es wird festgestellt, dass der Tüttensee ein weit über 12.500 Jahre altes Toteisloch ist. Die These eines kosmischen Impaktes vor 2.500 Jahren im Chiemgau ist damit eindeutig widerlegt.LfU - Pressemitteilung Nr. 37: Neue Altersdaten: Kein "Kelten-Komet" im Chiemgau
Eine 3-köpfige Gruppe (Huber et al. 2020) hat mit Hilfe von DGM-Daten (Digitales Höhenmodell) die Abschmelzphasen am südöstlichen Rand des Chiemseegletscher geomorphologisch untersucht und den Ablauf graphisch dargestellt. Im Bereich des Tüttensee wurden zwischen 2014 und 2016 in mehreren Geländekampagnien über 20 Bodenproben für Sedimentuntersuchungen gewonnen und Siebanalysen (Korngrößenanalyse) durchgeführt. Die drei Terrassen des Tüttensee-Komplex wurden als Deltaschüttungen erkannt, die mit höhengleichen Abflussrinnen in den nördlich gelegenen Moränenbögen korrespondieren. Vorgefundene glazifluviale und deltaartige Sedimentstrukturen stellen ein Korrektiv zur Hypothese des Chiemgau Einschlages dar.Huber, R., Darga, R., and Lauterbach, H. (2020): Der späteiszeitliche Tüttensee-Komplex als Ergebnis der Abschmelzgeschichte am Ostrand des Chiemsee-Gletschers und sein Bezug zum „Chiemgau Impakt“ (Landkreis Traunstein, Oberbayern), E&G Quaternary Sci. J., 69, 93–120, 2020. doi:10.5194/egqsj-69-93-2020
Eine Gruppe von fünf Botanikern (Rösch et al. 2021) entnahm am nordöstlichen Randbereich des Tüttensee einen Bohrkern. Daraus wurde ein Pollenprofil erstellt und damit die Besiedlungsgeschichte der Umgebung anhand der Kulturpflanzenpollen nachgezeichnet. Rösch und Kollegen kommen zum Schluss, die Hypothese des Meteoriteneinschlag müsse verworfen werden. Es werden 3 Gründe genannt: Die Sedimente und deren Pollen dokumentieren die Vegetationsgeschichte bereits ab der Späteiszeit um ca. 12.000 v. Chr. In der Probe finden sich keine Störungen oder Einlagerungen, die auf einen Einschlag schließen lassen. Wenn ein Meteoriteneinschlag in der Eisenzeit die Hohlform Tüttensee geschaffen hätte, müssten alle Sedimente, die älter sind, fehlen, was jedoch nicht der Fall ist.M. Rösch et al.: A Late Würmian and Holocene pollen profile from Tüttensee, Upper Bavaria, as evidence of 15 Millennia of landscape history in the Chiemsee glacier region. In: Acta Palaeobotanica, 61(2), 2021, S. 136–147. doi:10.35535/acpa-2021-0008
Mutmaßliches Streufeld
Im Jahr 2000 stieß eine Gruppe von Amateurarchäologen und bayerischen Heimatforschern, die Sondierungen mit einem Metalldetektor vornahmen, im Raum zwischen Altötting und Burghausen nahe der oberösterreichischen Grenze mehrfach auf unbekannte Metallpartikel unterschiedlicher Formen ohne erkennbare archäologische Herkunft. Die Funde lagen häufig in muldenförmigen Erdstrukturen, teils in Wäldern, teils auf freiem Feld. Die Form der Mulden, in Verbindung mit den metallischen Funden, führte zu der Hypothese, dass die Überreste eines Meteoriten-Einschlags gefunden worden waren. Daraufhin bildete sich unter der Bezeichnung Chiemgau Impact Research Team (CIRT) ein Forschungsteam aus Hobby-Archäologen, dem aber auch der Geologe und Geophysiker Kord Ernstson angehört.Kord Ernstson: Der Chiemgau-Impakt. Chiemgau-Impakt e. V. 2010, ISBN 978-3-00-031128-4, S. 15–19 Weitere Mitglieder des CIRT sind der Archäoastronom Michael Rappenglück, die Historikerin Barbara Rappenglück, der Geologe Andreas Neumair, der experimentelle Archäologe Till Ernstson und ehemals auch Ralph Sporn, einer der Finder der Neuschwanstein-Meteoriten. Seit 2014 ist der Physiker Ioannis Liritzis von der University of the Aegean, Department of Mediterranean Studies, Mitglied im CIRT.
Das CIRT dokumentierte nach eigenen Aussagen über 200 vermutete Einschlagskrater in einem elliptischen Streufeld mit einer Länge von 58 Kilometern und einer Breite von bis zu 27 Kilometern, das sich von einer Anhäufung kleinerer Krater nordwestlich von Burghausen bis zum Chiemsee erstreckt.Verein-Jahresvortrag-Praesentation-2025 (PDF; 11,3 MB). Nach Ansicht der CIRT zeigt ein Vergleich mit anderen irdischen Streufeldern Ähnlichkeiten in Anordnung und Verteilung der Objekte.Streuellipse und Kraterdimensionen auf chiemgau-impakt.de Als größter Krater im Streufeld wird der annähernd kreisförmige Tüttensee bei Grabenstätt mit einem Durchmesser von 400 Metern angesehen.Der holozäne Tüttensee Meteoritenkrater in Südostdeutschland, CIRT
Aus der Größe und Verteilung der postulierten Krater wurde vom CIRT auf einen möglichen Ablauf des Impakts zurückgeschlossen. Demnach sei ein etwa einen Kilometer großer Komet, vom Nordosten kommend, mit einer Geschwindigkeit von 12 km/s unter dem Winkel von 7° in die Erdatmosphäre eingetreten. In etwa 70 Kilometern Höhe sei dieser explodiert, und die Bruchstücke seien mit der Zerstörungskraft von 8000 Hiroshimabomben eingeschlagen.U. Schüssler, M. Rappenglück, K. Ernstson, W. Mayer, B. Rappenglück: Das Impakt-Kraterstreufeld im Chiemgau In: European Journal of Mineralogy. 17, Beiheft 1, 2005, S. 124.
Geologischer Rahmen im postulierten Einschlaggebiet Abgesehen vom nördlichsten Bereich des vermuteten Streufeldes (bei Marktl am Inn), wo miozäne Schotter, Sande und Mergel in dem hügeligen Gelände anstehen, ist das postulierte Einschlaggebiet vorwiegend aus pleistozänen Moränensedimenten und Schottern aufgebaut. Gerölle und Blöcke bis zur Größe von 20 cm sind mit Sanden und Tonen vermischt. Die Komponenten repräsentieren alpines Material in Form von Sedimentiten (vorwiegend Kalksteine und Sandsteine), Magmatiten (meist Granitoide) sowie Metamorphiten (überwiegend Quarzite, Gneise, Amphibolite, Serpentinite und Schiefer). Gelegentlich beobachtet man größere Blöcke zementierter Konglomerate (Nagelfluh). Örtlich können holozäne Schotter sowie Löß und Lößlehm zu den obersten Schichten im postulierten Einschlaggebiet beitragen.
Geschichte der Forschung mini|Position von 12 kraterähnlichen untersuchten Depressionen im Lkr. Altötting (Fehr et al. 2005)
Morphologie Kraterähnliche Strukturen sind im postulierten Streufeld morphologisch als runde bis ovale schüsselförmige Geländevertiefungen mit Durchmessern von wenigen hundert Metern ausgebildet und häufig mit einem Randwall versehen. Sie befinden sich in Talbereichen, Hanglagen, auf Höhenrücken und exponiert auf Moränenrücken. Das Tiefe-zu-Durchmesser-Verhältnis bei unveränderten Strukturen beträgt im Mittel 1:6 bis 1:7.Ernstson, K., Mayer, W., Neumair, A., Rappenglück, B., Rappenglück, M.A., Sudhaus, D., Zeller, K.(2010): The Chiemgau Crater Strewn Field: Evidence of a Holocene Large Impact Event in Southeast Bavaria, Germany – Journal of Siberian Federal University Engineering & Technologies 1, (2010 3), 72-103
mini|Die Bodensenke #004 im mutmaßlichen Streufeld mit einem Durchmesser von 11 m. Man beachte den ausgeprägten Ringwall (Kord Ernstson) Grundsätzlich runde Strukturen; Vertiefungen mit Ringwällen oder/und Zentralhügeln/-bergen, Mehrfachring-Strukturen. Morphologie ist letztlich wenig aussagekräftig, da viele andere geologische Strukturen kreisrund oder ringförmig sein und andererseits echte Impaktstrukturen stark von einer solchen Form abweichen können. Das CIRT sieht dieses Kriterium als erfüllt an, da es im postulierten Streufeld unzählige kreisförmige Krater mit Ringwällen vorgefunden hat. Ein Beispiel ist der Krater 004 mit 11 m Durchmesser im Chiemgau-Kraterstreufeld. Als bisher größter Einschlagkrater ist vom CIRT der Tüttensee genannt worden, dieser ist jedoch nach geologischer Lehrmeinung ein eiszeitlicher Toteiskessel, der beim Rückzug der Gletscher am Ende der letzten Eiszeit entstand, wie sie als solche im Alpenvorland häufiger anzutreffen sind.
Geophysikalische Anomalien mini|Gravimetrie Grabenstätt Tüttensee: ergibt ringartige Struktur mit Hinweis auf merkliche Verdichtung Gravimetrie Gravimetrische Messungen am Tüttensee und seiner Umgebung ergeben in der Auswertung eine ringartige Struktur, die auf eine merkliche Verdichtung des Untergrundes hinweist. Dieser Befund in einem Bereich lose abgelagerten eiszeitlichen Materials (mit Ausnahme der am nördlichen Rand des Tüttensees vorhandenen Moräne, die an sich schon verdichtet abgelagert wurde) stützt die Impaktthese gegenüber einer Erklärung der Tüttenseestruktur als (spät)eiszeitliche Bildung.Kord Ernstson (2011): Gravimetrische Untersuchungen bei Grabenstätt: Anzeichen für einen Impaktursprung des Tüttensee-Kraters (Chiemgau-Impakt) erhärtet. (PDF)
Eine konventionelle Erklärung könnte sich aus der Faltenmolasse ergeben, die sich unter den eiszeitlichen Ablagerungen befindet. G. Papadeas hat in seiner hydrogeologische Doktorarbeit (1972) zahlreiche Bohrungen ausgewertet und die Lage der Molasseschichten im Untergrund in einer Höhenlinienkarte dargestellt. Im Bereich von Grabenstätt zieht sich eine nach Osten gerichtete ausgeprägte Molasserinne bis zu einer Senke im Bereich des Tüttensees.Robert Huber, Robert Darga, Hans Lauterbach: Der späteiszeitliche Tüttensee-Komplex als Ergebnis der Abschmelzgeschichte am Ostrand des Chiemsee-Gletschers und sein Bezug zum „Chiemgau Impakt“ (Landkreis Traunstein, Oberbayern). In: E&G Quaternary Science Journal, 69, 2020, S. 93–120. Abb. 4. doi:10.5194/egqsj-69-93-2020Robert Huber (2011): Die Molasse unter dem Tüttensee. In: CHIEMGAU IMPACT? von Hirnsteinen und Toteislöchern.
Kord Ernstson greift im Oktober 2011 den Beitrag von Robert Huber zum Molasseuntergrund im Bereich des Tütensee auf und vergleicht seine gravimetrischen Messungen mit den Ergebnissen von Papadeas.Kord Ernstson (2011): Die Gravimetrie des Tüttensee-Kraters – neu beleuchtet, in Chiemgau-Impakt.de
Magnetismus Magnetische Auffälligkeiten: Die magnetische Bodensuszeptibiltät, die Hoffmann et al.(2004) im äußersten Norden des Kraterstreufeldes gemessen haben, wurde inzwischen mit denselben Merkmalen vom CIRT in der Nähe vom Tüttensee-Krater in den Wäldern von Marwang nachgewiesen.
Geologische Merkmale Donnerlöcher mini|Donnerloch Kienberg, 25. Oktober 2013