Geschichte Für Alle e. V. (GFA) ist ein deutscher Geschichtsverein mit Sitz in Nürnberg. Er widmet sich stadt- und regionalgeschichtlicher Forschung sowie der Geschichtsvermittlung, vor allem über Stadtführungen und museumspädagogische Programme. Darüber hinaus bietet GFA Vorträge und Ausstellungen an, publiziert historische Literatur im angeschlossenen Sandberg Verlag und betreibt zwei Museen in Nürnberg, das 'Museum Henkerhaus' und den 'Lernort Stadtmauer'. Der Verein zählt (2026) fast 1800 Mitglieder, etwa 30 Angestellte und über 340 freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Er ist damit einer der größten Geschichtsvereine Deutschlands. Sein Wirkungsbereich umfasst derzeit die Städte Nürnberg, Fürth, Erlangen und Bamberg. Das wissenschaftliche Team betreut Ausstellungs- und Forschungs-Projekte vor allem in der Region Franken, darüber hinaus aber auch im gesamten deutschsprachigen Raum.

Vereinsgeschichte Gründung In der Bundesrepublik Deutschland entstanden im Rahmen der Neuen Sozialen Bewegungen Anfang der 1980er Jahre die ersten Geschichtswerkstätten, die u. a. den Begriff Heimat neu überdachten. Vor diesem zeithistorischen Hintergrund gründete eine Gruppe Geschichtsstudenten an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) am 9. Juni 1985 in der Gaststätte Zum Hippel (Kleinweidenmühle) den Verein zur Förderung junger Historiker – Geschichte Für Alle. Als Zweck galt die „Förderung junger Historiker und Historikerinnen“, so auch der ursprüngliche Haupttitel im Vereinsnamen. Die Eintragung beim Amtsgericht erfolgte am 19. Juni 1985.Rainer Mertens: Das zweite Jahrzehnt hat begonnen. In: Geschichte Für Alle e.V. (Hrsg.): Nürnberger Geschichts-Rundbrief Nr. 8, Juli 1996.

Das Ziel war, wissenschaftlich fundierte historische Inhalte anschaulich und zielgruppengerecht aufzubereiten und zu vermitteln, unter anderem durch Stadtrundgänge, Seminare und Vorträge. Gründungsmitglieder waren Walter Bauernfeind, Christian Feja, Julia Lehner, Rainer Mertens, Robert Simon, Bernd Windsheimer und Siegfried Zelnhefer. Inspiriert war die Gründung von Seminaren zu alltags- und sozialgeschichtlichen Fragen am Institut für Landesgeschichte der FAU bei Prof. Rudolf Endres und konkretisierte sich auf einer themenspezifischen Exkursion. Als Themen standen Nürnbergs Blütezeit im 16. Jahrhundert, das Industriezeitalter, die Zeit des Nationalsozialismus, sowie Fürth mit seiner prägenden jüdischen Geschichte fest. Als Zielgruppen sah der Verein damals vor allem Schulklassen und Jugendgruppen. Der Schwerpunkt sollte auf alltags- und sozialgeschichtlichen Fragen und Sachverhalten liegen, seinerzeit im Bereich der Tätigkeit von Stadtführern und im Kulturtourismus generell noch eher die Ausnahme.

Der erste Bericht über Stadtführungen von GFA in den lokalen Medien titelte dementsprechend: „Geschichte ohne Fachwerkzauber“.Wolfgang Heilig: Geschichte ohne Fachwerk-Zauber. Junge Historiker vermitteln „ihr“ Stadtbild. In: Nürnberger Nachrichten vom 17. September 1987. Die Idee des Vereins sah sich weniger bestehenden touristischen Traditionen als eben der „Neuen Geschichtsbewegung“ verbunden, die der Geschichtswerkstättenarbeit und den seit den 1970er zunehmend aufkommenden Oral-History-Projekten zugrunde lag. Das Konzept wurde zunächst als „moderne Heimatpflege ohne lokalpatriotische Verengung“ bezeichnet.Katrin Kasparek: 25 Jahre Geschichte Für Alle. In: Geschichte Für Alle e. V. (Hrsg.): Geschichtsrundbrief 41 (Dezember 2010), S. 2 ff.

1986 bis 1999 Ende 1986 mietete der Verein ein erstes Büro in der Steinstraße (St. Johannis) an, das in Eigenarbeit renoviert und mit geschenkten Möbeln eingerichtet wurde. Ab Januar 1987 organisierte GFA von diesem Büro aus die Rundgänge (1987: 250) und hielt dort wöchentliche Besprechungen ab. Der erste öffentliche Rundgang für Einzelbesucher im Jahre 1988 führte über das ehemalige Reichsparteitagsgelände, zuvor waren nur Rundgänge für geschlossene Gruppen angeboten worden.

Das Reichsparteitagsgelände war und ist ein Schwerpunkt der Vereinsarbeit und der Rundgänge, die aufgrund Nürnbergs NS-Geschichte bewusst nicht als Führungen und die Rundgangsleiter nicht als Führer bezeichnet werden. Seitdem (1988) bietet der Verein regelmäßig öffentliche Rundgänge zu festen Terminen an. Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen des Arbeitsamtes ermöglichten im September 1989 und in den Jahren 1990/91 die ersten festen Stellen des Vereins. Der erste dieser Mitarbeiter und spätere langjährige Geschäftsführer war das Gründungsmitglied Bernd Windsheimer, es folgten Rainer Mertens und Alexander Schmidt. GFA schaffte es in den Folgejahren, die geförderten in selbstfinanzierte Stellen zu wandeln.

Zum 500. Geburtstag von Hans Sachs (geb. 5. November 1494) bot der Verein Sonderführungen an und brachte die einzige Neuveröffentlichung über den Jubilar heraus, gleichzeitig die erste hauseigene Veröffentlichung des Vereins.Nürnberger Zeitung vom 2. Juni 1994: Großen Sohn vom Sockel gehoben; Nürnberger Nachrichten vom 5. Juni 1994: Auf den Spuren von Hans Sachs; Bernd Noack: Für den Hausgebrauch. In: Nürnberger Nachrichten vom 22. Juni 1994. Daraufhin wurde der Sandberg Verlag gegründet, benannt nach dem westlichen Teil Sandberg des Stadtteils St. Johannis, wo sich das Büro und der Vereinssitz befindet. Der Sandberg Verlag verlegt seitdem die bei GFA entstehenden Publikationen.Sandberg Verlag: Über uns. Abruf am 20. November 2025. Die erste erschien noch im selben Jahr unter dem Titel „Geländebegehung - Das Reichsparteitagsgelände“.Andreas Radlmeier: Altlasten fürs Gedenkjahr. In: Abendzeitung vom 13. Dezember 1994. Der Verein erhielt 1994 den Kulturförderpreis der Stadt Nürnberg.

Mit dem ersten Kinderrundgang 1995 erschloss sich GFA eine neue Zielgruppe. Im selben Jahr beteiligte sich der Verein an der Initiative des Vereins „Infozentrum ehemaliges Reichsparteitagsgelände“, der im Nordflügel der Kongresshalle von der Stadt Nürnberg 400 m² anmietete, um ein Dokumentationszentrum entstehen zu lassen. Diese Initiative war ein wesentlicher Schritt zum Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände.Jens Voskamp: „Nicht nur Gras darüber Wachsen lassen“. In: Nürnberger Nachrichten vom 28. April 1995; Nürnberger Zeitung vom 28. April 1995: Erster Schritt zum NS-Infozentrum. GFA beteiligte sich im Rahmen des Gedenkjahres (50 Jahre Kriegsende) im Mai 1995 maßgeblich an den ersten Führungen in den Innenräumen der Kongresshalle wie auch im weitverzweigten System aus Stollen und Katakomben (20.000 m²) unter der Nürnberger Altstadt (Felsengänge), die im Zweiten Weltkrieg als Luftschutzräume verwendet wurden.Nürnberger Nachrichten vom 19. Mai 1995: Rundgang durch den Nazi-Torso; Robert Gegner: Nürnbergs Unterwelt ist bombensicher. In: Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 1995. Im November 1995 war GFA ebenfalls maßgeblich beteiligt an der erstmaligen Öffnung des Saales 600 (Schauplatz der Nürnberger Prozesse) für eine breite Öffentlichkeit.Nürnberger Zeitung vom 14. November 1995: Schwurgerichtssaal 600 wird geöffnet. 1996 und 1997 beteiligte sich GFA mit einer Artikelserie in den Nürnberger Nachrichten an der Ideensuche zur 950-Jahr-Feier der Stadt.Alexander Schmidt, Rainer Mertens: Zur 950-Jahr-Feier: Ideen gesucht. In: Nürnberger Nachrichten 6. November 1996; Martin Schieber: Pompöses Mal für den Frieden. In: Nürnberger Nachrichten vom 14. November 1996; Alexander Schmidt: Ein Geburtstag als Nationalfest. In: Nürnberger Nachrichten vom 23. November 1996; Alexander Schmidt: Neues Kapitel in Nürnbergs Festgeschichte. In: Nürnberger Nachrichten vom 30. November 1996; Alexander Schmidt: „Führer“ erschien zum Festakt. In: Nürnberger Nachrichten vom 7. Dezember 1996; Clemens Wachter: „Mitten im zielbewussten Wiederaufbau“. In: Nürnberger Nachrichten vom 11. Dezember 1996; Nadja Benewitz: „Große Töchter Nürnbergs“ sind noch unentdeckt. In: Nürnberger Nachrichten vom 14. Dezember 1996; Bernd Windsheimer: „Deutschlands erster Hippie“. In: Nürnberger Nachrichten vom 27. Dezember 1996; Martina Mittenhuber: Hans-Sachs-Fest in allen Gassen. In: Nürnberger Nachrichten vom 3. Januar 1997; Alexander Schmidt: Riesige Rave-Party oder Ritterspiele? In: Nürnberger Nachrichten vom 14. Januar 1997. Im Dezember 1998 bot der Verein auf seiner Website in Zusammenarbeit mit dem Internet-Büro der Stadt Nürnberg erstmalig einen virtuellen Rundgang über das Reichsparteitagsgelände an.Andreas Franke: Virtueller Rundgang übers Parteitagsgelände. In: Nürnberger Nachrichten vom 8. Dezember 1998. Im Jahre 1999 stieg der Verein in den Kreuzfahrttourismus (Binnenschifffahrt) auf dem Main-Donau-Kanal ein – heute eine zentrale Einnahmequelle des Vereins – und bot zunächst englischsprachige Vorträge zum Thema „Germany since 1933“ auf Flusskreuzfahrtschiffen an. Im gleichen Jahr wurde zudem der Untertitel des Vereins in „Institut für Regionalgeschichte“ geändert.

2000 bis heute 2001 expandierte GFA nach Bamberg. Zudem wurde GFA (mit anderen Partnern) 2001 pädagogischer Partner im Studienforum des neueröffneten Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände. Im gleichen Jahr fanden auch die ersten Bustouren mit Schwerpunkt Nationalsozialismus für Kreuzfahrtgäste statt.

Der erste Band der Reihe Historischer Spaziergang erschien 2004 unter dem Titel „Rotes Bier und blaue Zipfel. Zur Geschichte der Ernährung in Nürnberg“. Bis heute gehören die kulinarischen Rundgänge zu den beliebtesten Angeboten des Vereins. Der Verein eröffnete 2007 das Museum Henkerhaus Nürnberg in der ehemaligen Dienstwohnung des Nürnberger Henkers (u. a. Franz Schmidt) am Trödelmarkt mit einer kleinen Ausstellung (s. u.).

2010 übernahm GFA (gemeinsam mit anderen Partnern) die museumspädagogische Betreuung des neueröffneten Memorium Nürnberger Prozesse. Im Jahre 2018 wurde der Verein lokaler Ansprechpartner für das Projekt Stolpersteine des Künstlers Gunter DemnigUlrike Löw: Stolpersteine gegen das Vergessen: Virtueller Stadtplan zeigt Nürnberger NS-Opfer. In: Nürnberger Nachrichten vom 26. November 2021.. 2018 feierte der erste historische Escape Room „Mein letzter Wille“ in den Historischen Felsengängen Nürnberg seine Premiere. Zwei weitere Escape Rooms folgten 2021 („Das Geständnis“) und 2024 („Der Dürerorden“).

Die COVID-19-Pandemie traf den Verein hart. Rundgänge und andere Angebote im Vermittlungsbereich mussten pausieren, die zahlreichen freien Mitarbeiter standen ohne Einnahmen und so mitunter völlig ohne Einkommen da. GFA digitalisierte die Organisation und das Buchungswesen, es wurde u. a. ein Webshop geschaffen und eine neue Datenbank in Betrieb genommen. Zudem wurde 2020 das Henkerhaus renoviert, der Informations- und Kassenbereich und die Dauerausstellung wurden umgestaltet.

GFA unterstützte 2024 das Team des Stadtmuseums Fembohaus bei der Erarbeitung der neuen Dauerausstellung. Das wissenschaftliche Team begleitete die TerraX-Folge Ein Tag in Nürnberg 1593 (ZDF) mit fachlicher Expertise.

2025 feierte der Verein Geschichte Für Alle sein 40-jähriges BestehenMichael Husarek: „Geschichte für Alle“ feiert Jubiläum: Was den Nürnberger Verein so besonders macht. In: Nürnberger Nachrichten vom 20. Oktober 2025.. Zudem entstand an der Nürnberger Stadtmauer im Bereich des Marientors rund um den wieder aufgebauten Turm „Blaues G“ der Lernort Stadtmauer mit einer Ausstellung und einem Bildungsprogramm.Geschichte Für Alle: Leitbild. Abruf: 16. November 2025. Geschichte Für Alle: Geschichte des Vereins. Abruf: 16. November 2025.Bernd Windsheimer: 1985 -2025. 40 Jahre Geschichte Für Alle. In: Geschichte Für Alle e. V. (Hrsg.): Geschichtsrundbrief Nr. 70 (August 2025), S. 2–4. Abruf: 16. November 2025.Lena Prechsl, Roxanne Narz: Vier Jahrzehnte „Geschichte Für Alle“. Von der studentischen Initiative zum Institut für Regionalgeschichte. In: Geschichte Für Alle (Hrsg.): Nürnbergs Altstadt. Unterwegs mit Geschichte Für Alle. Sandberg Verlag, Nürnberg 2025, ISBN 978-3-96486-036-1, S. 8–13.