Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) ist eine deutsche Spartengewerkschaft für das Eisenbahnpersonal der Eisenbahnunternehmen. Sie ist Mitglied im DBB Beamtenbund und Tarifunion.

Die GDL ist Tarifpartner der Deutschen Bahn (DB) und weiterer 53 privater Eisenbahnverkehrsunternehmen. Früher vertrat die GDL ausschließlich Lokomotivführer und damit auch eine durchsetzungsstarke Funktionselite, sie öffnete sich 2002 für das gesamte Fahrpersonal der Deutschen Bahn und des öffentlichen Personennahverkehrs, letzteres gab sie wieder an die 2012 gegründete Nahverkehrsgewerkschaft im Beamtenbund ab. Im November 2020 gab die GDL die selbst auferlegte Beschränkung ihres Organisationsbereiches auf das Zugpersonal auf und öffnete sich für das gesamte direkte Eisenbahnpersonal. Damit vertritt die GDL nun neben dem Zugpersonal auch Eisenbahner der Fahrzeug- und Fahrweginstandhaltung (Werkstatt und Bahnbau), der Netzinfrastruktur (Fahrdienstleiter, Signalwerkstätten, Bahnhöfe und Energieversorgung) sowie Teilen der Eisenbahnverwaltung.

Als Arbeitnehmervertretung konkurriert die GDL mit der deutlich größeren Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) – vormals Transnet – die dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) angehört. Derzeit werden in 18 der 300 Betriebe der Deutschen Bahn die Verträge der GDL angewendet, in den anderen 282 die der EVG.

Mitglieder Nach eigenen Angaben von 2010 lag der Organisationsgrad unter den rund 25.000 Triebfahrzeugführern in Deutschland bei mehr als 70 %, wobei mehr als 80 % der Triebfahrzeugführer der DB in der Gewerkschaft organisiert seien. Von den rund 11.000 Zugbegleitern der DB seien über 30 % GDL-Mitglied. Nach einer schriftlichen Vereinbarung mit dem DB-Konzern wurden die Zugbegleiter bis 2013 nicht in den GDL-Tarifvertrag integriert.Franz Drey: Kein Wettbewerbsvorteil über Lohnkosten In: Behörden Spiegel, Ausgabe Februar 2010,

2007 waren 62 % des Zugpersonals in der GDL organisiert. Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer Die Mehrzahl der Lokrangierführer waren 2007 hingegen in der EVG organisiert (Stand: 2008).Nikolaus Doll: Es gibt keine Sieger und keine Besiegten. Welt Online, 15. Januar 2008

Die GDL organisierte nach dem Streik bei der Deutschen Bahn 2007/2008 auch zunehmend U-Bahn-, Straßenbahn- und Busfahrer. In Berlin, München, Nürnberg und Saarbrücken wurden Ortsgruppen im Nah-/Stadtverkehr gegründet. Allein in der 2008 gegründeten GDL-Ortsgruppe für Mitarbeiter der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und BT Berlin Transport waren vor Gründung bereits rund 500 Mitarbeiter organisiert.Eine politische Bilanz des Streiks bei den Berliner Verkehrsbetrieben. 27. März 2008, abgerufen am 28. März 2008 Im November 2010 vereinten sich GDBA und Transnet zur Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft im DGB. Diese vertritt (Stand 2020) 184.090 Mitglieder. Im DGB organisierte ÖPNV-Beschäftigte sind dem Ver.di-Fachbereich Verkehr zugeordnet. Die GDL umfasst (Stand 2020) 37.000 Mitglieder. Nachdem die GDL in ihrer Generalversammlung entschied, sich auf den Eisenbahnbereich zu beschränken, gründete man im Beamtenbund 2012 die Nahverkehrsgewerkschaft, in der in der GDL organisierte Nahverkehrsbeschäftigte mit dem Fachbereich Nahverkehr der DBB-Kommunalgewerkschaft komba zusammengefasst wurden.

Neben Triebfahrzeugführern vertritt die GDL mehr als 9000 Mitglieder anderer Berufsgruppen.

Laut eigenen Angaben sei die GDL in allen 300 Bahn-Betrieben strukturell in der Minderheit. GDL-Betriebsräte würden etwa 30 Betriebe führen.

Nach eigenen Angaben gewann die GDL im Jahr 2021 mehrere tausend Mitglieder. Ende 2021 waren es fast 40.000.

Organisation mini|hochkant=0.6|Claus Weselsky, von 2008 bis 2024 Bundesvorsitzender der GDL

Höchstes Organ der GDL ist eine Generalversammlung, welche in der Regel alle vier Jahre stattfindet. Als ausführendes Organ steht dieser neben einem 20 Mitglieder umfassenden Hauptvorstand ein geschäftsführender Vorstand vor. Bundesvorsitzender war vom 6. Mai 2008 bis zum 3. September 2024 Claus Weselsky. Auf der Generalversammlung wurde Mario Reiß zu seinem Nachfolger gewählt, der Stellvertreter ist Lars Jedinat.

Die GDL untergliedert sich in sieben Bezirke: Bayern Nord-Ost (Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg) Nordrhein-Westfalen Hessen Thüringen Mittelrhein (HTM) (Hessen, Thüringen und Koblenz) Mitteldeutschland (Sachsen-Anhalt und Sachsen) Nord (Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen) Südwest (Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Saarland) Unter dieser Bezirksebene bestehen etwa 200 Ortsgruppen.

Seit 1958 besteht die Jugendorganisation GDL-Jugend. Sie vertritt die gewerkschaftspolitischen Interessen der GDL-Mitglieder bis zum 27. Lebensjahr in der Gewerkschaft. Die Gewerkschaft gibt eine Mitgliederzeitschrift namens Voraus mit zehn Ausgaben pro Jahr heraus ().

In der Frankfurter Zentrale der GDL arbeiten 38,Manfred Schell: Die Lok zieht die Bahn. Rotbuch-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86789-059-5, S. 185. in den sieben regionalen Geschäftsstellen 20 weitere Vollzeitbeschäftigte.Christian Tenbrock: Bahnstreik: Ein Mann will nicht bremsen. In: Die Zeit, Nr. 29/2007

Geschichte Vorläufer mini|Mitgliedsbuch 1920er, Bahnmuseum Nürnberg

1867 wurde der Verein Deutscher Lokomotivführer (VDL) gegründet.Markus Meinold: Die Lokomotivführer der Preußischen Staatseisenbahn 1880–1914. Hövelhof 2008, ISBN 978-3-937189-40-6, S. 13, 140ff. Dessen Satzung wurde 1904 vom Kaiserlichen Aufsichtsamt für Privatversicherung genehmigt.Eisenbahndirektion Mainz (Hrsg.): Amtsblatt der Königlich Preußischen und Großherzoglich Hessischen Eisenbahndirektion in Mainz vom 9. April 1904, Nr. 19. Bekanntmachung Nr. 164, S. 276. Infolge der Gründung der Preußisch-Hessischen Eisenbahngemeinschaft 1897 wurde der Verein 1907 in Verband preußisch-hessischer Lokomotivführer (VPHL) umbenannt. Zu den frühen Leistungen der Verbände gehörten auch eine Unfallkasse, eine Rechtsschutzversicherung und die Unterstützung Not leidender Lokführerfamilien.Manfred Schell: Die Lok zieht die Bahn. Rotbuch-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86789-059-5, S. 65 f. Wichtiges Ziel war es zunächst, von dem Status als Unterbeamte weg zu kommen und den Status als Subalternbeamte (mittlerer Beamtenrang) zugestanden zu erhalten. Dennoch beruft sich die GDL in ihrer Tradition auf diese Verbände und betrachtet sich als älteste deutsche Gewerkschaft, obwohl z. B. der GEW-Vorläufer Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens bereits 1805 gegründet wurde.

Nachdem die Weimarer Verfassung auch Beamten die Koalitionsfreiheit eingeräumt hatte, entstand aus dem Verband 1920 die GDL.Siegfried Mielke, Stefan Heinz: Eisenbahngewerkschafter im NS-Staat. Verfolgung – Widerstand – Emigration (1933–1945) (= Gewerkschafter im Nationalsozialismus. Verfolgung – Widerstand – Emigration. Band 7). Metropol, Berlin 2017, ISBN 978-3-86331-353-1, S. 49. Die GDL hatte Anfang der 1930er-Jahre über 70.000 Mitglieder.

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland nahm die GDL 1933 wieder ihren ursprünglichen Namen „Verein Deutscher Lokomotivführer“ aus dem Jahr 1867 an, um das politische Reizwort „Gewerkschaft“ zu vermeiden. Am 16. Dezember 1933 legte der Vorsitzende des VDL auf Grund wachsenden politischen Drucks sein Amt nieder, die Organisation wurde zur Marionette der Nationalsozialisten. Am 12. November 1936 wurde der VDL formal in den Reichsbund der Deutschen Beamten eingegliedert. Einige führende Mitglieder der GDL wie Otto Scharfschwerdt wurden von den Nationalsozialisten verfolgt, teils mehrfach inhaftiert und ermordet.

Wiedergründung nach dem Zweiten Weltkrieg Erste Ortsverbände der GDL wurden 1946 wiedergegründet. 1949 fand die erste Generalversammlung nach dem Zweiten Weltkrieg statt; dabei wurde auch der Beitritt zum Deutschen Beamtenbund beschlossen.

Ausdehnung nach der Wiedervereinigung Am 24. Januar 1990 wurde die GDL-Ost im Bahnbetriebswerk Halle PManfred Schell: Die Lok zieht die Bahn. Rotbuch-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86789-059-5, S. 95 f. als erste freie Gewerkschaft in der DDR wiedergegründet. Die erste Generalversammlung der GDL-Ost, auf der auch eine Satzung beschlossen wurde, fand am 3. und 4. Juli 1990 in Halle statt.Manfred Schell: Die Lok zieht die Bahn. Rotbuch-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86789-059-5, S. 102.

Anfang Juli 1990 organisierte die GDL-Ost Warnstreiks, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, im Rahmen der Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion die Löhne der Reichsbahn-Lokomotivführer im Verhältnis 1:1 (statt, wie geplant, 2:1) umzurechnen. Im November gleichen Jahres folgten Tarifgespräche, in denen unter anderem die 40-Stunden-Woche vereinbart wurde.Manfred Schell: Die Lok zieht die Bahn. Rotbuch-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86789-059-5, S. 104 f. Nach eigenen Angaben organisierte die GDL im Jahr 1990 binnen neun Monaten etwa neunzig Prozent (rund 15.000) der Lokomotivführer in den neuen Bundesländern. In Westdeutschland waren bis Ende der 1980er etwa 98 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder Beamte gewesen, die nicht streiken durften.

Am 29. Januar 1991 schlossen sich GDL West und Ost in Kassel zu einer gesamtdeutschen Gewerkschaft zusammen.

Vorsitzende Mario Reiß (seit 2024) Claus Weselsky (2008–2024) Manfred Schell (1989–2008) Karl KleinWalter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 642.

Tarifpolitische Ereignisse Auflösung der Bahntarifgemeinschaft Mit dem Verweis auf unvereinbare tarifpolitische Ziele löste sich die GDL im Juli 2002 aus der Tarifgemeinschaft der Deutschen Bahn, die sie bis dahin mit der gleichfalls zum dbb beamtenbund und tarifunion gehörenden GDBA sowie der DGB-Gewerkschaft Transnet bildete. Im November 2002 scheiterte ein Ergänzungstarifvertrag, der u. a. bis zu 18 zusätzliche unbezahlte Schichten pro Jahr bei DB Regio vorsah, am Widerstand der GDL. In kurzer Zeit traten daraufhin nach GDL-Angaben rund 3.000 Mitarbeiter des Zugbegleitdienstes in die GDL ein.Manfred Schell: Die Lok zieht die Bahn. Rotbuch-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-86789-059-5, S. 154, 159

Im Februar 2003 schlug die GDL erstmals einen Spartentarifvertrag für das Zugpersonal vor. Verhandlungen zwischen März und Mai 2003 zwischen DB AG und der Gewerkschaft scheiterten; am 6. März 2003 folgte ein Warnstreik. Ein Schlichtungsverfahren blieb ergebnislos. Ein Gerichtsurteil bescheinigte der GDL, für einen eigenen Tarifvertrag streiken zu dürfen. Eine im Mai 2003 zwischen DB und GDL vereinbarte Regelungsabrede legte die Tarifführerschaft der GDL fest: Belange der Lokführer dürfen nicht über die GDL hinweg entschieden werden. Im Februar 2005 scheiterten Verhandlungen über einen Flächentarifvertrag; nach Angaben der GDL kam es, neben einem Kündigungsschutz und Fragen der Arbeitszeit, zu keiner signifikanten Einkommensverbesserung des Fahrpersonals. Im August 2005 wurden Verhandlungen zwischen DB und GDL über Langzeitarbeitskonten und einen Sozialsicherungstarifvertrag aufgenommen. Diese scheiterten, da keine Einigung über die Verwendung der Mittel erreicht wurde. Im Anschluss legte die GDL einen Qualifizierungstarifvertrag vor, über den seither keine Verhandlungen mehr erfolgten.

Tarifstreit und Streiks 2007/2008 mini|Warnstreik der GDL am Leipziger Hauptbahnhof (Juli 2007)

Im Mai 2006 beschloss die Generalversammlung der GDL die Forderung nach einem eigenständigen Fahrpersonaltarifvertrag (insbesondere Lokführer, Zugbegleiter und Mitarbeiter der Bordgastronomie). Diesen stellte sie im Frühjahr 2007 als Modell vor. Er sah bessere Arbeitsbedingungen und eine Erhöhung des Grundentgeltes um bis zu 40 Prozent vor, wobei einige Zulagen der heutigen Entgeltsystematik in das Grundentgelt integriert werden sollten. Die Deutsche Bahn war bisher nicht bereit, über einen solchen Spartentarifvertrag zu verhandeln.