mini|hochkant=1.2|QVOD TIBI HOC ALTERI – „Was [du] dir [wünschst], das [tu] dem andern“. Inschrift am Braunschweiger Gewandhaus
Als Goldene Regel () bezeichnet man einen alten und verbreiteten Grundsatz der praktischen Ethik. Positiv formuliert lautet sie:
Die negative Form ist als gereimtes Sprichwort bekannt:
Anglikanische Christen prägten den Ausdruck golden rule seit 1615 zunächst für die in der Bibel überlieferten Regelbeispiele (; ; ), die das Toragebot der Nächstenliebe () als allgemein gültiges und einsehbares Verhalten auslegen. Die christliche Theologie sah darin seit Origenes den Inbegriff eines allgemein einsichtigen Naturrechts, durch das Gottes Wille allen Menschen von jeher bekannt sei.Thomas Jackson: First Sermon upon Matthew 7,12 (1615; Werke Band 3, S. 612); Benjamin Camfield: The Comprehensive Rule of Righteousness (1671); George Boraston: The Royal Law, or the Golden Rule of Justice and Charity (1683); John Goodman: The Golden Rule, or, the Royal Law of Equity explained (1688; ); dazu Olivier du Roy: The Golden Rule as the Law of Nature. In: Jacob Neusner, Bruce Chilton (Hrsg.): The Golden Rule – The Ethics of Reprocity in World Religions. London / New York 2008, S. 94.
Ähnliche, negativ oder positiv formulierte Merksprüche oder Lehrsätze sind seit dem 7. Jahrhundert v. Chr. in religiösen und philosophischen Texten aus China, Indien, Persien, Altägypten und Griechenland überliefert. Diese Texte entstanden teilweise zeitlich parallel und werden nicht auf eine gemeinsame Quelle zurückgeführt. Wie das fortbestehende Vergeltungsprinzip (ius talionis) und das Tauschprinzip (do ut des) sind sie auf Wechselseitigkeit im Sozialverhalten bezogen und wenden sich an jede Person, setzen also ein Individualitäts- und Gattungsbewusstsein in nicht mehr überwiegend tribalistisch organisierten Gesellschaftsformen voraus. Seit außereuropäische Analogien in Europa bekannt wurden, bezog man den Ausdruck Goldene Regel auch darauf. Seitdem bezeichnet er einen angenommenen ethischen Minimalkonsens unterschiedlicher Kulturen und Weltanschauungen und eine „unschätzbare Nützlichkeit“ als ethischer Wegweiser.Oxford English Dictionary. Compact Edition. Vol. I. Oxford University Press, Oxford 1971, S. 280.
Die Regel erwartet Wechselseitigkeit menschlichen Handelns und appelliert daran.Maximilian Forschner et al. (Hrsg.): Lexikon der Ethik. 7. Auflage. Beck, München 2008, ISBN 978-3-406-56810-7, S. 118 (Google Buch). Sie verlangt einen Perspektivenwechsel und macht das Sich-Hineinversetzen in die Lage Betroffener zum Kriterium für moralisches Handeln. Das gilt auf jeden Fall als Schritt zu ethischer Eigenverantwortung mit der Kraft zur Selbstkorrektur: Missbräuchliche, wörtliche Anwendungen der Regel können wiederum mit ihr auf moralische Konsistenz befragt werden.Jeffrey Wattles: The Golden Rule. 1996, S. 6.
Da sie keine inhaltliche Norm für richtiges oder falsches Verhalten benennt, wurde sie historisch verschieden gedeutet: etwa als Appell an eigennützige Klugheit, die Vor- und Nachteile zu erwartender Reaktionen auf das eigene Handeln zu bedenken, oder als Forderung nach Fairness, die Interessen und Wünsche Anderer als gleichwertig mit den eigenen zu berücksichtigen, oder als Achtung der Menschenwürde Anderer, die allgemeingültige Maßstäbe für ethisches Handeln impliziert.Bruno Schüller: Die Begründung sittlicher Urteile. Typen ethischer Argumentation in der Moraltheologie. 3. Auflage. Patmos, Düsseldorf 1993, ISBN 3-491-77551-5, S. 85–91. In der Philosophie der Neuzeit wurde sie oft als ethisch untaugliche Maxime verworfen oder auf verschiedene Weisen ergänzt und präzisiert.
Überlieferung Konfuzianismus
Konfuzius (551–479 v. Chr.) antwortete laut seinen um 200 n. Chr. aufgeschriebenen Analekten einem Schüler auf die Frage, was sittliches Verhalten sei (A. 12,2):
Auf die weitere Frage nach einer Richtschnur des Handelns für das ganze Leben habe er gesagt (A. 15,24):
Der Begriff shù/*n̥a-s, auch übersetzt als Empathie oder Altruismus,Jeffrey Wattles: The Golden Rule. New York / Oxford 1996, S. 17 und S. 194, Fn. 3. hat hier den Rang einer höchsten Tugend für die individuelle lebenslange Charakterbildung. Diese ist nicht auf bestimmte Situationen begrenzt und kennt keine Ausnahmen, so dass diese im Konfuzianismus nicht diskutiert wurden.
An anderer Stelle (A. 4,15) erklärt ein Schüler zhōng/*truŋ (Bewusstheit, Pflicht, Loyalität) und shù/*n̥a-s als verbindendes Glied in allen Lehren des Konfuzius. Diese waren für ihn nicht einfach nach dem Maßstab des anderen unterstellten Eigeninteresses erfüllbar, sondern schlossen auch die dem Handeln vorausgehende kritische Prüfung der eigenen Wünsche ein. So überliefert A. 5,12 folgenden Dialog:
Die nahezu unerreichbare Höhe des Tugendideals drückt der Konfuzius zugeschriebene Text Die Lehre vom Mittel (3. Jahrhundert) aus. Dort wendet dieser die Regel auf familiäre und soziale Verhältnisse an. Von vier Wegen des moralisch edlen Menschen habe er selbst nicht einmal einen erfüllt (Lǐjì:Zhōngyōng 13):
Die reine Erfüllung einer vorgegebenen Rangordnung von Tugendpflichten erreiche Konfuzius zufolge noch keine moralische Güte. Vielmehr komme es überall auf die oberste Tugend des rén 仁 – übersetzt als »Mitmenschlichkeit« – an. Diese lasse sich nicht in Ritualen erfüllen, sondern fordere individuelle Spontaneität und Kreativität. Die Regel wird demnach in A. 12,2 mit Achtung vor fremden Kulturen, Großzügigkeit und Gastfreundschaft in Beziehung gesetzt, dient also dem Erlernen und Ausüben der Mitmenschlichkeit in der eigenen Familie ebenso wie im Ausland. In A. 6,30 wird der Wunsch zur eigenen Charakterbildung an das Fördern des Charakters anderer gekoppelt und gefolgert:
Hinduismus Das Mahabharata, eine Grundlagenschrift des Hinduismus und Brahmanismus (entstanden von 400 v. bis 400 n. Chr.), enthält als zentrales Prinzip:
Weitere positive und negative Regelfassungen des Mahabharata zitiert der Indologe und Sinologe Konrad Meisig: „Die Tat, von der der Mensch nicht wünscht, daß sie ihm von anderen angetan wird, die begehe er nicht an anderen, da er sie ja als ihm selbst unlieb erkennt.“ (12, 251, 19) „Was immer man für sich selbst wünscht, das beherzige man auch beim anderen!“ (12, 251, 21) „Der Wissende möge alle Wesen behandeln wie sich selbst.“ (12, 268, 10, Lesart ab) „Man gebe nicht dem anderen das, was einem selbst zuwider ist!“ (13, 114, 8ab) Dieses Prinzip hieß auf Sanskrit atmaupamya, übersetzt als „Sich-selbst-zum-Gleichnis-nehmen“. Die Einbeziehung aller Lebewesen kennzeichnet die hinduistische gegenüber der konfuzianischen Regeltradition.Konrad Meisig: Der frühe Buddhismus in chinesischen Quellen. In: Konrad Meisig (Hrsg.): Chinesische Religion und Philosophie: Konfuzianismus - Mohismus - Daoismus - Buddhismus: Grundlagen und Einblicke. Otto Harrassowitz, Wiesbaden 2006, ISBN 3-447-05203-1, S. 12 (Google Buch).
Jainismus Im Sutrakritanga, einer kanonischen Schrift des Jainismus, die Mahaviras Lehren überliefert (entstanden 600–300 v. Chr.), heißt es in der zehnten Lesung über Achtsamkeit:
Buddhismus Im Dhammapada, einer Spruchsammlung des zum Buddha gewordenen Siddhartha Gautama aus dem fünften Jahrhundert v. Chr., handelt das 12. Kapitel vom Selbst. Aus Selbstliebe (157) folge, dass der Weise, um sich nicht zu schaden, erst selbst den Pfad zur Erleuchtung gehen müsse, bevor er andere belehre (158). Nur wer sein eigenes Selbst zähme, könne andere zähmen; ersteres sei schwer (159).Jack Maguire (Hrsg.), Friedrich Max Müller (Übersetzer): Dhammapada: Annotated and Explained. Jewish Lights Publications, Nashville (Tennessee) 2002, ISBN 1-893361-42-X. Diese zentrale Lehre des Buddhismus sahen westliche Forscher schon im 19. Jahrhundert als Version der Regel an.Henry Steel Olcott: The Golden Rules of Buddhism. (1887) The Theosophical Publishing House, Adyar / Wheaton / London 1967.
Andere aus einsichtiger Selbstwahrnehmung nicht zu verletzen, raten buddhistische Schriften oft, etwa das Udāna aus dem 6. Jahrhundert v. Chr.Udana, Kapitel 5 (Sonathera), Abschnitt 1; ins Deutsche übertragen von Kurt Schmidt: Sprüche und Lieder. Buddhistische Handbibliothek. (1954) Reprint: Verlag Beyerlein-Steinschulte, Stammbach 1999, ISBN 3-931095-17-7. Im Samyutta-Nikaya aus dem Pali-Kanon lehrt Buddha ausgehend vom Wunsch jeder Person, nicht zu sterben, für sich Glück zu suchen und Leid zu verabscheuen:
Daraus folgert er die sieben heilvollen Handlungsweisen, an erster Stelle: sich des Tötens von Lebendigem zu enthalten und andere für dieses Absehen vom Töten zu loben. Dies sei der rechte Lebenswandel in Werken, über den sich Jeder völlig klar werden könne. Dies ist hier keine Anweisung, sondern eine aus Selbstbeobachtung gewonnene Einsicht und so Basis aller ethischen Regeln (der Fünf Silas).John Hick: Religion. Die menschlichen Antworten auf die Frage nach Leben und Tod. Diederichs, München 1996, ISBN 3-424-01311-0, S. 337. Im Buddhismus steht besonders das Analogieprinzip für ein gegenseitiges Mitgefühl (Karuna). Geübt wird es anhand von Metta-Meditationen, etwa dem Metta-Sutta, thematisiert zum Beispiel im Herz-Sutra.
Altorientalische Weisheit Die Spruchsammlung des Achiqar (um 700 v. Chr.), die ältere Sprüche anderer Quellen aufnahm,Ingo Kottsieper: Die Geschichte und die Sprüche des weisen Achiqar. In: Otto Kaiser, Günter Burkhard: TUAT. Band 3, Lieferung 2: Weisheitstexte II. Gerd Mohn, Gütersloh 1991, ISBN 3-579-00073-X, S. 322 f. war im Alten Orient als Teil einer Weisheitserzählung über einen assyrischen Hofbeamten weit verbreitet. In der nachchristlichen Übersetzung einer frühen, verlorenen syrischen Version in das Armenische finden sich Ratschläge des Achiqar an seinen Sohn, darunter:
Sprüche aus der Achiqar-Erzählung beeinflussten eventuell auch die Lehre des Chascheschonqi (400–30 v. Chr.).Miriam Lichtheim: Late Egyptian Wisdom Literature in the International Context: A Study of Demotic Instructions. Orbis Biblicus et Orientalis, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1983, ISBN 3-525-53674-7, S. 33 ff. Darin heißt es:
Diese in Kolumne 15,23 fast wörtlich wiederholte Aussage steht im Kontext des Maat-Prinzips, das an einen Tun-Ergehen-Zusammenhang gekoppelt war.
Zoroastrismus Die mittelpersische Schrift Shâyast lâ-shâyast („Angemessenes und Unangemessenes“, 650–690) zählt die rechten und unrechten Taten des Menschen auf. Sie nennt als religiöse Hauptziele unter anderen:
Die Schrift Dâdistân-î Dinik (um 880) überliefert den Antwortbrief eines Hohepriesters auf einen Fragenkatalog von Weisen des Zoroastrismus. Im Schlusskapitel erörtern die Empfänger seine Antworten: Der vom Schöpfergott Ahura Mazda gegebene Weg des Guten werde durch allerlei von Ahriman, seinem bösen Gegenspieler, eingegebene Gedanken und Ablenkungen gefährdet. So wie der Dämon den Schöpfer nicht verletzen könne, sondern nur sich selbst, so könnten böse Gedanken nur einen selbst verletzen. Daraus wird gefolgert,
Griechisch-römische Antike In Homers Odyssee (schriftlich fixiert um 720 v. Chr.) lässt im Fünften Gesang die Nymphe Kalypso den Odysseus nach siebenjährigem Festhalten frei und verspricht ihm dabei, ihm ebenso beizustehen, wie sie sich selbst in seiner Lage raten würde. Sie habe ein Herz voller Mitgefühl.Homer: Odyssee. Übersetzer: Johann Heinrich Voß. Insel Verlag, 1990; Da sie dieses erst auf Befehl des Gottes Zeus und als versuchte Wiedergutmachung eigenen Unrechts entdeckt, gilt es hier als Ausnahme.