Die Befreiung von Paris () fand während des Zweiten Weltkriegs im Verlauf der Operation Overlord gegen Ende August des Jahres 1944 statt.
In der seit Juni 1940 von deutschen Truppen besetzten Hauptstadt Frankreichs begann Mitte August 1944 ein Generalstreik, dem ab 19. August ein offener Aufstand der französischen Widerstandskämpfer folgte. Zu dessen Unterstützung stießen alliierte Verbände in Richtung Paris vor. Nachdem die Aufständischen den Großteil der Stadt kontrollierten und die ersten alliierten Truppen deren Zentrum erreichten, kapitulierte der deutsche Stadtkommandant Dietrich von Choltitz am 25. August 1944 unter Missachtung ausdrücklicher Befehle Hitlers gegenüber Kräften der Résistance unter dem Kommando von Colonel Rol und den alliierten Truppen unter dem Befehl von General Leclerc de Hauteclocque. Das Mémorial Leclerc erinnert an die Ereignisse.
Ausgangssituation mini|links|Karte der Normandie und der Truppenstärken und -bewegungen (Zeichenerklärung siehe Militärische Symbole)
Am 6. Juni 1944 landete im Rahmen der Operation Overlord unter dem Oberkommando des von US-General Dwight D. Eisenhower geführten Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force (SHAEF) ein alliiertes Expeditionskorps in der Normandie, um in Westeuropa die zur Entlastung der Sowjetunion im November 1943 auf der Konferenz von Teheran beschlossene Zweite Front zu eröffnen. Bis dahin hatte ab 1941 auf dem europäischen Festland abgesehen von der alliierten Invasion Siziliens und anschließend ganz Italiens ab Juli 1943 einzig die Rote Armee als reguläre Streitmacht den Achsenmächten Widerstand geleistet. Danach sollten die alliierten Verbände weiter ins Inland vorrücken und Frankreich befreien. Am 15. August 1944 landeten im Rahmen der Operation Dragoon Truppen auch in der Provence (Südfrankreich) und begannen eine Zangenbewegung gegen die deutsche Besatzungsmacht.
Der alliierte Vorstoß zur Seine mini|Alliierter Vorstoß Richtung Paris
Nach der Einkesselung zweier deutscher Armeen durch die Alliierten bei Falaise zogen sich die dort entkommenen deutschen Truppen in Richtung Seine zurück. Am 19. August diskutierte US-General Eisenhower, Oberkommandierender der alliierten Streitkräfte, mit seinen Armeegruppenkommandeuren die Verfolgung des zurückweichenden Gegners. Bei dieser Diskussion nahmen sich die Alliierten vor, die deutschen Streitkräfte westlich der Seine aufzureiben.
Um dieses Ziel zu erreichen, befahl General Bernard Montgomery als Kommandeur der SHAEF-Bodentruppen der kanadischen 1st Army und der 12th Army Group, die nördlichen und südlichen Seiten des von den Deutschen besetzten Gebietes zu sichern, während weitere Einheiten der 12th Army Group nordwärts zur Seinemündung vorrücken sollten, um dort den deutschen Rückzug zu stoppen. Die 21st Army Group sollte erst den Kessel von Falaise unter alliierte Kontrolle bringen und das Gebiet von deutschen Soldaten befreien.
Diese Dislozierung alliierter Einheiten führte kurz darauf zu einem erheblichen Durcheinander bei der alliierten Nachschubversorgung. Bereits am 19. August gab Eisenhower bekannt: „rapid advances and consequent overlapping in attacks on a converging and fluent front.“ (Deutsch: „schnelle Vorstöße und daraus folgende Überschneidungen bei den Angriffen auf einer sich annähernden und fließenden Front.“)Forrest C. Pogue: United States Army in World War II – European Theater of Operations: The Supreme Command, S. 216; Abgerufen am 31. Juli 2006.
Auf der deutschen Seite wurden die Einheiten neu gruppiert: Vom Ärmelkanal bis Laigle waren die Reste der 7. Armee, von dort bis Paris-West die Reste der 5. Panzerarmee und bei Paris und an der oberen Seine die 1. Armee aufgestellt.
Generalfeldmarschall Walter Model, Oberbefehlshaber im Westen vom 16. August 1944 bis zum 3. September 1944, erhielt am 19. August Befehle wie folgt: „1. Verhinderung des Übergangs über die Seine abwärts [südlich] von Paris, notfalls durch Heranführen von 2 SS=P[an]z[er].=Brigaden; 2. Verhinderung des feindl. Vordringens nach Norden auf dem Westufer der Seine, und zwar derart, daß äußerstenfalls die 7. Armee hinter die untere Seine zurückgeführt werden dürfte; 3. Freikämpfen der Verbindung zwischen dem Sperrgürtel von Paris und dem AOK 1 [Armeeoberkommando 1 (= 1. Armee)] durch Panzerverbände, Behauptung des Raums vorwärts Paris und dadurch Sicherstellung der Rückführung der 19. Armee.“Percy E. Schramm (Hrsg.): Kriegstagebuch des Oberkommandos der Wehrmacht 1944–1945, Teilband 1, ISBN 3-7637-5933-6, S. 358.
Teile der 1st US-Army und der 3rd US-Army rückten ab dem 20. August nordöstlich an der linken Seite der Seine vor, woraufhin die 3rd US-Army am selben Tag einen Brückenkopf über die Seine bei Mantes-Gassicourt aufbaute und danach mit Teilen der Armee nach Norden Richtung Vernon marschierte. Teile der 1st US-Army erreichten drei Tage später, am 23. August, die Stadt Évreux und weitere zwei Tage später Elbeuf, das etwa elf Meilen südwestlich von Rouen liegt. Die britische 2nd Army startete ihren Vormarsch in Richtung Seine ebenfalls am 20. August und rückte bis zum 26. August nach Louviers vor. Das II. Corps der 1st Canadian Army erreichte am selben Tag die Seine und traf bei Elbeuf mit US-Verbänden zusammen. General Henry Crerar, Kommandeur der 1st Canadian Army, ließ das zweite ihm zur Verfügung stehende Korps nahe dem Ärmelkanal in Richtung Seine vorrücken. Trotz schwerer Kämpfe bei Pont-l’Évêque und Lisieux erreichte das Korps am 27. August die Seine.
Ab dem 26. August schlossen die Alliierten die Deutschen in neuen Kesseln und Fallen zwischen Elbeuf und Le Havre ein und griffen die fliehenden Einheiten aus der Luft mit Bombern und vom Boden aus mit Panzern an. Deutsche Generale sagten später aus, dass sie überrascht waren, überhaupt irgendetwas über die Seine transportieren zu können.Forrest C. Pogue: United States Army in World War II – European Theater of Operations: The Supreme Command. Kap. XI: The Breakout and Pursuit to the Seine (S. 217; siehe Fußnote 68)
Der Kampf um Paris mini|Film „La Libération de Paris“ über die Befreiung von Paris, erstellt durch die französische Résistance, 1944, 30 Min., jetzt publ. durch INA
Ursprünglich sahen die alliierten Pläne vor, die Stadt zu umgehen und erst später zu erobern. Die Pariser Bevölkerung sowie auch die alliierten Soldaten erwarteten jedoch, dass die Stadt bald befreit werden würde.
Nachdem die Pariser Bevölkerung im Jahr 1944 auf dem Schwarzmarkt die Lebensmittel zum größten Teil nicht mehr bezahlen konnte, stieg die Anzahl der Hungernden an. Die Pariser schlossen sich daraufhin in immer größeren Scharen der Résistance an. Dies taten, als Ausnahmen, auch drei Deutsche, die Soldaten der Kriegsmarine Kurt Hälker und Hans Heisel sowie der Angestellte des auswärtigen Dienstes Karl-Heinz Gerstner. Sie informierten ihre neuen Kameraden auch über beabsichtigte Verhaftungen sowie den Befehl Hitlers zur Zerstörung der Pariser Industrie.
Französischer Widerstand Nach dem schnellen alliierten Vorstoß in Richtung Paris traten ab dem 10. August die Pariser U-Bahn sowie die Gendarmerie und die Polizei in den Streik (teils auf Druck der Résistance, teils aus freien Stücken); ab dem 16. August streikten auch die Postboten. Die Deutschen reagierten darauf, indem sie in der Nacht des 16. August 35 französische Jugendliche beim Carrefour des Cascades im Bois de Boulogne erschossen. Als sich weitere Arbeiter der Streikbewegung anschlossen, kam es am 18. August, am Tag als alle Résistants zur Mobilmachung aufgefordert wurden, zum Generalstreik.
Am Morgen des 19. August griffen Widerstandskämpfer spontan deutsche Wagenkolonnen an, die auf den Champs-Élysées fuhren. Unorganisiert und unzureichend bewaffnet, besetzten sie Polizeistationen, Ministerien, Zeitungsredaktionen und das Hôtel de Ville (Rathaus). Sie setzten Jagdgewehre, alte, erbeutete oder provisorische Waffen ein, beispielsweise Molotow-Cocktails. (PDF)
Am Abend des 19. August bat von Choltitz um eine Feuerpause, um die Lage zu prüfen. Er und Repräsentanten der Résistance vereinbarten eine Waffenruhe bis zum Mittag des 23. August, damit deutsche Truppen westlich von Paris nach Osten zurückgezogen werden konnten, ohne sich ihren Rückzugsweg freikämpfen zu müssen. Einige Résistance-Kämpfer nutzten die Situation, um das Innenministerium (Sitz der Gestapo), das Rathaus und andere öffentliche Gebäude einzunehmen.Forrest C. Pogue: The Supreme Command, S. 240.
Eingreifen der alliierten Streitkräfte General de Gaulle, inzwischen von Algier nach Frankreich gekommen, sagte am 21. August zu General Eisenhower, er sei beunruhigt, dass der extreme Nahrungsmittelmangel zu Aufruhr in Paris führen könnte. Er halte es für notwendig, Paris so schnell wie möglich mit französischen und alliierten Truppen zu befreien, auch dann, falls es einige Kämpfe und Zerstörungen in Paris geben sollte.
De Gaulle nominierte General Marie-Pierre Kœnig als Militärbefehlshaber von Paris und beauftragte ihn, mit Eisenhower die Frage der Befreiung von Paris zu erörtern. Eisenhower sagte nach dem Gespräch mit Kœnig: (Deutsch: „Es sieht jetzt so aus, als ob wir gezwungen wären, nach Paris zu gehen. Bradley und seine G-2 denken, wir können und müssen reinmarschieren.“)Forrest C. Pogue: The Supreme Command, S. 240 f.
Am Abend des 22. August befahl daraufhin Dwight D. Eisenhower General Omar Bradley, Paris einzunehmen. Nach immer heftigeren Kämpfen zwischen Widerstandskämpfern und Deutschen waren am 24. August etwa drei Viertel von Paris in der Hand der Résistance, das Zentrum behaupteten jedoch immer noch die Deutschen. Die Alliierten gaben der französischen 2e Division Blindée (2. Panzerdivision) unter Generalmajor Leclerc den Befehl, in Paris einzurücken. Auf britisch-amerikanischen Wunsch hin hatte man diese Division ausgewählt, da sie sich weitgehend aus Soldaten aus dem französischen Mutterland rekrutierte, während ein Großteil der freifranzösischen Truppen aus den Kolonien in Französisch-Westafrikas kam. Die drei aus Tirailleurs sénégalais bestehenden mechanisierten Infanteriebataillone der Division wurden gegen französische und spanische Freiwillige ausgetauscht.Zaloga, S. 32. Leclercs Truppen stießen bei ihrem Vorstoß aus Richtung Südwesten vereinzelt auf Widerstand und verloren etwa 300 Mann, 40 Panzer und Panzerhaubitzen sowie mehr als 100 andere Fahrzeuge. Am Abend des 24. August ließ Leclerc eine kleine Panzerkolonne in die Stadt fahren und bis zum Rathaus vorrücken, das unter französischer Kontrolle war. Dabei handelte es sich um „La Nueve“ (Spanisch: „Die Neunte“), eine hauptsächlich aus spanischen Soldaten bestehende Einheit der freien französischen Streitkräfte. Unter dem französischen Kommandanten Raymond Dronne wurde „La Nueve“ die erste militärische Einheit, die dorthin vordrang; an diese zuvor weitgehend vergessenen Soldaten erinnert seit 2004 eine Tafel nahe dem Hôtel de Ville. Am Morgen des 25. August standen Leclercs Division und die 4. US-Infanteriedivision im Zentrum von Paris.
Deutsche Kapitulation mini|Ein Spähpanzer der US-Armee (M8 Greyhound) vor dem Arc de Triomphe mini|Befehlshaber der Westalliierten in Paris, 1944 mini|28th US-Infantry Division beim Parademarsch in Paris am 29. August 1944