Der Leinakanal ist ein mittelalterliches künstliches Fließgewässer, das zur Versorgung der wasserarmen Stadt Gotha angelegt wurde. Das technische Denkmal befördert noch heute Wasser aus dem Thüringer Wald über knapp 30 km nach Gotha.

Verlauf links|mini|Verlauf des Leinakanalsystems Der Leinakanal entsteht durch eine künstliche Bifurkation des Hörsel-Oberlaufes Leina bei Schönau vor dem Walde und erhält daher seinen Namen. Der Abschlag der Kleinen Leina befindet sich oberhalb der Ortslage rd. 100 m nördlich des Schwimmbades. Über Emleben gelangt das Wasser nach Gotha. Dort fließt er nördlich der Gartenstraße und östlich der Remstädter Straße nach 29,5 Kilometern mit dem Wiegwasser zusammen, von wo aus ein 1,4 km langer, kanalisierter und westlich paralleler Verbindungsarm zum Wilden Graben führt, der im Norden der Stadt erreicht wird.

Rund drei Jahrhunderte nach der Anlage des Leinakanals wurde der Floß- oder Flößgraben gebaut. Er zweigt – ebenfalls als Bifurkation – oberhalb von Georgenthal von der Apfelstädt ab. Da die Apfelstädt hier geteilt wird, heißt dieses wassertechnische Bauwerk Teiler. In Emleben verstärkt das Wasser des insgesamt 11,0 Kilometer langen Flößgrabens ganz erheblich den von Schönau kommenden, bis hierhin 11,4 Kilometer langen Leinakanal. Der obere Teil des Leinakanals von Schönau v. d. Walde bis Emleben wird seitdem Kleiner Leinakanal genannt. (Freundeskreis Leinakanal) — PDF, 1,76 MB

Bedeutung mini|links|Noch heute speist der Leinakanal die Gothaer Wasserkunst Die Stadt Gotha deckte ihren Wasserbedarf ursprünglich aus Brunnen. Mit wachsender Einwohnerzahl wurde dies jedoch immer schwieriger. Zahlreiche Brände machten eine ausreichende Wasserversorgung immer dringender. Der Kanal hatte grundlegende Bedeutung für die Entwicklung von Gotha. Er diente über Jahrhunderte der Bereitstellung von Trink-, Brauch- und Löschwasser sowie als Antriebskraft für Mühlen. Mit der Verstärkung durch den Flößgraben wurde er auch zum Transportweg für Holz. Im gesamten 18. Jahrhundert und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde sein Wasser auch für den Betrieb der Springbrunnen am Gothaer Schloss Friedrichsthal und in der Orangerie genutzt. Beide Anlagen liegen direkt unterhalb des Leinakanals im Schlosspark der Residenzstadt.

Durch den Bau von Talsperren ging die Bedeutung des Leinakanals stark zurück, erlosch aber bis in die Gegenwart nicht gänzlich. Noch heute füllt sein Wasser die Gothaer Parkteiche und die Wasserkunst auf dem Gothaer Hauptmarkt.

1978 wurde der Leinakanal in die Liste der technischen Denkmale aufgenommen und wird heute als Kulturdenkmal in der Denkmalliste geführt. Das 1991 geschaffene Wappen des Landkreises Gotha enthält – in der Form einer silbernen Wellenlinie – ein stilisiertes Abbild des Leinakanals.

Zahlenangaben Um die technische Meisterleistung mittelalterlicher Vermessungskunst deutlich werden zu lassen, wird der Leinakanal von seinem Beginn bis zur ehemaligen Münze im Schlosspark von Gotha betrachtet. Von hier aus hat er (historisch gesehen) Schloss Friedenstein und Gotha durch ein verzweigtes System von Leitungen und Gräben mit Wasser versorgt. Das Gefälle in dem letzten Teil des Leinakanals passte sich den natürlichen Gegebenheiten der stark abfallenden Gothaer Altstadt an.

Zwischen den beiden Betrachtungspunkten (Beginn und Münze) misst der Kanal, der sich an den Höhenlinien orientiert, 28,6 km (Luftlinie knapp 12 km). Das Verhältnis zwischen Verlauf des Kanals und der Luftlinie beträgt 1:2,38.

Die Höhenverhältnisse verdienen besondere Beachtung, da sie wesentliche Anhaltspunkte für die technische Meisterleistung liefern. Der Leinakanal beginnt bei 381 m ü. NN. Die ehemalige Münze liegt bei 314 m ü. NN. Der Höhenunterschied von 66,7 m auf die Länge von 28,6 km ergibt ein durchschnittliches Gefälle von rund 2,3 ‰ (Promille). Bedenkt man, dass der Bau der oberschlächtigen Mühlen bereits von Beginn an vorgesehen war, verringert sich das tatsächliche Gefälle zwischen den Mühlen noch weiter.

Betrachtet man den Flößgraben unter gleichen Gesichtspunkten zwischen seinem Beginn am Georgenthaler Teiler (392 m ü. NN) und dem Zusammenfluss mit dem Kleinen Leinakanal in Emleben (339 m ü. NN), dann ergibt sich ein Höhenunterschied von 53 m und auf 11,0 km Länge ein Gefälle von 4,8 ‰. Das ist das größte Gefälle im gesamten Leinakanalsystem.

Geschichte des Leinakanals Chronologie 1369 Bau des Leinakanals von Schönau vor dem Walde nach Gotha zur Wasserversorgung Gothas durch Werkmeister Conradus unter Landgraf Balthasar von Thüringen 1647–1653 Bau des Flößgrabens von Georgenthal nach Emleben unter Herzog Ernst dem Frommen zur Erhöhung der Wasserzufuhr des Leinakanals (Entnahme von 1/8 des Apfelstädtwassers) 1668 Erste Instruktion für die Wasservögte am Leinakanalsystem 1697/98 Ausbau des Flößgrabens unter Herzog Friedrich II. zum Flößen von Scheit- und Brennholz aus dem Thüringer Wald nach Gotha (Entnahme von 1/4 des Apfelstädtwassers) 1733 Erlass eines Floßpatentes unter Herzog Friedrich III. zur Förderung der Holzflößerei und zum Schutz der Flößbediensteten 1830 Errichtung eines Holzhofes an der Reinhardsbrunner Straße in Gotha 1845 Bau des Aquäduktes zwischen Sundhausen und Leina über die Bahnstrecke Halle–Bebra 1895 Abriss der Gothaer Bergmühle am oberen Hauptmarkt und Bau der Wasserkunst (Pumpanlage) und Wasserspiele in Gotha am Schloßberg nach Plänen von Hugo Mairich 1910 Bau der Blockstelle bzw. des Bahnhofes „Leinacanal“ am Aquädukt 1978 Aufnahme des Kanals in die "Liste der technischen Denkmale der DDR" seit 1990 Sanierungsmaßnahmen an Abschnitten des Leinakanals 1991 Aufnahme des Leinakanals in das Wappen des Landkreises Gotha 1994 im Rahmen der Neutrassierung der Bahnstrecke Bau eines Dükers, durch den nun der Leinakanal die Bahnstrecke unterquert 1995 Rekonstruktion der Gothaer Wasserkunst (Pumpanlage und Wasserspiele) zum 100. Jahrestag ihrer Errichtung 1895 1997 Gründung des Arbeitskreises Leinakanal beim Urania K.B.V. Gotha 2006 Gründung des Freundeskreises Leinakanal e. V. 2011 Gründung des Gewässerunterhaltungsverbandes "Flößgraben/Leinakanal" (GUV)

Im Jahr 2019 wird das 650. Jubiläum des Baues des Leinakanales gefeiertFreundeskreis Leinakanal e. V.: Broschüre "Der Leinakanal-Eine Lobby für den (ur)alten Schlingel", Gotha, 2017.

Bau des Kanals und des Flößgrabens mini|Leinawasser-Gedenktafel in Gotha. Der Leinakanal wurde unter dem Thüringer Landgrafen Balthasar, der zum Geschlecht der Wettiner gehört, von seinem Werkmeister Conradus erbaut. Balthasar regierte von 1349 bis 1406. Dokumente zur Entstehung des Leinakanals existieren nicht. Es ist davon auszugehen, dass Pläne für die Überwindung des existenzbedrohenden Wassermangels Gothas im Verlaufe der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden. Wasser war im nahegelegenen Thüringer Wald reichlich vorhanden. Bereits vor Friedrich Myconius (1490–1546; Reformator; enger Vertrauter Martin Luthers; 1. Superintendent der Stadt Gotha) wurde die Meinung laut, dass Balthasar einen Mönch den wasserführenden Graben mit einem Pflug ziehen ließ. Bis heute hat sich diese Überlieferung in Form der Sage vom Kunstfertigen MönchAndreas M. Cramer: Die Gothaer Sagen. Auf hochdeutsch erzählt. Cramer und Kretzschmar, Gotha 2005, S. 17.Der kunstfertige Mönch auf www.echt-gothsch.de erhalten. Heute gewinnt die Auffassung Gewicht, dass der Bau des Leinakanals langfristig geplant wurde, dass den Erbauern um den Werkmeister Conradus sehr genaue Vermessungsgeräte und -methoden zur Verfügung standen und dass der Bau durch Fronarbeit in großem Umfang erfolgte.

Der Bau des Leinakanals wurde 1369 abgeschlossen. Der Zeitpunkt des Beginns der Bauarbeiten ist spekulativ. Vergleicht man sie mit der Bauzeit des Flößgrabens, die sechs Jahre betrug, so könnte man zur Schlussfolgerung kommen, dass die Bauzeit des Leinakanals einen ähnlichen Zeitraum oder noch länger umfasste. Andererseits lassen Vergleiche mit dem Bau römischer Wasserleitungen ähnlichen Umfangs die Schlussfolgerung zu, dass viel kürzere Bauzeiten möglich erscheinen. Der Verlauf des Leinakanals ist über die Jahrhunderte weitgehend unverändert und bis heute erhalten. Sein Wasser wirkte sich positiv auf die Entwicklung der Wirtschaft Gothas aus. Solche Gewerke, wie die Gerber und die Bierbrauer konnten sich erst seit dieser Zeit entfalten. Mahl-, Schneide- und Schleifmühlen nutzten die Wasserkraft des Kanals als Antrieb. Mit dem Leinakanal war es möglich, Mühlen auch innerhalb der Befestigungsanlagen Gothas zu betreiben. Bereits 1378 wurde die Bergmühle auf dem Gothaer Hauptmarkt in historischen Dokumenten erwähnt.

Das Wasser des Kanals diente zunächst auch als Trinkwasser. Jedoch im 16. Jahrhundert legte die Stadtverordnung fest, dass Unrat in den Leinakanal geschüttet werden durfte. Die Ordnung erlaubte: „Aschen und useln inn die Lyna zu schutten sol niemandt vorbotten sein, doch das er dieselbige zurhure, damit sie hinwegk fliesen...“.Karl Friedrich von Strenge, Ernst Devrient: Die Stadtrechte von Eisenach, Gotha und Waltershausen (= Thüringische Geschichtsquellen. NF Bd. 6 = Bd. 9, ). Gustav Fischer, Jena 1909, Nachtrag Urkunde 9, S. 398. Trinkwasser mussten die Gothaer folglich aus Tief- und Laufbrunnen entnehmen.

Entstehung des Leinakanalsystems mini|Leina-Trennung bei Schönau v.d.W. Die Versorgung Gothas mit Nutzwasser über den Leinakanal erfolgte unverändert zirka drei Jahrhunderte. Der steigende Bedarf einerseits und der karstige Untergrund im Kanalabschnitt Schönau andererseits verschlechterten die Lage jedoch wesentlich. Durch Versickern des Wassers konnten in manchem heißen Sommer die Mühlen nicht betrieben werden. Aus diesem Grunde veranlasste Herzog Ernst I. von Sachsen-Gotha und Altenburg, genannt der Fromme, den Bau des Flößgrabens von Georgenthal bis Emleben, der von 1647 bis 1653 gebaut wurde. Die Pläne für diesen Bau lieferte der Forstmeister David Schmidt. Mit dem höheren Wasserstand konnten kurze Baumstücke aus dem Thüringer Wald nach Gotha geflößt (besser: geschwemmt) werden.

Seit der Inbetriebnahme des Flößgrabens sprechen wir vom Leinakanalsystem (umgangssprachlich nach wie vor kurz: Leinakanal). Umgangssprachlich ist auch bemerkenswert, dass noch heute zu einigen Abschnitten des Leinakanals 'Leina' oder 'Lyn' gesagt wird. Sogar auf Karten kann man solch unkorrekte Bezeichnungen finden. Der Abschnitt des Leinakanals von seinem Abschlag von der Leina bis zum Zufluss des Flößgrabens wird seitdem Kleiner Leinakanal genannt. Erst unterhalb der Aufnahme des Flößgrabens heißt er unverändert Leinakanal. Bei sachlicher Bewertung der nicht ganz einheitlichen Namensgebungen kommt man aus heutiger Sicht zu dem Schluss, dass das Leinakanalsystem (1.) aus dem Kleinen Leinakanal, der seinen Anfang am Abschlag von der Leina bei Schönau vor dem Walde nimmt, (2.) aus dem Flößgraben, der am Georgenthaler Teiler von der Apfelstädt abgezweigt wird, und (3.) aus dem Leinakanal von Emleben bis zum Einmünden ins Gothaer Wiegwasser (Ende des Leinakanals) besteht.