Die Wahl zum 17. Deutschen Bundestag fand am 27. September 2009 statt.
Die Unionsparteien und die FDP erreichten zusammen die notwendige Mehrheit für die von beiden Seiten angestrebte Bildung einer schwarz-gelben Koalition.FDP macht Merkel zur Kanzlerin von Schwarz-Gelb auf t-online.de Während die Oppositionsparteien der vorherigen Legislaturperiode FDP, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen deutlich Stimmen hinzugewannen und die besten Ergebnisse ihrer jeweiligen Parteigeschichte erzielten, fielen die Parteien der regierenden großen Koalition in der Wählergunst auf ein historisches Tief. Die SPD erzielte ihr bis zu diesem Zeitpunkt schlechtestes Bundestagswahlergebnis überhaupt, CDU und CSU ihr jeweils schlechtestes nach der ersten Bundestagswahl 1949. Bundeswahlleiter Die Piratenpartei trat 2009 erstmals zur Bundestagswahl an und erreichte mit zwei Prozent das beste Ergebnis unter den Kleinparteien. Die Wahlbeteiligung war mit 70,78 Prozent die niedrigste seit Bestehen der Bundesrepublik und die niedrigste bei einer Wahl zu einem deutschen Nationalparlament nach 1898.
Wahlrecht
Mitgliederzahl des 17. Deutschen Bundestags des Bundeswahlgesetzes (BWahlG) gab für den 17. Deutschen Bundestag – vorbehaltlich abweichender Regelungen (beispielsweise Überhangmandate und Listenerschöpfung) – eine Stärke von 598 Abgeordneten vor. Eine Wahlgesetzänderung zur Beseitigung der im Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 3. Juli 2008 zum negativen Stimmgewicht für verfassungswidrig erklärten Regelungen der Sitzverteilung durch parteiinterne Kompensation von Überhangmandaten wurde zuvor am 3. Juli 2009 mit Stimmen der CDU, CSU, SPD und FDP abgelehnt.
Grundzüge des Wahlsystems Die Abgeordneten des 17. Deutschen Bundestages wurden in einer personalisierten Verhältniswahl in 299 Wahlkreisen gewählt. Wahlberechtigt waren am Wahltag rund 62,2 Millionen Bürger. Jeder Wähler hatte zwei Stimmen: Mit seiner Stimme für die Landesliste bestimmte er – mit Ausnahme der Abweichungen durch Überhangmandate –, mit welcher Stärke die von ihm gewählte Partei im Bundestag vertreten sein würde (rechte Spalte des Stimmzettels, so genannte Zweitstimme). Mit der Stimme für den Kandidaten bestimmte er direkt den Abgeordneten seines Wahlkreises (linke Spalte des Stimmzettels, so genannte Erststimme). Die genaue Mandatszuteilung erfolgt nach Sainte-Laguë/Schepers. (PDF)
Änderung der Wahlkreiseinteilung Da die Zahl der Wahlkreise in den einzelnen Ländern deren Bevölkerungsanteil so weit wie möglich entsprechen muss§ 3 Abs. 1 Satz 2 Bundeswahlgesetz und sich vor allem wegen der anhaltenden Binnenwanderung die Bevölkerungszahl in den neuen Bundesländern reduzierte, wurden mit Gesetz vom 17. März 2008 31 der 299 Wahlkreise neu abgegrenzt. Die Länder Sachsen-Anhalt und Sachsen erhielten jeweils einen Wahlkreis weniger, Niedersachsen und Baden-Württemberg jeweils einen mehr als zuvor.Mitteldeutsche Zeitung: Bundestagswahl – Sachsen-Anhalt verlor einen Wahlkreis – Anlass: Anhaltender Rückgang der Einwohnerzahl – Sachsen geht es genauso – Neun Parteien treten mit Landeslisten an In Ländern mit regelmäßig vielen Direktmandaten für eine Partei und daraus resultierenden Überhangmandaten (Baden-Württemberg, Sachsen, Sachsen-AnhaltAlle bei Bundestagswahlen entstandene Überhangmandate) senkte eine geringere Zahl an Wahlkreisen die Wahrscheinlichkeit des Entstehens von Überhangmandaten, während eine Erhöhung der Wahlkreiszahl dieses erhöhte. So konnte die Wahlkreisänderung zwischen den Ländern auf die Zahl und die Verteilung der Sitze im Bundestag einwirken.Anfall von Überhangmandaten in den Ländern und die Folgen
Organisation Termin Als Tag der Bundestagswahl wurde der 27. September 2009 durch Anordnung des Bundespräsidenten vom 4. Januar 2009 bestimmt (). Zuvor hatte das Bundesministerium des Innern am 4. September 2008 nach Absprache mit den Ländern bekanntgegeben, dass es diesen Termin vorschlagen würde; das Bundeskabinett hatte am 10. Dezember 2008 zugestimmt.
Am selben Tag fanden die vorgezogene Landtagswahl in Schleswig-Holstein sowie die regulär angesetzte Landtagswahl in Brandenburg statt.
Wahlhelfereinsatz Am Wahltag sollten bundesweit rund 630.000 ehrenamtliche Wahlhelfer in 90.000 Wahlvorständen eingesetzt werden. Das gesamte Bundesgebiet war in ca. 80.000 Urnen- und 10.000 Briefwahlbezirke aufgeteilt.
Wahlbeobachtung durch die OSZE Erstmals entsandte die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf Einladung der Bundesregierung von Mitte September bis Anfang Oktober ein Team von fünfzehn Wahlbeobachtern aus dreizehn OSZE-Staaten unter Leitung des Schweizer Diplomaten Gérard Stoudmann nach Deutschland zur Beobachtung der Bundestagswahl. Diese Experten besuchten alle sechzehn Bundesländer, beobachteten aber nicht die zeitgleich stattfindenden Landtagswahlen in Brandenburg und Schleswig-Holstein. Die Beobachtung von Wahlen durch die OSZE in Westeuropa gilt als normaler Standard und hat keinen konkreten Zusammenhang mit der Nichtzulassung einiger Kleinparteien, die bei dieser Wahl allerdings einer der betrachteten Aspekte war.OSZE begutachtet Wahl-Stopp für Pauli-Partei, in Der Spiegel online, am 9. August 2009.
In ihrem Abschlussbericht zieht die OSZE ein überwiegend positives Fazit. Das Fehlen von Einspruchsmöglichkeiten bei einer Rechtsbehörde vor der Bundestagswahl kritisierte sie hingegen, ebenso wie die unspezifischen und nicht messbaren Kriterien für die Zulassung von Parteien zur Wahl durch den Bundeswahlausschuss.Bericht der OSZE zur Bundestagswahl 2009, 14. Dezember 2009, S. 15 f., S. 23.
Parteien mini|Stimmzettel in Nordrhein-Westfalen (Wahlkreis 126: Bottrop-Recklinghausen III). Zur Wahl traten insgesamt 27 Parteien mit Landeslisten an.
Wahlvorschläge durften Parteien einreichen, die seit der vorherigen Wahl durchgehend mit mindestens fünf Abgeordneten im Bundestag vertreten waren (SPD, CDU, FDP, Linke, Grüne, CSU) seit der letzten Wahl durchgehend mit mindestens fünf Abgeordneten in einem Landesparlament vertreten sind (dieselben Parteien wie oben sowie NPD, DVU) oder vom Bundeswahlausschuss als Parteien anerkannt wurden (siehe auch Liste der nicht zur Bundestagswahl 2009 zugelassenen politischen Vereinigungen). Über die Anerkennung als Partei entschied der Bundeswahlausschuss in seiner ersten Sitzung am 17. Juli 2009; von 49Roderich Egeler (Bundeswahlleiter): , Pressemitteilung vom 30. Juni 2009. politischen Vereinigungen und Parteien, die ihre Beteiligung bis zum Ablauf der Einreichungsfrist anzeigten, wurden 21 als Parteien anerkannt. Übersicht über als Parteien anerkannte politische Vereinigungen im Bundeswahlausschuss. Bundeswahlleiter, Pressemitteilung, 17. Juli 2009.
Die Parteien hatten bis zum 23. Juli 2009 um 18 Uhr ihre Wahlvorschläge (Landeslisten und Kreiswahlvorschläge) einzureichen, über deren Zulassung die Landes- beziehungsweise die Kreiswahlausschüsse am 31. Juli 2009 entschieden. Die als Partei anerkannte Demokratische Volkspartei Deutschlands (DVD) reichte keine Landeslisten ein. Insgesamt wurden Landeslisten von 27 Parteien zugelassen (z); einzelne Landeslisten kleinerer Parteien wurden abgewiesen (a), darunter auch die 14 Landeslisten der Freien Union. Die meisten Landeslisten wurden mit jeweils 19 in Bayern und Nordrhein-Westfalen zugelassen; in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Sachsen-Anhalt stellten sich hingegen nur jeweils neun Parteien zur Wahl auf.
Partei BW BY BE BB HB HH HE MV NI NW RP SL SN ST SH TH Anzahl zugelassen z z z z z z z z z z z z z z z 15 z 1 z z z z z z z z z z z z z z z z 16 z z z z z z z z z z z z z z z z 16 z z z z z z z z z z z z z z z z 16 z z z z z z z z z z z z z z z z 16 z z z z z z z z z z z z z z z z 16 z z z z z z z z z z z z z z z z 16 z z z z z z z z z z z z z z z 15 z z z z z z z z z z z z 12 z z z z z z z z z z z 11 z z z z z z z z 8 z z z z z z z 7 z z z z z z 6 z a z z z a z 5 z z z z 4 z z z z a 4 z z z a a 3 a z z z 3 z z 2 z z 2 z a 1 z 1 z 1 z a 1 z 1 z 1 Anzahl zugelassen 17 19 16 12 12 11 12 9 12 19 13 10 9 9 10 10
Am 6. August 2009 wies der Bundeswahlausschuss vier Beschwerden gegen Entscheidungen der Landeswahlausschüsse über die Nichtzulassung von Landeslisten zurück. Den betroffenen anerkannten und nicht anerkannten Parteien blieb nur der Weg des Wahlprüfungsverfahrens nach der Bundestagswahl. Das geltende Verfahren wurde von Rechtswissenschaftlern als rechtlich problematisch, einige der Entscheidungen als fehlerhaft kritisiert.Warum die Premiere des Wahlleiters zur Farce geriet, Spiegel online, 7. August 2009.Parteienrechtsexperte kritisiert Bundeswahlausschuss. In Spiegel online, 8. August 2009. Die Wahlprüfungsbeschwerde des Bundesvorsitzenden der PARTEI wurde im April 2011 vom Bundesverfassungsgericht verworfen.Bundesverfassungsgericht: Wahlprüfungsbeschwerde des Bundesvorsitzenden der PARTEI unzulässig. Pressemitteilung. 20. April 2011. Abgerufen am 20. April 2011 (BVerfG: Beschluss vom 10. April 2011 – 1 2 BvC 12/10 –. Abgerufen am 20. April 2011.)
Personalentscheidungen der Parteien Als erste Partei hatte sich die SPD offiziell auf einen Spitzenkandidaten festgelegt: Am 7. September 2008 nominierte der Parteivorstand Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier als Kanzlerkandidaten, der sich nach dem Rücktritt seines Parteivorsitzenden Kurt Beck nur wenige Minuten zuvor selbst als Spitzenkandidat vorzustellen hatte. Frank-Walter Steinmeier wurde auf dem Sonderparteitag der SPD am 18. Oktober 2008 in Berlin von der Partei offiziell als Kanzlerkandidat bestätigt.
Angela Merkel trat erneut als Kanzlerkandidatin der CDU/CSU an und Guido Westerwelle als Spitzenkandidat der FDP. Bei Bündnis 90/Die Grünen wurden Fraktionschefin Renate Künast und ihr Stellvertreter Jürgen Trittin am 16. November 2008 als Führungsspitze für den Wahlkampf nominiert.
Bei der Linken hatte Parteichef Lothar Bisky 2005 angekündigt, nicht noch einmal für den Bundestag zu kandidieren. 2009 führten die Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi und Oskar Lafontaine, der gemeinsam mit Bisky auch den Parteivorsitz innehatte, die Partei erneut in den Bundestagswahlkampf. Sie wurden auf dem Parteitag der Linken am 21. Juni 2009 in Berlin bestätigt. Parallel dazu trat Lafontaine als Ministerpräsidentschaftskandidat für Die Linke im Saarland an. Die Landtagswahl fand einen Monat vor der Bundestagswahl statt.
Koalitionsaussagen Von den im alten Bundestag und nach den Umfragen auch im neuen Bundestag vertretenen Parteien gab es folgende Aussagen zu Koalitionen und Duldungen mit anderen Parteien: CDU/CSU und FDP einerseits und die Linke andererseits lehnten eine Koalition mit der jeweils anderen Seite auf überregionaler Ebene grundsätzlich ab. SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier schloss vor der Wahl mit Verweis auf die außen- und europapolitischen Positionen der Linken aus, sich mit Stimmen der Linken wählen zu lassen (Rot-rot-grüne Koalition). bei n24.de Die Linke schloss ihrerseits eine Koalition mit der SPD auf Bundesebene aufgrund außenpolitischer (Afghanistaneinsatz) und innenpolitischer (Hartz IV) Differenzen aus., Interview mit Oskar Lafontaine, donaukurier.derp-online.de Die Unionsparteien favorisierten eine schwarz-gelbe Koalition vor der bestehenden großen Koalition. Die FDP schloss eine Woche vor der Wahl am 20. September auf einem Sonderparteitag in Potsdam-Babelsberg auch auf Drängen der CDU eine Koalition mit Grünen und SPD (Ampelkoalition) aus. Die Grünen schlossen eine Jamaika-Koalition aus. Eine Ampelkoalition mit SPD und FDP, eine rot-rot-grüne Koalition mit SPD und Linkspartei sowie eine reine schwarz-grüne Koalition mit der Union wurden hingegen nicht ausgeschlossen, auch wenn letztere Möglichkeit aufgrund der Prognosen als unwahrscheinlich angesehen wurde.Grüne legen ihre Regierungsziele fest und schließen Jamaika aus Welt Online vom 18. September 2009, abgerufen am 22. Januar 2010.