Schnee (türkischer Originaltitel: Kar) ist ein 2002 veröffentlichter Roman des türkischen Schriftstellers Orhan Pamuk. In der deutschen Übersetzung von Christoph K. Neumann erschien das Buch 2005. Geschildert wird die Reise des Dichters Ka in die Stadt Kars, in der am Tag nach seiner Ankunft ein lokaler Militärputsch stattfindet. mini|Die Stadt Kars ist Handlungsort von Pamuks Roman Schnee

Inhalt Vorgeschichte Der Dichter Ka, mit amtlichem Namen Kerim Alakuşoğlu, kehrt anlässlich des Todes seiner Mutter aus Frankfurt nach Istanbul zurück und übernimmt den Auftrag, für die Istanbuler Zeitschrift Cumhuriyet (Die Republik) nach Kars zu reisen und von der Selbstmordwelle junger Mädchen, von denen einige ein Kopftuch getragen hatten und von den Behörden am Studium gehindert worden waren, sowie von der aufgrund der Ermordung des Bürgermeisters bevorstehenden Neuwahl zu berichten. Sein heimliches Motiv ist aber die Hoffnung, seine schöne und von ihrem Mann Muhtar getrennt lebende Kommilitonin İpek wiederzutreffen, sie zu heiraten und mit ihr in Frankfurt zusammenzuleben. Mit beiden war er in seiner Studentenzeit in Istanbul befreundet und wurde von ihnen getrennt, als er wegen seiner sozialistischen Anschauungen für zwölf Jahre ins Exil nach Deutschland gehen musste, wo er sein Leben durch staatliche Unterstützung und Einnahmen aus Lesereisen finanzierte. Der Ich-Erzähler, der Schriftsteller Orhan, rekonstruiert nach dem Tod des Freundes dessen Reise nach Kars und skizziert die vorausgegangenen und nachfolgenden Exiljahre in Frankfurt.

Kas Aufenthalt in Kars Dienstag Figur Beschreibung Orhan Bey Kas Freund,Autor und Ich-Erzählerdes Romans Ka Dichter, Hauptfigur İpek Kas ehemaligeKommilitoninMuhtars Ex-Frau,Lapislazulis Geliebte,Kas Wunschfrau Kadife Yıldiz Kopftuch tragende Mädchen,İpeks Schwester,Lapislazulis Geliebte Turgut Bey(Turgut Yıldiz) ihr Vater,Hotelbesitzer, Republikaner,ehemaliger Kommunist Muhtar Kas Studienfreund,İpeks Ex-Mann,Bürgermeisterkandidat derPartei desdemokratischen Islamismus Scheich Saadettin Cevher CharismatischerIslamist Lapislazuli polizeilich gesuchterradikaler Islamistenführer,İpeks und Kadifes Geliebter Sunay Zaim Schauspieler,Leiter einer mitkemalistischen TendenzstückengastierendenTheatertruppe Funda Eser Zaims Frau,Schauspielerinund Bauchtänzerin Necip, Fazıl Koranschüler,Verehrer Kadifes,Kas Gesprächspartner Serdar Bey Journalistund Herausgeber derGrenzstadtzeitung Teslime, Hande Kopftuch tragende Mädchen Z. Eisenarm Mit ZaimzusammenarbeitenderGeheimdienstlerund Putschist Nach seiner Ankunft in der Provinzstadt und seinem Einquartieren im Hotel „Schneepalast“, das von İpeks Vater Turgut Yildiz geführt wird, am Abend des Vortags (Kapitel 1 Die Stille des Schnees) beginnt Ka mit seinen Recherchen: Er spricht mit dem stellvertretenden Polizeipräsidenten Kasım Bey (Kap. 2 Unsere Stadt ist ein friedlicher Ort), dem stellvertretenden Gouverneur und Familienmitgliedern der Selbstmörderinnen und erfährt von deren privaten und sozialen Problemen. Die religiös-politischen Aspekte der Islamisierung werden als von den Medien aufgebauscht dargestellt. So bewertet der Gouverneursvertreter die Tötungen als Auflehnung gegen die Rolle der Frau in einer patriarchalischen Gesellschaft: »Natürlich ist der Grund dieser Suizide das Gefühl extremen Unglücks bei diesen jungen Frauen […]«.Pamuk, Orhan: Schnee. Fischer-Taschenbuch, Frankfurt a. M. 2009, S. 23. ISBN 978-3-596-51077-1. Nach dieser Ausgabe wird zitiert. Der Journalist der Grenzstadtzeitung Serdar Bey betont dagegen als tieferen Grund die „islamistische Bewegung“Pamuk, S. 38. als Folge der Unzufriedenheit vieler Jugendlicher mit korrupten Machtstrukturen (Kap 3: Gebt eure Stimme der Partei Allahs!).

In der Konditorei „Neues Leben“ macht Ka İpek einen Heiratsantrag (Kap. 4 Bist du wirklich wegen der Wahl und der Selbstmorde gekommen?) und wird Zeuge eines Attentats. Nach einer Diskussion über Säkularismus und Religionsgebot (Kap 5 Herr Professor, darf ich Sie etwas fragen?) erschießt ein Islamist den Direktor der Pädagogischen Hochschule, weil dieser die Kopftuch tragenden Mädchen vom Unterricht ausgeschlossen hat. Der Täter ist allerdings nicht der beschuldigte Lapislazuli, sondern ein, wie sich später herausstellt, 36-jähriger Teekoch aus Tokat.

Mit diesen Erlebnissen überschneiden sich im weiteren Tagesablauf Begegnungen mit religiösen Menschen. So wird der Dichter von den Koranschülern Necip (Kap. 7 »Politischer Islamist« ist ein Name, den uns Leute aus dem Westen und Säkularisten gegeben haben, Kap 12 Wenn es Gott nicht gibt, was ist dann der Sinn all der Qualen, die die Armen durchmachen?), der Ka seinen Science-Fiction-Roman zu lesen gibt, und Fazıl (Kap. 9 Verzeihung, sind Sie Atheist?) angesprochen, die im Islam eine Lebenshilfe und geistige Orientierung suchen, mit ihm über die Gefahren des Atheismus diskutieren und ein Treffen mit ihrem Führer Lapislazuli (Kap. 8 Selbstmörder sind Sünder) arrangieren, um ihm ihre Position und Perspektive auf die Ereignisse mitzuteilen. Die Kopftuchträgerinnen Kadife, İpeks Schwester (Kap. 13 Ich diskutiere meine Religion nicht mit einem Atheisten), und ihre Freundin Hande (Kap. 14 Wie schreiben Sie Gedichte?) sprechen beim Abendessen bei Turgut Bey über ihre Motive und die Repressionen, denen sie ausgesetzt sind.

Sowohl sein Freund Muhtar, der in der Istanbuler Zeit Gedichte nach westlicher Prägung geschrieben hat und nun als Mitglied der Wohlfahrtspartei für das Bürgermeisteramt kandidiert (Kap. 6 Liebe, Religion und Dichtung) wie auch dessen ehemalige Frau İpek empfehlen Ka einen Besuch beim Kurdenscheich Saadettin Cevher (Kap. 11 Gibt es einen anderen Gott in Europa?), der sie durch seine persönliche Ansprache und seelsorgerisch-einfühlsame Art wieder zur Religion zurückgeführt bzw. bekehrt hat. Auch Ka ist, von seinen utopischen Träumen in Orientierung an europäischen Vorbildern und dem Leben in der westlichen Zivilisation ernüchtert, nun für traditionelle und religiöse Lebensformen offen. Seine Gespräche mit Vertretern der verschiedenen Gruppierungen sind deshalb verbunden mit der Suche nach einem eigenen Schwerpunkt und, nach vierjähriger Schreibblockade, der Wiederentdeckung seiner dichterischen Kreativität (z. B. Kap. 10 Warum ist dieses Gedicht schön?) durch persönliche Begegnungen und die Beschäftigung mit der alten Kultur seines Landes. Er ist beeindruckt von der Tiefgründigkeit der jungen Menschen bei ihrer Kritik an den Machtstrukturen und der metaphysischen Sinnsuche. Bei Saadettin Efendi denkt er über den Weg zum persönlichen Glück nach: »Der Schnee hat mich an Gott erinnert […] daran […] wie geheimnisvoll und schön diese Welt ist, der Schnee, und dass zu leben eigentlich ein Glück ist.«Pamuk, S. 117. Er schreibt ein Gedicht über die Existenz Gottes und glaubt, dass ihm Allah die neuen Gedichte geschickt hat.Pamuk, S. 148. Im Volkstheater sagt er in einem Interview „Ich bin gekommen, weil ich sehr unglücklich war […] Hier bin ich glücklich“.Pamuk, S. 173.

Am Abend eskalieren plötzlich die Ereignisse. Ka liest bei einer Veranstaltung im Volkstheater sein durch sein Gespräch mit Necip inspiriertes Gedicht „Der Ort, an dem Allah nicht ist“ vor und erlebt, wie sich aus dem kemalistisch-aufklärerischen Theaterstück der Gastspieltruppe Sunay Zaims über ein Mädchen, das seinen Schleier verbrennt (Kap. 17 »Vaterland oder Turban«), auf die Proteste der Koranschüler im Zuschauerraum ein Putsch des Geheimdienstlers Z. Eisenarm entwickelt (Kap. 18 Schießt nicht, die Gewehre sind geladen), der zuerst vom Publikum als Spiel angesehen wird. Scharfschützen schießen von der Bühne aus auf die Protestler. Koran-Schüler und andere Islamisten sowie kurdische Nationalisten werden verhaftet und gefangengesetzt, 29 von ihnen u. a. Necip, sterben, ein Ausgangsverbot wird verhängt, Panzer kontrollieren die Straßen und Soldaten besetzen den Fernsehsender (Kap. 19 Und wie schön fiel der Schnee).

Mittwoch An diesem Tag kontrastieren die Entwicklung der politische Tragödie und Kas privates Glück: die Erwiderung seiner Werbung um İpek, obwohl sie noch an der Realisierung von Kas Zukunftsträumen zweifelt, und der Beginn einer sexuellen Beziehung mit ihr (Kap. 24 Ich, Ka). Der Dichter wird zu den neuen Befehlshabern Sunay Zaim und Z. Eisenarm geholt, wegen seiner von Spitzeln beobachteten und abgehörten Gespräche mit den Islamisten befragt (Kap 21 Aber ich erkenne keinen von ihnen) und muss den toten Necip als Kontaktmann zu Lapislazuli identifizieren. Bei diesen Verhören über die Änderung seiner politischen Haltung erfährt er, wie Sunay die Chance der Abwesenheit der Befehlshaber in der Stadt in diesen Tagen genutzt und mit Eisenarms Spezialteam und einigen Soldaten den Putsch inszeniert hat (Kap. 22 Ganz der Mann für die Rolle Atatürks). Hier (Kap 23 Allah ist gerecht genug, um zu wissen, dass das Problem nicht ein Problem des Verstandes und des Glaubens, sondern eines des ganzen Lebens ist) und in weiteren Gesprächen eröffnet sich eine Diskussionen über Tradition und Fortschritt, Atheismus und Religiosität, die Problematik des politischen Engagement im Spannungsfeld zwischen Moral und Machtposition. Dabei wird Ka mit den polaren Argumentationen konfrontiert: Einerseits warnen die Kemalisten (z. B. Sunay ZaimPamuk, S. 243 ff.) und Z. Eisenarm vor einem terroristischen Fundamentalismus, der einen religiösen Staat nach iranischem Vorbild und das Verbot demokratisch-freiheitlicher Vorstellungen anstrebt. Das Militär sei auch für den Schutz der Intellektuellen, also auch für ihn, vor den Anschlägen der Fundamentalisten wichtig. Andererseits erlebt Ka die jungen Islamisten, die sich als Opfer sehen. Am Beispiel des Kopftuchverbotes in den staatlichen Schulen artikulieren sie (Kadife, Necip usw.) ihren Anspruch auf Ausübung ihrer Religion und kritisieren die Vorschriften und Repressalien eines Militär- und Geheimdienstsystems ebenso wie die Verdrängung der Traditionen, die ihrer Meinung nach zum westlichen Atheismus führt. Der Dichter gerät persönlich in dieses Spannungsfeld. Wie Sunay es ausdrückt, ist Kas „Verstand […] in Europa, sein Herz bei den Aktivisten von der Vorbeter- und Predigerschule, und in seinem Kopf geht es durcheinander.“Pamuk, S. 247.

Entsetzt über die Brutalität des militärischen Vorgehens setzt Ka seine Kontakte mit den Islamisten fort. Kadife bringt ihn zu Lapislazuli (Kap. 25 Die einzige Zeit der Freiheit in Kars). Dieser möchte seine Stellungnahme gegen den Militärputsch in einer westlichen Zeitung veröffentlichen und Ka soll diese deutschen Journalisten übergeben (Kap 26 Unsere Armut ist nicht der Grund, warum wir Gott so sehr anhängen). Dieser schlägt jedoch vor, die Resolution nicht nur von Islamisten, sondern auch von anderen Oppositionellen unterschreiben zu lassen und entwickelt den Plan eines gemeinsamen Aufrufs in der Frankfurter Rundschau (Kap 26 Unsere Armut ist nicht der Grund, warum wir Gott so sehr anhängen) und einer Konferenz der Vertreter mit Lapislazuli, auf welcher der Text formuliert wird. Das Projekt ist für den Dichter nicht uneigennützig, er schlägt nämlich Turgut Bey als Teilnehmer für die Republikaner vor und hofft während dessen Abwesenheit und des Ringens der Teilnehmer um Positionen und entsprechende Formulierungen im Hotel Asia (Kap. 31 Wir sind nicht dumm, wir sind bloß arm) in seinem Hotelzimmer İpek lieben zu können. So geschieht es auch (Kap. 28 Was die Qual des Wartens von der Liebe trennt), sein Glücksgefühl ist allerdings verbunden mit einem Gefühl der Gefährdung und mit der Angst vor dem Verlust (Kap. 30 Wann sehen wir uns wieder?).