Der Alpinstil ist eine Variante des Höhenbergsteigens, bei der die gesamte Besteigung „wie in den Alpen“ durchgeführt wird. Das bedeutet, dass auch höchste Berge bis hin zu den Achttausendern als kleine Seilschaft, ohne Fremdhilfe, ohne vorher präparierte Route und in einem Zug vom Basislager zum Gipfel und zurück bestiegen werden. Die benötigte Verpflegung und die gesamte alpine Ausrüstung werden dabei selbst mitgeführt. Zelte werden im Bedarfsfall aufgebaut und am nächsten Morgen wieder eingepackt. Man verzichtet vollständig auf den Einsatz von Flaschensauerstoff und auf „Belagerungsalpinismus“, wie er für den klassischen Expeditionsstil kennzeichnend ist: Hochträger, fest installierte Hochlager, Materialdepots, Fixseile, Leitern usw. Somit ist Alpinstil hinsichtlich der eingesetzten Mittel und Vorgehensweisen das Gegenteil von Besteigungen im Expeditionsstil. Eine Besteigung im Alpinstil schließt jedoch nicht aus, dass der Fuß des Berges (bzw. das Basislager) im Rahmen einer Expedition erreicht wird.

Im Höhenbergsteigen gilt der Alpinstil auf schwierigen Routen als große Herausforderung an Fähigkeiten und Risikobereitschaft der Bergsteiger, und Erfolge werden als sportlich herausragend angesehen. Bis heute werden die meisten Besteigungen an den höchsten Bergen Asiens und Amerikas im Expeditionsstil durchgeführt. Alpinstil ist an diesen Bergen eher die Ausnahme und bleibt im Wesentlichen auf die schwierigen Routen beschränkt. Seit der ersten Alpinstil-Besteigung eines Achttausenders – der Besteigung des Gasherbrum I durch Reinhold Messner und Peter Habeler im Jahr 1975 – gab es immer wieder spektakuläre Erfolge an diesen mit besonderem öffentlichen Interesse bedachten Bergen. Nur wenige Bergsteiger haben mehrere dieser Gipfel im Alpinstil erreicht. Die Italienerin Nives Meroi schloss 2017 mit dem Gipfel der Annapurna ihre Besteigung aller Achttausender im Alpinstil ohne Verwendung von Sauerstoffflaschen und ohne große Expedition ab.

Beschreibungen Der Begriff „Alpinstil“ hat keine festgeschriebene Definition erfahren, wird aber in Fachkreisen einheitlich verwendet. Die Elizabeth-Hawley-Biografin Bernadette McDonald beschreibt ihn folgendermaßen:

Chris Bonington nähert sich dem Begriff ex negativo:

Reinhold Messner sagte über seine Gasherbrum-I-Besteigung 1975:

Ähnlich klingt eine Beschreibung von Gerfried Göschl über eine 2009 vollendete neue Routenvariation an der Diamirflanke des Nanga Parbat:

Entwicklung

Ernsthafte Besteigungsversuche und erfolgreiche Besteigungen gab es an den hohen Bergen der Welt schon sehr früh. Im Himalaja erstiegen ab etwa 1850 britische Forscher und Landvermesser zahlreiche Sechstausender, einige dieser Besteigungen würden heute unter die Bezeichnung „Alpinstil“ fallen, weil sie zum Beispiel als lange direkte Tagestour auf den Gipfel erfolgten.vgl. Sale, Richard; Cleare, John (2000). Climbing the World's 14 Highest Mountains: The History of the 8,000-Meter Peaks. Seattle: Mountaineers Books, S. 21. Mit sehr puristischen Mitteln machte Albert Mummery 1895 die ersten Besteigungsversuche am Nanga Parbat (8125 m) und konnte mit nur einem Begleiter in der Diamir-Flanke etwa 2000 Höhenmeter, bis auf ca. 6600 Meter, aufsteigen. Im Jahr 1937 erreichte Herbert Tichy am Gurla Mandhata (7694 m) mit den Mitteln des Alpinstils (zwei Personen, ein Zelt, direkter Aufstieg) eine Höhe von etwa 7200 Metern.Martin Grabner (Der Standard): Buchbesprechung zu Herbert Tichy: Zum heiligsten Berg der Welt. (www.bergnews.com)

Allerdings hatte sich bereits früh gezeigt, dass für die Besteigung von Sieben- und Achttausendern der Expeditionsstil die wesentlich erfolgreichere Strategie ist. Der Einsatz von Sauerstoffflaschen war dagegen von Anfang an umstritten und wurde außer bei den Besteigungsversuchen an den höchsten Achttausendern nur bei wenigen anderen Bergen verwendet. Bereits 1924 hatte Edward Norton am Mount Everest zwar im Expeditionsstil, aber ohne zusätzlichen Sauerstoff eine Höhe von etwa 8600 Metern erreicht. Trotzdem setzte sich in der Folgezeit mehrheitlich die Meinung durch, dass die höchsten Achttausender nur mit zusätzlichem Sauerstoff bestiegen werden könnten.Edgar Schuler:

Gegen den Zeitgeist der großen material- und personalaufwändigen Expeditionen wurden immer wieder Kleinexpeditionen zu den höchsten Bergen Asiens organisiert. Oft waren dabei die geringeren Kosten ausschlaggebend, es gab aber auch Bergsteiger, die aufgrund ihrer persönlichen Einstellung kleinen Unternehmungen den Vorzug gaben. Diese Kleinexpeditionen gelten als wichtiger Wegbereiter des Alpinstils. Im Jahr 1936 war die Erstbesteigung des Nanda Devi (7816 m) ein erster wichtiger Erfolg für eine klein konzipierte Mannschaft aus sieben englischen Bergsteigern. Es wurden keine Fixseile verlegt, kein Flaschensauerstoff verwendet, und Sherpas waren über 6200 Meter nicht mehr im Einsatz. Drei Jahre später erreichte Fritz Wiessner mit einer von ihm organisierten amerikanischen Kleinexpedition am K2 (8611 m) eine Höhe von etwa 8400 Metern. 1954 wurde die Erstbesteigung des Cho Oyu (8188 m) von Herbert Tichy als Kleinexpedition konzipiert, die Mannschaft bestand aus drei europäischen Bergsteigern und sieben Sherpas, das Expeditionsgepäck und die Verpflegung wogen lediglich 800 Kilogramm.Thomas Rambauske: Die Nähe des Himmels – 19. Oktober 1954: Herbert Tichy am Cho Oyu. (www.bergnews.com) Ein Jahr zuvor hatte die englische Expedition zur Erstbesteigung des Mount Everest 350 Träger und 13 Tonnen Material benötigt.Thomas Rambauske: Everest – Die Geschichte seiner Besteigung. (www.bergnews.com)

Im Jahr 1957 erreichten alle vier Bergsteiger einer österreichischen Kleinexpedition am gleichen Tag den Gipfel des Broad Peak (8056 m). Die gesamte Vorarbeit am Berg wurde nur von den vier Erstbesteigern Hermann Buhl, Kurt Diemberger, Marcus Schmuck und Fritz Wintersteller ausgeführt. Die Expedition kam mit zwei Tonnen Material aus und verwendete keinen zusätzlichen Sauerstoff. Es wurden drei Hochlager eingerichtet und oberhalb von Lager 2 etwa 500 Meter Fixseil befestigt. Diese Vorgehensweise wurde später als „Westalpenstil“ bezeichnet.Kurt Diemberger: Entre 0 y 8000 metros. 1995, ISBN 84-87746-55-1. (spanisch)www.summitpost.org: Broad Peak Unmittelbar nach diesem Erfolg gelang Schmuck und Wintersteller noch die Erstbesteigung des Skil Brum (7410 m), dabei stiegen sie vom Broad-Peak-Basislager bis zum Fuß der Süd-West-Wand (6060 m), bauten dort ihr Zelt auf, erreichten direkt am nächsten Tag den Gipfel und kehrten zum Zelt zurück. Am darauf folgenden Tag stiegen sie wieder zum Broad-Peak-Basislager hinab. Für die gesamte Tour benötigten sie insgesamt nur 53 Stunden, beschränkten sich auf ein Minimum an Material, was sie vollständig in den Rucksäcken mitführten, und verzichteten auf jegliche Vorarbeit an der Besteigungsroute wie Hochlagerkette, Fixseile, Erkundung oder Ähnliches – es war der erste Gipfelerfolg im Alpinstil an einem Siebentausender.www.summitpost.org: Skil Brum Hermann Buhl und Kurt Diemberger versuchten wenige Tage später ebenfalls mit schweren Rucksäcken und in einem Zug vom Broad-Peak-Basislager aus eine Erstbesteigung. Sie wählten die nahe gelegene Chogolisa (7668 m). Bei einer erreichten Höhe von etwa 7300 Metern mussten sie wegen eines Wetterumschwungs umkehren, beim Abstieg verunglückte Buhl tödlich durch einen Wächtenabbruch.www.summitpost.org: Hermann Buhl Die Unternehmungen von 1957 waren wichtige Wegbereiter für den Alpinstil an den höchsten Bergen der Welt, allerdings wurde der Begriff „Alpinstil“ erst wesentlich später geprägt.

Im Jahr 1975 erreichten Peter Habeler und Reinhold Messner bei einem schnellen und direkten Aufstieg durch die Nord-West-Wand des Gasherbrum I (auch Hidden Peak genannt, 8080 m) zum ersten Mal den Gipfel eines Achttausenders im Alpinstil (siehe Messners Zitat oben). Für diese Vorgehensweise beim Besteigen hoher Berge war zur damaligen Zeit in Fachkreisen schon der Ausdruck „Alpinstil“ verbreitet. So wird das englische Pendant des Begriffs, alpine style, im American Alpine Journal ab ca. 1970 regelmäßig verwendet. Einem breiten Publikum wurde der Begriff und dessen Bedeutung aber erst durch diese Besteigung und die nachfolgenden Publikationen und öffentlichen Auftritte Messners bekannt.

In den 1970er Jahren wurde die Nutzung von zusätzlichem Sauerstoff wieder stärker in Frage gestellt, alle fünf hohen Achttausender wurden nun erstmals ohne dieses Hilfsmittel bestiegen, allerdings im bewährten Expeditionsstil. Der Anfang wurde 1975 am Makalu gemacht, danach folgten Lhotse (1977), Mount Everest (1978), K2 (1978) und Kangchendzönga (1979). Besonderes Aufsehen hatten dabei Messner und Habeler mit ihrer Everest-Besteigung ohne zusätzlichen Sauerstoff erregt, auch sie profitierten als Mitglieder einer Expedition von deren Infrastruktur (Hochträger, Fixseile, Hochlager), aber sie hatten gezeigt, dass es möglich ist, den höchsten Gipfel der Erde ohne Flaschensauerstoff zu erreichen, was zuvor von vielen bezweifelt wurde.

Den Alpinstil brachte Messner 1980 an den Mount Everest, er wählte für Auf- und Abstieg das Norton-Couloir, auch um nicht auf die Leiter am Second Step angewiesen zu sein, außerdem ging er während der Monsunzeit im August, um jegliche Anfechtungen seiner Solo-Alpinstil-Besteigung zu vermeiden. Er war damit völlig allein am Berg und eine Fremdhilfe ausgeschlossen. Die Besteigung erfolgte in einem Zug vom Basislager bis zum Gipfel und zurück ohne vorher angelegte Depots oder Hochlager. Er benötigte dafür etwa vier Tage.

Im August 1986 brauchten Erhard Loretan und Jean Troillet nur etwa 40 Stunden für ihre spektakuläre Alpinstilbesteigung durch die Nordwand des Mount Everest, die Ausrüstung war auf ein absolutes Minimum reduziert, sie rasteten in selbst gegrabenen Schneehöhlen. Auch viele andere bekannte Bergsteiger haben seit den 1970er Jahren schwierige und Aufsehen erregende Alpinstil-Besteigungen an hohen Siebentausendern und den vierzehn Achttausendern absolviert. In den vergangenen Jahren haben sich insbesondere nordamerikanische Bergsteiger mit Erstbegehungen im Alpinstil einen Namen gemacht. Mit dem renommierten Piolet d’Or ausgezeichnet wurde etwa die Neutour von Vince Anderson und Steve House durch die Rupal-Flanke am Nanga Parbat (2005) oder die Begehung einer neuen Route am Chomolhari durch Marko Prezelj und Boris Lorencic (2007).

Anforderungen und Gefahren

Die psychischen und physischen Anforderungen an den einzelnen Bergsteiger sind beim Alpinstil gegenüber Expeditionsstil-Besteigungen bei sonst gleichen Bedingungen fast immer deutlich höher. Durch die geringen Brennstoff- und Nahrungsmittelressourcen ist jede Alpinstilbesteigung zeitlich auf wenige Tage begrenzt. Deshalb wird Schnelligkeit eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen eines Gipfelversuchs. Mit einem relativ kurzen Aufenthalt am Berg kann zwar die Gefahr durch Lawinen, Wetterumsturz und Höhenkrankheit verringert werden, allerdings verschiebt sich die Gefahrenlage, da beim Eintreten einer Notsituation nicht auf die Infrastruktur und Logistik einer Expedition (Hochlagerkette, Fixseile, Vorräte, Hilfe aus niedrigeren Lagern) zurückgegriffen werden kann. Jede Hilfe von außen, wenn überhaupt möglich, benötigt wesentlich mehr Zeit, um vor Ort einzutreffen.