Der Ring des Nibelungen ist ein aus vier Teilen bestehender Opernzyklus von Richard Wagner, zu dem er den Text schrieb, die Musik komponierte und detaillierte szenische Anweisungen vorgab. Das Werk basiert unter anderem auf der Nibelungensage bzw. dem Nibelungenlied. Die Tetralogie gilt als Wagnersches opus summum:Thielemann, S. 263. An diesem Hauptwerk arbeitete Wagner mit Unterbrechungen von 1848 bis 1874. Mit einer Aufführungsdauer von etwa 15 Stunden (ein Vorabend und drei Tage), einer Orchesterbesetzung von über 100 Musikern (u. a. sechs Harfen und vier Tenor- bzw. Basstuben, die Wagner speziell anfertigen ließ) und mit 34 Solisten (plus Männer- und Frauenchor) ist es eines der umfangreichsten musikalischen Bühnenwerke überhaupt. Unter der Leitung des Komponisten wurde die gesamte Tetralogie (auch kurz Der Ring genannt) im August 1876 erstmals im Bayreuther Festspielhaus aufgeführt. Die musikalische Leitung hatte Hans Richter. Das Werk wird aber auch als Trilogie bezeichnet, weil in dieser Sichtweise nur die Festspieltage zählen. miniatur|hochkant|Siegfried (Heinrich Gudehus) schmiedet Notung

Die Tetralogie besteht aus: Das Rheingold („Vorabend“) Die Walküre („Erster Tag“) Siegfried („Zweiter Tag“) Götterdämmerung („Dritter Tag“)

Entstehungsgeschichte Die ersten Ideen zum „Nibelungenwerk“ Wagners gehen auf das Jahr 1843 zurück, als Wagner in Dresden Hofkapellmeister war und sich u. a. intensiv mit den deutschen Sagen, der nordischen Edda, der griechischen Mythologie und dem Grals-Mythos beschäftigte. 1848 schrieb Wagner (nachdem er seine Oper Lohengrin vollendet hatte) eine Zusammenfassung seiner mythologischen Studien mit dem Titel Die Wibelungen, Weltgeschichte aus der Sage sowie einen ersten Prosaentwurf mit dem Titel Der Nibelungen-Mythus, Entwurf zu einem Drama.Richard Wagner: Gesammelte Schriften und Dichtungen in 16 Bänden. Band 2. Leipzig 1907 ff. Wagners Absicht war eine kritische Auseinandersetzung mit der menschlichen Gesellschaft, für die er – in Anlehnung an die griechische Tragödie – die germanische Götterwelt als Vorlage benutzte. Der germanische Held und „freie Mensch“ Siegfried sollte wie Prometheus gegen die etablierten Götter kämpfen und durch einen gemeinsamen Erlösungstod mit Brünnhilde eine bessere, natürlichere Ordnung einleiten. Macht und Kapital (symbolisiert in Ring und Gold), Verträge und Betrug, Auflehnung und Scheitern eines Helden sind die archetypischen Themen, die Wagner in seinem Musikdrama behandelt. So verknüpft er Heldensage und Göttermythos zu einem Drama von moderner Bedeutung und ungeheuren Ausmaßen, in dem nicht nur sieben Morde geschehen, ein Held durch Inzest gezeugt wird und zuletzt der Freitod einer Liebenden zelebriert wird, sondern zudem die Welt in einem Flammenmeer und einer Flut untergeht, um Platz zu machen für eine neue Ordnung, derart den immer von neuem anhebenden Zyklus des Lebens hervorrufend.

mini|hochkant|Wagner im Jahr 1853 in Zürich, als er mit der Komposition des Rings begann, gemalt von Clementine Stockar-Escher

Ursprünglich wollte Wagner nur die bekannte Sage unter dem Titel Siegfrieds Tod, das spätere Libretto der Götterdämmerung, musikdramatisch bearbeiten. Als er das Textbuch zu Siegfrieds Tod im November 1848 vollendet hatte und es zu komponieren versuchte, erkannte er aber, dass zu viel Vorgeschichte fehlte, die nur episch, nämlich in der Erzählung der Nornen, ins Drama eingefügt war. Wegen seiner Beteiligung am Dresdner Maiaufstand von 1849 musste Wagner nach Zürich fliehen und lebte dort fast zehn Jahre im Exil. 1852 begann er dort mit den Arbeiten an seinem „Nibelungenwerk“; erste Ideen entstanden während einer Kur in der Kaltwasserheilanstalt Albisbrunn am Zürichsee. Als Ergänzung zum ersten Teil schrieb er Der junge Siegfried (später nur Siegfried genannt). Weil immer noch ein großer Teil der Fabel in die Vorgeschichte verbannt blieb, schrieb Wagner schließlich, sich weiter rückwärts „vorarbeitend“, Das Rheingold (ursprünglicher Titel: Der Raub des Rheingoldes) und zuletzt Die Walküre. Schon früh wurde ihm bewusst: „Mit meiner Konzeption trete ich gänzlich aus allem Bezug zu unserem heutigen Theater und Publikum heraus, breche für immer mit der formellen Gegenwart“.Brief an Theodor Uhlig, November 1851. Richard Wagner, Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. von Sven Friedrich, S. 1007. Er entwickelte die Idee eines Gesamtkunstwerkes und Bühnenfestspiels, das seinen Überlegungen zufolge am Ufer des Rheins festspielartig aufzuführen sei: „Am Rheine schlage ich dann ein Theater auf, und lade zu einem großen dramatischen Feste ein: Nach einem Jahre Vorbereitung führe ich dann im laufe von vier Tagen mein ganzes Werk auf.“Brief an Theodor Uhlig, November 1851. Richard Wagner, Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. von Sven Friedrich, S. 1008.

mini|hochkant|Wagner im Jahr 1871 in Tribschen, kurz bevor er den Ring vollendete

Die Textfassung Wagners umfasst etwa 700 handgeschriebene Seiten und entstand im Wesentlichen in Zürich. Ein reger Schriftverkehr mit seinen Freunden Theodor Uhlig, August Röckel und Franz Liszt dokumentiert das Werden des Rings und verdeutlicht die Intentionen Wagners.Richard Wagner, Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. von Sven Friedrich. Digitale Bibliothek, S. 9700–12000. Am 16. Februar 1853 stellte Wagner sein Werk erstmals in einer Lesung an vier Abenden im Zürcher Hotel Baur au Lac seinen Freunden und der Öffentlichkeit vor. Wenig später machte er sich an die Komposition, erneut chronologisch mit der ersten Szene des Rheingolds beginnend. Bis März 1857 komponierte Wagner an seinem Ring und kam bis zum II. Akt des Siegfried. Aus verschiedenen Gründen unterbrach er seine Arbeit; er konnte sie erst wieder (mit Förderung des Bayerischen Königs Ludwig II.)Wagner lernte nach Jahren der „Umtriebigkeit“ 1864 den 18-jährigen König kennen, der ihn bis an sein Lebensende finanziell unterstützte und sein größter Mäzen und Bewunderer wurde. Eine weitere „Stabilisierung“ erfuhr Wagner durch seine zweite Frau Cosima, mit der er „sein Asyl“ in Tribschen einrichtete und auch dort heiratete. im Jahre 1869 in Tribschen am Vierwaldstättersee aufnehmen. Im August 1872 vollendete er in Bayreuth die letzten Orchesterskizzen der Götterdämmerung und legte sich dabei auch – nach vielen Varianten – endgültig auf den heute bekannten Schlusstext fest.Ursprünglich sollte Siegfried mit Brünnhilde die geknechteten Nibelungen erlösen und als Nachfolger von Wotan in Walhall einziehen. In Form einer persönlichen Widmung informierte er seinen königlichen Auftraggeber und schrieb ihm zu dessen 27. Geburtstag am 25. August 1872:

Die gesamte Partitur wurde erst kurz vor der Uraufführung zu den Festspielen im Jahre 1876 vollendet. Text und Musik fasste Wagner als eine Einheit auf, die vor allem das „Gefühl“ der Zuhörer ansprechen sollte.Oper und Drama; Richard Wagner: Gesammelte Schriften und Dichtungen in 16 Bänden, Band 3 und 4; Leipzig 1907 ff So verwendete er Stabreime, die einerseits mit wenig Worten „vielsagend“ und eingängig sind (sich allerdings durch ihre Fremdheit auch zur Parodie eignen), andererseits gut vertonbar und singbar waren. Mit Hilfe von über 100 musikalischen Leitmotiven (Wagner sprach immer von Erinnerungsmotiven, mit denen auch „Gedanken“ auszudrücken sind)Robert Donington: Richard Wagners Ring des Nibelungen und seine Symbole. Stuttgart 1976. und einer neuartigen Instrumentierung gelang dem Komponisten eine bis dahin nicht erreichte Komplexität des musikalischen Dramas.

Handlung Die chronologische Handlung im Ring deckt sich nicht vollständig mit der Handlung der vier einzelnen, aufeinander folgenden Opern. Manche Handlungsstränge werden lediglich erzählt, tauchen als Handlung selbst in den Opern aber nicht auf. So wird beispielsweise der mythische Beginn der Tetralogie erst zu Anfang des letzten Teils, der Götterdämmerung, von den drei Nornen erzählt. In dieser Zusammenfassung wird die Handlung chronologisch in einem märchenähnlichen Stil „erzählt“, wobei Zitate, Sprachbilder und Szenenbeschreibungen aus dem Originaltext verwendet, Hinweise auf markante Orchesterpartien sowie Interpretationshilfen gegeben werden.

Rollen Die solistischen Gesangsparts in der Reihenfolge ihres Erscheinens auf der Bühne   Rolle Stimmlage Funktion in der Handlung Rheingold Walküre Siegfried Götter-dämmerung 1 Woglinde Sopran Das Gold des Rheins bewachende Rheintöchter ● ● 2 Wellgunde Mezzosopran 3 Floßhilde Alt 4 Alberich Bariton Liebeloser „Nachtalbe“, Räuber des Rheingoldes, Besitzer des magischen Rings und des Tarnhelms, mit deren Hilfe er das Reich der Nibelungen beherrscht. Er ist der „Proletarier“ und Gegenspieler Wotans. Es ist nicht gesichert, ob er das Ende der Tetralogie überlebt. ● ● ● 5 Wotan Bariton Gott, Naturfrevler, Machtmensch und Herrscher der Welt, „Lichtalbe“, er schuf die Gesetze, die im aus der Weltesche geschnittenen Vertragsspeer eingeritzt sind, und ließ die Götterburg Walhall zur Festigung seiner Macht erbauen. Ist auch als Wälse und Wanderer unterwegs. An seiner Machtpolitik – er hält die eigenen Gesetze nicht ein – werden die Götter und damit die bestehende Weltordnung untergehen. ● ● ● 6 Fricka Mezzosopran Ehefrau Wotans, Göttin und Hüterin von Ehe und Moral; Schwester der Götter Freia, Donner und Froh. ● ● 7 Freia Sopran Göttin der ewigen Jugend und Hüterin der Äpfel, die die Götter daran hindern zu altern. ● 8 Donner Bariton Gott der Gewalt und des Zornes, sein Attribut ist der Hammer. ● 9 Froh Tenor Herrscher über Regen und Sonnenschein. ● 10 Loge Tenor Von den Göttern gezähmtes Feuer, nun Halbgott und Vertrauter Wotans, den dieser aufgrund seines listigen Verstandes zu schätzen weiß.In der nordischen Mythologie wird Loki wie folgt charakterisiert: Loki ist schmuck und schön von Gestalt, aber bös von Gemüt und sehr unbeständig. Er übertrifft alle andern in Schlauheit und in jeder Art von Betrug. (Gylfaginning, 33) ● 11 Fasolt Bass Ursprünglich redlich arbeitende Riesen, die für die Götter Walhall bauen. Nachdem sie über die Aufteilung des Lohnes in Streit geraten sind, erschlägt Fafner den Bruder Fasolt aus Goldgier. Fafner verwandelt sich daraufhin in einen Drachen, als der er fortan den Nibelungenhort bewacht. ● 12 Fafner Bass ● ● 13 Mime Tenor Schmied, Alberichs Bruder, schmiedet den Tarnhelm. ● ● 14 Erda Alt Mutter der Nornen, „der Welt weisestes Weib“ und Wala (Seherin), wird später von Wotan geschwängert und somit Mutter der Walküre Brünnhilde. ● ● 15 Siegmund Tenor Aus dem Stamme der Wälsungen, ein menschlicher Sohn Wotans, der das Schwert Notung erobert. ● 16 Sieglinde Sopran Siegmunds verloren geglaubte Zwillingsschwester, die seine Geliebte wird. ● 17 Hunding Bass Feind Siegmunds und der finstere Ehemann der Sieglinde. ● 18 Brünnhilde Sopran Tochter von Wotan und Erda. Wotans Lieblingstochter und bevorzugte Walküre. ● ● ● 19 Gerhilde Sopran Die acht Walküren, Brünnhildes Schwestern. Bringen die gefallenen Helden nach Walhall. ● 20 Ortlinde Sopran ● 21 Waltraute Mezzosopran ● ● 22 Schwertleite Alt ● 23 Helmwige Sopran ● 24 Siegrune Mezzosopran ● 25 Grimgerde Alt ● 26 Roßweiße Mezzosopran ● 27 Siegfried Tenor Wilder Sohn der Wälsungen Sieglinde und Siegmund und somit der Enkel Wotans. Schmiedet Notung neu, erschlägt Fafner und Mime, gewinnt den Nibelungenschatz, erweckt Brünnhilde und nimmt sie zur Frau. ● ● 28 Ein Waldvogel Sopran Weist dem jungen Siegfried den Weg zu Brünnhilde. ● 29 Die Nornen Sopran Drei weise Frauen, die am Weltgeschehen flechten, Töchter der Erda. ● 30 Mezzosopran 31 Alt 32 Gunther Bariton Anführer der Gibichungen am Rhein. ● 33 Gutrune Sopran Gunthers Schwester, verliebt sich in Siegfried. ● 34 Hagen Bass Bleicher Sohn Alberichs und Halbbruder Gunthers. ● mini|Protagonisten im Ring des Nibelungen

Vorgeschichte