mini|Die Haupthalle (Kondō)Der Daigo-ji () ist eine weitläufige buddhistische Tempelanlage im Stadtbezirk Fushimi von Kyōto, Japan. Er wurde zu Beginn der Heian-Zeit, im Jahr Jōgan 16 (874 n. Chr.) von dem Mönch Shōbō gegründet. Seit 1994 gehört der Tempel zum UNESCO-Welterbe.
Der Tempel dient als Haupttempel des Ono-Zweigs der Shingon-Schule. Er bildet die elfte Station des Saigoku-Pilgerwegs.
Geschichte
Gemäß der „Tempellegende des Daigo-ji“ (daigo-ji engi) schenkte der örtliche Gott Yokoo im Jahr Jōgan 16 (874 n. Chr.) dem Mönch Shōbō das Gelände. Zunächst stellte Shōbō zwei Statuen der Bodhisattva Kannon von Juntei und Nyorin in einem einfachen Tempel auf. Tennō Daigo (885–930) und seine Hauptfrau Fujiwara-no Onshi förderten den weiteren Ausbau. Im Jahr Engi 7 (907 n. Chr.) wurde aufgrund eines Gelübdes des Kaisers die Yakushi-dō-Halle errichtet, etwas später die Halle Godai-dō. Im Bezirk des Oberen Daigo befinden sich weiter die Hallen Juntei-dō, südöstlich davon Yakushi-dō, östlich davon Godai-dō, südöstlich von dieser die Nyoirin-dō und wiederum in deren Osten die heutige Kaisan-dō (, ‚Gründer-Halle‘). Während der Regierungszeit des Daigo-Tennō wurde auch das Kloster eingerichtet sowie im Jahr Enchō 4 (926 n. Chr.) die Halle Shaka-dō im Unteren Daigo.mini|Die fünfstöckige PagodeDie Söhne und Nachfolger des Daigo-Tennō, Suzaku (923–952, reg. 930–946) und Murakami (926–967, reg. 946–967) respektierten das Gelübde ihres Vaters. Sie errichteten die Halle Hokke San-mai-dō. 952 fanden die Arbeiten mit einer fünfstöckigen Pagode (Gojū-no-tō) ihren vorläufigen Abschluss.
Der Daigo-ji diente zudem als Bodai-ji, ein Tempel, der sich generationenübergreifend um die Verstorbenen einer Familie kümmert und deren Bestattungen und Gedenkzeremonien durchführt, des Minamoto-Klans. Mit dem politischen Bedeutungsverlust des Klans, der etwa zeitgleich mit dem Tod Fujiwara no Onshis einsetzte, geriet auch der Daigo-ji in eine schwierige Lage. Der Tempel fand jedoch bald neue Förderer im Kaiserhaus und wurde zu einem Monzeki-Tempel, dessen Abtsamt von einem Mitglied des Kaiserhauses bekleidet wurde. Als Fujiwara no Kenshi, die Kaiserin Kaiser Shirakawas, 1084 starb, ließ Kaiser Shirakawa auf dem Berg den Tempel Enkō-in errichten. Dort ließ er ihre sterblichen Überreste beisetzen und stiftete dem Tempel ein vergoldetes bronzenes Mandala der Zwei Welten. Obwohl Enkō-in nominell lediglich als Kapelle diente, verfügte er über umfangreiche Tempel- und Schreingüter und beeinflusste dadurch über Jahrhunderte hinweg weiterhin die wirtschaftlichen Verhältnisse des Daigo-ji.
Während der Namboku-chō-Zeit brachte der Tempel mehrere bedeutende Persönlichkeiten hervor, darunter den Abt Kenshun, der die Unterstützung Ashikaga Takaujis gewann, sowie den hoch angesehenen Manzai, der während des Muromachi-Shogunats von Ashikaga Yoshimitsu bis Ashikaga Yoshinori als „schwarzgewandeter Kanzler“ bekannt war. Mit dem Ausbruch des Ōnin-Krieges wurde der Tempel jedoch von Flammen erfasst und schwer beschädigt. Shimo-Daigo lag anschließend in Trümmern und lediglich die fünfstöckige Pagode blieb erhalten. Sie ist das älteste erhaltene Holzbauwerk in Kyōto. Alle anderen Gebäude des Tempels waren zwischenzeitlich mindestens einmal vollständig durch Feuer zerstört. Im Oktober 1469 erhoben sich während des Ōnin-Krieges Bewohner der umliegenden Dörfer und forderten eine Halbierung ihrer jährlichen Steuerzahlungen an den Tempel. Bewaffnete Mönchskrieger (Sōhei) schlugen den Aufstand nieder.mini|Ein der Gottheit Benzaiten gewidmeter Pavillon
Während der Azuchi-Momoyama-Zeit war Toyotomi Hideyoshi für seine groß angelegten Kirschblütenbetrachtungen im Tempel bekannt. Im Zuge der Neugestaltung der Tempelanlage ließ Hideyoshi den Untertempel Sambō-in wiederaufbauen und begann mit der Restaurierung der übrigen Tempelgebäude. Sein Sohn Toyotomi Hideyori setzte die Arbeiten fort und ließ 1600 den Kondō an seinen heutigen Standort versetzen. 1605 wurde das Westtor wiederaufgebaut, 1606 folgten nacheinander der Nyōirin-dō, der Kaisan-dō und der heute nicht mehr erhaltene Godai-dō.
In der Edo-Zeit bestieg der Abt Takaen zweimal in Begleitung von 3000 Bergasketen den Berg Ōmine und trug damit zur Verbreitung des Shugendō bei.
Während der Meiji-Zeit führte die antikuddhistische Bewegung zur Auflösung zahlreicher Tempel und zum Verlust vieler ihrer Kunstschätze. Daigo-ji blieb davon jedoch weitgehend verschont. Im August 1939 zerstörte ein Waldbrand in Kami-Daigo das Sutra-Archiv und den Juntei-dō, den elften Tempel der Saigoku-Pilgerroute. Der Juntei-dō wurde im Mai 1968 wiederaufgebaut, jedoch am 24. August 2008 durch einen Blitzschlag erneut in Brand gesetzt und zerstört. Die im Juntei-dō aufbewahrte Statue des Kannon Bosatsu befindet sich derzeit vorübergehend im Kannon-dō in Shimo-Daigo. Lage Der Daigo-Tempel liegt an der östlichen Seite des Talbeckens von Yamashina, südöstlich des Kaiserpalasts von Kyōto. Das Tempelgelände erstreckt sich bis zum Gipfel des Berges Kasatori. Der ältere obere Bereich auf dem Berggipfel wird „Oberer Daigo“ (kami-daigo), der untere und jüngere Teil „Unterer Daigo“ (shimo-daigo) genannt. Aus der Azuchi-Momoyama-Zeit (1573–1603) stammt der Nebentempel Sambō-in mit seinem Garten.
Besondere Bauten mini|Eingangstor des Sambō-in Sechs Gebäude der Anlage, die sich auf den Ober- und Unterbezirk sowie den Tempel Sambō-in verteilen, zählen zu den Nationalschätzen Japans:
Aus der Heian-Zeit: die Halle des Yakushi Buddha (Yakushi-dō) im Oberbezirk, 907 auf Befehl von Kaiser Daigo errichtet und 1121 nach seinem Einsturz wiederaufgebaut die Haupthalle bzw. Goldene Halle (Kondō) im Unterbezirk, 1600 nach einer Verlegung aus Yuasa in Kii fertiggestellt die fünfstöckige Pagode (Gojū-no-tō) im Unterbezirk, 951 errichtet
Aus der Muromachi-Zeit: die Gebetshalle des Seiryū-gū-Schreins (Seiryū-gū Haiden) im Oberbezirk, 1088 errichtet und 1410 sowie 1434 wiederaufgebaut Aus der Azuchi-Momoyama-Zeit:
die Empfangshalle des Sambō-in (Omote-shoin), errichtet 1598 das Eingangstor (Karamon) des Sambō-in (Sanbō-in Karamon), errichtet 1599
Besonders bekannt für seine Kunstfertigkeit und Schönheit ist der von Toyotomi Hideyoshi im Jahr 1598 angelegte Garten des Tempels Sambō-in (). Dieser wurde 1952 zur Besonderen historischen Stätte erklärt.
1994 wurde der Daigo-Tempel zusammen mit anderen historischen Stätten in Kyōto von der UNESCO als Weltkulturerbe Historisches Kyōto (Kyōto, Uji und Ōtsu) registriert.
Architekturgeschichtliche Bedeutung mini|Plan einer Shichidō garan-Tempelanlage (Hōryū-ji, Ikaruga) Die ersten buddhistischen Tempel Japans wurden im späten 6. Jahrhundert von den Soga erbaut. Keines dieser Gebäude ist erhalten. Der älteste erhaltene Tempel ist der Hōryū-ji in der Stadt Ikaruga südwestlich von Nara, erbaut 607 unter der Schirmherrschaft von Kronprinz Shōtoku (574–620). Eine weitere Tempelanlage aus dieser Zeit ist der Shitennō-ji in Osaka (err. 593). Diese ersten buddhistischen Tempel wurden in oder nahe bei den Städten errichtet. Allen gemeinsam ist eine überdachte rechteckige Galerie (Kairō, 回廊・廻廊), deren Haupteingang Chūmon () in der Mitte der Südseite gelegen ist. Ferner findet sich eine Haupthalle () oder Goldene Halle (), das Hauptheiligtum () des Tempels sowie eine Lehrhalle () und eine Pagode (). Eine solche regelmäßige Anlage wird mit dem Begriff Garan () oder Shichidō garan () bezeichnet.
Die ursprünglichen Gebäude der Heian-Zeit wurden im Lauf der Zeit meist zerstört und immer wieder aufgebaut. Originale Bauten sind daher in Japan nur wenige erhalten, darunter die Haupthalle (Kondō) und die Pagode des Murō-ji in der Stadt Uda, Präfektur Nara. Tempelanlagen wie Muro-ji und Daigo-ji zeugen von einem bedeutsamen Wandel der japanischen buddhistischen Architektur: An die Stelle des idealen Sieben-Hallen-Tempels chinesischer Prägung tritt in der buddhistischen Sakralarchitektur der frühen Heian-Zeit der Typus des Bergtempels, der fernab der Städte errichtet wurde und sich in Form und Anordnung dem unregelmäßigen Gelände anpasste. Nach Varley (2000) hatte die buddhistische Architektur damit Anschluss an „eine der bedeutendsten Traditionen der japanischen Kultur“ gefunden: den „starken Sinn für Natur und dem Bedürfnis, darin die menschliche Identität in all ihren Ausprägungen zu finden.“ Daher wird dieser Baustil auch als Wayō () bezeichnet.
Literatur S. Noma (Hrsg.): Daigoji. In: Japan. An Illustrated Encyclopedia. Kodansha, 1993, ISBN 4-06-205938-X, S. 261.
Einzelnachweise
Weblinks
Offizielle Website des Tempels - Japanisch und Englisch Informationsangebot der Präfektur Kyōto - Englisch Informationsangebot der Stadt Kyōto - Englisch Website zur Ausstellung: „Tempelschätze des Heiligen Berges. Daigo-ji“ - in der Bundeskunsthalle in Bonn, 25. April bis 24. August 2008
Kategorie:Buddhistischer Tempel in Kyōto Kategorie:Bestandteil einer Welterbestätte in Asien Kategorie:Bestandteil einer Welterbestätte in Japan Kategorie:Besondere historische Stätte Kategorie:Nationalschatz Japans (Bauwerk) Kategorie:Erbaut in den 870er Jahren Kategorie:Landschaftlich Schöner Ort in der Präfektur Kyōto