Die Theorie der interpersonalen Beziehung in der Pflege ist eine von der amerikanischen Pflegetheoretikerin Hildegard Peplau entwickelte Pflegetheorie, die 1952 unter dem Titel Interpersonal Relations in Nursing: A Conceptual Frame of Reference for Psychodynamic Nursing veröffentlicht wurde. Peplaus Theorie ist die erste Pflegetheorie, die nach Florence Nightingales 1859 publizierten Notes on Nursing erschien, und hatte einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung der Pflegeforschung, der Pflegebildung, der Pflegekultur und des pflegerischen Selbstverständnisses. Innerhalb der deutschsprachigen Pflegewissenschaft wird diese Theorie auch mit dem feststehenden Ausdruck Zwischenmenschliche Beziehungen in der Pflege bezeichnet.

Die Theorie setzt den konzeptuellen Bezugsrahmen für die Psychodynamische Pflege, das der peplauschen Theorie zugeordnete Pflegemodell, welches vorrangig in der psychiatrischen Pflege eingesetzt wird. Peplaus Theorie wird innerhalb der pflegewissenschaftlichen Forschung als grand theory ( für bedeutende Theorie) eingestuft, das darin beschriebene Pflegemodell wird zu den Interaktionsmodellen gezählt.Klassifikation innerhalb der Liste nach Meleis, vgl.

Ausgangspunkt der Theorie ist die Beziehung zwischen Pflegekraft und der gepflegten Person innerhalb einer Pflegesituation, welche die alltäglichen Schwierigkeiten des Lebens widerspiegelt. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Interaktion zwischen den Beteiligten und der Bestimmung der dieser Beziehung zugrunde liegenden Strukturen. Diese Kenntnisse sollen die Pflegekraft in die Lage versetzen, die Interaktion so zu gestalten, dass sie für Pflegenden und Gepflegten zu einer Lernerfahrung wird. In der metatheoretischen Auseinandersetzung mit der Theorie Peplaus wurden verschiedene kritische Punkte, beispielsweise die Asymmetrie des Machtgefüges innerhalb der Pflegebeziehung oder die Anwendbarkeit der Theorie auf nicht kommunikationsfähige Pflegebedürftige, diskutiert.

Pflegegeschichtlicher Hintergrund Peplaus Theorie kommt im Zusammenhang mit dem pflegegeschichtlichen und gesellschaftlichen Kontext der 1950er-Jahre eine besondere Bedeutung zu. In dieser Zeit entstanden, basierend auf den Entwicklungen in der Medizin und des allgemeinen Fortschrittglaubens, die ersten modern konzipierten Krankenhäuser. Die praktische Pflege, die bis dahin überwiegend nicht institutionalisiert im familiären Umfeld geleistet wurde, erlebte eine massive Technisierung und Anpassung an die veränderten Strukturen. Der Mensch wurde im Verständnis der 1950er in den getrennten Einheiten Körper und Geist betrachtet (cartesianischer Dualismus), wobei sich die Medizin ausschließlich dem Körper zuwandte. Die Pflege wurde in dieser Zeit von der Medizin dominiert und verfügte über keine eigenständigen und pflegewissenschaftlichen Grundlagen und definierte sich über die Rahmenbedingungen des Gesundheitswesens. Für Peplau verursachten diese Rahmenbedingungen eine Tabuisierung der persönlichen Beziehung zwischen Gepflegtem und Pflegekraft, entgegen der medizinischen Dominanz versuchte sie die Pflege auf ihre Kerntätigkeit in der zwischenmenschlichen Beziehung zurückzuführen und verstand die Medizin in diesem Sinne als eine Bezugswissenschaft der Pflege. Die Pflegetheorie Peplaus stieß vor diesem Hintergrund sowohl in der Pflege wie auch im Gesundheitssystem auf Kritik und Widerstand.

Einflüsse und Quellen Peplaus analytische Arbeit wurde vor allem durch Erich Fromm beeinflusst, bei dem sie während ihres Studiums einige Kurse belegte. Ihre theoretischen Grundlagen zur interpersonalen Wahrnehmung stammen aus dem Umfeld der Neopsychoanalyse, deren Pioniere sie in den 1940ern während Praxiseinsätzen (Internship) im psychiatrischen Krankenhaus Chestnut Lodge kennenlernte. In dieser Einrichtung in Rockville, Maryland, arbeiteten zu der Zeit eine Reihe bedeutender amerikanischer und aus Deutschland emigrierter Therapeuten, die sich mit der Entwicklung der analytisch orientierten Psychotherapie beschäftigten; dort entstanden die einflussreichen Chestnut Lodge Studies, die die Langzeitergebnisse psychiatrischer Behandlungen untersuchten., die Studien wurden von Thomas H. McGlashan als The Chestnut Lodge follow-up study. I-IV., Archives of General Psychiatry, 1984–1986 veröffentlicht. Die Zusammenarbeit mit Karen Horney, Frieda Fromm-Reichmann, Harry Stack Sullivan und Clara Thompson hat das Verständnis Peplaus für das Zusammenwirken von Pflege und Gepflegtem nachhaltig geprägt und bildete die Grundlage für die Entwicklung der psychodynamischen Pflege. Peplau benennt selbst einen starken Einfluss Freuds für die persönlichkeitstheoretischen Ansätze und die Arbeiten des humanistischen Psychologen Abraham Maslow im Bereich der Motivations- und Bedürfnistheorie.

Pflegewissenschaftliche Einteilung Pflegetheorien, die auch als konzeptionelle Pflegemodelle bezeichnet werden, beschreiben nicht die tatsächliche praktische Pflege oder ihren Zustand, sondern stellen das individuelle Verständnis von Pflege an sich dar. Diese Theorien werden neben der Definition zentraler Faktoren und Phänomene auch nach ihrem Ursprung, ihrer Entstehung, ihrer Bedeutung, ihrer Logik, ihrer Anwendbarkeit und ihrer Übertragbarkeit beziehungsweise nach ihrem Abstraktionsniveau unterschieden. Dabei ist die Reichweite der Theorie für das zugehörige Pflegemodell von entscheidender Bedeutung für die Ableitungsfähigkeit weiterer kleinerer Theorien und Modelle, für die Anwendbarkeit innerhalb verschiedener Pflegekulturen und für die Denkschule, der sie zugeordnet wird. Typisch für die Theorien der ersten Generation, zu denen Peplaus Theorie gehört, sind umfassende, meist induktiv entstandene Konzepte mit hoher Reichweite, die als grand theory klassifiziert werden. Die Theorie der interpersonalen Pflege bildete innerhalb dieser Theorien eine Ausnahme, da sie zunächst einen Schwerpunkt auf die Anwendbarkeit in der psychiatrischen Pflege setzte. Dadurch hatte sie anfangs nur eine mittlere Reichweite, die aber in den nachfolgenden theoretischen Überlegungen Peplaus auf eine allgemeine Anwendbarkeit ausgedehnt wurde. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal der Pflegetheorien ist das der Theorie zugrunde liegende Menschenbild. Dies kann systemisch, mechanistisch oder wie bei Peplau holistisch beziehungsweise ganzheitlich sein.

Innerhalb der Pflegewissenschaft und -forschung werden verschiedene Klassifikationssysteme verwendet, in denen die Einteilung in eine Modellgruppe Rückschlüsse auf die Art einer Theorie zulässt. Afaf Ibrahim Meleis, die sich auf die Grundlagenforschungen von Donaldson und Crowley stützt, ordnet Pflegetheorien in vier DenkschulenDie vier Denkschulen, auch „schools of thought“ genannt werden, beziehen sich auf das von Meleis definierte Klassifikationssystem der Pflegemodelle; innerhalb dieser Einteilung wird die Theorie der interpersonalen Pflege als Interaktionsmodell klassifiziert.Siehe hierzu Tabelle 2 in Andere Pflegewissenschaftler verwenden andere Einteilungen, beispielsweise wird sie von Marriner-Tomey als humanistisches Modell bezeichnet.

Zielsetzung und Schwerpunkte Zielsetzung Pflege ist nach Peplaus Theorie hilfreich, wenn es ihr gelingt, die Weiterentwicklung der Interaktionspartner – Pflegebedürftiger und Pflegekraft – zu fördern und sie bei den auftretenden zwischenmenschlichen Problemen im Pflegeprozess zu unterstützen. Dazu muss die Pflegeausbildung nicht nur den Intellekt, sondern auch die Persönlichkeit der Pflegekräfte schulen, da deren Verhalten Einfluss darauf hat, wie gut oder schlecht der Patient mit seiner Erkrankung zurechtkommt. Es hat eine entscheidende Bedeutung, dass die Pflegekraft erkennt, klärt und ein Verständnis dafür entwickelt, welche Auswirkung ihre Zuwendung zum Pflegebedürftigen hat.

Metaparadigma Nach dem pflegewissenschaftlichen Aspekt lassen sich die Pflegetheorien in vier Paradigmen einteilen. Sie werden in ihrer Gesamtheit als Metaparadigma der Pflege bezeichnet und umfassen die Bereiche Mensch bzw. Person, Umwelt, Gesundheit bzw. Krankheit und Pflege. Anhand dieser Kriterien lassen sich die Zielsetzung, das Selbstverständnis und die Systematik einer jeden Theorie beschreiben und erfassen. Das Metaparadigma als beschreibendes Element ist pflegewissenschaftlich und metatheoretisch umstritten, wird aber innerhalb der Pflegebildung verwendet, um einen zusammenfassenden Überblick über eine Pflegetheorie zu geben.Die von Kuhn 1970 entwickelten und von Kim differenzierten Paradigmen werden insbesondere wegen der Verwendung des Paradigmas Pflege als Selbstbeschreibung der Pflege hinterfragt, siehe hierzu auch

mini|hochkant=1.5|Metaparadigma in der Pflege: Mensch, Umwelt, Gesundheit/Krankheit, Pflege Mensch Der peplauschen Theorie liegt ein ganzheitliches Menschenbild zugrunde, das heißt, der Mensch wird als einzigartiges, individuelles Wesen wahrgenommen und nicht auf die Funktion seiner Organe reduziert. Die zwischenmenschlichen Beziehungen des Individuums, die Teil seiner Existenz sind und diese beeinflussen, werden durch verschiedene innere und äußere Umstände gesteuert. Umwelt Peplau bezeichnet die Umwelt als Mikrokosmos. Dieser beinhaltet sämtliche Bezugspersonen sowie alle zwischenmenschlichen Beziehungen, innerhalb deren sich der Pflegebedürftige bewegt. Gesundheit/Krankheit Gesundheit wird von Peplau als fortlaufender Prozess der Persönlichkeitsentwicklung und anderer menschlicher Bedürfnisse, beispielsweise der Emotion, definiert. Gesundheit ist sowohl auf ein kreatives, aktives, nützliches und leistungsfähiges persönliches Leben als auch auf das Gemeinschaftsleben ausgerichtet. Peplau versteht Krankheit als eine unvermeidliche menschliche Erfahrung, die dann zu einer Wachstumserfahrung werden kann, wenn der Mensch einen Sinn in der Krankheit finden kann. Pflege In der Pflegetheorie nach Peplau wird Pflege als ein therapeutisch bedeutsamer zwischenmenschlicher Prozess beschrieben, der die Förderung der Gesundheit zum Ziel hat. Dieser soll die Kraft zur Entwicklung einer Persönlichkeit geben, die es dem Pflegebedürftigen ermöglicht, am alltäglichen Leben teilzunehmen. Pflege kann darüber hinaus als ein pädagogisches Instrument angesehen werden.

Schlüsselkonzepte Die Struktur der Pflegetheorie nach Peplau basiert auf vier Schlüsselkonzepten: Das Konzept der Wechselseitigkeit Das Konzept der Phasenbezogenheit Die Bedürfnisse und die Stufen der Angst Das Konzept des interpersonalen Lernens

Konzept der Wechselseitigkeit Nach Peplau steht die Beziehung zwischen Pflegendem und Gepflegtem im Zentrum einer Pflegesituation. Ausgehend von der Grundannahme, dass jeder Mensch immer einen Reife- und Bildungsprozess und ein Höchstmaß individueller Produktivität anstrebt, gilt dies auch für die beiden sich in der Pflegesituation befindlichen Interaktionspartner. Dabei nehmen die beiden Parteien unterschiedliche Rollen ein, aus denen in der wechselseitigen Beziehung ein gegenseitiger Lern- und Reifeprozess entsteht, der eine erfolgreiche Pflegesituation kennzeichnet. mini|hochkant=1.5|Konzept der Wechselseitigkeit der Rollen innerhalb der pflegerischen Interaktion im Bezug zu den Phasen der Beziehung

Diese Grundannahme gilt gleichbedeutend für den Pflegebedürftigen und die Pflegekraft, obwohl beide unterschiedliche Rollen in der Situation einnehmen. Daraus folgt, dass beide in einer gelungenen Pflegesituation durch den wechselseitigen Austausch lernen und reifen. Peplau fordert, im Gegensatz zu dem vorherrschenden Rollenbild der 1950er-Jahre, einen emotional bedeutsamen Austausch zwischen den Interaktionsteilnehmern. Die Pflegekraft soll dabei ihr Selbst als reife und edukative Kraft in die Pflegesituation einbringen, indem sie verschiedene durch den Pflegebedürftigen oder die Gesellschaft zugewiesene Rollen erfüllt. Diese Rollen werden durch ihre Professionalität mitbestimmt und umfassen eine Reihe von Pflichten, Rechten und Erwartungen, die an die jeweilige Rolle gebunden sind.