Der Golem ist der Titel eines als Klassiker der phantastischen Literatur geltenden Romans von Gustav Meyrink. Er erschien erstmals von Dezember 1913 bis August 1914 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Die Weißen Blätter; 1915 wurde er in Buchformim Kurt Wolff Verlag Leipzig, München veröffentlicht. Die in zwanzig Kapiteln unterteilte Handlung spielt Ende des 19. Jhs. im labyrinthischen Prager Judenviertel mit seinem geheimnisvoll miteinander vernetzten Personal. Im Zentrum steht, mit Bezügen zur Golem-Sage, Kabbala, zu ägyptischen Mysterien und indisch-theosophischen Gedanken, der nach seiner Identität suchende Athanasius Pernath. mini|hochkant|Titelblatt mit Widmung (Illustration: Hugo Steiner-Prag)
Inhalt Überblick Rahmenhandlung
In der Rahmenhandlung zu Beginn (Kap. Schlaf und Tag) des Romans liest der Ich-Erzähler, ein anonymer Schriftsteller im frühen 20. Jh. zu Besuch in Prag, vor dem Zu-Bett-Gehen in einem Buch über das Leben Siddhartha Gautamas. Er fällt in einen unruhigen Halbschlaf, erinnert sich, seinen Hut mit dem eines Unbekannten mit Namen Athanasius Pernath vertauscht zu haben, und gleitet in eine Traumwelt, in der er in einer Art Seelenwanderung mit dem Protagonisten die Ereignisse durchlebt, die sich 33 Jahre zuvorin diesem Rhythmus tritt der Golem auf im inzwischen assanierten Prager Judenviertel zugetragen haben. Am nächsten Tag, im Schlusskapitel, folgt er dem in der Traumnacht zurückgelegten Weg, um den Hut zurückzubringen, und erblickt durch ein von Osiris-Fresken eingerahmtes, sich für einen kurzen Augenblick öffnendes Flügeltor mit Hermaphroditos-Figuren den ihm gleichenden Pernath und Mirjam.
Haupthandlung
In der sich im Jahresverlauf abspielenden HaupthandlungWinter und Frühling im Prager Judenviertel, anschließend die neunmonatige Untersuchungshaft und im November die kurze Zeit nach der Entlassung erzählt der Gemmenschneider und Restaurator Athanasius Pernath, der Ende des 19. Jhs.eine Datierungshilfe ist der im Kap. „Trieb“ erwähnte Einsturz der Karlsbrücke 1890: Hartmut Binder: Literaturreisen Prag. Klett Verlag Stuttgart, Dresden, 1992, S. 36. im alten Prager Judenviertel lebt, in der Ich-Form, wie er nach einem Jugendliebe-Trauma mit Erinnerungsverlust ein neues Leben beginnen will und in eine Kriminalgeschichte hineingezogen wird. In der parallel dazu verlaufenden Handlung hilft ihm der Mystiker Hillel, den Zugang zu seiner eigenen Vergangenheit und seinen Weg zur Selbsterkenntnis zu gewinnen.
Seelenschwängerung mini|hochkant|Das „Buch Ibbur“ (Illustration: Steiner-Prag) In Pernaths Wohnung taucht unvermittelt ein Besucher auf, der sich benimmt, als ob er dort zu Hause sei und weder grüßt noch den Hut abnimmt (Kap. I). Er zieht einen Folianten mit einem Einband aus Metall aus der Tasche. Die Initiale I am Beginn des Kapitels „Ibbur“ (Seelenschwängerung) muss restauriert werden. Pernath liest das mysteriöse Kapitel. Wie ein Geist ist der Gast plötzlich wieder verschwunden.
Mit seinen Freunden, dem Marionettenspieler Zwakh, dem Maler Frieslander und dem Musiker Josua Prokop bespricht Pernath den Besuch und die rätselhaften Erscheinungen im Judenviertel (Kap. Punsch). Zwakh erzählt ihnen eine Sage aus dem 16. Jh. und berichtet von den regelmäßigen Auftritten des Golem, den er als Inkarnation der Massenseele erklärt, bzw. als Repräsentation der Seele des Menschen, der dem Gespenst begegnet. Bald hegt Pernath den Verdacht, der Auftraggeber könne der Golem gewesen sein. Pernath leidet immer wieder an Bewusstseinsstörungen und seine Freunde verbergen vor ihm ihr Wissen um seine Vergangenheit: er ist nämlich aus Liebeskummer wahnsinnig geworden und verbrachte lange Zeit im Irrenhaus. Danach hat man ihn durch eine hypnotisch bewirkte Erinnerungsblockade von seinen Leiden befreit und ihm in einer neuen Umgebung eine Wohnung gesucht, wo er als Gemmenschneider seinen Unterhalt verdienen kann.
Kriminalhandlung Nach dem Besuch gerät das Leben des ca. 40-jährigen aus den Fugen. Er wird in zahlreiche Intrigen seiner Umwelt hineingezogen und von Halluzinationen heimgesucht. Nicht nur, dass ihm merkwürdige Dinge widerfahren, die er nicht verstehen kann, er wird auch in einen Rachefeldzug verwickelt, den der durch mitleidige Lehrer finanzierte arme Medizinstudent Innozenz Charousek gegen den reichen Trödler Aaron Wassertrum führt, dessen illegitimer Sohn er ist (Kap. Prag): Wassertrum hat Charouseks Mutter zuerst sexuell ausgenutzt, dann die Schwangere in ein Bordell verkauft und sich nicht mehr um sie und das Kind gekümmert. Zwar erklärt der Student das Vergehen seines Vaters einerseits als Angst, wegen seiner großen Liebe zu ihr die Kontrolle über sich zu verlieren, andererseits als Gier nach Geld und perverser Wonne an der Selbstqual (Kap. Not), aber er verzeiht dem Vater nicht, dass er nicht ihn, sondern seinen ehelichen Sohn gefördert und diesem eine medizinische Ausbildung finanziert hat. Als Charousek entdeckte, dass der zur angesehenen Kapazität mit dem neuen Namen Dr. Wassory aufgestiegene Augenarzt seine Patienten mit der Warnung vor einer Erblindung zu einer unnötigen und teuren Staroperation, einer Iridektomie, drängte, spielte er seine Informationen dessen Konkurrenten Dr. Savioli zu, der den Betrug der Staatsanwaltschaft anzeigte. Wassory entzog sich der Festnahme durch Selbstmord. Nun beobachtet Charousek den Vater, der ihn nicht erkennt, schleicht sich in sein Vertrauen ein und plant als Fortsetzung seiner Rache den Selbstmord des Trödlers: „Wir können nur etwas so tief hassen, wie ich es tue, was ein Teil von uns selbst ist.“Gustav Meyrink: Der Golem. Ullstein Verlag Frankfurt/M., Berlin, Wien, 1981, S. 134. Als Reaktion versucht Wassertrum den Tod seines Sohnes an Savioli zu rächen, der sich in einem seiner Häuser ein Liebesquartier eingerichtet hat, in dem er sich mit der verheirateten Gräfin Angelina trifft. Mit der Drohung, Angelinas Ehe und Ruf zu ruinieren, will er ihn als Ausgleich für das Ende seines Sohnes zum Suizid treiben. Um Beweise zu sammeln, beobachtet er ihre Treffen. Eines Tages flüchtet Angelina vor Wassertrum zu Pernath und bittet ihn, sie zu verstecken. Dann erzählt sie ihm bei einem geheimen Treffen auf dem Hradschin von ihrer Angst, Wassertrums wolle sie mit der Drohung erpressen, ihrem Mann ihre Liebschaft mitzuteilen mit der Folge einer Scheidung und der Trennung von ihrer Tochter. Sie gibt ihm ihren Schmuck, um damit das Schweigen des Trödlers zu bezahlen (Kap. Schnee). Pernath gelangt in dem verwinkelten Häuserblock über eine Speichertür und eine Bodentreppe in das Atelier Saviolis im Nachbarhaus, um Angelinas Spuren zu verwischen, und stellt gemeinsam mit Charousek ihre Liebesbriefe an den Liebhaber sicher (Kap. Spuk). Wassertrum und Pernath kommen bei ihrer Begegnung auf Angelina zu sprechen. Als Pernath ihn vor einer Erpressung warnt und in einer Aufwallung von Zorn mit einer Feile auf ihn einstechen will, erwidert der Trödler, ihm gehe es nicht um die Gräfin, sondern um eine Abrechnung mit Savioli, aber jetzt sei auch Pernath in die Sache verstrickt. Bei der nächsten Gelegenheit stellt er dem Gemmenschneider eine Falle (Kap. Trieb). mini|hochkant|Verbrechen (Illustration: Steiner-Prag) Zu dieser Zeit wird der Lebensversicherungsdirektor Karl Zottmann vermisst. Man befürchtet ein Verbrechen und setzt eine Belohnung für die Ermittlung des Täters aus. Wie sich später herausstellt, hat der jugendliche Kriminelle Loisa Kwäßnitschka beobachtet, wie sich die 14-jährige Prostituierte Rosina Metzeles, den Gerüchten nach eine illegale Tochter des Trödlers, mit ihrem Freier Zottmann in einem Kellergewölbe getroffen hat. Dort raubt er ihn aus und schließt ihn ein. Später findet man die Leiche des Verhungerten und sein Notizbuch mit Angaben über den Ablauf der Tat. Der taubstumme und in Rosina verliebte Jaromir findet nach der Verhaftung seines Zwillingsbruders die Taschenuhr des Opfers in dessen Bett und verkauft sie an Wassertrum, der sie für seine Intrige gegen Pernath benutzt. Er gibt sie ihm zuerst zur Reparatur, dann schenkt er sie ihm und zeigt ihn an. Man findet die Uhr in seinem ZimmerBrief Charouseks vom 12. Mai, Kap. „Mai“. und verhaftet ihn (Kap. Falle). Im Gefängnis (Kap. Qual) trifft Pernath den ebenfalls inhaftierten Loisa, der zwei Monate später mit Pernaths Feile, die in sein Rockfutter gerutscht ist und bei der Durchsuchung nicht entdeckt wurde, ausbricht und damit Wassertrum ersticht. Anschließend raubt er dessen Laden aus und flieht. Während Pernaths Haft hat sich Charousek durch die Kraft der geheimen Blutsbande und Suggestion, wie er glaubt, in Wassertrums Vertrauen eingeschlichen und in ihm durch Vorwürfe ein schlechtes Gewissen und Selbstmordgedanken aufgebaut, so dass ihn dieser zu seinem Erben eingesetzt (Kap. Mai). Da Loisa jedoch Charouseks Mordplan vereitelt hat, tötet er sich selbst auf dem Grabhügel durch Öffnen seiner Pulsadern. Das in die Erde eindringende Familienblut soll den Vater ewig verfolgen. Charousek hat vor seinem Tod aus den hinterlassenen Unterlagen erfahren, dass Wassertrum Pernaths Familie um ihr Vermögen betrogen hat. Deshalb entschädigt er ihn in seinem Testament. Nachdem Zottmanns Leiche und sein Tagebuch im Keller entdeckt worden sind, ist Pernath entlastet und er wird im November nach neun Monaten aus dem Gefängnis entlassen. Während Pernaths Inhaftierung sind viele Häuser seines Quartiers wegen der Sanierung des Judenviertels abgerissen worden und seine Freunde, auch Hillel und Mirjam, sind weggezogen: Angelina hat ihren Mann verlassen und ist mit Savioli und ihrer Tochter verschwunden. Jaromir löst mit seinem Verdienst Rosina beim Weinsalon Kautsky aus ihrem Vertrag. Sie wird daraufhin zuerst die Mätresse des Fürsten Ferri Athenstädt und heiratet, nachdem sie mit ihm sein Geld verprasst hat, einen „hohen Herrn“.
Identitätssuche mini|hochkant|Schemajah Hillel (Illustration: Steiner-Prag) Schemajah Hillel