Independent-Label (kurz auch Indie-Label) ist die Bezeichnung in der Musikindustrie für Musiklabels, die nicht nur funktionaler Teil der Major-Labels sind.Tibor Kneif: Sachlexikon Rockmusik. Instrumente, Stile, Techniken, Industrie und Gesellschaft. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1978, S. 99.

Begriffsbestimmung Anfang der 1950er Jahre bezeichnete man in den USA die Plattenfirmen als „Major-Labels“, die neben der Plattenproduktion auch über die Presswerke verfügten und den Vertrieb der Platten selbst kontrollierten. Alle anderen Plattenfirmen wurden als „Independent-Labels“ bezeichnet. Seit den 1960er Jahren hat sich die Bedeutung von Major-Label gewandelt und bezeichnet die Schallplattenfirmen mit den größten Verkaufserfolgen.Steve Chapple, Reebee Garofalo: Wem gehört die Rockmusik? Geschichte und Politik der Musikindustrie. Deutsch von Teja Schwaner. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 21. Die weniger umsatzstarken Labels, die sich nicht im Besitz der Major-Labels befinden, werden als „Independent“ bezeichnet. Durch die seit dem 19. Januar 1980 wöchentlich in Großbritannien veröffentlichten Independent-Charts gewann der Begriff an Popularität.

Der Begriff „Independent-Label“ (= unabhängige Plattenfirma) ist irreführend, da die kleinen und mittelgroßen Plattenfirmen meist nicht über eigene Vertriebsnetze verfügen, so dass sie häufig auf die Zusammenarbeit mit den Major-Labels angewiesen sind.Wicke, Ziegenrücker, Ziegenrücker: Handbuch der populären Musik. Schott, Mainz 2007, S. 338. Unabhängigkeit bezieht sich hierbei alleine auf die rechtliche und weitgehend auch wirtschaftliche Unabhängigkeit von den großen Medienkonzernen.

Geschichte

Die 1930er und 1940er Jahre mini|Francis Craig – Near You Independent-Labels gibt es seit Beginn der Schallplattenproduktion. In den 1940er Jahren wurden nach Expertenschätzungen etwa 400 Independent-Labels in den USA gegründet, bis 1952 überlebten von diesen knapp 100.Steve Chapple, Reebee Garofalo: Wem gehört die Rockmusik? Geschichte und Politik der Musikindustrie. Deutsch von Teja Schwaner. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 37. Eine Reihe von unabhängigen Plattenlabels, die in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre gegründet wurden, gingen bereits vor dem Aufkommen des Rock ’n’ Roll pleite. Ein bekanntes Beispiel ist Bullet Records, 1946 von Jim Bulleit in Nashville gegründet. Die Firma legte den Schwerpunkt ihrer Produktion auf den Pop-Sektor und hatte mit Near You von Francis Craig 1947 einen Nummer-eins-Hit, auch die folgende Single von Craig Beg Your Pardon erreichte Anfang 1948 eine Top-Ten-Platzierung.Zur Gründung der Firma findet man häufig als Angabe das Jahr 1945, die Bestellnummer Bullet 1001 für die Single Near You legt ein späteres Gründungsdatum nahe: Die Single wurde erstmals am 30. August 1947 in den Billboard-Charts notiert. Joel Whitburn: Top Pop Records 1940–1955. Record Research, Menomonee Falls WI 1973, S. 16.

Der zweite Bereich, in dem Bullet Records aktiv war, war der „Race“-Markt, wie es damals offiziell hieß und später in R&B umbenannt wurde. Insgesamt wurden von der Firma fünfzig R&B-Singles veröffentlicht, darunter Aufnahmen von Wynonie Harris und B. B. King, aber außer diesen beiden Interpreten verbuchten keine weiteren Erfolge auf dem R&B-Markt. Viele der später erfolgreichen Country-Sänger und -Musiker starteten ihre Karriere bei Bullet Records, so Chet Atkins, Bradley Kincaid, Pee Wee King, Smiley Burnette, Leon Payne, Ken Curtis und The York Brothers. Nach den Anfangserfolgen auf dem Popmusik-Markt versuchte Bullet durch die Verpflichtung bekannter Pop-Sänger den Erfolg zu stabilisieren, jedoch spielte keine Single die den Sängern zugesagte Garantiesumme ein.Götz Alsmann: Nichts als Krach. Die unabhängigen Schallplattenfirmen und die Entwicklung der amerikanischen populären Musik 1943–1963. Huba, Drensteinfurt 1985, S. 74. Lediglich die Single Rag Mop von Johnnie Lee Wills erreichte 1950 noch einmal einen Platz unter den Top Ten.Joel Whitburn: Top Pop Records 1940–1955. Record Research, Menomonee Falls WI 1973, S. 48. 1953 musste Bullet Records Konkurs anmelden.

Die Vor-Rock-'n'-Roll-Ära 1950 bis 1955 mini|Stick McGhee – Drinkin' Wine, Spo-dee-o-dee Um 1950 gab es in den USA sechs Major-Labels: Columbia Records, RCA Records, Decca Records, Capitol Records, MGM Records und Mercury Records.Steve Chapple, Reebee Garofalo: Wem gehört die Rockmusik? Geschichte und Politik der Musikindustrie. Deutsch von Teja Schwaner. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 21–24. Diese Firmen beherrschten den Schallplattenmarkt: Von den 105 Top-20-Hits des Jahres 1951 stellten diese Firmen 103.eigene Auszählung nach: Joel Whitburn: Top Pop Records 1940–1955. Record Research, Menomonee Falls WI 1973. Demgegenüber standen etwa hundert Independent-Labels, die sich auf Teilmärkte spezialisiert hatten, weil sie auf Grund fehlender Vertriebsnetze landesweit nicht mit den Majors konkurrieren konnten. Um 1950 zeigte sich, dass auch auf diesen Teilmärkten große Mengen an Schallplatten verkauft werden konnten, so verkauften im R&B-Bereich z. B. Savoy Records 500.000 Exemplare der Single The Hucklebuck und Atlantic Records etwa 250.000 Platten von Stick McGhees Drinkin' Wine, Spo-Dee-O-Dee. Die Umsätze im Country-Bereich waren geringer, aber zeigten, dass auch dieser Bereich für Independent-Labels finanziell attraktiv sein konnte, so verkaufte King Records zum Beispiel von Wayne Raneys Why Don’t You Haul off and Love Me 250.000 Exemplare und von der Single Blues Stay Away from Me von den Delmore Brothers 120.000 Stück innerhalb von sechs Wochen.Ed Ward: Declaration Of Independence. In: Ed Ward, Geoffrey Stokes, Ken Tucker: Rock Of Ages. The „Rolling Stone“ History Of Rock & Roll. Einleitung von Jann S. Wenner. Rolling Stone Press / Prentice-Hall, Englewood Cliffs NJ 1986, S. 51.

Die Situation der Independent-Labels Anfang der 1950er Jahre kann folgendermaßen charakterisiert werden: Ihre Promotionmöglichkeiten waren eng begrenzt, ebenso die Möglichkeiten des Plattenvertriebes, gewöhnlich war der Einzugsbereich eines Labels regional eingegrenzt. Die Labels hatten relativ wenige Interpreten unter Vertrag, diese auch häufig nur kurzfristig, zum Teil nur für ein oder zwei Singles. Die Produktion von Singles stand – aus Kostengründen – im Mittelpunkt der Firmenpolitik, die Firmen waren in der Regel auf einen Teilmarkt spezialisiert und überließen den Pop-Markt weitestgehend den Major-Labels.Carl Belz: The Story Of Rock. Harper Colophon Books, Harper & Row, New York / Evanston / San Francisco / London 1971, S. 21

Einen regionalen Schwerpunkt der Independent-Labels bildete New York City. Die Krise während und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg hatten National Records und die 1942 gegründeten Labels Savoy Records und Apollo Records überstanden. 1948 wurden Jubilee Records und Atlantic Records mit den späteren Sub-Labels Atco und Cat gegründet. Atlantic wurde eines der bedeutendsten Labels für R&B und später für Soul. Anfang bis Mitte der 1950er Jahre wurden zahlreiche neue Plattenfirmen in New York ins Leben gerufen, die jedoch kaum überregionale Bedeutung erlangten: 1953 Robin Records, 1955 Old Town Records, Baton Records und Melba Records, 1956 kam noch Winley Records hinzu.Charlie Gillett: The Sound Of The City. Die Geschichte der Rockmusik. Deutsch von Teja Schwaner. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1979, S. 96–108. In Cincinnati / Ohio gab es das 1945 von Sydney Nathan gegründete Label King Records, das vor allem auf R&B und Country spezialisiert war.Charlie Gillett: The Sound Of The City. Die Geschichte der Rockmusik. Deutsch von Teja Schwaner. Verlag Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1979, S. 109–111.

Das in Chicago beheimatete Label Chess Records, das 1947 von den Brüdern Leonard und Phil Chess gegründet worden war, hatte sich zunächst auf R&B spezialisiert, wurde aber ab Mitte der 1950er Jahre zusammen mit seinen Sub-Labels Checker Records und Argo Records bedeutsam für die Popularisierung des Rock ’n’ Roll – unter anderem mit Interpreten wie Dale Hawkins, Bo Diddley und Chuck Berry.Charlie Gillett: The Sound Of The City. Die Geschichte der Rockmusik. Deutsch von Teja Schwaner. Frankfurt am Main 1979, S. 111–117. – Mit Vee-Jay Records, das 1953 von Vivian Carter und James Bracken gegründet wurde, verfügte Chicago über ein zweites für die Entwicklung des R&B und der Rockmusik relevantes Label, auf dem Interpreten wie Jimmy Reed, John Lee Hooker, Jerry Butler, Dee Clark und The Spaniels veröffentlichten.Charlie Gillett: The Sound Of The City. Die Geschichte der Rockmusik. Deutsch von Teja Schwaner. Frankfurt am Main 1979, S. 117 f.

Die neben Atlantic wohl bekannteste unabhängige Plattenfirma war Sun Records. Die Firma wurde 1953 von Sam Phillips in Memphis gegründetzur Frühgeschichte des Labels vgl. Ed Ward: Sunrise In The South. In: Ed Ward, Geoffrey Stokes, Ken Tucker: Rock Of Ages. The „Rolling Stone“ History Of Rock & Roll. Einleitung von Jann S. Wenner. Rolling Stone Press / Prentice-Hall, Englewood Cliffs New J 1986, S. 72–82. und zu ihren Interpreten gehörten unter anderem Elvis Presley, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Johnny Cash, Roy Orbison, Little Junior Parker, Little Milton und Rufus Thomas. Auf ihrem Sub-Label Phillips International erschienen Platten von Charlie Rich, Bill Justis und Carl Mann und anderen.Charlie Gillett: The Sound Of The City. Die Geschichte der Rockmusik. Deutsch von Teja Schwaner. Frankfurt am Main 1979, S. 126–131 Der von Sun produzierte Musikstil, eine Mischform aus Country und R&B, wurde Rockabilly genannt, die – wie einige Musikhistoriker meinen – reinste Form des Rock ’n’ Roll.Peter Guralnick: Rockabilly. In: Jim Miller (Hrsg.): The Rolling Stone Illustrated History Of Rock & Roll. Random House, New York 1976, S. 64. Nennt Rockabilly „the purest of all rock ’n’ roll genres“. 1954 beherrschten die Independent-Labels weitgehend den R&B-Markt: Von den 30 R&B-Tophits des Jahres stammten 23 von den Independent-Labels, allein 11 der Tophits steuerte Atlantic bei.Steve Chapple, Reebee Garofalo: Wem gehört die Rockmusik? Geschichte und Politik der Musikindustrie. Deutsch von Teja Schwaner. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 1980, S. 44.

Die Independent-Labels in der Rock-’n’-Roll-Ära 1956–1963 Mit dem Aufkommen des Rock ’n’ Roll wuchs der Anteil der Independent-Labels am Schallplattenverkauf rapide an. Dies war einerseits darin begründet, dass die auf den R&B-Markt spezialisierten Labels die Interpreten unter Vertrag hatten, deren Musik nunmehr gefragt war, etwa Fats Domino bei Imperial oder Chuck Berry bei Chess, andererseits aber auch daran, dass die Major-Labels kaum in der Lage waren, kurzfristig auf den sich wandelnden Musikgeschmack zu reagieren; RCAs Vertrag mit Elvis Presley ist eine der Ausnahmen.

Die Phase der Fusionen 1964–1973 War es seit Ende der fünfziger Jahre durchaus gängige Praxis, dass größere und finanzkräftigere Independent-Labels schwächere Konkurrenten aufkauften, so gerieten die bedeutenderen Independent-Labels ab 1964 ihrerseits unter den Fusionsdruck der Major-Labels, die auf Grund ihrer Konzernstruktur über die finanziellen Mittel verfügten, durch den Aufkauf von unabhängigen Labels ihren Marktanteil auszuweiten.

Die 1970er und 1980er Jahre mini|Alfred Hilsberg, Gründer des Zick-Zack-Labels, 2006 Häufig wird der Begriff auch mit den aus einer anarchistischen Punk-Idee heraus entstandenen Labels verbunden, die Ende der 1970er entstanden. Sie waren eine bewusste Absage an die Politik und die Ästhetik der großen Plattenfirmen und standen auch in direktem Bezug zur DIY-Einstellung in der Punk-Szene. In Deutschland gründete sich 1982 der Vertrieb EfA, um die Aktivitäten dieser Labels zu koordinieren. Eines der bekanntesten Labels in Deutschland aus dieser Zeit war Zick Zack. Aus dieser Ablehnung wuchs in der punkorientierten Rockszene ein weltweiter Trend.