Tscheljabinsk [] (, , wiss. Transliteration Čeljabinsk) ist eine russische Großstadt in der östlichen Uralregion mit 1,18 Millionen Einwohnern (Stand: 2025) und somit die achtgrößte Stadt Russlands. Sie ist Verwaltungssitz der gleichnamigen Oblast Tscheljabinsk und hinter Jekaterinburg das zweitgrößte kulturelle, wirtschaftliche, geschäftliche und politische Zentrum des Föderationskreises Ural. 1736 als Festung an der Schwelle zwischen dem Ural und Sibirien gegründet, entwickelte sich Tscheljabinsk im 19. Jahrhundert zu einem der größten Handelszentren der Region und wurde 1892 an die damals im Bau befindliche Transsibirische Eisenbahn angebunden, wodurch die Stadt zu einem der wichtigsten Tore zum Osten wurde. Durch den regen Bau von Industriebetrieben in Tscheljabinsk während der ersten Fünfjahrespläne und die anschließende Evakuierung zahlreicher Fabriken im Großen Vaterländischen Krieg wurde die Stadt zu einem der größten Industriezentren der UdSSR. Aufgrund der Produktion von Panzern und anderen Kampffahrzeugen während des Krieges sowie des bedeutenden Gesamtbeitrags zum Sieg über Nazideutschland wurde Tscheljabinsk der Ehrentitel „Stadt der Arbeitsverdienste“ verliehen, und die Stadt selbst erhielt den bekannten inoffiziellen Namen „Tankograd“ (= Panzerstadt).
Internationale Aufmerksamkeit bekam Tscheljabinsk im Rahmen des Meteoriteneinschlags nahe der Stadt im Jahr 2013.
Lage Die Stadt liegt in Asien, an der Grenze zwischen Mittlerem und Südlichem Ural, unweit des östlichen Fußes des Gebirges am Fluss Miass, einem Nebenfluss der Isset im Einzugsgebiet des Ob.
Geschichte Tscheljabinsk wurde 1736 als Festung und Bestandteil der Orenburger Befestigungslinie am rechten Ufer des Flusses Miass gegründet. Der Name der Stadt entstammt vermutlich regionalen uralischen Turksprachen, Tscheljabi bedeutet dort „die Edlen“.
1743 wurde Tscheljabinsk zum Verwaltungszentrum für die Provinz Isset und erhielt 1787 den Stadtstatus. Von 1781 bis 1796 gehörte Tscheljabinsk zur Ujesd Jekaterinburg, einer Unterverwaltungseinheit im Gouvernement Perm. Danach wechselte Jekaterinburg die Zugehörigkeit zum Gouvernement Orenburg.
Ende des 18. Jahrhunderts war die Stadt ein regionales Verwaltungszentrum und auch Schauplatz der Auseinandersetzungen beim Aufstand des Bauernführers Jemeljan Pugatschow gegen Katharina die Große.
Bis ins 19. Jahrhundert blieb Tscheljabinsk eine Kleinstadt. Den ersten großen wirtschaftlichen Entwicklungsschub brachten ab 1891 die von Konstantin Michailowski hergestellte Eisenbahnverbindung nach Jekaterinburg sowie die Inbetriebnahme der Transsibirischen Eisenbahn, die in Tscheljabinsk ihren Ausgang nahm. Tscheljabinsk wurde zum bedeutendsten Verkehrs- und Handelszentrum im Ural und zum Hauptumschlagplatz für Tee und Getreide. In der Folge siedelten sich zahlreiche Betriebe zur Verarbeitung der Handelsware wie Ölmühlen und Gerbereien an.
Nach dem Ausbruch der Oktoberrevolution und des Russischen Bürgerkrieges wurde die Stadt durch die Weißgardisten des Admirals Koltschak besetzt. Nachdem ein tschechoslowakischer Soldat beim sogenannten „Zwischenfall von Tscheljabinsk“ am 14. Mai 1918 ums Leben kam und dies zu Protesten führte, ordnete der neue sowjetrussische Kriegskommissar Leo Trotzki die Entwaffnung der Tschechoslowakischen Legionen und den Abmarsch aus Russland an. Daraufhin kam es zum Aufstand, und die Legionen eroberten unter Sergej Vojcechovskýs Befehl zweimal die Stadt. Erst am 24. Juli 1919 gelang es der Roten Armee, die Stadt zurückzuerobern.
1919 wurde im Rahmen der Russischen SFSR das Gouvernement Tscheljabinsk gebildet,Сосуществование старых и новых административно-территориальных единиц в 1917–1923 гг. (russ.) das nur bis 1923 bestand. Tscheljabinsk kam anschließend zur Oblast Ural, nach deren Auflösung wurde 1934 die bis heute bestehende Oblast Tscheljabinsk gebildet.Первая советская реформа, укрупнение единиц административно-территориального деления в 1923–1929 гг. (russ.)
In den 1930er Jahren erfolgte im Zuge der Industrialisierung der Sowjetunion der zweite wirtschaftliche Aufschwung. Angesiedelt wurden vor allem Schwerindustriebetriebe. Während des Zweiten Weltkrieges wurden etwa 60 Industrieanlagen aus den westlichen Landesteilen nach Tscheljabinsk verlegt, die nun Rüstungsgüter herstellten. Auf dem Gebiet der Panzerproduktion nahm die Stadt den Spitzenplatz innerhalb der Sowjetunion ein. Das zur Fertigung von Kettenschleppern 1933 gegründete Traktorenwerk (heute Tscheljabinski Traktorny Sawod – URALTRAK) wurde im Zweiten Weltkrieg zu einem wichtigen Produzenten von Rüstungsgütern für die Rote Armee. Neben Raketenwerfern („Stalinorgeln“) fertigte das Werk vor allem gepanzerte Kettenfahrzeuge wie die KW-1- und T-34-Panzer sowie Selbstfahrlafetten der Typen SU-152/ISU-152. In der Zeit des Deutsch-Sowjetischen Kriegs erhielt die Stadt daher den Namen Tankograd – „Panzerstadt“.
Tscheljabinsk war ein Standort innerhalb des sowjetischen Gulag-Systems. Das Tscheljabinsker ITL (Besserungsarbeitslager) bestand von November 1941 bis Oktober 1951. Inhaftiert waren bis zu 15.400 Personen, die beim Bau eines Hüttenwerks, im Industrie-, Straßen-, Zivil- und Wohnungsbau sowie bei der Förderung von Bodenschätzen eingesetzt wurden.
Außerdem befand sich das Kriegsgefangenenlager 68 für deutsche Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs in Tscheljabinsk. Schwer Erkrankte wurden im Kriegsgefangenenhospital 5882 versorgt. Etwa 12 km östlich der Stadt gab es ein Kriegsgefangenen-Massengrab.Maschke, Erich (Hrsg.): Zur Geschichte der deutschen Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Verlag Ernst und Werner Gieseking, Bielefeld 1962–1977
Seit Mitte der 1970er Jahre macht Tscheljabinsk große Fortschritte im Bereich der Kultur. Gefördert wurde diese Entwicklung durch eine zentrale Skulpturenmeile in der 2004 zur Fußgängerzonen umgestalteten Kirow-Straße. Die militärische Produktion wurde im neuen Russland zugunsten einer stärkeren Gewichtung ziviler Fertigung verdrängt – so stellt das heutige URALTRAK-Werk vorwiegend Baufahrzeuge her.
Im August 2007 fand auf den umliegenden Militärstützpunkten das Großmanöver „Friedensmission 2007“ im Rahmen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit statt, an der neben Russland auch Streitkräfte aus Kasachstan, Tadschikistan, Kirgisien, Usbekistan und der Volksrepublik China teilnahmen.
Über die Grenzen Russlands hinaus ist Tscheljabinsk durch eine ARD-Reportage über das Kinder- und Jugendgefängnis bekannt, in dem ca. 120 Kinder von 11 bis 16 Jahren wegen unterschiedlichster Straftaten von Diebstahl bis Mord einsitzen. Trotz Schulbildung in dieser Einrichtung werden ca. 90 % der Kinder rückfällig.
Am 15. Februar 2013 ging ein Meteor über der Stadt nieder, wodurch mehrere hundert Menschen verletzt wurden.Spiegel Online: Ural-Provinz Tscheljabinsk: Hunderte Verletzte bei Meteoritenregen in Russland vom 15. Februar 2013
Bevölkerungsentwicklung
Jahr Einwohner 1897 19.998 1925 59.200 1939 273.116 1959 689.049 1970 875.210 1979 1.029.522 1989 1.141.777 2002 1.077.174 2010 1.130.132
Wirtschaft mini|Einkaufszentrum am Hauptbahnhof von Tscheljabinsk mini|In der Fußgängerzone von Tscheljabinsk
Tscheljabinsk hatte vor dem Bau der Transsibirischen Eisenbahn nur als administratives und regionales Handelszentrum gewisse Bedeutung. Im Jahr 1896 wurden die beiden Linien Tscheljabinsk-Ob (1432 km) und die Bahnlinie Jekaterinburg-Tscheljabinsk (226 km) fertiggestellt. Mit der Bahn kam der industrielle Aufschwung. Tscheljabinsk entwickelte sich daraufhin zu einem Rüstungs-, Industrie-, Verkehrs- und Kulturzentrum von landesweiter Bedeutung. Die metallurgischen Kombinate gehören zu den größten Russlands. In Tscheljabinsk, das auch als die „Schmiede Russlands“ bezeichnet wird,Christian Suhr, Ralf Weinreich: Baumaschinen Klassiker. Motorbuch Verlag, 2010, ISBN 978-3-613-03098-5, Seite 52. werden folgende Produkte hergestellt: Eisenlegierungen, Schleifmittel, Elektroden, Edelstähle Draht und Großrohre (bis 1220 mm Durchmesser) Rüstungsgüter (insbesondere Panzermotoren) Schwermaschinen und Geräte wie zum Beispiel Werkzeugmaschinen, Diesel- und Elektrokräne, Beregnungsanlagen, Uhren (zum Beispiel die Firma Molnija), Radios, Heizgeräte, Messinstrumente Kettentraktoren und Baumaschinen aus dem Tscheljabinski Traktorny Sawod Güter der chemischen und Leicht- und Nahrungsmittelindustrie
Die Stadt betreibt mehrere Wärmekraftwerke, bildet einen Eisenbahn- und Verkehrsknoten und hat einen Flughafen. Es mündet eine Erdölleitung in der Stadt, durch die auch eine Gaspipeline führt, die von Samotlor kommt. In der Umgebung existieren Lagerstätten von Braunkohle mit einem Gehalt von etwa 1,5 Milliarden Tonnen. Außerdem gibt es weißen Marmor bei Balandino und Kojelga sowie mit „Mochalin Log“ eine Lagerstätte für Mineralien, aus denen Metalle der Seltenen Erden gewonnen werden können.
In der Nähe von Tscheljabinsk befindet sich die geheime Atomtestsperrzone „Tscheljabinsk 70“. Die Existenz des Testgebietes wurde 1992 öffentlich bekannt.
Verkehr mini|Fenster im restaurierten Hauptbahnhof von Tscheljabinsk
Nahverkehr Die Metro Tscheljabinsk wird seit 1992 gebaut, aber die Eröffnung des ersten Abschnitts wurde hauptsächlich wegen mangelnder Finanzierung immer wieder verschoben. Eine Fertigstellung ist noch nicht in Sicht. Die Hauptlast des öffentlichen Personennahverkehrs trägt aktuell ein System aus Trolleybussen, Straßenbahnen und gewöhnlichen Buslinien. Linientaxis spielen ebenfalls eine wichtige Rolle im öffentlichen Verkehr.
Flughafen Der Flughafen Tscheljabinsk bietet regelmäßige Verbindungen nach Moskau, Sankt Petersburg sowie in sibirische Großstädte.
Bahnhof Der Bahnhof von Tscheljabinsk (HAFAS: Cheliabinsk) wurde 2005 zum besten Bahnhof Russlands gewählt und ist bis heute ein zentraler Verkehrsknotenpunkt von überregionaler Bedeutung. Hier kreuzen sich die West-Ost-Bahntrasse durch ganz Russland von Moskau nach Wladiwostok und die Hauptstrecke von Jekaterinburg südwärts nach Qaraghandy in Kasachstan. Aus Deutschland konnte man Tscheljabinsk mit einer wöchentlich verkehrenden Kurswagenverbindung aus Berlin ohne Umstieg mit einer Fahrzeit von 72 Stunden und 18 Minuten erreichen; diese Verbindung wurde zum Fahrplanwechsel 2013 gestrichen.Rekordstrecke: Bahnverbindung Berlin-Nowosibirsk wird eingestellt, Berliner Morgenpost, 12. November 2013„Forenbeitrag D1249 Berlin-Saratov ab Fahrplanwechsel“ mit Links auf russischsprachige Medien Die Stadt ist Verwaltungssitz der Regionaldirektion Südural der Russischen Staatsbahn. Die Direktion betreibt nicht nur alle Eisenbahnlinien samt zugehöriger Infrastruktur im Großraum Tscheljabinsk, sondern auch ein über 8000 Kilometer langes Schienennetz.
Fernstraßen Über die föderale Fernstraße M5 ist Tscheljabinsk mit dem europäischen Teil Russlands verbunden. Hier beginnt die Fernstraße R254, die über Omsk (am namensgebenden Fluss Irtysch) nach Nowosibirsk verläuft. Gleichzeitig ist die Stadt Ausgangspunkt der Abzweigung A310, die in südlicher Richtung zur kasachischen Grenze führt.
Umweltverschmutzung Ein mit der großen Konzentration der Schwerindustrie einhergehendes Problem ist die exorbitante Umweltverschmutzung in Tscheljabinsk sowie der Smog. Zur hohen Luftverschmutzung kommen vielfach unkontrollierte riesige Mülldeponien hinzu. Eine Bürgerinitiative, darunter vor allem Frauen, brachte Demonstrationen von mehreren Tausend Menschen zusammen und Unterschriften von 160.000 Menschen, welche gegen den Bergbau waren, der ihrer Meinung die Trinkwasserversorgung gefährdete. Ältere Frauen kamen erstmals in ihrem Leben mit der Staatsmaschinerie in Berührung, als sie verhaftet wurden, und meinten dazu: „Das ändert unsere Meinung doch nicht.“Drittes Klingeln, Nowaja Gaseta, zu Martini 11. November 2017
Demographie Im Jahre 1928 lebten in Tscheljabinsk ca. 60.000 Menschen, 2004 hatte die Stadt 1.071.000 Einwohner und ist in 7 Stadtbezirke unterteilt: Kalininski Rajon – 203.200 Einwohner