mini|Bob Dylan (2019) Bob Dylan (* 24. Mai 1941 als Robert Allen Zimmerman in Duluth, Minnesota) ist ein US-amerikanischer Singer-Songwriter und Lyriker. Er spielt Gitarre, Mundharmonika, Orgel und Klavier. Nach ersten Erfolgen mit Folk wandte er sich Mitte der 1960er Jahre der Rockmusik zu, schöpfte aber im Laufe seiner Karriere auch aus anderen Musiktraditionen wie Country, Blues, Gospel und dem Great American Songbook. Er gilt als einer der einflussreichsten Musiker des 20. Jahrhunderts.
Dylans Texte im Verbund mit der musikalischen Darbietung und Aufführungspraxis zeichnen sich durch vielschichtige Bezugsebenen aus, in denen Hoch- und Populärkultur aufeinandertreffen. 2016 erhielt er „für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition“ als erster Musiker den Nobelpreis für Literatur. Daneben betätigt er sich auch als Zeichner, Maler und Bildhauer.
In sein Werk eingewoben sind Reverenzen auf zahlreiche Personen der amerikanischen und europäischen Musik- und Literaturgeschichte, darunter Hank Williams, James Joyce, Woody Guthrie, Ovid, Merle Haggard, William Shakespeare, Jerry Lee Lewis, Arthur Rimbaud, John Lennon, Homer, Billy Joe Shaver, Petrarca oder Frank Sinatra. Sowohl das in der Kombination vielfältiger Traditionslinien sehr eigenständige, erfindungsreiche Werk Dylans als auch seine rätselhafte Persönlichkeit führten zu einer umfangreichen kulturellen und geisteswissenschaftlichen Rezeption.
Leben Kindheit und Jugend mini|Dylans Elternhaus in Hibbing (7th Avenue East, No. 2425) mini|Das Hauptgebäude der Hibbing High School Robert „Bob“ Zimmerman wurde 1941 im St. Mary’s Hospital in Duluth, Minnesota, geborenWilli Winkler: Bob Dylan. Ein Leben. Rowohlt, Reinbek 2011, ISBN 978-3-499-62716-3, S. 14. und ist der älteste Sohn einer liberalen jüdischen Familie.Anthony Scaduto: Bob Dylan – Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage. Obertshausen, S. 10. Seine Eltern Abraham „Abe“ Zimmerman (1911–1968) und Beatrice „Beatty“ Stone (1915–2000) waren die Nachfahren türkisch-,Christiane Schlötzer: Der verschollene Verwandte aus Amerika. In: Süddeutsche Zeitung. 19. Mai 2010.Deniz Göktürk. In: Sabine Hake, Barbara Mennel: Turkish German Cinema in the New Millennium: Sites, Sounds, and Screens. Berghahn Books, New York 2012, ISBN 978-0-85745-768-4, S. 206, books.google.de – Originalwerk: Bob Dylan: Chronicles. Vol. 1. Simon & Schuster, New York 2005 , S. 92–93. litauisch-Robert von Lucius: Drei baltische Wege. Litauen, Lettland, Estland – zerrieben und auferstanden. 2., aktualisierte und überarbeitete Auflage. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2012, ISBN 978-3-89812-822-3. und ukrainisch-jüdischer Immigranten, die 1902 bzw. 1905 aus Odessa in die Vereinigten Staaten eingewandert waren und sich im Mittleren Westen niedergelassen hatten.In seiner 2004 erschienenen Autobiografie Chronicles schrieb Dylan, dass seine Großeltern väterlicherseits von Sepharden aus Istanbul abstammten; seine Großmutter kam aus der türkischen Stadt Kars, sein Großvater aus Trabzon an der Schwarzmeerküste.
Nachdem sein Vater an Kinderlähmung erkrankt war, verlor er seine Stelle als leitender Angestellter der American Oil Company, und mit der Geburt des zweiten Sohnes David Benjamin (* 1946) geriet die Familie in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Um einer drohenden Verarmung zu entgehen, entschlossen sich die Zimmermans zu einem Ortswechsel und zogen 1947 zu den Großeltern mütterlicherseits nach Hibbing. Der Vater stieg nach seiner Genesung in den Elektro- und Haushaltswarenladen seiner beiden Brüder ein. Wenn die Kunden ihre Schulden nicht zurückzahlen konnten, übertrug Abraham seinem ältesten Sohn gelegentlich die ungeliebte Aufgabe, die Ware zurückzuholen.Anthony Scaduto: Bob Dylan – Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage. Obertshausen, S. 11.
Die Kleinstadt Hibbing liegt im Norden Minnesotas auf der Mesabi Iron Range, eine Gegend, die durch den intensiven Tagebau und die Hull-Rust-Mahoning-Mine dominiert wird. Die karge Landschaft prägte den jungen Bob:
Die Familie bezog ein Haus in einer ruhigen Wohngegend der Mittelschicht, und Bob erlebte eine normale Kindheit in geordneten Verhältnissen.David B. Green (21. Mai 2015): This Day in Jewish History – 1954: Shabtai Zissel Is Bar Mitzvahed, and Turns Out to Be Bob Dylan. In: Haaretz. Abgerufen am 16. Mai 2020. Der introvertierte Junge war ein passionierter Radiohörer, der schon früh eine Vorliebe für Musik erkennen ließ. Zuerst zogen ihn die Country- und Rhythm-and-Blues-Sender aus dem Süden an, dann als Teenager hauptsächlich der populäre Rock ’n’ Roll. Die Eltern förderten die Musikbegeisterung ihres Sohnes, der als Zehnjähriger unter Anleitung eines Cousins mit dem Klavierspiel begann, bevor er zur Gitarre wechselte. Das Instrument brachte er sich selbst bei.
Bob spielte die Standards seiner ersten musikalischen Vorbilder wie Hank Williams, Muddy Waters, Howlin’ Wolf, Chuck Berry und Elvis Presley nach. Besonderen Eindruck hinterließen die frühen Stücke von Elvis Presley, dessen Version von Blue Moon of Kentucky er sich beibrachte und noch bis 1999 auf Konzerten spielte. Neben der Musik galt sein Interesse der Literatur, und schon als Jugendlicher begeisterte er sich für die Werke des Autors John Steinbeck (v. a. Früchte des Zorns). Er selbst schrieb auch eigene Gedichte.Robert Shelton: Bob Dylan: No Direction Home. S. 24.
Als Schüler an der Hibbing High School traf Bob auf Gleichgesinnte und wurde Mitglied der Doo-Wop-Gesangsgruppe The Jokers. 1956 gründete er mit zwei Schulfreunden The Golden Chords, die in der elterlichen Garage die Stücke bekannter Musiker nachspielten. Angetrieben durch die Ablehnung der in Hibbing herrschenden Konformität imitierte Robert seine musikalischen Vorbilder und begann, mit seiner Formation bei Talentwettbewerben oder Schulfesten erste Live-Erfahrungen zu sammeln.Anthony Scaduto: Bob Dylan – Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage. Obertshausen, S. 44. Mit ihren rohen und ungeschliffenen Rock-’n’-Roll-Coverversionen hatten die Golden Chords bei den Gleichaltrigen der Stadt Erfolg.Olaf Benzinger: Bob Dylan – Seine Musik und sein Leben. dtv Premium, München 2006, S. 10.
Am 31. Januar 1959 besuchte er in Duluth ein Konzert von Buddy Holly, der drei Tage später bei einem Flugzeugabsturz das Leben verlor.Olaf Benzinger: Bob Dylan – Seine Musik und sein Leben. dtv Premium, München 2006, S. 11. Das Ereignis schilderte er als lebensverändernd, da sich sein Karriereplan, selbst ein Rock-’n’-Roll-Star zu werden, immer deutlicher darstellte.Anthony Scaduto: Bob Dylan – Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage. Obertshausen, S. 14. Nach dem High-School-Abschluss schrieb Bob ins Jahrbuch, er würde die Schule verlassen, um Little Richard zu folgen.
Der ungeduldige 18-Jährige wollte die provinzielle Enge seiner ländlichen Heimat verlassen und zeigte keine Neigung, in das Familiengeschäft einzusteigen.Olaf Benzinger: Bob Dylan – Seine Musik und sein Leben. dtv Premium, München 2006, S. 12. Als er im Sommer 1959 einige Wochen einem Gelegenheitsjob als Aushilfskellner in Fargo nachging, freundete er sich mit dem Rock ’n’ Roller Bobby Vee an. Dieser konnte bereits lokale Erfolge vorweisen, und unter dem Pseudonym Elston Gunn absolvierte Bob zwei Auftritte als Pianist in dessen Begleitband The Shadows. Da sich die Gruppe jedoch weder ein eigenes Klavier noch ein neues Bandmitglied leisten konnte, war das Engagement nur von kurzer Dauer.Willi Winkler: Bob Dylan. Ein Leben. Rowohlt, Reinbek 2011, ISBN 978-3-499-62716-3, S. 18.
Entdeckung des Folk und Wandlung zu „Bob Dylan“ mini|Woody Guthrie, 1943 Er verließ nach eigenen Angaben sein Elternhaus in der „Wildnis“ und schrieb sich im September 1959 für ein Studium der Kunstwissenschaften an der University of Minnesota ein. In Minneapolis bezog er vorübergehend ein Zimmer im Verbindungshaus der jüdischen Studentenverbindung Sigma Alpha Mu. Als Student besuchte er allerdings kaum Lehrveranstaltungen, sondern verbrachte seine Zeit lieber in den Plattenläden oder Bars des Bohème-Viertels Dinkytown.
In seiner neuen Umgebung stieg er über die Sängerin Odetta immer intensiver in die aufstrebende Folkszene ein.Odetta, Voice of Civil Rights Movement, Dies at 77, New York Times, 3. Dezember 2008. Er verlor das Interesse an Rock ’n’ Roll und beschäftigte sich eingehend mit dem Sänger und Bürgerrechtler Woody Guthrie. Guthrie war ein Okie, der im Stil des Talking Blues (Sprechgesang) einprägsame Balladen über Armut und Dürre des Dust Bowl verfasst hatte und während der Great Depression zu einem Idol der Gewerkschaftsbewegung aufgestiegen war. Angetrieben durch seine Begeisterung für Guthries Authentizität und dessen Technik, einen Folkstandard mit eigenen Texten und veränderter Phrasierung zu modifizieren, eignete er sich diese Kunstform selbst an und imitierte sein Vorbild bis in kleinste Details.Anthony Scaduto: Bob Dylan – Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage. Obertshausen, S. 79.
Er kombinierte Akustikgitarre und Mundharmonika mit seinem nasalen Gesang und versuchte sich selbst als Folksänger zu etablieren, indem er keine Gelegenheit ausließ, um in den Clubs der Stadt aufzutreten. Bei Open-Mic-Abenden im Künstlerlokal The Ten O’Clock Scholar hinterließ er mit seinen Guthrie-Imitationen jedoch keinen bleibenden Eindruck. Im Wesentlichen bestand sein Repertoire aus Guthrie-Liedern und Standards, das er jedoch stetig um Songs von Pete Seeger, Cisco Houston, Odetta und Leadbelly erweiterte.
In dieser Phase legte er sich schließlich das Pseudonym Bob Dylan zu, dessen Entstehung er selbst immer wieder unterschiedlich begründet. So liefert Robert Shelton in seiner Biografie No Direction Home eine Rekonstruktion, nach der sich der junge Robert Zimmerman an der Figur des Matt Dillon aus der Fernsehserie Rauchende Colts orientierte, die Schreibweise aber variierte.Robert Shelton: Bob Dylan – No Direction Home. Sein Leben, seine Musik 1941–1978. Edel Books, München 2011, ISBN 978-3-8419-0065-4, S. 64. Eine andere Version besagt, dass sich der Name an den walisischen Dichter Dylan Thomas anlehnt, den er bewunderte und von dem er einige Bücher besaß. Er hat auch schon behauptet, der Name sei ihm einfach so eingefallen.so in Martin Scorseses Dokumentarfilm No Direction Home – Bob Dylan In seinem autobiographischen Buch Chronicles, Volume One schreibt Dylan von einer Abwandlung von „Robert Allen“ (seinen beiden Vornamen) über „Robert Allyn“ über „Robert Dylan“ schließlich zu „Bob Dylan“. Der walisische Dichter Dylan Thomas sei dabei ein mehr oder weniger zufälliger Namenspate: „Einige Zeit später stieß ich dann zufällig auf ein paar Gedichte von Dylan Thomas.“Bob Dylan: Chronicles. Volume One. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016, ISBN 978-3-455-09385-8, S. 82–83. Offiziell änderte Robert Zimmerman seinen Namen in Bob Dylan erst am 2. August 1962.
Die Beschreibung des Lebens als Wanderarbeiter in Guthries Biografie Bound for Glory und der Roman On the Road von Jack Kerouac wurden zum Vorbild der künstlerischen Identität des jungen Bob Dylan.Anthony Scaduto: Bob Dylan – Eine indiskrete Biografie. 2. Auflage. Obertshausen, S. 83. Ihn drängte es zunehmend aus dem Mittleren Westen heraus, er begann Legenden um seine Person zu stricken und seine wahre Herkunft zu verschleiern.Willi Winkler: Bob Dylan. Ein Leben. Rowohlt, Reinbek 2011, ISBN 978-3-499-62716-3, S. 19.
Um die örtliche Folkszene kennenzulernen, verbrachte er den Sommer 1960 in Denver und Central City und übernahm Jesse Fullers Technik, die Mundharmonika mit einem Nackengestell zu spielen. Den mehrwöchigen Aufenthalt schmückte Dylan in seinen Erzählungen aus, indem er behauptete, auf Güterwagen durch große Teile des Landes getrampt zu sein. Dabei habe er auf einem Indianerfestival in Gallup, New Mexico, getanzt und außerdem das Grab des verstorbenen Country-Bluesmusikers Blind Lemon Jefferson in Texas besucht.